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So kamen immer neue Siegesnachrichten, eine ruhmreiche Schlacht nach der anderen wurde geschlagen. Unvergeßlich ist es mir, als nach der Schlacht bei Sedan der Direktor Stamm mit einem von Tränen überströmten Gesicht in jede Schulklasse trat und begeistert ausrief:Napoleon ist mit seinem ganzen Heer gefangen genommen." Wir sprangen auf Tische und Bänke und stürmten davon wie die wilde Jagd.

Wie ich schon erwähnte, flatterten auf unserem Hause fünf Fahnen, davon waren zwei schwarzweiß und drei schwarz weißrot. Doch damit hatte ich noch nicht genug, und ich ruhte nicht eher, bis mir meine Mutter eine eigene Fahne angefertigt hatte. Sie war auch kein Kinderfähnchen, sondern eine große, stattliche Fahne mit schönemgoldenem Knauf". Sie hatte auch ein tüchtiges Gewicht, aber nicht um die Welt hätte ich sie bei unseren Ausflügen nach der Bahn, wo wir durchreisende Krieger begrüßten und diese mit Speise und Trank erquickten, einem anderen Kinde überlassen. So waren wir auch eines Tages wieder ausgezogen, ich selbstverständlich mit meiner Fahne und im patriotischen schwarzweißen Kleid und roten Schleifen in den Zöpfen. Als wir auf dem Bahnhof anlangten, sahen wir die lange Gestalt des Direktors Stamm mit den Seminaristen, die den einlanfenden Militärzug mit dem Lied begrüßten:

Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, Ob sie wie gier'ge Raben sich heiser danach schrein."

Da genierte ich mich mit meiner Fahne und blieb auf der Neben- seite des Bahnhofsgebäudes, hielt aber die Fahne so, daß sie auf den Bahnsteig vorlugte, ich selbst aber nicht zn sehen war. Kaum hatte aber der Direktor meine Fahne entdeckt, als er mich alsbald aus meinem Versteck hervorholte, und mich vor die Mitte des Zuges führend, sagte er:Schwenke Du Deine Fahne, mein Kind!" und die Seminaristen sangen:

Deutschland, Deutschland über alles".

So stolzierte ich an der Seite des großen Mannes auf und ab und es mochte wohl auf die Insassen des Zuges einen eigenen Eindruck gemacht haben, denn als sich der Zug in Bewegung setzte, rief ein Offizier heraus:

Es lebe die Jungfrau von Schlüchtern hoch, hoch, hoch!" Alle stimmten begeistert in diesen Ruf ein. Ich aber eilte heim, um voller Jubel mein schönes Erlebnis zu erzählen.

Von einer Jungfrau von Orleans hat wohl jeder gehört, daß es aber auch einmal eine Jungfrau von Schlüchtern gegeben hat, Das dürfte wohl nur den wenigen Beteiligten bekannt sein. Wer diese waren, ist mir selbst nicht mehr erinnerlich. Die einzige Schulgefährtin, deren Beteiligung an diesem Soldaten­empfang auf dem Bahnhof Schlüchtern ich im Gedächtnis behalten habe, war die später auf so traurige Weise ums Leben gekommene ihren Brandwunden erlogene Anna Leipold.

Und doch habe ich eine Bestätigung für dieses Erlebnis. Wäre die heutige Sammelwut damals schon gewesen, könnte ich sogar einen schriftlichen Beweis bringen, und dieses möchte ich noch erzählen. Einige Jahren waren vergangen. ich war nun zur wirklichen Jungfrau herangewachsen. Es war ein Ausflug nach dem Acisbrunnen geplant, an welchem sich auch die Offiziere beteiligten, welche gerade zur Rekrutierung in Schlüchtern anwesend waren. Treffpunkt war der Pavillon am Bahnhof. Einer der Offiziere, ein Leutnant Sch . ., kam etwas später und entschuldigte sich damit, daß er durch einen Brief eines Kameraden zurückgehalten worden sei, worin er ihmeine niedliche Episode aus der Kriegszeit" beschrieben, die sich am Bahnhof Schlüchtern abgespielt habe und erzählte, was ich oben wiedergegeben. Meine Schwester Marie sagte darauf voller Humor:Wollen Sie' die Jungfrau von Schlüchtern sehen ? hier ist sie " Dies teilte er natürlich sofort seinem Freunde mit

Ein Denkmal in Erz lehne ich natürlich ab, habe ja auch keine Verdienste, weder um meine Heimatstadt, noch um mein Vaterland, wie jene Jungfrau von Orleans. Wenn mir aber liebe Heimatbündler einen Kartengruß zu meinem auch vierzigjährigen Jubiläum! senden wollen, so würde ich mich von Herzen freuen.

