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tende französische Heeresabteilungen blieben in den preußischen Festungen, andere zogen nach Frankreich zurück, z. T. auf der Leipzig-Frauks.-Straße, also durch Schlüchtern. Vom 25. August bis 30. Sept. 1807 mußte die Stadt 226 Transportwagen, 50 Chaisen, 500 Pferde nach Gelnhausen stellen. An einem einzigen Tage, dem 28. Aug., gingen 88 Wagen zur Beförderung blessierter und kranker Soldaten nach Gelnhausen ab.

Die Bürgerschaft unsrer Stadt hat den Ruf, zur Manöverzeit einquartierte Soldaten gut zu verpflegen. Auch dem Feinde gegenüber haben es vor 100 Jahren unsere Vorfahren in dieser Beziehung nicht fehlen lassen, wie aus den Anerkennungen franz Trupvenführer hervorgcht. Zwei solcher Anerkennungen seien mitgeteilt:

Je sanssigne adjutant general, commandant la colonne franqaise certifie que pendant deux jours, que ma colonne a passe ä Schlüchtern, je nai qiia me louer de procedes de mr. le bour- quemestre de cette ville et que mes troupes na point eu a se plaindre des logements et de nouriture.

Schlüchtern, le 18. j an vier 1807.

L adjutant general commandant la colonnefrancaise Barbot.

Ich der unterzeichnete Generaladjutant, Befehls- Haber der franz. Kolonne, bezeuge, daß ich während der zwei Tage, die meine Kolonne durch Schlüchtern gezogen ist, die Maßregeln des Bürgermeisters dieser Stadt nur loben kann, und daß meine Truppen keine Ursache gehabt haben, sich über Quartiere und Verfleg- ung zu beklageu.

Nous commandant darmes et commissaire des guerres de cette residence certifions, que Mr. Lotich, membre de la municipalite, a ete depuis lepoque de notre arrive tout entier au Service de la grande armee, que seul parlant francais il a pourvu nuit et jour aux logements et aux subsistances des colonnes-detachements ou militaire isole, que cest par ses soins secondes par Mr. le Bally, que les soldats francais ont trouve dans une ville pour ainsi dire denuee de tout, ny auroissement (?) a te que leur etait du. Cest avec plaisir que nous leur donnons ce temoignage de notre reconnaissance.

ä Schi. le 19. decembre 1806.

Le commissaire des guerces: Eabel.

Le commandant darmes: Herbage.

Wir der Platzcommandant und der Kriegscommissar dieser Stadt bezeugen, daß der Stadtrat Lotich seit unsrer Ankunft ganz der großen Armee zu Diensten gewesen ist, daß er, allein des Französischen mächtig, Tag und Nacht für die Quartiere und die Verpflegung der Truppenabteilungen und einzelner Militärpersonen gesorgt hat, und daß es seiner Sorgsalt, wobei er von Herrn Balley unterstützt wurde, zu danken ist, daß die franz. Soldaten in einer sozusagen von allem ent­blößten Stadt an nichts Notwendigem Mangel hatten.

Von 18081812 war in Deutschland Friede, aber es war ein Friede in Waffen und auch in unserem Heimat­

städtchen waren die wirklich ruhigen friedlichenTagen wäh­rend jener Jahre zu zählen. Die in den preuß. Festungen lagernden franz. Truppen wurden oft von Mainz aus umgewechselt und verstärkt. So gab es fortwährend Truppendurchzüge. Man lebte ständig in Aufregung, und sah oft Gefahren, wo keine waren. So hatte sich an einem Sommertag des Jahres 1809 in Schlüchtern das Gerücht verbreitet, der Herzog von Braunschweig sei mit seinen Husaren,der schwarzen Legion der Rache", wie man sie nannte, bis nach Fulda vorge­drungen. Auf diese Nachricht hin schloß der Rektor Hasselmann sogleich das Gymnasium und entließ die aus­wärtigen Schüler in ihre Heimat. Einige Schlüchterner Gymnasiasten eilten gerade so wie wir es in unsrer Jugend zu machen pflegten, wenn von Fulda kommende Soldaten angesagt waren auf den Distelrasen, um dort die Husaren zu erwarten. Aber sie warteten umsonst. Der Herzog von Braunschweig ist nie nach Fulda gekommen er mußte nach England flüchten. So blieb dem Rector Hasselmann nichts übrig, als seine Schüler auf seine eigenen Kosten durch Expreß- boten zurückrufen zu lassen.

Wie mein Berichterstatter erzählt, hat Hasselmann noch lange wegen seines schnellen Handelns und seiner Leichtgläubigkeit sich von der Schlüchterner Bürger­schaft foppen lassen müssen.

Daß es, wenn franz. Eingartierung in der Stadt lag, nicht immer ohne Reibereien und Streitigkeiten zwischen den Soldaten untereinander und zwischen den Soldaten und den Bürgern abging, läßt sich denken. Ueber einen blutigen Zusammenstoß erfahren wir Näheres. Es war im Herbst 1810, da lag in Schlüch­tern eine Compagnie vom 5. Artillerieregiment zu Fuß. Sie hatten den Auftrag, von Magdeburg kommende Kanonen in Fulda abzuholen und nach Gelnhausen zu eskortieren. Die Compagnie bestand aus Deutschen (Mainzern und Elsässern) und Stockfranzosen. In der Branntweinschenke von Josias Freund gab's Streit zwischen diesen. Die Bürger nahmen teils für die einen, teils für die anderen Partei. Einem Franzosen wurde von Ludwig Baist aus dem Stern der Arm zerschlagen; Flintenschüsse fielen. Die beteiligten Bür­ger flüchteten, einige auf den Boden des Schulmeisters Kohlepp, wo ein Geisteskranker,ein sehr bösartiger Narr", seine Lagerstätte hatte, dem man den Mund zustopfen mußte, weil er in einem fort schrie:Der Teufel ist da, der Teufel ist da". Tags darauf 7 fanden zwischen mehreren deutschen und französischen Soldaten Duelle statt, wobei einige von letzteren be­deutend verletzt wurden Der Streit war dadurch bei­gelegt. Es ward aber für gut befunden, die Com­pagnie nach Gelnhausen 'zu verlegen und dafür eine von dort kommen zu lassen.

Das Jahr 1810 nötigt uns, einer politischen Umwälzung zu gedenken, von der das Hanauer Land betroffen wurde. Durch den Vertrag von Paris wurde ant 16. Februar 1810 das Großherzogtum Frankfurt gebildet unter dem Fürstprimas Karl von Dalberg. Dem neugebildeten Großherzogtum wurden die Fürsten­tümer Hanau und Fulda einverleibt mit Ausnahnie einiger Aemter, die an das Großherzogtum Hessen fielen.