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welches schon frühzeitig der Milernährer jüngerer Ge­schwister, wenn nicht gar der Eltern selbst, sein muß, in einem mehr oder weniger großen Umkreis die Um­gebung der elterlichen Wohnung aus seinen Geschäfts­gängen kennen lernt, so weit man bei solcher Veran­lassung von einem Kennenlernen sprechen kann. Aber von Heimat oder gar von Liebe zu ihr kann wohl kaum die Rede sein, da sich in den meisten Fällen mit dem Gedanken an einHeim" auch der Begriff von Not und Elend in ihrer verschiedensten Gestalt verknüpfen wird. Und in wie vielen dieser Heimat­losen mag doch auch ein Heimatsehnen wach sein! Wer da gründlich helfen könnte!

Glücklich, wer eine Heimat hat! Glücklich, wem das Herz höher schlägt, wenn er in der Ferne der heimischen Scholle gedenkl. Glücklich auch der, dem es vergönnt ist, wieder Heimatluft atmen zu können, wenn ihn das Heimweh zurückzwingt, und sei es über das Meer, zu den Stätten seiner Kindheit.Der Ort, wo man Tage strebsamer Kindheit verlebte, wirkt wie Magnetsicin aufs Herz", sagt Scheffel imEkkehard", und niemand hat kurz vor dem Ziele einer Fahrt lange Rast gemacht. Das hat wohl schon jeder er­fahren, der nach langem Fernsein die Turmspitzen seines Heimatortes vor sich emporsteigen sah.

Heimat, du Zauberwort! Mögest du nie deine Wirkung verlieren, mögest du nie vergessen werden in den Nöten, aber auch nicht in den Herrlichkeiten der Erde. Möchte das WortHeimat" für jeden jederzeit die Kraft besitzen, ihm Schätze aus seinen Kindheits- erinnerungen herbeizuzaubern und die Liebe zur Heimischen Scholle ihm im Herzen wach zu erhalten!

Das tolle Dahr.

Erinnerungen aus dem Jahre 1848.

Von Philipp Lotz.

Das Jahr 1847 war das fruchtbarste des ganzen Jahrhunderts; das Sonnenbad des vorhergehenden Jahres, das die ruhende Erde bis in ihr Grundinnerstes durchglühte, war von außerordentlicher Wirkung. Feld und Au prangten in üppiger Fülle, und die Bäume brachen unter der Last der Früchte. Im Herbste kostete der Schoppen Aepfelwein 6 Heller süddeutsch, also noch nicht 5 Pfennig nach unserer heutigen Währung, und war dazu von vortrefflicher Güte. Anno 1848 stieg er auf 2 Kreuzer. Das war nicht ohne Bedeutung ; denn der Aepfelwein spielte in den folgenden Jahren in dem deutschen Süden eine große Rolle. Das Jahr 1792, unter dessen Einfluß wir heute noch stehen und weit hinaus noch stehen werden, hatte mit dem Mittelalter aufgeräumt und dem Völker- und Staatsleben eine Richtung gegebeu, die auf weit hinaus deren Geschicke bestimmte. Schlug auch die Reaktion, Metternich an der Spitze, den erwachten Feeiheitsgeist der Völker nach den großen Kriegsjahren nieder, schmachteten auch die Edelsten unseres Volkes jahrelang im Kerker, wenn es ihnen nicht gelang, int Ausland eine neue Heimat zu finden die Ideen der großen Revolution ließen sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Sie trieben einen überaus kräftigen Schößling, das tolle Jahr, das Jahr

1848. Das französische Volk hatte die liederliche Re­gierung und Korruptionswirtschaft des Königs Louis Philipp satt; am 24. Februar 1848 erhoben sich in Paris die Barrikaden, und nach einem blutigen Straßen- kampfe wurde dte Regierung gestürzt. Louis Philipp floh samt seinem ganzen Hause nach England, allwo er sich sicherer fühlte wie in Frankreich. Mit ihm ver, schwanden alle Bourbonen vom französischem Boden. Es bedurfte nur dieses Anstoßes, und von Madrid bis Moskau erhoben sich die Völker mit gleichen Forde­rungen gegen die Reaktion. Diesmal war der deutsche Michel nicht der letzte; der sich rührte:

Der deutsche Michel ist erwacht;

Es war zur Zeit der Fastenacht.

Sollt's nicht zu frühe sein?

Q Michelche, n Michelche!

Schlaf Du nicht wieder ein.

Der gallische Hahn krähte jenseits des Rheines und weckte die Völker aus ihrer Lethargie. Sie hatten in den letzten 18 Jahren etwas gtlernt; es war nicht mehr diese Zerfahrenheit wie anno 1830. Die Gleicy- Heit der Forderungen wie sie in Karlsruhe, Darmstadt, Wiesbaden, Stuttgart, München, Hanau gestellt wurden, zeigte, daß ganz Deutschland einem gemeinsamen Ziele entgegenstrebte, Freiheit und Einheit des Vaterlandes. Die Nachricht der Pariser Revolution gelangte am 25. Februar in die Städte diesseits des Rheines, und das Wetterleuchten von der Seine her verkündete bis Wien und Berlin, ja weiter noch das Herannahen eines schweren Wetters, eines heftigen Sturmes. Das leicht­flüssige Blut der Süddeutschen geriet zuerst in Wallung. Ueberall bäumte sich der Volkswille auf, um die Banden absoluter Willkür, unter denen er schmachtete, zu zer­reißen. Die seither allmächtige Polizei versagte voll­ständig und machte einer großen Verzagtheit und Wab losigkeit Platz. Mit großer Liebenswürdigkeit, ja Ver­traulichkeit grüßte der hochstehende Beamte den kleinen Bürger und Handwerker, auf den er früher hochmütig herabgesehen. In unserm engeren Vaterlande Kur­hessen dauerte der Kampf um die Verfassung von 1831, die Wilhelm dem Lande gegeben und die sein Sohn Friedrich Wilhelm als Kurprinz und Mitregent eigen­mächtig wieder aufgehoben hatte, schon seit Jahren fort. Jetzt wurde es unheimlich lebendig; mit aller Energie stellte das Volk seine Forderungen; aber der Kurfürst gab in seiner Halsstarrigkeit nicht nach. Die Hanauer sie waren niemals gute Kurhessen sandten eine Deputation nach Cassel; die Bürger der Residenz, an ihrer Spitze Oberbürgermeister Nebelthau, schloffen sich an. Der Kurfürst lehnte ab, zog das Militär aus Hanau und ließ die Stadt einschließen. Hanau rüstete sich zum Kamps; ein mächtiges Volk kam zu­sammen, an die 10000 Mann aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist; namentlich war Süddeutschland stark vertreten. Außer 2 Bataillonen Bürgergarde und 600 wohldisziplinierten Turnern wurde ein Frei­korps gebildet; der Volksmund nannte esKorps der Rache." Da es an Feuerwaffen mangelte, so suchte man sich anderweitig zu helfen, und in der Ausrüstung des Korps fehlte keine Waffe von der Doppelbüchse bis zur Heugabel. Nach dem Vorbild der Polen er-