Einzelbild herunterladen
 

165

als Handwerker und Arbeiter die Werkzeuge schon aus den Händen gelegt und Feierabend gemacht hatten, auf dem festlich geschmückten Bauplätze statt. Dorthin hatten sich die Teilnehmer unter Vorantritt der Schule vom Bürgermeisterhause aus begeben.

Nach Eingangsspruch und gemeinsamem Gesang hielt Herr Superintendent Orth aus Schlüchtern eine zu Herzen gehende Ansprache über das Wort 1. Mose 28, 17:Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes denn Gotteshaus, und hier ist die Pforte des Himmels". Alsdann kam, nachdem der Sängerchor des Bürgervereins unter Leitung des Lehrers Fischlein eine Motette gesungen hatte, durch den Pfarrer Roll- mann als den zuständigen Pfarrer für Niederzell die Grundsteinlegungs-Urkunde zur Verlesung. Die Ver­sammlung hörte den Inhalt derselben aufmerksam an; danach wurde die auf Pergament geschriebene Urkunde nebst einigen Münzen in eine kupferne Kapsel gelegt, verlötet und eingemauert, und der Grundstein unter den üblichen Hammerschlägen gelegt. Ein Gesang des Schülerchors, gemeinsames Lied und Segen be- schlossen die schlichte, aber würdige Feier.

Es war nichts Gemachtes dabei, es sollte kein großer Effekt erzielt werden; vielleicht war gerade darum die Feier recht eindrucks- und wirkungsvoll.

Der Wortlaut der in den Grundstein gelegten Urkunde soll nachstehend mitgeteilt werden, weil darin die Geschichte des Baues von seinen Anfängen an be­schrieben ist.

*

Urkunde in dem Grundsteine der neuen Kirche.

Nikdcrzcll bei Schlüchtern, den 21ten August 1911.

Das Jahr 1909 hat für die Gemeinde Niederzell doppelt hohe Bedeutung. Zunächst wurde, sobald der Schnee geschmolzen, die erste Quellwasserleitung nach Niederzell angelegt und dieselbe nach glücklicher Fertigstellung am 23ten Mai, dem Sonntag vor Pfingsten, unter Beteiligung aller Ortsbewohner durch einen Festzug und eine Feier auf dem Gemeindegrundstücke unterhalb der Kinzigbrücke, rechts von der Straße nach Steinau, eingeweiht. Jetzt hat jedes Haus seinen Anschluß an die Quellwasserleitung und gutes und reichliches Waffer für Menschen und Vieh.

Nun sollte aber im Jahre 1909 noch ein zweites Werk seiner Vollendung näher gebracht werden: Es sollte eine Stätte gegründet werden, da das Wasser des Lebens fließt, es sollte ein Haus gebaut werden, darin das Evangelium dessen verkündigt wird, der da spricht:Wenn Du erkenntest die Gabe Gottes, und wer der ist, der zu Dir saget: Gib mir zu trinken: Du bätest ihn, und er gäbe Dir lebendiges Wasser" (Joh. 4, 10) und:

Wer des Wassers trinken wird, das Ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten." (Joh. 4, 14).

Heute am 21. August 1909 soll der Grundstein dieses Hauses gelegt werden.

So hat die Gemeinde Niederzell doppelten Anlaß zu Dank gegen Gott und zu herzlicher Freude. Dem will fie heute, am Tage der Grundsteinlegung, Ausdruck geben, und davon soll diese Urkunde Zeuge sein, auch vielleicht noch für späte Geschlechter.

Wie es zu diesem Werke gekommen ist, darüber sollen nach­stehend einige kurze Angaben gemacht werden:

Im Sommer des Jahres 1907 entschloß sich die Gemeinde- Vertretung unter ihrem damaligen Bürgermeister Kaspar Lang aus Anraten des Herrn Landrats Valentiner in Schlüchtern, welcher in dieser Sache der Gemeinde eifrig zur Seite stand, den mitten im Orte gelegenen Garten des Adam Keim als Bau­platz für eine neue Kirche anzukaufen. Die Auflassung des Platzes, welcher mit 900 Mark bezahlt worden war, auf den Naiven der Gemeinde wurde von dem Bürgermeister-Stellvertreter Adain Jfft im Mai des Jahres 1908 vollzogen, nachdem in­zwischen der Bürgermeister Lang verstorben war. Am 19ten

August des gleichen Jahres 1908 faßte dann die Gemeinde-Ver­tretung unter dem Vorsitze des Bürgermeister-Stellvertreters Jfft den einstimmigen Beschluß, eine Kirche nach den vorgelegten Plänen des Architekten W. A. Schmidt aus Coblenz zu bauen, um dafür den seitherigen kleinen und schlichten Betsaal im 2tex Stocke des Schulhauses, in welchem der Gottesdienst und di» Leichenpredigten bisher gehalten wurden, für andere Zwecke zu verwenden.

