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Betrat man über diese Wendeltreppe das erste Obergeschoß des Rathauses, so gelangte man zunächst in einen größeren Vorraum, der an Markttagen von den Tuchhändlern und Gewandschneidern zurbetreibung ihres Negotiums" (Handels) eingenommen wurde und von dem eine Tür in die große Ratsstube, den großen Festraum des Rathauses, führte.

Es war dies ein großes Zimmer mit fast quadratischer Grundfläche, welches die Nordwestseite des Rathauses einnahm. In seiner westlichen Wand bildete der oben erwähnte Erker einen kleinen Ausbau, in dem bei den Bürgertänzen die Musikanten Platz zu nehmen pflegten. Rings um die Wand dieses Raumes befand sich eine sog. nagelfeste Bank, während 5 Tafeln mit den dazu gehörigen Bänken für etwaige sog. Zechen und Schmausereien bereit standen. Fand nach Hegung des Gerichts die übliche Mahlzeit in diesem Raume statt, so mußten die Gerichtsschöffen aus silbernen Bechern, die sie, wie mir einem Eintrag in das Gerichtsbuch vom 25. Februar 1579 entnehmen, männiglichzum gedechtnus ihres Todelichen abgangs, der den zu Gott steht, wie zu Steinau auch bräuchlich, für zehen Taler hatten machen lassen".

Neben der großen Ratsstube lag, die Ecke und Seite nach der Stadtschenke zu einnehmend, die sog. kleine Ratsstube, ein schmales und wesentlich kleineres Zimmer, das dem hohen Rat der Stadt für seine Sitzungen vorbehalten war. Zu diesem Zweck war hier eine Tafel aufgestellt, die mit einemblauen tuchernen Teppich" bedeckt war. Rings um die Tafel standen ein großer und 12 kleine mit Leder beschlagene Sessel, auf bem die Ratspersonen Platz nahmen, wenn sie über das Wohl und Wehe der Stadt zu beraten hatten. An der Wand dieses Zimmers stand in früherer Zeit noch eine Bank, auf der der Stadtausschuß Platz zu nehmen hatte, wenn seiner bedurft wurde. Wie wenig aber diese Körperschaft mit dieser Sitzgelegenheit zufrieden war, geht aus einem Protokoll des Jahres 1727 hervor, nach welchem der Rat auf den Wunsch des Stadt­ausschusses, für seine Angelegenheiten eine besondere Stube auf dem Rathaus zu haben, den Beschluß faßte, daß es niemals gebräuchlich gewesen sei, daß der Ausschuß eine besondere Stube gehabt habe, sondern die im Ratszimmer an der Wand stehende Bank sei für ihn destinirt (bestimmt) Man könnte auch keine andere Stube einräumen, weil die große Ratsstube für Zechen und andere Solennitäten reserviert bleiben müsse

Wozu die noch übrigen kleinen Zimmerchen, von denen der Plan Kunde gibt, verwendet worden sind, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Wenn sie nicht erst in späterer Zeit abgetrennt worden sind, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie zu Arrestzwecken gedient haben, denn es wird aus früherer Zeit des öfteren berichtet, daß dieser, oder jener aus bem Rathaus in Arrest gesetzt wurde und daselbst eine kürzere Freiheits strafe abzubüßen hatte.

Das zweite Stockwerk des Rathauses, zu dessen Beschreibung wir nunmehr übergehen, scheint ein einziger Raum gewesen zu sein, der ebenso wie das noch darüber befindliche Dachgeschoß lediglich als Fruchtboden diente. Solcher Fruchtböden bedurften die Städte in früherer

Zeit, da die städtischen Abgaben vielfach noch mi' Naturalien bezahlt wurden. Sie waren aber auch in Kriegszwecken und in Zeiten der Teuerung nötig, um die erforderlichen Früchte im voraus lagern zu können. In späterer Zeit pflegte man beide Böden zu vermieten und ließ sie deshalb in bestimmten Zeiträumen auf das Meistgebot ausbieten. Schließlich ist noch eines Mauerschrankes, der in der Wand der großen Rats­stube eingelassen war, zu gedenken, der des öfteren im 18. Jahrhundert ermähnt wird und zur Aus­bewahrung von Dokumenten diente. Von dem Inventar des alten Rathauses, das jedes Jahr den neugewählten Bürgermeistern förmlich in einem besonderen Akt über­geben wurde, ist schon einiges erwähnt. Nach einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1761 gehörte zu demselben auch noch eineGepge zur Bestrafung der Bosheit" an der sich eine Schelle befand. Leider heißt es von ihr, daß sie zur Zeit des 7jährigen Krieges durch die Württemberger entwendet worden sei, sie würde sonst ein prächtiges Stück unseres Heimatmuseums geworden sein, ebenso wie der damals noch vm Handen gewesene mit Zinn beschlagene Gerichtsstab. Nicht minder sind 3 Feilen verschwunden, welche bei Viehkrankheiten, besonders bei Blasen auf der Zunge gebraucht wurden und die noch im Jahre 1768 gute Dienste geleistet haben sollen.

Sonst gehörten noch zu dem Rathausinventar ein Tintenfaß, eine Papierschere, ein hölzernes Sandfaß, zwei ordinäre Leuchter mit den dazu gehörigen Licht­scheren, eine Kohlenpfanne, eine Schelle, ein Kehrbesen, eine eiserne Feuerschippe und endlich 2 Brenneisenso zu Mastzeiten zum Brennen der Schweine gebraucht werden und 1 dito zu denen Metzgerhümmeln".

Allzu oft waren es schwere, drangvolle Zeiten, die an dem Rathaus in Schlüchtern im Laufe der Jahrhunderte vorübergingen. Noch waren nicht die Schrecken und Drangsale des 30jährigen Krieges völlig überwunden, als der siebenjährige Krieg, die Revolutionskriege und wenig später die Napoleonischen Kriege der Bürgerschaft Schlüchterns neue und schwere Wunden schlugen. Das Geld war in Schlüchtern ein äußerst rarer Artikel geworden und wenn, um ein Beispiel anzuftihren, Schlüchtern im Jahre 1537 noch mit Leichtigkeit 600 Gulden als Türkensteuer aufbringen konnte, so war nach dem 7jährigen Kriege die Stadtkasse so leer, daß im Jahre 1768 das Amt Steinau noch restierende Kriegsgelder in Höhe von 49 Gulden 17 Aldus 4 Pfg. von der Stadt nicht anters, als auf dem Wege der Execution erhalten konnte.

Kein Wunder, daß unter solchen Umständen keine allzugroße Sorgfalt auf die Unterhaltung des Rathauses verwandt werden konnte und nur die allernotwendigsten Ausbesserungen und Erneuerungen vorgenommen wurden.

So scheint im Jahre 17-50 dieGlocke in dem Rathaus- türmchen einen Sprung erlitten zu haben, denn der Stück- und Glockengießer Joh. Friedrich Kutschbach wurde damals mit dem Auftrage betraut, die 5 Zentner schwere Rathausglocke für 20 Taler umzugießen.

Gleichzeitig hatte Peter Bernstein in Weichersbach den Auftrag erhalten, für 115 Gulden und die alte Uhr, eine neue Turmuhr für das Rathaus anzufertigen,