Nun wird im deutschen Land das 40jährige Jubiläum gefeiert. Wieder erklingen die Jubelglocken der Siege wie damals. Aber die tapferen Krieger sind alt geworden, sie werden als Veteranen gefeiert und wir, die wir die große Zeit miterlebten, erzählen unseren Kindern von der Begeisterung, die durch das ganze deutsche Land zog, von Deutschlands Sieg und Frankreichs

Niederlage. Mögen diese Zeilen mit dazu beitragen, das Interesse an der vergangenen großen Zeit in der aufwachsenden Generation wachzuhalten und zu stärken.

Ich feierte das Sedan-Jubiläumsfest im Hause meines Schwagers, des Geheimrats Briesen in Celle Da er früher Amtsrichter in Schlüchtern war, dürfte es wohl unseren Heimat­bund interessieren, zn hören, daß er 1866 und 1870 71 in 32 Schlachten und Gefechten mitgefochien hat, sowie Ritter des eisernen Kreuzes und anderer Ehrenzeichen ist. Der tapfere Kämpfer wurde an seinem Jubeltage gebührend gefeiert. Dabei möchte ich auch noch eines anderen Schlüchterner Kindes, meines Schwagers, des Geheimrats Köhler in Cassel, gedenken, welcher frei­willig für das Vaterland kämpfte und sein Leben lang an den Folgen seiner schweren Verwundung zu tragen hat.

Die tapferen Helden soll man ehren!

Frau Dr. Mathilde Anders

Leipzig, Grossistr. 13. geb. Wolfs von Gndenberg.

'Im Anschluß an obige Jugenderinnerung möchte ich auch ein kleines Erlebnis aus dem Kriegsjahr 1866 schildern.

Da Schlüchtern an der Frankfurt - Leipziger Heeresstraße liegt, kamen massenhaft Züge von Militär, Preußen, Hannove­raner, Württemberger, Hessen usw. durch. Fast täglich gab es Einquartierung. So hatten wir eines Tages 80 Preußen unter zu bringen. Das war keine leichte Sache. Es wurden in den leeren Sälen des Landratsamtes Lagerstätten bereitet, auch die Kutscherstube wurde hergerichtet, und nicht am schlechtesten hatten es diejenigen getroffen, welche ihr Hauptlager in den Kutsch- wagen aufgeschlagen hatten. Alles dies war für uns Kinder höchst interessant.

Aber auch die Unannehmlichkeiten, die ein Krieg mit sich bringt, blieben uns nicht erspart. So erwachten wir eines Nachts durch lautes Gebrüll von Rindvieh. Derböse Bräus" hatte uns eine große Viehherde in den Hof getrieben. Am anderen Morgen sahen wir die Gräuel der Verwüstung, denn das Vieh hatte sämtliche Anlagen im Hofe zerwühlt, das Spalierobst sowie die Baumstämme bis auf den Stumpf aufgefressen, und sogar die Gartentüre war eingebrochen und ein Teil des Gartens demoliert Wir meinten alle beim Anblick der Zerstörung dessen, was ich besonders mit größter Sorgfalt gepflegt hatte.

Als nun am anderen Tag wieder ein Offizier in den Hof ritt und sich das Terrain besah, um wieder eine Herde Vieh herein zu treiben, trat ich ihm kühn entgegen, allerdings bewaffnet mit einem großen hölzernen Schwert, welches bei einer Schiller­feier als Schwert der Jungfrau von Orleans gedient hatte, und sagte zu ihm:Sehen Sie sich einmal an, was die Ochsen an­gerichtet haben, meine Mama hat sehr gemeint darüber, nein, wir lassen lerne preußischen Ochsen mehr herein.' Lächelnd wandte er sein Pferd und ritt hinaus.

Die Angst unter den Leuten vor den Preußen war sehr großes; ich sehe noch die Mutter unseres Mädchens zur Türe herein stürzen und heulend, mit gerungenen Händen schreien: Der Bräus kömmt, der Bräus kömmt!,, Junge Mütter fangen ihre Kinder mit folgendem Lied in den Schlaf:

Leise, Kindlein, leise

Sonst kommt der böse Preuße,

Und der Vogel von Falkenstein, Der jagt den Manteuffel zum Rachen hinein, Und der Bismarck dahinter,

Der frißt die kleinen Kinder."

Mit freundlichem Heimatgruß

Cellc. Marie Briesen,

geb. Wolff von Gndenberg.

!) Von andern wird versichert, daß man hier sehr für die Preußen Partei genommen habe. F.