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über ansehnliche Forstreviere und Ländereien und übte die Zins- und Lehensherrschaft über eine ganze Anzahl von Dörfern und Höfen aus.*) Reiche Einkünfte flossen ihm aus diesen Besitzungen und Gerechtsamen zu, die nunmehr zu verschiedenen Zwecken, so besonders in lobenswerter Weise zur Errichtung und Dotierung von Schulen in Stadt und Land verwandt wurden.
Vor allem gründete der Abt Peter Lotz, der sich nach der Sitte der damaligen Zeit erst Loticus und dann auf Melanchthons Rat Lotichius nannte, in den weiten, nunmehr leerstehenden Klostergebäuden ein Gymnasium. Es sollte ursprünglich allerdings bloß zur Heranbildung evangelischer Geistlicher dienen, weitete sich aber bald zu einer allgemeinen Bildungsanstalt aus und zählte während der Zeit seines Bestehens (1543—1829) zu den bedeutendsten Schulen Mitteldeutschlands. Es wurde nicht nur von den Knaben des Klosterbezirks, denen es eine treffliche und dazu üoch vollständig unentgeltliche Bildungsgelegenheit bot, sondern auch von vielen auswärtigen Schülern besucht. Namentlich studierten dort gern die Söhne des wetter- auischen, fuldischen und fränkischen Adels, z. B. die Jungherrn von Tann, Auerochs, Woyda, Rieneck, Hütten, Thüngen, Hammerstein, Theichmann u. a. m. Auch Übergaben die reichen Kauf- und Handelsherren von Frankfurt und die angesehenen Bürger von Hanau mit Vorliebe ihre Söhne dieser Schule, weil die Jugend damals in den Städten auf der Gasse „fast nichts als Fluchen, Gotteslästerung, schandbare Worte, Narren- theidung, Unzucht, Lügen, frügen, trüben Gärten, Aecker, Weinberge, Fischwasser und dergleichen bestehlen, heimlich parlieren, 9taufen und Verkaufen und allerlei Mutwillen und Ungehorsam.gegen die Eltern" lernte. Hier dagegen, in der Einsamkeit und Natürlichkeit des Landlebens und unter der Hand und vor den Augen frommer bescheidener und kluger Lehrmeister, so hoffte man, würden die Knaben vor verderblichen Einflüssen bewahrt und von ihren zarten und besten Jahren an zu aller Ehre und Tugend angeführt und gewöhnt werden. Selbst die jungen Grafen von Hanau erhielten hier meistens ihre schulmäßige Ausbildung. Ja sogar aus Westfalen, der Pfalz, dem Darmstädtischen und Nürnberg stellten sich Schüler ein. Allerdings mögen unter diesen manchmal schon recht alte Knaben gewesen sein; den es -war ein besonderer Bader bestellt, und zwar, was alle ehemaligen „Schlüchteraner" unter den Lesern interessieren dürfte, auch schon ein Rollmann, der die Zöglinge rasieren mußte und dafür aus dem Kloster jährlich 72 Malter (— 12 Maß) Korn und 1 Malter Hafer erhielt.
Die Schule war ein Internat, gewährte also ihren Zöglingen außer einem vollständig unentgeltlichen Unterrichte Wohnung und Kost. Nur die aus Schlüchtern
*) Nach Wenk, „Hessische Landesgeschichte", I., Seite 289 des Urkundenbuches, und den, „Hanauischen Magazin", II., Stück 20, hingen vom Kloster Schlüchtern folgende 17 Or^e in geistlicher Beziehung ab: Schlüchtern, Steigahe (Hintersteinau), Elmaha (@hn), Cressenbach, Ramundes (Ramholz), Kalbaha (Oberkalbach),, Sterfrides (Sterbfritz), Stecklenberg, Zelle (Oberzell) Steinbach, Citolves (Zcitlofs), Otckares (Mottgers), Gunzenbach, Jezaha (Älarjoß) Hierzu kommen dann noch die Filialen der genannten Orte.
selbst gebürtiges Schüler wohnten bei ihren Eltern. Manche davon aßen aber yuch am Klostertische.
