134 —
Eiern, daß er oft von der Sense erschlagen wird. Das Volk glaubt, er führe und beherrsche die Wachteln, da er auch zur Zeit wie diese wandert. Deshalb heißt er im Volksmund der Wachtelkönig. Als Nachtrag zn den bisher über Säugetiere und Vögel des Kreises Schlächtern gegebenen Mitteilungen sei noch erwähn», daß nach Mitteilung des Herrn Pfarrers Kurz in diesem Winterbei Salmünster eine echte Wildkatze erlegt worden ist.
Die im naturgeschichUicheu System auf die große Gruppe der warmblütigen Tiere folgende Gruppe ist die der kaltblütigen Wirbeltiere, wozu Reptilien, Lurche und Fische gehören. Schildkröten gibt es bei uns, außer in fossiler, versteinerter Form, nicht, aber Eidechsen und Schlangen. Eidechsen nennt der Volksmund „Schäischettesche", das soll heißen „Schießschatten". Eine treffende Bezeichnung, die auf genauer Beobachtung beruht. Wie Schatten schießen die Eidechsen durchs Gebüsch, wie Schatten sind sie in einem Erdloch verschwunden Wenn die ersten warmen Apriltage kommen, wo der Schlehbusch und die Anemone blühen, kann man noch gut in die unbelanbten Hecken blicken. Außer Veilchen und blühendem Scharbockskraut ist noch nicht viel Lebendiges zu sehen. Da raschelt plötzlich das welke Lanb am Zaun, und eine Eidechse schießt darüber hin. Die Damen in unsrer Begleitung stoßen einen leichten Schrei aus. Tierchen, welche schnell dahinhuschen, besonders Mäuse, sind weiblichen Wesen ein Schrecken. Und nun gar noch kaltblütige Tiere, denen alle teilnahmvolle H-rzenswärme fehlt unb deren Gestalt an Schlangen- gestalt erinnert, verdienen sie die Sympathie des Menschen, der Krone der Schöpfung? Kein Tierchen hat so wenig die Verachtung des Menschen verdient als die nützliche Eidechse. Es ist nur ein Vorurteil, wenn wir sie für mißgestaltet halten oder gar über ihren Anblick erschrecken. Doch, jetzt bleibt das Tierchen sitzen, hebt den Kopf und sieht mit Hellen klugen und neugierigen Aeuglein die kölnische Menschengesellschaft an. Vielleicht gelingt es einem mutigen Knaben oder beherzten Mann das vermeintliche kleine Scheusal zn fangen. Man zeigt den immer noch entsetzten Damen die klugen goldbraunen Aeuglein der schöngezeichneten Eidechse und ihr vor Angst klopfendes Herzchen. Ganz ohne Geist und Herz scheint das kleine Wesen nicht zu sein. Die Damen gewöhnen sich rasch an den Anblick, die Stimmung schlägt um und eine ruft sogar in plötzlicher Verzückung: „Ach, wie reizend, ach wie goldig, es hat ja auch fünf Fingerchcu an der Hand wie ein kleines Kind." Man setzt das goldige Wesen, das noch vor 2 Minuten ein Scheusal war, wieder auf die Erde, irrn ihm die Freiheit zu geben und ist um eine Erfahrung reicher geworden. Nun aber zu den verabscheutesten aller Lebewesen: den Schlangen. Viele Arten kommen im Kreis Schlächtern nicht vor. Die bekannteste ist die Ringelnatter, denn die schlangcn- ähnliche Blindschleiche gehört zu den Eidechsen. Was soll an den Schlangen Schreckliches sein? Warum erweckt der Name schon bei manchen, auch halbgebildeten Menschen, unangenehme Empfindungen? Ist es die Gestalt? Ein Geschöpf, das ohne Beine laufen kann, ja sogar schnell läuft, ist doch vollkommener als ein Tauseudfuß. Mit wenig Mitteln viel zu leisten, ist eine schöne Kunst. Die Schlange versteht sie. Aber die Kreuzotter ist ein gefährliches, weil giftiges Tier und kommt ohne Zweifel in unsrem Kreis vor. Herr Metropolitan Kienzler hat eine bei Neuengronau erbeutete schöngezeichnete Kreuzotter in Spiritus. Häufig ist die Kreuzotter bei uns nicht. Es ist nie ein Fall bekannt geworden, daß beerensannnelnde Kinder oder Frauen von diesem Reptil gebissen worden wären. Ja, es ist in ganz Deutschland kein Fall statistisch nachzutveisen, wonach ein Mensch infolge Kreuzotterbisses gestorben wäre. Herr Pfarrer Schilling aus dem Berg ist als Gymnasiast in Hersfeld von einer Kreuzotter gebissen worden und befand sich in ärztlicher Behandlung. Schlimme Folgen des Bisses sind nicht zurückgeblieben. Nützlich ist aber die Kreuzotter durch Vertilgung der Mäuse, von denen sie fast ausschließlich sich nährt. Mit ihr verwechselt wird oft die an trockenen Berghängen lebende, ganz harmlose und nützliche Würfelnatter, auch glatte Natter, Thüringer oder Zorn- und Springnatter genannt. Sie kann allerdings von Unkundigen leicht mit der Otter verwechselt werden und besser ists, wenn mau eine Natter totschlägt, als daß man eine Kreuzotter leben läßt. Wenn die Landleute im Nickus Holz holen, springt manchmal die Zornnatter aus den wegzurällinenden Reisighaufen empört hervor. Gar nicht zu verwechseln aber ist mit der Kreuzotter die gutmütige Ringelnatter, wenn man nur ein Kennzeichen sich merkt: das hellgelbe Krönchen hinter dem Kopf am Hals.
