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in die Obergasse. Die Straße herunter marschierten die Turner, sie kamen vom Exerzieren, an ihrer Spitze Kasselmann in langer Turnjacke, Schleppsäbel an der Seite, Hut mit wallender Feder, ein rechter Freischaren- führer. Er war der Kommandierende der Turner, hatte es beim zweiten Regiment, jetzt Nr. 82, bis zum Sergeanten gebracht, nahm seinen Abschied und wurde in Schlüchtern Schreiber am Gericht. Ich sah ihn zum erstenmal bei der Bürgergarde-Jnspektion aus der Struth. Ein strammer Soldat, ein schöner Kerl mit wohlgeflegtem Schnurrbart, zog er die Augen der Bürgerstöchter auf sich. Er heiratete die Tochter des Gerichtsdieners und Gefangenenwärters Schröder und wurde später dessen Nachfolger. Die Turner gingen vor dem Rathaus auseinander. Da trat ein Fremder zu Kasselmann und fragte: „Entschuldigen Sie, gehen die Turner nicht nach Baden?" „Gewiß", entgegnete Kasselmann, „wenn die Turner von Hersfeld u. Fulda kommen, dann schließen wir uns an/' — Aber die Hersfelder und Fuldaer kamen nicht und die Schlüch- terner verschwanden. Tagelang sah man keinen von ihnen, auch Kasselmann nicht, sie sollen sich im Eich- holz, in der Dickhecke, am Ohl und Buchmasser ver­steckt haben. Johannes Leipold, seines Zeichens ein Schneider, auch eifriger Turner im Nebenberuf, be­gegnete uns hinten an der Ohlwiese, als er uns ge­wahrte, verschwand er rasch im Walde. Es war vor­bei mit der Turnerei. Am 19. und 20. August 1849 lag in Schlüchtern das 20. brandenburgische Infan­terie-Regiment. Das Füsilierbataillon führte die Zündnadel; sie sollte in Baden die Feuerprobe be­stehen, und sie hat sie bestanden. Der Kommandierende der preußischen Truppen, General von der Grüben, hatte im „Stern" Quartier. Die Ausständigen wurden, wie vorauszusehen, in der Pfalz und in Baden von dem Prinzen Wilhelm besiegt und nach allen Welt­gegenden auseinander gesprengt. Die meisten flohen in die Schweiz, ein großer Teil wurde gefangen ge- nommen und schmachtete in den Kasematten von Ra- statt. Strenges Gericht wurde namentlich über die Anführer gehalten. Damit war nicht nur der badische Aufstand niedergeworfen, sondern auch die Macht der deutschen Deniokratie gebrochen. Die Turnvereine wurden als politische Vereine verboten. Was in Kur­hessen, also auch in Schlüchtern, übrig blieb, wurde im Jahre 1850 eine Beute der Strasbapern.

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Noch.immer ist der Zug der ländlichen Ar­beiterbevölkerung nach den Großstädten ziemlich groß. Es erscheint deshalb zweckmäßig, einmal festzustellen, ob die Einkommensverhältnisse in den Städten wirk­lich so erheblich besser sind, als allgemein angenommen wird.

Während man früher für 60—150 Mk. eine gute Magd und für 180- 225 Mk. einen guten Knecht bekam, erhält heute ein faum der Schule entwachsenes Mädchen 130—180 Mk., eine in allen Arbeiten der Landwirtschaft erfahrene Magd 250—290 Mk., ein 14—16 jähriger Dienstjunge 160—180 Mk. und ein

halbwegs guter Knecht 350—450 Mk. baren Jahres­lohn. Hierzu kommt fast in allen Fällen noch:

a) die Verpflichtung des Dienstherrn zum Anfahren des Brennholzes für die Eltern oder für den eignen Haushalt,

b) die Aussaat von Kartoffeln und Flachs,

c) die Lieferung von 1 Paar Schuhen, 5 Pfund Wolle, 10—15 m Leinen für Hemden 2C.

Diese Naturalien haben im geringsten Falle einen Wert von 100 Mk., der also zu dem Barverdienst hinzukommt. Es erhält somit eine erwachsene Magd einen Jahreslohn von 350—400 Mk., ein guter Knecht einen solchen von 450—550 Mk. neben vollstän­diger Verköstigung während des ganzen Jahres. Hierbei muß aber weiter berücksichtigt werden, daß in sehr vielen Fällen das Einkommen eines verheirateten Knechts sich wesentlich dadurch erhöht, daß Frau und Kinder während der ganzen Erntezeit in der Landwirt­schaft des Dienstherrns mitarbeiten können, und daß dann neben dem Baroerdienst die ganze Familie ver­köstigt wird. Hat der Knecht selbst etwas Grundeigen­tum, so erhält er auch noch das Geschirr des Dienst- herrn, um sein Feld zu bestellen und abzuernten. Auch zu Weihnachten erhält heutzutage das Gesinde bei Bauern ein weit wertvolleres Christgeschenk als in der Großstadt.

Wie stellen sich nun die Einkommensverhältnisse in der Großstadt. Ein Dienstmädchen erhält dort monatlich durchschnittlich 20—25 Mk. oder jährlich 240—300 Mk. bar. Kommen dann noch einige Ge­schenke und Trinkgelder hinzu, so erreicht das Ein­kommen vielleicht die Höhe von 350 Mk. Erreicht schon hiernach sein Einkommen kaum die Höhe des ländlichen Dienstboten, so schmälert sich dies durch die erheblichen Mehrausgaben, die der Stadtaufenthalt ver­ursacht. Kann ein Dienstmädchen auf dem Lande mit einem wollenen Halstuch, einem Biberrock und einer Tuchjacke sich Sonntags auf der Straße zeigen, so sind in der Großstadt ein wollenes Kleid mit allerhand Spitzen und Einsätzen, 1 Paar Handschuhe uud ein Federhut nötig. Im Winter kommt dann noch ein Pelzkragen und ein Muff dazu. Rechnet man außer­dem den sonstigen Firlefanz, für den das vielleicht putz- süchtige junge Gemüt sich begeistert, hinzu, so ist der Gesamtverdienst sehr bald dahin. Wo bleibt da die Ersparnis für die Zukunft? Werden wirklich einmal geringe Ersparnisse gemacht, so sind sie meist so gering, daß sie bei der Verheiratung kaum zur Beschaffung einer Kücheneinrichtung ausreichen. Was ist dann die Folge ? Die Möbel werden auf Pump genommen, und des Lebens Ernst stellt sich bald ein. Der Notpfennig fehlt. Man sehe hinein in unsre großstädtischen Verhältnisse, wie da zum großen Teile selbstverschuldete Not nicht selten an die Türen pocht. Stockt dann die Arbeit, was auf dem Lande nie vorkommt, dann schreit man nach dem Staat, der helfen soll.

Wie anders steht eS mit dem Dienstmädchen auf dem Land;! Von seinem Barlohn braucht es inner­halb des Jahres wenig oder gar nichts. In der Regel löst es aus dem Kartoffelbeet, das ihm der Dienstherr unentgeltlich ausstellt, soviel, daß eS seine Kleider und