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versprengten Franzosen zu leiden hatte, war nur ein Vorspiel der langen Leidenszeit, die 10 Jahre später, 1806 für unsere Stadt begann.

Das Jahr 1806 brächte den Krieg Napoleons gegen Preußen. Der Kurfürst von Hessen, lange schwankend, auf welche Seite er treten sollte, hatte sich zur Neutralität entschlossen. Durch die Zauberworte pays neutre an den hessischen Grenzpfählen in weithin prangender Schrift glaubte er gegen die Stürme der Zeit gesichert zu sein. Schon im März 1806 hatte Napoleon den kurhessischen Gesandten mit den Worten angefahren:je suis tres meconteut de votre souverain, je men souviendrai. Und er hielt Wort. La maison de Hessen-Cassel a cesse de regner das war seine Antwort auf die hessische Neutralitätserklärung bei Ausbruch des Krieges. Am 4. November 1806 rückten die franz. Truppen in Hanau ein. Das Kurfürstentum Hessen hatte aufge­hört. Niederhessen und Oberhessen wurden Bestandteile des Königreichs Westfalen unter Napoleons Bruder Jerome. Aus dem südlichen Teile Hessens, der alten Grafschaft Hanau, wurde ein Fürstentum gebildet, dessen Gouverneur der greise Marschall Kellermann, der berühmte Held von Valmy, wurde. Die französische Besitzergreifung und die politische Neuordnung scheinen sich ohne Schwierigkeiten vollzogen zu haben. Für Schlüchtern und seine Umgebung wurden sie durchge­führt von dem Unterkapitän Le Miere. Dieser hat am 16. Januar 1807 dem Bürgermeister Joh. Lotich folgende schriftliche Anerkennung zu teil werden lassen: Capitaine aide de camp de son. Excelleuce le general Thribauet, gouverneur des pays de Fulde, certifie, que mr le bourquemestre sest conduit pendant le desarmement du baillage de Schlüchtern de la maniere la plus loyale et qu etant Charge de ce desarmement par son Excellence le marechal Kellermann, jai trouve aupres de ce baille un grand devonement pour F armee frangaise, en foi de quoi je lui ai delivre le present.

ä Schlüchtern, le 16. j an vier 1807.

Le Miere

Capitaine aide de camp. (Ich der Hilfscapitain Sr. Excellenz des Generals, des Gouverneurs des Fuldaer Landes, bezeuge, daß der Bürgermeister während der Entwaffnung (Besitz­ergreifung) des Amtes Schlüchtern sich sehr loyal be­nommen hat, und daß ich, mit dieser Besitzergreifung von seiner Excellenz dem Marschall Kellermann beauf­tragt, in dieser Gegend eine große Ergebenheit für die französische Armee gefunden habe).

Dieses nach französischer Art etwas superlativ ge­haltene Wohlverhaltungszeugnis klingt fast so, als ob man hier in Schlüchtern die Franzosen mit offenen Armen ausgenommen hätte. In Wahrheit wird es so gewesen sei, daß man sich die fremden Herrn ge­fallen ließ, den neuen Verhältnissen keinen Widerstand entgegenstellte. Im Hanauer Land hat man keines­wegs das Kommen der Franzosen mit Freuden begrüßt. Wie sollte man auch? Man kannte die Franzosen genügend aus früheren Tagen. Die Bevölkerung hing an der alten Regierung; sie war mit dön alten Zu-

ständen, unter denen die Wohlhabenheit im Lande gewachsen war, zufrieden gewesen. Ich finde für die Stimmung des ganzen Landes bezeichnend, daß sogar die Bürgerschaft der Stadt Hanau, der ja bekanntlich ein gut Teil Franzosenblut in den Adern fließt, sich bei Napoleon für die Wiedereinsetzung ihres geliebten Kurfürsten verwandte. Als Napoleon am 24. Juli 1807 durch Hanau reiste, überreichte der Hanauer Bürgermeister dem Kaiser eine dahinzielende Bittschrift. Er übergab sie mit den lapidaren Einleitungsworten: Sire, je suis le premier consul de la ville de Hanau. Natürlich blieb die gutgemeinte Bittschrift erfolglos. Die Grafschaft Hanau gehörte bis zum Jahre 1810 zu den reservierten Provinzen des französ. Kaiserreichs. Diese reservierten Provinzen waren staatsrechtlich französ. Gebiet, aber doch nicht den Gesetzen des Reiches unterworfen. Die heimischen Behörden blieben weiter bestehen, nur daß an die Spitze der Provinz eine militärische Verwaltung trat. Es kam Napoleon vor allem darauf an, aus diesen reservierten Provinzen möglichst viel Geld zu pressen. Deshalb betraf die wichtigste Aenderung, die die französische Herrschaft mit sich brächte, die Finanzverwaltung. Die durch sparsame Finanzwirtschaft wohlgefüllten Hanauer Kassen (die Landkasse und die Kasse der Rentenkammer) waren ihm sehr willkommen. Gleich nach Einmarsch der franz. Truppen wurden diese Kassen versiegelt; ihr Inhalt wanderte in die Kasse der großen Armee. Die reichen Domänen des seitherigen Landesherrn (dazu zählte man nicht nur die landesherrlichen Liegenschaften, die Schlösser 2C. sondern auch grundherrliche Rechte, wie Grundzinsen, Zehnten 2CV also den größten Teil der Einnahmen, auf welchen die damalige deutsche Fi­nanzwirtschaft beruhte) boten Napoleon erwünschte Gelegenheit, verdiente Generale und Soldaten seines Heeres zu belohnen und zur Apanagierung der Prinzen und Prinzessinnen seines Hauses. So schenkte er z. B. das rentable Blaufarbwerk zu Schwarzenfels, das Bergwerk zu Bieber, das Schloß Philippsruh und noch andere Domänen, die zusammen einen jährlichen Ertrag von 200000 fr. brachten, seiner Schwester Pauline. Eine solche Verwendung, besser Verschwendung Der Einkünfte des Landes, hatte natürlich eine außerordent­liche Vermehrung der Steuern zur Folge, um so mehr, als der Kaiser dem occupierten Lande eine hohe jähr­liche Contribution an die Kasse der Armee auferlegte: 558735 fr. Als die Steuerschraube sich nicht mehr weiter andrehen ließ, erfolgte eine Einstellung der Zinsenzahlung der Staatsschuld, Kürzung der Beamten­gehälter und ein planloses Niederschlagen der hessischen Wälder. Manch' alter, schöner Eichenwald hat damals daran glauben müssen. Kein Wunder, daß das Land schwer unter dem französischen Drucke seufzte.

Aber noch schwerer als der Steuerdruck lasteten auf unserer Heimat die Durchmärsche und Einquar­tierungen der franz. Truppen. Natürlich wurden da­von am meisten die an der großen das Hanauer Land durchziehenden FrankfurtLeipziger Heeresstraße ge­legenen Orte getroffen und unter diesen wieder in ganz besondrer Weise unser Schlüchtern. Schon im Jahre 1806 wurde Schlüchtern zum Etappenplatz gemacht