Die Schüler teilten sich in solche, welche Wohnung und Kost bezahlten und „Kostgänger" genannt wurden, und in solche, die Wohnung, Kost und midj Kleidung unentgeltlich erhielten und „Stipendiaten" hießen. Sie mußten dafür mancherlei Dienstleistungen übernehmen, so z. B. das Aufwarten bei Tisch, das Abschellen der Stunden u. a. m. Die Zahl der Kostgänger scheint nicht unbeträchtlich gewesen zu sein. Es finden sich z. B. in den Klosterrechnungen an Kostgeld vereinnahmt 1588 — 159 Gulden, 1620 = 1100 Gulden, 1621 = 1289 Gulden.
Ueber die Einrichtungen der Schule und das Leben und Treiben der Schüler sind wir gut unterrichtet durch eine Schrift eines ehemaligen Leiters der Schule, des Prorektors Heinrich Appel. Sie führt den Titel: „Die Beschaffenheit der Schule in Schlüchtern vom Jahre 1624 bis ins Jahr 1628, da sie in Würzbur zische Hände geriet. Von Henrico Appellio, Pro-Rectore; im Jahre 1674 aufgesetzt und von etlichen damals condiscipulis für richtig erkannt", und verbreitet sich über die Praeceptores, die Discipuli oder Schüler, die Schularbeit und das Schulregiment, die Speisung, die „Losamenter", das Privat- oder Hausregiment und die Gebräuche, Privilegien und Gerechtigkeiten der Schüler.*) Wir teilen in Nachstehendem einiges davon mit, ohne uns jedoch vollständig an die Reihenfolge des Buches zu binden oder dessen altertümliche Darstellungsweise überall beizubehalten.
Was zunächst die „Schularbeit" anlangt, so wurde die Zeit, damit die fremden Schüler, die ihren Eltern durch die Ausgaben für Kost und Wohnung große Kosten verursachten, nicht müßig gingen, „sondern ihre edle Zeit und Jugend mit größerem Nutzen wohl anlegen möchten", recht ausgenutzt. Außer am Mittwoch und Sonnabend, deren Nachmittage schon damals als „gewöhnliche Feier- und Spieltage" frei waren, hielt man jeden Tag 6 Stunden Schule und zwar von 6—7, 8—10, 12—2 und 3—4 Uhr. Der Unterricht wurde mit einem Gottesdienste oder einer Andacht eröffnet und geschlossen. Schlag 6 Uhr versammelten sich zu diesem Zwecke Rektor, Lehrer und Schüler in der großen Stube des Klosters. Die Schüler sangen zunächst einen vierstimmigen Choral; dann trat ein Primaner oder Sekundaner vor das Katheder und sprach langsam und mit lauter, deutlicher Stimme das deutsche Morgen- gebet aus dem Heidelberger Katechimus. Ein anderer
*) Der Verfasser Heinrich Appel, gewöhnlich Appelins genann war von 1624—1628 Schüler des Gymnasiums zu Schlüchtern gewesen und hatte dann Theologie studiert. 1632 trat er ins geistliche Amt und verwaltete die vereinigten Pfarrstellen von Gnndhclm Und Oberkalbach bei Schlüchtern. 1658 übernahm er die Leitung des durch den dreißigjährigen Krieg verwüsteten Gymnasiums zu Schlüchtern mit dem Titel „Prorektor". Nnr ein einziger Lehrer stand ihm zur Seite. Erst 1675 besam er einen Conrektor als Gehilfen. Er bat „seinem Amte rühmlich vorgestanden, sich aber endlich des beschwerlichen Schulstaubes entschlagen und eine Pfarrstelle in Hintersteinau 1682 bezogen", wo er am 13. Juli 1685 gestorben ist. Seine erwähnte Schrist findet sich abgedruckt in der .Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde". Neue Folge, 4. Band, S. 41—60.