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Aeußeren den Volksmann, den Demokraten. Das Parlament wählte am 29. Juni den Erzherzog Johann von Oesterreich zum Deutschen Reichsverweser mit der Residenz in Frankfurt a. M. Er sollte Ordnung in die verworrenen Zustände bringen. Bald nach seiner Installation hielt Erzherzog Johann mit dem Reichsminister Herrn von Gagern eine Umfahrt in den deutschen Staaten; auch Schlüchtern genoß die Ehre seines Besuchs. Er stieg im „Stern"*) ab, und aus dem Fenster im ersten Stock über dem Eingänge hielt er eine Rede an die versammelte Menge, die in jubelnde Hochs ausbrach. — Auch in Frankfurt kam es nach Abstimmung über den dänischen Waffenstillstand am 18. September zu einem blutigen Kampf. Die beiden Abgeordneten, Fürst Lichnowsky und General von Auerswald, wurden auf der Bornheimer Heide meuchlings ermordet. Namentlich war der Aufstand in Wien für die freiheitliche Entwickelung von den nachteiligsten Folgen. Er war der blutigste des tollen Jahres und warf seine Schatten bis zu uns. Die Reichstagsabgeordneten Robert Blum und Fröbel gingen nach Wien, wo sie nichts zu tun hatten, um den Aufständischen im Namen der Frankfurter Demokraten eine Beifallsadrcsse zu überreichen. Bei dem Empfang durck den Wiener Gemeinderat bezeichnete Robert Blum den Aufstand der österreichischen Hauptstadt als eine neue Gefchichtsacra. Als Führer einer Elitekompagnie nahm er am Kampfe teil, würde gefangen und vor ein Kriegsgericht gestellt. Seine Berufung auf seine Un- vcrlctzlichkeit als Deutscher Reichstagsabgeordneter misste ihn nichts. Er wurde zum Tode vernrteilt, und Fürst Windischgrätz ließ ihn am 9. November in der Brigitten au erschießen. Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Deutschland, ja durch die ganze demokra- tische Welt. Ueberall wurden Totenfeiern für Robert Blum verunstaltet. Auch Schlüchtern blieb nicht zurück. Nachdem die Todesnachricht eingetroffen war, wurde eine Gedächtnisfeier beschlossen. Am Sonntag, dem 19. November, bewegte sich nach dem Gottesdienst nachmittags 3 Uhr ein ernster, langer Zug von der Kirche aus in die Obergasse und nahm vor dem Rathaus in einem Halbkreise Stellung. Es war ein trüber regnerischer Herbsttag. An dem ersten Fenster nach der Schloßgasse zu erschien Hillberg und forderte die Versammelten auf, von bem Lied „In allen meinen Taten" 4 Strophen zu singen. Nach dem Gesang hielt Hillberg mit weithinschallender Stimme eine ergreifende Rede über Lue. 23, 28; „Weinet nicht über mich". Meisterhaft führte er den Text aus und wußte die Menge so zu rühren, daß viele in Tränen ausbrachen. Der alte Philipp Leipold (im roten Löwen), der neben mir stand, fing an, laut zu schluchzen. Nach der Rede sang die Versammlung: „Nun, du Erlöster, schlaf in Ruh", und ging dann auseinander. Es war eine erhebende Feier, eine der schönsten und inhaltreichsten Grabreden, die ich je hörte, die auf mein junges Gemüt einen unvergeßlichen Eindruck machte. Hillberg war unstreitig ein reich begabter großzügiger Mann, wenn er auch vielleicht als Lehrer am unrechten Platze stand. Schade um ihn! — Gegen Jahresschluß hatte
*) Heute im Besitze des Herrn J. M. Walter.
das tolle Jahr seinen Culminationspunkt überschritten, die fürstliche Macht, überall siegreich, fing wieder an, das Haupt zu erheben, und die hohe Obrigkeit bis herab zum Polizeiwachtmeister, bem alten Ohm, führte wieder eine ganz andere Sprache und war durchaus nicht mehr so herablassend wie ‘A Jahr früher. Der alte Romeiser schwang bereits wieder auf dem Gerichte den Haselstock. Es wurden zwar auch 1849 uoch Versammlungen abgehalten, aber es fehlte das revolutionäre Element des vorhergehenden Jahres. Im Mai veranstalten die Hanauer eine große Volksversammlung auf der Platte. 3 große Omnibusse, innen und oben besetzt, brachten die Herren. Im Walde war eine schön, geräumige, mit grünem Laubwerk verzierte Rednerbühne aufgeschlagen. Schulinspektor Rüdiger führte das Präsidium; Hauptredner war Pfarrer Theobald aus Hanau, den die Freiheit um Amt und Brot brächte. Alles demokratisch. Da trat ein fremder Redner auf, polemisierte -energisch gegen Theobald und schloß: „Die Herren leiten das Volk auf Abwege, sie werden dafür büßen. In 3 Wochen stehen sie unter der Macht der Bajonette." Allgemeine Erregung und Protestrufe. Rasch verließ er die Bühne und verschwand. Auf einmal erscholl der Ruf: „Ein Spion, ein Spion!" Der Fremde war verschwunden. Mir steht der ganze Vorgang heute noch klar vor Augen, auch noch besonders dadurch unvergeßlich, daß ich an diesem Tage das erste bayerische Bier aus der Brauerei Zorn trank. Sonst trank man immer das leichte hessische, der Schoppen 6 Heller, noch nicht 5 Pfg. nach unserer Währung. Richtig, 3 Wochen darauf hieß es auf einmal nach dem Morgengottesdienst: „Die Preußen sind da!" Vordem Rathaus hielten die roten Husaren, niemand hatte eine Ahnung von ihrem Kommen gehabt. Damit begannen die großen. Durchmärsche der preußischen Armee, die sich mit Unterbrechungen monatelang hinzogen. Noch einmal erhob sich die Demokratie in der Reinpfalz und in Baden zum verzweifelten Kampfe. Das badische Militär ging zu den Aufständischen über, die turnerische Jugend aus fast ganz Deutschland strömte herbei — namentlich taten sich die Hanauer hervor — ; aus ganz Europa, namentlich aus Polen, fanden sich allerlei Abenteurer ein, um, wie sie sagten, die Tyrannen zu stürzen und die Republik zu proklamieren. Der Oberkommandierende war der Pole Mirowslawsky.
Noch ist Deutschland nicht verloren, In uns lebt sein Glück 1
Was durch Fürstenherrschaft ging verloren, Bringt die Republik. — Mirowslawski führet uns!
Schon entbrannt' des Kampfes Hitze.
. Deutschland, Deutschland macht sich frei
Von der Tyrannei. —
Doch da hatte der Prinz Wilhelm von Preußen, der nachmalige Deutsche Kaiser, ein Wort mitzusprechen, und der wollte nicht. In Schlüchtern spielte der Turnverein keine so hervorragende Rolle mehr wie im Jahre vorher. Die angesehenen Mitglieder traten zurück, und andere kamen an die Spitze. Die Tendenz war keine turnerische mehr, sondern eine politische. An einem Sonntag kam ich nach der Kirche zufällig