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schlag! drei, als der Nachmittagsgottesdienst beendet war, riefen Hornsignale und Generalmarsch die wehrhaften Männer zum Sammeln. Die Frau, die mit Stolz zu dem bewehrten Gatten anffchaute, begleitete den Scheidenden bis zur Haustüre; hier erfolgte ein Abschied, als gelte es eine Trennung auf Nimmer­wiedersehen, freudig erregt folgte ihr Auge dem stattlichen, ge­messenen Schrittes dahinschreitenden Gemahle. Diese Abschieds­scenen wiederholten sich an jeder Haustüre, nnd doch war es nur eine Trennung für etwa 2 Stunden. Der Kommandierende erschien; es wurde Stellung genommen; der Feldwebel verlas die Kompagnie und notierte die Fehlenden.Still gestanden! Rechts richtst euch! Gewehr auf! Gewehr über! In Sektionen rechtsschwenkt marsch!" Die Tambours setzten ein, und in ge­messenem Taktschritt zog die tapfere Schar dahin. Voraus die Trommler, dann der Schellenbanm, schwer, sehr schwer von Gewicht; was hat sich Kaspar Pauli den Plat'eküppel hinauf abgeschleppt und geschwitzt! Dann folgte die Musik, dann der Hauptmann und der erste Leutnant mit wallendem Federhnt, dann die Compagnie. Wie das alles klappte, wie sie im Tritt marschierten, wie Trompeten und Hörner schmetterten und die große Trommel mit mächtigen Schlägen das Ganze in strammer Ordnung hielt, nre ihnen zugejubelt und Tücher geschwenkt wurden. Das war ein Bild der guten alten Zeit aus der Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts; das war unsere Bürgergarde in ihrer ganzen Glorie. Fort gings hinaus ins frische Waldesgrün auf die Platte (Acisbrunnen) zum Exerzieren. Der Hanptmann ordnete die Hebungen an; die Zugführer über­nahmen ihre Züge. Gewehr nnd Feuerschloß wurden nachgesehen; es wurden Wendungen und Griffe geübt. Dann ging es zum Chargieren nach Kommando 12. Auch das Militär chargierte zur Zeit der Feuerschlösser nach 12 tempi. Wenn auch nicht alles so exakt und temperamentvoll wie bei der Linie funktionierte, so war man doch mit den Leistungen zufrieden Das Horn rief zum Sammeln; die Züge rückten ein, noch einige Uebungen in der Compagnie nnd damit war der offizielle Teil der Uebung erschöpft.Gewehr in Rotte! Aus einander marsch!" Frau und Kinder wurden wie nach langer Trennung begrüßt; man ließ sich an langen Tafeln nieder; die Musik auf den Tanzplätzen rief zum Tanzen. So endete die Uebung der Bürgergarde mit einem fidelen Volksfeste, das erst am AbendHwenn die Sterne am Himmel standen, sein Ende fand! Es schlug Generalmarsch und blies zum Sammeln. Der Heimmarsch erfolgte nicht in so tadelloser Ordnung wie der Ausmarsch, und gar mancher der tapferen Gardisten bedurfte der Stütze der besorgten Gattin. Das Kommando drückte ein Auge zu, wenn in den Zügen auch vereinzelte Frauen mit einhermaschierten, ja hier und da des Gatten Waffen trugen. Den größten Tag des Jahres bildete das Scheibenschießen der Bürgergarde; zu diesem zog auch die Fahne mit aus. Die Stadt gab hierzu einen Preis, der in der ersten Zeit in einem starken Hammel bestand. Dieser wurde vor dem Abmärsche in der Stadt herumgeführt, und jede Bürgerstochter erachtete es für eine große Ehre, wenn ihr der Hammel vor die Türe gebracht und ihr gestattet wurde, diesen mit einem bunten, seidenen Bande zu schmücken. Anfangs hatte man versucht, ihn vor der Compagnie herzuführen; aber Trommel und Musik machten ihn rabiat und er verweigerte den Gehorsam, sodaß man gezwungen wurde, ihn der Bagage zu überweisen. An seiner Stelle mar­schierte der Weißbinder Eckhardt (Bröckeleps) mit einer Scheibe aus dem Rücken. Es waren deren 2, etwa 1 Quadratmeter groß; sie wurden nördlich, oben am Waldessaum ausgestellt und zeigten außer dem weit sichtbaren schwarzen Centrum 12 Ringe. Man schoß mit Anlage auf 100 Schritt. Laut krachten die alten französischen Musketen durch den prächtigen Wald, der nicht mehr der Schatten seiner früheren Herrlichkeit ist. War das ein Leben und Treiben, überall Freude strahlende Gesichter, die ganze Umgegend, mehrere Stunden im Umkreise, hatte sich eingefnnden. Man vergnügte sich am Spiel und Tanz, spazierte in den herr­lichen natürlichen Anlagen, oder tafelte an den langen Tischen und. in den schönen grünen Landen. Die Wirte, anfangs der vierziger Jahre Nikolaus Leipold, später Philipp Zipf Treppezipp), sorgten für guten Speisen und Getränke und treffliche Bedienung, dabei herrschte allerwegen musterhafte Ord­nung ; niemals gab es Streit oder gar Schlägerei. Am Abend wurde der Weg die Lärchen entlang, den Platteküppel herunter bis zur Stadt mit bunten Lampions beleuchtet, die an den Bäumen aufgehängt waren, Der Schützenkönig wurde samt