Die Krönchenschlange oder Hausunke, vom Volk „Dungs" genannt , hat für den Kreis Schlächtern sogar literarische Bedeutung. In dem märchenfrohen Städtchen Steinau hat die Ringelnatter den Gebrüdern Grimm, die dort ihre Knabenjahren verlebten, Anlaß zu einigen Märchen von der Krönchenschlange und Hausunke gegeben. Heute noch kann man in Steinau unweit einer Gerberei den Hof sehen, in beut die glückbringende Schlange mit der goldenen Krone sich sehen ließ. Eine Frau hatte bei warmem Wetter ihr Kind in den Hof gesetzt und ihm ein Schüsselchen mit „Krümpelsoppc" (ein speziell Oberländer Gericht) vorgesetzt. Von der Küche aus hörte sie ihr Kind im Hof sprechen: „Eß net nur Rocke, eß aach Räüh" ! Als sie am folgenden Tag dieselben Worte hörte, eilte sie hinaus und sah, wie die Krönchennatter friedlich mit ihrem Kind aus einer Schüssel aß. Die Schlange holte nur die Brocken unb nicht die Brühe. Die Frau verscherzte ihr Glück dadurch, daß sie die linke verjagte, und nie kehrte Segen mehr in ihr Hans ein. Diese Erzählung, welche Verfasser öfter von seiner Mutter hörte, soll die Phantasie der Gebrüder Grimm mächtig angeregt haben. Was man von der Wahrheit dieser Erzählung zn halten hat? Ein Kind lebt nur in der Märchenwelt, die es für wahr hält. Dem denkenden Menschen wird die Illusion zerstört, wenn er sich vergegenwärtigt, daß die Ringelnatter nur lebende Tiere erbeutet und nie Brocken aus einer Suppe holt. Aber ein Körnchen Wahrheit wird wohl in der Ueberlieferung hängen. Die Ringelnatter hält sich gern an keuchten Stellen auf unb legt in den Mulm der Gerberlohe gern ihre Eier, die wie Taubeneier groß und von weicher Pergamenthülle umgeben sind. Daher ist es wahrscheinlich, daß das harmlose Tier in der Nähe des im Hof essenden Kindes gesehen wurde. Alles übrige erdichtete die Phantasie des Volkes, und der Dichter verwendete den Rohstoff, um ihn wieder zu einem Volksmärchen fein zu modellieren. Die Ringelnatter ist eine gute Schwimmerin und verschluckt Frösche, die noch drei mal so dick sind als sie selbst. Sie ist so gutmütig, daß sie nicht einmal zu beißen strebt, wenn man sie fängt. Jedem Naturfreund' unsres Kreises, der einen größeren Garten hat, kann man raten, sich von der Firma Böttcher in Berlin junge Ringelnattern, die man zu ganz geringem Preis erhält, kommen zu lassen und sie im Garten anszusctzen. Man wird an den nützlichen schönen Tieren, von denen meist einige in der Nähe bleiben, seine Freude haben. Wer geneigt ist, diesen ernstgemeinten Ratschlag zu belächeln, weil er unge- 'wöhnlich erscheint, sollte wenigstens erst warten, bis er selbst Erfahrungen gemacht hat Wißbegierige Knaben begehen manch- mal die Torheit, gefangene Eidechsen ins Wasser zu setzen in der Annahme, es seien Salamander. Das Element der Eidechsen ist aber nicht Wasser, sondern Erde. Sie gehört ins Terrarium, nicht ins Aquarium. Im letzteren geht sie elend zu Grund. Nicht zn den Reptilien, sondern zu den Lurchen, deren Ver- wandlung im Wasser vor sich geht, gehören Frösche, Kröten und Salamander. Von letzteren gilt es im Kreis Schlächtern eine vorwiegend auf der Erde lebende Art: den Erd- oder Feuersalamander. Er ist schwarz, mit hochgelben oder orangeroten Flecken geziert. Nach warmem Regen kriecht das ziemlich unbeholfene lind hilflose Tier langsam an unsren Bergabhängen und in Wäldern herum. Es hat keine Waffe als einen milchigen, ätzenden Saft, den es auSfoubert, wenn man es quält. Daher entstand die Meinung, der Salamander könne durchs Feuer gehen, ohne daß es ihm schade. .
Auch ein Besuch in Salmünster Anno 1813.')
Der „Besuch in Salmünster int Jahre 1710" in Nr. 12 von „Unsere Heimat" weckt die Erinnerung an einen anderen Besuch, den im Oktober 1813 der preußische Freischarenführer Major v. Eolomb daselbst abstattete. Gleich seinem tapferen Waffengefährten Major v. Lützow, bem Anführer des durch Theodor Körner's Lieder verherrlichten Freikorps, hatte er sich bereits zu Beginn des Feldzugs von 1813 durch äußerst verwegene und glücklich gelungene Ueberfälle
t) Wir verdanken diesen Auszug Herrn Lehrer Werner in Wächtersbach.