du die altertümlichen Umrisse Steinaus, die Türme Salmünsters und Sodens; Berg schiebt sich hinter Berg, und in bläulichem Schimmer verschwindet die Ferne. Oder wandere im Sommer und im Herbst durch unseren Bernhardswald mit seinen prachtvollen Eichen, Buchen und Tannen, seinem wirren Unterholz, seinen romantischen Schluchten und taufrischen Gründen, seiner balsamischen Luft! Schöneres bietet nicht der Harz, nicht der Thüringer Wald und der vielgerühmte Schwarzwald. Nichts reizender als eins unserer Dörfer im Winter. Schimmernd weiß deckt der Schnee die Dächer und die Fluren; dunkel und schweigend steht der Wald da; bläulich steigt der Rauch aus den Schornsteinen in die klare Luft; dann kommt die Dämmerung; traulich schimmern die Lampen aus den niedrigen Fenstern; Schwärme von Raben suchen eine Zuflucht für die Nacht; hie und da noch ein Hundegebell, und nun steigt die Nacht herab, hüllt alles in ihren dunkeln Mantel, und eine wundersame Stille umfängt uns- Es sind Schönheiten, die immer neu sind, die uns den Kopf nicht wirr und die Nerven nicht schwach machen, die uns stets srisch und fröhlich stimmen.
Dem Dienste dieser Heimat will sich unser Heimatbund widmen. Was will er im besondern? Kenntnisse und Wissenschaften sind etwas Schönes, aber wenn sie sich nur auf ferne und entlegene Dinge beziehen, füllen sie wohl unseren Geist, machen uns aber nicht glücklicher und tüchtiger. Der Gelehrte hat Interesse an allem, dem Nahen wie den: Fernliegenden, und muß sich berufsmäßig mit allein beschäftigen. Aber für jeden anderen gilt das Wort Pestalozzis: „Der Kreis des Wissens, durch das der Mensch in seiner Lage gesegnet wird, ist enge und dieser Kreis fängt nahe um ihn her an". Was nützt es uns, wenn wir die Namen von 50 Städten Südamerikas kennen, wenn wir wissen, wie vor vielen Millionen Jahren der Himalaya in Asien sich aufgetürmt hat, wie viele Dynastieen von Pharaonen in dem alten Aegypten geherrscht, wie viele nutzlose Kriege im Mittelalter die Deutschen Kaiser in Italien ausgefochten haben! Aber wenn einer käme und zeigte uns, wie unser Kinzigtal entstanden ist, wo die ersten Ansiedler sich hier niederließen, welche Kulturpflanzen von auswärts uns hier zugeführt worden sind, wie vor etwa 1150 Jahren die ersten Mönche hier eine hölzerne Zelle bauten, wie sie von hier aus auszogen, predigend, Seelsorge und Krankenpflege übend und überallhin Kultur verbreitend, wie sich um das Kloster herum Hütte zu Hütte gesellte — das würde uns interessieren. Gewiß wissen wir allerhand über das Rittertum, über den Bauernkrieg, über den Dreißigjährigen und den Siebenjährigen Krieg und über die Napoleonischen Zeiten. Aber das Ganze hat doch etwas sehr Nebelhaftes ; es fehlt die Anschaulichkeit und die Beziehung auf unsere eigenen Verhältnisse. Sofort jedoch kommt Licht, Leben und Wärme, wenn wir hören, welche Kämpfe hier an Ort und Stelle ausgefochten worden sind.' Von den Segnungen des Friedens, von dem Fortschritt der Zeiten, von unserem gegenwärtigen Glück hat eigentlich nur der eine rechte Vorstellung, der weiß, welche unsäglichen Qualen unser Kreis z. B.
im Siebenjährigen Krieg hat durchmachen müssen. — Das ist nun das erste: Unser Heimatbund will die Kenntnis der Natur und der Geschichte unseres Kreises pflegen. Da gibt es in. einem Hause eine alte Familienchronik, ein Buch ' aus alter Zeit; da weiß einer unserer Alten durch mündliche Erzählung vieles über die Vergangenheit, was ihm Augenzeugen berichtet haben; da liegt in den Bibliotheken und Archiven eine große Menge wertvollen Stoffes. Sollen alle diese Schätze im Verborgenen bleiben? Sollen die Alten in das Grab steigen und alles, was sie noch wissen, mit hinabnehmen? Der Heimatbund will alle diese Dinge sammeln und in Vorträgen und in dem Blatt „Unsere Heimat" allen zugänglich zu machen. Er nimmt deshalb mit Dank Mitteilungen aller Art über die Geschichte unserer Heimat entgegen. — Das hahen wir alle schon erfahren: Man hat keine Teilnahme für Dinge, die man nicht kennt; das Interesse erwacht aber sofort, sobald wir eine Sache verstehen, und je tiefer wir in ihr Wesen einbringen, um so fester werdest wir von ihr angezogen. Das gilt für das Größte wie für das Kleinste. Auf dem Boden, auf den Steinen lebt eine ganze Welt von Moosen und Flechten. Achtlos tritt unser Fuß darauf. Hat man aber einmal das Glück, einen Forscher über diese Dinge zu hören,- sofort merkt man auf und ruft aus: „Das ist ja eine ganz wunderbare Welt im Kleinen; ich möchte gleich mich näher mit ihr beschäftigen." Warum steht so mancher seiner Heimat kalt und gleichgültig gegenüber? Er kennt sie nicht. Je mehr wir unsere Heimat kennen lernen werben, um so mehr werden wir sie lieben.
Droben auf dein Acishrunnen ragen etliche Eichen, die wohl 1000 Jahre alt sind; dort unten steht noch das alte Klostertor; manches Haus hat altertümliche Inschriften; in manchen Häusern findet sich eine alte Bibel, eine Truhe, ein Leuchter — lauter Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Da erhebt sich nun manchmal eine Stimme: Wir wollen das Alte beseitigen, wir wollen Neues an die Stelle setzen, wir wollen das Alte verkaufen; denn Geld ist doch das Schönste und Wertvollste, was es gibt. Von Zeit zu Zeit kommen auch Händler, kluge Leute mit seinen Spürnasen, gehen in den Häusern herum und suchen das Alte. Sie reden den Leuten zu unb machen das Alte schlecht, taufen es billig und verkaufen es für unendliches Geld wieder. In dieser Beziehung ist früher überall schwer gesündigt warben. Man hatte gar kein Verständnis für die Schönheit und den Wert des Alten. Da fiel ein stattlicher Baum, ein ehrwürdiger Turm, ein Stück Stadtmauer; ein altes Wandbild wurde übertüncht; ein alter Schränk wanderte zum Krämer. Sie hatten niemandem etwas zu leide getan; aber man dünkte sich so modern and hielt das Neue immer für das Beste. Es war so herzlos, wie wenn man einen alten Knecht, der einem sein Leben lang gedient hat, zum Hause hinausjagt. — Das ist nun das zweite: Der Heimatbund will das Alte pflegen. Hast du eine alte Bibel, so halte sie wert; sie war schon Stütze und Stab für deine Urahnen; ihr haben sie ihre Kümmernisse anvertraut, aus ihr neue Kraft geschöpft; das Buch ist stumm, aber es redet doch eine vernehm-