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ihn zu einem Spaziergange ein. Der alte Mann, ein hoher Achtziger, weigert sich. Da packen sie ihn rechts und links mnd führen ihn eine Stunde lang im Wasser auf und ab spazieren. — Bei dem Michael Hirsch auf dem Sack klopft es: „Mechel, mach auf!" „Was is los? Ich mach net auf!" „Mach auf, mer hon der cbbes ze sann!" Michel macht das Fenster auf; da packt ihn von oben herunter eine Pflugschleife, sodaß er den. Kopf nicht zurückziehen kann. Michel schreit auf; aber es nützt nichts; er muß stille halten.

- Der N. schuldere dem alten Gerschen von Sterbfritz, einem armen, altenHandelsmann,dertagtäglich sn seinem alten, abgetragenen blauen Frack, den Zwerg- sack auf dem Rücken nach Schlüchtern handeln ging, 50 Gulden auf einen Handschein. Eines Tages rief ihn der N. von der Straße aus zu sich. „Gerschen, setz dich und quittier be Handschein." „Nu, wo is das Geld?" „Das hol ich, setz dich nur und schreib", Gerschen wurde mißtrauisch und. zögerte mit der Unter­schrift. Als er aufsah, stand der 9i. mit einer Pistole neben ihm. „Schreib, oder ich schieß dich tot!" Gerschen unterschrieb, packte seinen Zwerchsack und rannte die Treppe hinunter, fort durch Hic Gasse. Der N- stand lachend oben am Fenster. Kamen dergleichen Schandtaten auch nur vereinzelt vor, so gaben sie doch Zeugnis von der Zügellosigkeit und Verrohung, die sich in unserm Volke eingebürgert hatte. — Ein recht unangenehmer Gast, der sich bald ein- stellte, war die Arbeitslosigkeit. In Hanau beschäf­tigte man die zahlreichen Arbeitslosen, namentlich die Goldarbeiter, aus dem sogenannten Goldacker in der Nähe des Lowboymaldes. Anderwärts war es zwar nicht so schlimm; aber die große Mehrzahl mochte überhaupt nichts arbeiten, lungerte in den Wirtshäusern herum, trank und politisierte. Auch in Schlüchtern war es so; abends zog man dann in hellen Haufen durch die Gassen, schlug hier und da mißliebigen Per­sönlichkeiten die Fenster ein, oder brächte Katzenmusik. Die jüngere Mannschaft teilte sich gleich anfangs in 2 Parteien. Die jüngere, aus den besseren Bürger­kreisen, hatte ihre Niederlage beim Treppezipf. Er hatte einen großen Garten, Kegelbahn, vor allem aber mögen seine 4 bildschönen Töchter ihre Anzieh­ungskraft ausgeübt haben. Die andere Partei war radikaler, sie trug an der Mütze einen kleinen, schwarz-rot- goldnen Schlupf; an ihrer Spitze stand Philipp Lattich. Sie verkehrte ausschließlich beim Grabezipf— Philipp Zipf am Graben. Die Bürgerschaft fand sich in Privatkreisen zusammen. Das damals Hadermannsche, jetzt Sichel- sche Haus in der Fuldaer Straße, wurde ausgeschlagen. Nach Beendigung der Arbeit, etwa 4 Uhr nachmittags, bewegte sich ein langer Zug mit Musik und einer mächtigen Freiheitsfahne —■ schwarz-rot-gelb — die von Adam Hadermann — Feicke Adam — und noch 2 Burschen getragen ward, singend und schießend die Obergasse herunter, durch die Schmiedsgasse, die Krämergasse hinauf zu dem Treppezipf. Hier wurde Halt gemacht, die Fahne mit starken eisernen Bändern oben an dem Dachgiebel befestigt und durch eine .feurige Rede des Musiklehrers Weber geweiht, ein

gruseliges Thema: Durch Blut aus der Knechtschaft zur goldenen Freiheit. Ein Hoch auf die Freiheit, Schießen, Hurra und Absingen des Liedes: „Freiheit, die ich meine" schloß die Feier, die von Wilhelm Rollmann uud Adam Hadermann veranstaltet worden war. Dies war die erste Freiheitsfahne in Schlüchtern. Die anderen Wirte konnten und durften nicht zurückbleiben; Freiheitsbäume — Fichten wurden gesetzt, die sich zwischen den Fahnen recht hübsch ausnahmen, uud von allen Wirtshäusern wehte in den nächsten Tagen das schwarz-rot-goldene Banner. Nun ging die Schießerei los. Alte Donnerbüchsen wurden hervorgesucht, viele stammten noch aus dem siebenjährigen Krieg — ich selbst schoß aus einer Pistole aus dem Jahre 1753, sie liegt heute noch auf meinem Schreibtisch, Kaliber 16 auf das Pfund. Es schoß alles, Erwachsene und Schulbuben; niemand fand etwas dabei. Wir waren 12—13jährige Knaben; ein Schulfreund von mir aus Wächtersbach hatte von seinem Vater nicht nur einen jungen Rchbock, sondern auch — man sollte es kaum glauben — einen prächtigen Stutzen erhalten, und wir schössen was das Zeug hielt. Draußen vor dem Krämertor stand auf einer Insel des Elmbach eine alte Lohmühle, die dem Gerber Hartmann in der Untergasse gehörte. Wir zeichneten an die Türe mit Kreide eine Scheibe, auf die wir von jenseits des Baches scharf feuerten. Die Kugeln fuhren durch, bestrichen die Straße, das Binnerland, und drangen durch die Fenster in die Wohnung des Maurermeisters Beck, das heutige Hospital. Außer zerschossenen Fensterscheiben gab's nichts. Der Spengler Denhard trug einen alten französischen Karabiner, der mit Kordel zu- sammengebunden war; doch knallte er munter darauf los. Blei wurde ein gesuchter und rarer Artikel. In den oberen Klassen der Stadtschule waren bleierne Tintenfässer; sie wurden entführt und Kugeln daraus gegossen. Namentlich mußten die alten Fenster, mit ihren schönen, sechseckigen, eingebleiten Scheiben her­halten. Nach den früheren strengen Jagdgesetzen fragte niemand mehr. Die Jagd war frei; jedermann konnte hinausgehen und tot schießen, was ihm vor das Rohr kam. Es wurde trotz der Schonzeit in Feld und Wald so gründlich aufgeräumt, daß von Wild überhaupt nicht mehr die Rede sein konnte. Was ist da alles vorgegangen! An einem Sonntag nachmittag halten die' Buben vom Heideküppel noch einen Hasen im Pfarrgarten am Bronkeberg aufgespürt. Da machten sich auf Spengler Ohm, Heil, der Maurer, Freund, der Glaser, Feuerstein und Bauer, ihres Zeichens Schneider, u. a. und rückten nicht mit Jagd­flinten, sondern mit schweren Scheibenbüchsen zum Untertor hinaus, um den Hasen tot zu schießen. Der Garten, damals mit mehr als manneshohem Gebüsch umgeben, wurde umstellt; Bauer, ein kleiner Mann, stand an der höchsten, der südlichen Ecke. Das Treiben ging los; Schüsse knallten nnd Kugeln pfiffen. Da, dicht vor Bauer, brach das Häslein aus der Hecke und raste den Berg hinauf. Bauer, im ersten Augenblicke verblüfft, faßte sich schnell und rannte hinter dem Hasen her. Er konnte ihn nickt einholen, blieb bald