dem von ihm gewonnenen Hammel mit Mnsik nach Hanse ge­bracht. Es war eine Ehre, aber kein Vorteil für den Krieger; es ging dabei hoch her und gar mancher stürzte sich durch seinen Meisterschuß in schwere Schulden. Der Hammel führte zu mancherlei Unzuträglichkeiten; er wurde abgeschafft. An seine Stelle trat das Kleinod, eine btecherne oder zinnerne Röhre, an weißrotem Bande getragen, die jedes Jahr seitens der Stadt- kasse mit 10 Gulden als Schützenpreis gefüllt wurde. Bei der Zwitterstellung zwischen militärischer Disciplin und freien! Bürgertum konnten Conflikte nicht ausbleiben. Daß anch hier­bei die Komik zu ihrem Rechte kam, bestätigen zahllose Anekdoten.

Bis Mitte der vierziger Jahre stand in Schlüchtern die Bürgergarde auf ihrem Höhepunkt, ihren Glanzpunkt erreichte sie unter Führung des Kreistierarztes Lambert, der mit wallen- dem Federhute auf einem Schimmel die Front entlang sprengte; auch bei der Durchreise des Kurfürsten und anderer Potentaten mit vorritt. Nach Beys Abgänge mangelte es an qualificierten Führern. Der letzte Hauptmann war meines Wissens Ferdinand Zipf, die Leutnants: Friedr. Schäfer, Schuhmacher Traband, Friedrich Flemmig, Feldwebel war Kaspar Flemmig. Die Compagnie war in 4 Züge eingeteilt, von welchen auch der Feldwebel einen führte. Schlüchtern, Steinau, Salmünster, bildeten ein Bataillon. Major und Bataillonschef war Land­baumeister Spangenberg in Steinan. In den Dörfern war die Bürgergarde fast ohne jede Bedeutung, statt der Gewehre hatte man schwere Lanzen; in Herolz ein hölzernes Gewehr ohne Lauf, schwarz angestrichen, oben ein Bajonett befestigt. Bis in die vierziger Jahre gab es außer Tambour und Pfeifer auch noch einen Bataitlonstambonr, der meisterhaft den Stock zu werfen verstand. Nach dessen Abgang mußte die Charge ausgegeben werden, ebenso die Pfeifer; es mangelte an geeigneten Leuten. In den letzten Jahren gab es drei resp. 4 Tambours: Georg Kehl, eine Hünengestalt, Weiß­binder Kohlcnbnsch, Weißbinder Johannes Blum (Blümche) und Johs, Gold, seines Zeichens Schuhmacher Der hervorragendste war Georg Kehl. Tüchtig war die Musik, deren Leitung dem Kantor Zinkhan unterstand, einem geradezu genialen Musiker. Zu dem Corps gehörten u. a. Dreher Jost (Fagott), Georg Hafner (Fagott), Wilh. Rollmann (große Trommel), Hafner (gen. Bonnäs), Johs. Hildebrand (Trompete), Schneider Bauer (Waldhorn), Hasenstein (Becken), Feuerstein (Tlarinette), Eichen- berg (Klarinette), Friedr. Freund (Flöte), Kaspar Beck (Posaune), Karl Denhardt (Posaune), Johs. Heil (Trompete), Kaspar Pauli Schellenbanm) u. a.

Interessant waren die Proben auf dem Rathanse, zu welchen uns Zinkhan aus besonderer Gunst Zutritt gestattete, er kam über die falsche Töne nicht aus dem Zorn heraus und schimpfte jeden mit seinem Unnamen. Die Fahne trug mit viel Würde und Selbstbewußtsein Philipp Schäfer aus der Obergasse.

War die Bürgergarde auch ohne jegliche militärische Bedeu­tung, so hat sie auch niemandem Schaden gebracht, Männlein und Weiblein durch die Soldatenspielerei ergötzt und bei aller Untauglichkeit Jahrzehnte darauf hingewirkt, daß in den langen Friedensjahren der militärische Geist im Volke nicht ganz er­schlaffte. Das Jahr 1848 machte ihrer Herrlichkeit für immer ein Ende.

- Frankfurt a. M. Ph. Lotz.

Gesunde Jugend.

In unserer Jugend keimt unseres Volkes Zukunft. Wir können ruhig kommenden Tagen entgegengehen, wenn unser junges Volk an Leib und Seele gesund ist und bleibt. Zwar schlimmer noch als ein siecher Leib ist eine kranke Seele, denn in gar manchem schwachen Körper hat ein langes Leben hindurch ein schaffender, außergewöhnlich starker Geist gewohnt und den unter der Last leiblicher Leiden schier Zusammenbrechenden be­fähigt, Hunderten ein Führer auf dem Wege aufwärts zu sein. Auch reißt ein krankes Innenleben oft über Erwarten schnell einen Riesen mit in die Tiefe.Es wird anch keinem denkenden .Menschen entgehen können, daß physische Ausbildung ohne starkes Gegengewicht an Seelenkultur stets die Tendenz hat, zu einem Muskelprotzentum auszuarteu, das für die wahre Kultur des