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Direktor Stamm, biß die Zähne zusammen und drehte das Taschentuch, ein Zeichen seiner höchsten Erregung. Ein kriegerischer Geist war über jung und alt der alten Kreisstadt geknmmen. War früher das Waffen- tragen bei 100 Tlrn. Strafe verboten, so ging jetzt fast niemand ohne Schießzeug oder sonstige Wehr. Wie zu den Zeiten des Mittelalters, so trug auch Heuer der freie Maun das Schwert an der Seite oder das Feuerrohr auf dem Rücken und übte das Waffenhand- werk als ein ihm zustehendcs Recht. So kam der Monat Mai heran, ein für ganz Deutschland ereignis- schwerer Monat. Auf Veranlassung des Bundestages war bereits am 31. März das sogenannte Vor­parlament in Frankfurt a. M. zusammengetreten. Mitte und Ende April fanden allerwegen die Parla­mentwahlen statt; die Eröffnung der konstituierenden Versammlung erfolgte in der alten freien Reichsstadt am 18. Mai. Die Abgeordneten versammelten sich im Kaisersaal; nach der Wahl des Vorstandes zogen die Herren entblößten Hauptes unter Kanonendonner und Glockengeläute und dem Jubel des Volkes aus dem Römer über den Römerberg durch die Wedelgasse hin­über in die Paulskirche. Die Frankfurter Bürgerwehr bildete Spalier. Es war eine große Zeit, vor der unser heutiges blasiertes, patriotisch verkommenes Ge­schlecht keine Ahnung hat. Hatte man auch in Schlüchtern für dergleichen hohe Politik wenig Inte­resse, sie lag dem Kleinstaate zu fern, so brächte sie doch ungemein viel Leben in die Stadt. Die meisten Abgeordneten aus dem Norden und Nordosten passierten Schlüchtern per Post. Eisenbahnverbindungen gab es zu damaliger Zeit noch nicht, sodaß z. B. die Truppen, die im folgenden Jahre aus Ostpreußen nach Baden marschierten, reichlich 8 Wochen unterwegs waren. Ueber und über waren alle Postzüge besetzt; der Hauptpost folgten zahlreiche Beiwagen. Das waren goldene Zeiten für bie Postillone, die dazumal eine hervorragende Rolle spielten. Portemonnaies gab es noch nicht, die Fuhrleute trugen lederne große Strupp- beutel; aber diese waren viel zu umständlich und un­praktisch. Die reichen Trinkgelder wanderten in die hohen Suwarow-Stiefel. Die nordischen Herren brachten einen neuen Hut, den Parlamentshut, einen feinen, weichen,. schneeweißen Cylinder, und unsere feine Männerwelt, die etwas auf sich hielt, fand Geschmack daran und machte die Mode sofort nach. Bald trugen die Herren von den Honoratioren den modernen Filz, der von Hanau oder Frankfurt beschafft wurde. Die deutsche Volkspartei hatte beschlossen, zur Feier des Zusammentritts des Parlaments in ganz Deutschland am 17. Mai aus den Bergeshöhen mächtige Feuer an- zuzünden, als Zeichen der erwachten Freiheit und des beginnenden Völkerfrühlings.

Auch für Schlüchtern wurde ein Feuerzeichen be­schlossen und oben auf dem Weizenberg ein mächtiger Haufen aus Holz, Oel- und Teerfüssern, Reisig und sonstigen brennbaren Stoffen errichtet. Am frühen Abend zogen alt und jung, Bürger, Seminaristen, Turner, Männlein und Weiblein die Lehmkaute hinauf zu dem Haufen. Nach Absingen des LiedesFreiheit, die ich meine" wurde er angezündet. Es war ein erhebend

schöner Anblick, der mir heute noch unvergessen bleibt. Mächtig schlugen die Flammen empor zu dem dunkelen Sternenhimmel, weithin in die Lande hinein, auf Rhön, Spessart, Vogelsberg flammten die Feuersäulen und verkündeten das Herannahen einer gewaltigen Epoche im Völkerleben. Wie sie zu den Römerzeiten und anno 1813 das Volk zu den Treffen riefen, so loderten sie auch 1848 auf als Mahnzeichen, Gut und Blut einzusetzen für Einheit und Freiheit des Vater­landes. O du große, du herrliche Zeit! Um den Haufen ging es lebhaft zu; Reden wurden gehalten, Lieder gesungen, Turner und Seminaristen lagen ein­ander in den Armen und feierten ein Verbrüderungs­fest. Das schloß aber nicht aus, daß noch in der­selben späten Nacht die Bruderliebe ihren Ausdruck in obligaten Prügeln fand, wenn die Seminarjugend die Augen erhob zu den Töchtern der Bürger, wie sie schön waren. Lange nach Mitternacht hallten Sack, Pfarrgasse und Klosterhof wieder von Flüchen und Hülferufen. Hageldicht sielen die Hiebe, der Nacht­wächter stieß ins Horn, drückte aber die Augen zu, als den jungen Pädagogen das 10. Gebot in schlagen­der Weise ausgelegt wurde. Ueberall, auf dem Acis- brunnen, auf dem Breitenfeld, auf den umliegenden Dörfern wurden Volksversammlungen abgehalten und Volksseste gefeiert. Auf einer derselben wurde der Bauer Vogt vom Drasenberg durch seine drastische Rede der Löwe des Tages. Auf Anregung einiger Jungfrauen, namentlich der Mariechen Creß, der Braut des Hermann Lambert, des späteren Kreistierarztes, wurde beschlossen, den Turnern eine Fahne zu stiften. Die Mädchen damals gab es in Bürgerkreisen noch keine Fräuleins taten sich zusammen und zogen mit der Sammelbüchse von Haus zu Haus. Bald war die nötige Summe aufgebracht. Die Honora­tioren, die Beamtentöchter, beteiligten sich nicht an der Sammlung, überhaupt nicht an dem ganzen Unter­nehmen. Sie wurden dafür auch bei der späteren Einweihungsfeier nicht berücksichtigt. Die Turner­fahne wurde lediglich aus dem Kreise der Bürger ge­stiftet. Goldsticker Löber in Hanau wurde mit der Anfertigung des Banners beauftragt. Die Ausführung fand allgemeinen Beifall.

Sonntag, den 4. Juni, erfolgte die Einweihung und Uebergabe an den Turnverein; nachmittags 3 Uhr wurden die Jungfrauen, die sich bei Mariechen Creß in derlutherischen Schule" in der Schmiedsgasse ver­sammelt hatten, mit Musik von den Turnern abgeholt. Die Mädchen mit der Fahne in der Mitte, die Turner, alle bewaffnet, zu beiden Seiten, ging es die Krämer­gasse hinauf nach dem Turnplatz zu. Der stattliche Zug der weißgekleideten, freudig erregten, hübschen Bürgerstöchter machte einen großartigen Eindruck aus das Publikum. Alles aus Stadt und Land, selbst aus weiter Umgegend war auf den Beinen. Die Turn­vereine von Hanau, Fuldc^ Gelnhausen, Steinau halten Deputationen gesandt. Innerhalb eines Kreises, der durch die Turner gebildet war, fand die Weihe und Uebergabe statt. Mariechen Creß hielt eine wohl­gesetzte Rede, die mit Ueberreichung des Banners und mit einem Hoch auf das fernere Wachsen und Ge-