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Das neue Großherzogtum, ca. 100 %jM mit 300 000 E. umfassend, würd." stark französiert. Das franz. Recht, der Code Napoleon, wurde im Lande eingeführt, das Land nach französ Verfassungsmustern in 4 Departements eingeteilt: Frankfurt, Hanau, Aschasfenburg u. Fulda. An der Spitze jedes Departements stand ein Präfekt. Präfekt von Hanau wurde Freiherr Heinrich von der Tann, ein tüchtiger Mann, der später die Gunst des Bayernkönigs Ludwig I. gewonnen hat. Sein Sohn war der i 870/71 berühmt gewordene General Ludwig von der Tann Jedes Departement zerfiel in DistriktSmairien, das Hanauer in 9: Stadt Hanau, Windecken, Bergen, Bücherthal, Bieder,
Gelnhausen, Steinau, Al- tengronau, Schwarzenfels. Schlüchtern gehörte zur Distriktsmairie Steinau, wie es schon vorher zum Amt Steinau gehört hatte. Nun gab es keinen Bürgermeister mehr in Schlüchtern, sondern einen Maire, keinen Vizebürgermeister mehrsondern einen Adjunkt, keinen Stadtrat, sondern einen Municipalrat. Diese Veränderung in der Gemeindeverfassung wurde jedoch nicht allzusehr empfunden.
Es war meistens so, daß der Bürgermeister als Maire, die Stadträte (Rats- verwandte) als Municipal- räte weiter fungierten. Es blieb bei den alten Einrichtungen, nur die Bezeichnungen wechselten. Schon vorhin sagte ich, daß das Amt eines Bürgermeisters, Maires, in jenen Jahren ein äußerst arbeitreiches war. Das wurde auch von oben anerkannt. Der Großherzog selbst wies darauf hin, daß die Maires sich vielsach wirtschaftlich zu Grunde
Die Steinauer Warte.
(Nach einer Photogr. von I. Freund, Schlüchtern.)
richteten und berechtigte Ansprüche auf eine Entschädigung aus der Stadtkasse hätten. Aber schon damals ging es, wie es auch heute oft bei projektierten Gehaltsaufbesserungen zu gehen pflegt. Der Großherzogliche ' Finanzminister machte seine Bedenken geltend, und es wurde nichts daraus. Auf eine andere, billigere Weise suchte man die Maires zufrieden zu stellen: man gewährte ihnen das Recht, eine weiß-rote Leibbinde über dem Leibrock zu tragen. Die Maires der Hauptstädte (Frankfurt, Hanau, Aschaffenburg, Fulda) durften Seidenstoff zu dieser Binde verwenden, die anderen mußten sich mit Wolle begnügen. Ein großer Mann mit weiß gepuderter Perücke, einem langen, blauen, mit großen Metallknöpfen besetzten Tuchrock, darüber die weiß-rote Leibbinde — so haben wir uns den
Maire von Schlüchtern vorzustellen, so zeigt ihn (bis auf die Leibbinde) sein Oelbildnis. — Ich erwähnte den Finanzminister des Großherzogtums. Dieser Mann hatte keine beneidenswerte Stellung, denn seit seiner Geburtsstunde befand sich das Großherzogtum in einer überaus traurigen finanziellen Lage, die von Monat zu Monat schlimmer wurde. Der 1806 vorhandene Wohlstand des Landes war durch die Lasten der Einquartierung und durch die militärischen Anforderungen (hatte doch das Großherzogtum nach dem Pariser Vertrag ein Contingent von 2800 Mann zu stellen, dessen Kosten sich auf 400 000 Gl. jährlich bezifferten) vollständig ruiniert. Bekanntlich giebt für
den Kredit eines Landes der Stand seiner Papiere den besten Maßstab ab. Während die 4% Frankfurter Obligationen 1804 noch 99% standen, waren sie 1811 schon auf 54% gesunken. Das Haus Rothschild war es, das dem Großherzogtum in den Tagen, in denen es nirgends Kredit fand, mit seinen reichen Mitteln zur Seite stand und fortwährend Vorschüsse gewährte. Neu eingeführte Steuern (Vermögens-, Einkommen-, Gewerbesteuer, die Erhöhung der Accise auf Brot, Fleisch, Kautabak, alkoholische Getränke brachten wenig ein. Es war eine geldarme, schlimme Zeit, doppelt schlimm für den Etappen- platz Schlüchtern. Von dem Druck, unter dem man damals in Schlüchtern seufzte, giebt der Bericht, den der Maire Lotich am 4. Sept. 1811 an den Präfekten zu Hanau sandte, ein ergreifendes Zeugnis. Er lautet: Ein Städtchen von 260
Feuerstellen, darunter kaum noch 50 sind, so man dahin rechnen kann, wo der Herd die menschlichen Bedürfnissen noch mittelmäßig liefert, vom Jahr 1806 an bis auf den Augenblick zum Etappenplatz zu machen, ohne es im geringsten zu berücksichtigen, eine solche Einrichtung kann wahrlich länger nicht- mehr bestehen. Wem kann die große Armut der hiesigen Einwohner bekannter sein als mir? Gewiß niemand anders, weil es meine Vaterstadt ist und ich seit 21 Jahren (denn solange hat hier schon der verderbliche Krieg sein Spiel ohne Vergeltung gehabt) die Armut zur Befriedigung des Soldaten habe einteilen, leiten und führen müssen. Ich weiß es zu gut, daß man schon lange damit umgeht, das Leiden zu Unterstufen und erträglich zu machen. (Fortsetzung folgt.)