Der Neubau fand die Genehmigung der kirchlichen und staatlichen Behörden, nachdem auf Veranlassung des Königliche« Consistoriums zu Cassel in das Grundbuch der Eintrag gemacht worden war, daß die auf dem erworbenen Grundstücke zu erbauende Kirche, welche Eigentum der politischen Gemeinde bleibt, nur für die gottesdienstlichen Zwecke der evangelisch-unierte« Landeskirche gebraucht werden dürfe.

Die erforderlichen Bau-Arbeiten, und zwar zunächst Die Erd- und Maurer-Arbeiten, Die Zimmer-Arbeiten, D e Spengler- und Dachdeckerarbeiten wurden von dem inzwischen neu gewählten und bestätigten Bürger­meister Johannes Lotz im Juni öffentlich ausgeschrieben und de« UnternehmernDaniel Krug" zu Niederzell für Erd- unb Maurer-Arbeiten,Christian Hermann Philippi" für Zimmer- Arbeiten,Adam Zipf" zu Schlüchtern für Spengler-Arbeiten und Heinrich Fechters" Sohn in Steinau für Dachdcckcr-Arbeitc» von der Gemeinde-Vertretung der Zuschlag erteilt.

In der 2ten Hälfte des Juli 1909 wurde dann alsbald mit dem Ausschachten der Fundamente und der Maurer-Arbeit begonnen.

Das Bauholz war bereits tm Janur 1909 mit Genehmigung der zuständigen Forstbehörde im Gemeindewalde gefällt und dem Unternehmer Philippi zur Bearbeitung überliefert worden. Heute nun ist die Gemeinde-Vertretung mit den Ortsbewohnern, dem zuständigen Pfarrer Rudolf Rollmann zu Schlüchtern, dem Lehrer Justus Fischlein nebst den Schulkindern zur Grund- steinlcgung versammelt, um im Kreise der zu diesem Akte ge­ladenen Gäste, nämlich des Vertreters der staatlichrn und der kirchlichen Behörde und aller derer, welche sich bisher um den Bau bemüht haben, eine feierliche Stunde des Ausblicks zu Gott zu erleben.

Gebe Gott, daß das Haus ein Bethaus werde, eine Stätte, da man zusammenkommt, um anzubeten im Geist und in der Wahrheit, um die Not des Leibes und der Seele Gott vorzutragen, um Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung zu leisten,

aber auch, um Gottes Wort zu hören und sich zu stärken im Glauben und in der brüderlichen Liebe,

endlich auch, um die Ströme der göttlichen Gnade zu empfangen, Möge sich an dem erstehenden Gotteshause das Wort erfüllen:

An welchem Orte ich meines Naineus Gedächtnis stiften werde, da will ich zu Dir kommen und Dich segnen* (2. Mose 20, 24)!

Möge alles geraten zur Ehre Gottes, wie geschrieben steht Eph. 3, "20 u 21:

Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles, das wir bitten oder verstehen nach der Kraft, die da in uns wirket, dem sei Ehre in der Gemeine, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

* *

Beschreibung des Baues.

Wenn man jetzt mit der Eisenbahn von Steinau nach Schlüchtern fährt, so sieht man rechts unten im Tal ein malerisch gelegenes Dörfchen und inmitten des­selben eine kleine schmucke Kirche in Kreuzgestalt mit schlankem Turm, helleuchtendem Giebel und einem weit geöffneten Eingangstor, das zu einer geräumigen Vor­halle führt. Die freundliche Vorhalle ist nach Nord- westen geöffnet, wie überhaupt der Bau in seiner Hauptausdehnung von Nordwest nach Südost gerichtet ist.

In der Vorhalle über der in das Innere führenden Tür grüßt uns der Spruch Ps. 118, 13:Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit, daß ich da htneiugehe und dem Herrn danke!"