— 46 -
hinfüro nit die Frucht oder anders underm Rathhauß, sondern etwa» vor den Pforten oder sonst In der stat Schlächtern, da es sich nit gebärt, verkauffen oder knuffen, Soll nit allein denen verkäuffern Jr Korn genommen werden, sondern auch die Kauffer sollen Jr gelt für solche Frucht vergeblich ausgegeben haben."
Der im Laufe des 16. Jahrhunderts erfolgten Zunahme der Bevölkerung und dem erheblich gestiegenen Wohlstand der Bärger Schlüchterns scheint dieses erste Rathaus jedoch schon bald nicht mehr entsprochen zu haben. Vielleicht ließ auch seine Lage, die man wohl in dem ältesten Teil Schlüchterns, in der Gegend des sog. Heide- käppels, zu suchen haben wird, nach dem im Laufe der Zeit crfolgtenAusbau des sogenannten Oberviertels zu wünschen übrig. Man entschloß sich daher in der Mitte der 60. Jahre des 16. Jahrhunderts zu einem Neubau des Rathauses, der sich besser als der bisherige alte Bau vordem stattlichen von Lautersten Schloß und den noch stattlicheren Neubauten des Klosters sehen lassen konnte und wählte dazu einen Platz, der genau im Mittelpunkt der Stadt und dicht an der von Leipzig nach Frankfurt führenden Landstraße lag.
Dieser Platz war freilich dem Kloster zinspflichtig und wurde von 2 Hofstätten eingenommen, die damals Simon Horn und Velten Goltz inne hatten. Man scheint aber bald mit Dem Kloster einig geworden zu sein und gegen Abgabe des geringen Grundzinses, der sich beispielsweise bei der Hornschen Hofstätte für einen Zeitraum von 7 Jahren nur auf 1 Gulden 17 Aldus 6 Heller berechnete, in den Besitz des Bauplatzes gelangt zu sein.
Im Jahre 1567 wurde mit dem Bau begonnen und Ende des Jahres 1573 stand das neue Rathaus fertig da. Leider sind wir über den Verlauf des Rathausbaues nur wenig unterrichtet, weil die darauf bezüglichen Dokumente und Rechnungen bis auf die Rechnung des letzten Baujahres 1573 sämtlich verloren gegangen sind. Immerhin sehen wir aus dieser zufällig erhalten gebliebenen letzten Rechnung, daß im Jahre 1573 zum innern Ausbau des Rathauses noch 753 Gulden 10 Albus 3 Heller und 4 alte Heller verausgabt worden sind und daß diese Summe aus den laufenden Einnahmen bestritten werden konnte.
Das alte, jetzt überflüssig gewordene Rathaus wurde 1573 an den Bürger und Gerichtsschöffen Kuntz Feilen vermietet, wohl ein Zeichen dafür, daß es nicht allzu groß in seinen Räumlichkeiten gewesen sein mag.
Dagegen war das neue, nunmehr in Benutzung genommene Rathaus ein stattlicher Bau in gotischem Stil, wie er damals noch allgemein auch für nicht kirchliche Bauten angewandt wurde und wie ihn noch heute das ebenfalls in jener Zeit erbaute Rathaus in Steinau zeigt. Hoch ragte es mit seinem steilen Satteldach und mit dem auf dem nördlichen Giebel sitzenden Glockentürmchen über die Dächer der niedrigen und unscheinbaren Bürgerhäuser hinweg als das Wahrzeichen eines damals noch blühenden und aufstrebenden Gemeinwesens.
Wenn auch die immerhin beschränkten Mittel des kleinen Landstädtchens die größte Einfachheit beim Bau erfordert hatten, so war es dem Baumeister des Rathauses doch gelungen, der nach der Straße zu gelegenen
Hauptseite des Gebäudes lediglich durch die Anordnung verschiedener Bauglieder eine gewisse Monumentalität zu verleihen, die sofort die Besonderheit des Baus erkennen ließ. Die beigegebene Ansicht, die auf Grund eines vor dem Umbau des Rathauses aufgenommenen einfachen Aufrisses gezeichnet worden ist, zeigt uns, daß etwa in der Mitte der Schauseite des Rathauses ein mächtiges Spitzbogentor angeordnet war, dem ein gleiches auf der Rückseite entsprach. Die hierdurch gebildete Torfahrt führte auf den Vorhof des städtischen Schenkhauies, das nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt lag. Rechts von diesem Torbogen befand sich, durch die beiden oberen Stockwerke hindurchgehend, ein anscheinend aus Eichenholzfachwerk hergestellter Erker, der auf 2 mächtigen Kragsteinen sicher ruhte und in jedem Stockwerk drei kleine nebeneinanderliegende Fenster aufwies; während sich links der jetzt noch vorhandene mächtige, mit einer zwiebelförmigen Haube bedeckte Turm erhob, in dem sich die zu den einzelnen Stockwerken emporführende steinerne Treppe noch jetzt hinaufwindet. Trat man durch den stets offen stehenden Torbogen in das Innere des Rathauses, so befand man sich zunächst in einer großen hohen Halle, welche zu den verschiedensten Zwecken diente.
Hier „unter dem Rathaus", wie es meistens heißt, wurden ursprünglich die Blut- und Schöffengerichte abgehalten. Hier mußten sich die Bürger der Stadt auf einen bestimmten Glockenruf versammeln, wenn es galt, ihnenVerordnungenderhohen Obrigkeit mitzuteilen. Hier schlugen an den Markttagen die „Leinwandkrämer und die Gattung Krämer, welche mit dergleichen kurze Ware Handelen" ihre Verkaufsstände auf und hier mufften auch die Bauern der umliegenden Dörfer ihre ländlichen Erzeugnisse feilhalten, wenn sie dieselben in Schlächtern absetzen wollten. Damit es bei allen diesen Händeln rechtlich zuging, hing unter dem Rathaus eine große Balkenwage, auf der die Waren unter amtlicher Aufsicht gewogen wurden und eine eiserne Normalelle, mit der die Ellen der Krämer an Markttagen im Einklang zu stehen hatten. Als ernster Mahner aber für alle, die hier durchschritten oder zu tun hatten, erhob sich nicht weit von der Wage ein sog. Armstock oder Halseisen, an den die dazu Verurteilten zur Buße ihrer Missetaten gestellt wurden, wenn nicht eine schärfere Strafe, bei der „Meister Hans der Schinder von Steinau" mitzuwirken hatte, verhängt wurde.
Als später die große Halle des Rathauses ihre Bedeutung als Versammlungsort der Bürger und als Gerichtsstätte mehr und mehr verloren hatte, wurde sie auch der Verwahrungsort sür mancherlei Geräte, von denen hier nur eine im Jahre 1752 erworbene „sehr wohl conditionierte Feuerspritze auf einem vierräderigen Wagen mit 70 Schuh langem Schlauch" erwähnt sei, die mit andern bei Bränden nötigen Gerätschaften, 2 Feuerleitern und 3 Feuerhaken, in einem unter dem Rathaus hergestellten Verschlag aufgestellt war.
Aus dieser Halle unter dein Rathaus führte, als eigentliche Haustür, eine Spitzbogentür direkt in den Treppenturm zur Wendeltreppe, die, wenn auch vermauert, heute noch vorhanden ist.