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ins Auge. Ueberlieferung und örtliche Eigentümlichkeit spielte früher in der Bauweise der Kleinstadt eine Rolle; heute trifft man häufig die Neigung, das „moderne" Großstadthaus nachzuahmen, und da kommt denn oft etwas Unzulängliches, nicht selten Geschmackloses heraus. Gespreiztheit und Unechtheit gehen Hand in Hand. Da gilt es, den Sinn für die heimischen Baustoffe, für das Natürliche, Zweckmäßige und einfach Schöne neu zu beleben. Als Mittel dazu sieht die Verordnung vor: die Veranstaltung öffentlicher, allgemein verständlicher Vorträge, die Bildung von Ortsausschüssen, die Aus- schreibung von Wettbewerben, Zuschüsse zu den Baukosten aus öffentlichen Mitteln und anderes. So wird es hoffentlich gelingen, den verloren gegangenen Sinn für Echtes, Heimisches und Schönes langsam wieder zu erwecken und zu beleben! F- K.
^IMel aus AoubaH.
In der nordöstlichen Ecke des Kreises Schlüchtern breitet sich das Dorf Heubach aus. Es liegt an dem Bache gleichen Namens', am Fuße der HeubHer Berge, nahe der Wasserscheide des Rhein- und Wesergebiets. Der Ort ist ringsum von zum größten Teil herrlichen Buchwöldern, mit einem nach Norden und Süden öffnen, von Wiesen und Feldern begrenzten Tale umgeben, das von einem Bache, das Schmidtwasser genannt, durch- flossen wird. Heubach kommt urkundlich bereits in einem sog Weistum aus dem Jahre 1453 vor, wo es Heybach geschrieben ist. Es wird mit den Dörfern Sterbfritz, Weichersbach, Vollmerz, Ramholz, Hütten, Gundhelm, Oberkalbach, Oberzell, H^Züulersbach, Lin- denberg, Uttrichshausen und den ausgegangenen Orten Neudorf, Leipolds, Wintersbach, Kressenborn, Ramholz- born als in das Gericht Schwarzenfels gehörig bezeichnet. Als gewiß anzunehmen 'st, daß, ehe der jetzige Ort gegründet wurde, zwei kleinere Orte unter den Namen Nenndorf und Leopoldsgraben, (von den Bewohnern Leipoldsgraben genannt) nordwestlich und westlich von dem Orte gestanden haben und wahrscheinlich im 30= jährigen Kriege zerstört worden sind, worauf sich die vertriebenen Einwohner dieser beiden Orte hier angebaut haben, wodurch zuerst der nordwestliche Dorfteil, das Altedorf genannt, entstanden ist, welche Annahme dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt, als die Bewohner dieses Dorfteils die ausschließlichen Besitzer der in jenen Gemarkungen liegenden Grundstücke sind.
Das Schulwesen hierselbst stand in früherer Zeit auf einer sehr niedrigen Stufe. In: Sommer war die Schule fast ganz ausgesetzt; nur Sonntags wurde in der heißen Jahreszeit Unterricht erteilt, dessen Besuch aber in das Belieben der Schüler bezm. der Eltern gestellt war, während die Hauptschulzeit auf den Winter verlegt wurde. Der Schulmeister, auch Präzeptor genannt, der die Ausbildung zu seinem Beruf durch einen kmöchigen Kursus bei irgend einem Geistlichen erwarb, betrieb als Hauptberuf irgend ein Handwerk: Er war Schneider, Schuster, Leinweber u. bgL und betrachtete
die Schule nur als Nebenberuf, weshalb die Leistungen denn auch sehr dürftige waren. Außer Religion, hauptsächlich im Memorieren von Bibelsprüchen und Gebeten bestehend, wurde Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt. Die Mädchen waren jedoch von dem Schreibunterricht ausgeschlossen. Von einer eigentlichen Unterrichtsmethode konnte selbstverständlich keine Rede sein. Die Schüler mußten, während der Lehrer, mit der Strumpfmütze auf dem Kopfe, seinem Handwerk oblag, z. B. beim Spinnrad oder hinter dem Webstuhl saß, einzeln vortreten und ihr Pensum: Gebete, Sprüche u. dgl. „hersagen" oder wie die Leute heute noch sagen, „herbeten". Die Besoldung des Lehrers damaliger Zeit stand denn auch mit seinen Leistungen im vollsten Einklänge. Er war sozusagen nur ein Arbeiter für die Kost: denn der Schu meister wurde beziehentlich seines Mittagstisches bei den Ortseinwohner „reiheum" gehalten, wozu er Löffel, im Knopfloch steckend, selbst "mitbringen mußte. Das Reiheumhalten war aber für ihn insofern keine angenehme Position, als der betreffende Kostgcber, in der Meinung, dem Präzeptor dadurch ein gutes Mittag- essen zu geben, ihm Sauerkraut mit Erbsenbrei und Dörrfleisch verabreichte, und so Emu es denn, daß er fast jeden Tag den Mittagstisch mit diesem Gericht gedeckt fand. Die inmitten des Friedhofs, massiv anf- geführte, helle und geräumige Kirche ist im Jahre 1754 erbaut worden. Im Westen des Dorfes liegt der „Schwarzeberg" mit dem Taufstein, einer Anhöhe mit einem mächtigen Basaltstein, der eine muldenförmige Vertiefung aufweist, bei welchem der Sage nach die Kinder der Umgegend „während des 30jährigen Kriegs von dem heil. Kilian getauft wurden". Nach ihm soll das etwa (/..Stunde vorn Tausstein liegende Dorf Kiliansberg seinen Namen erhalten haben. Südlich des Dorfes Heubach steht eine uralte Eiche von mächtigem Umfange, in deren hohlem Stamme etwa 8 Personen aufrecht stehen können. Als Curiosüm von Heubach gilt die Tatsache, daß die Toten „unter dem Wasser" zum Friedhofe getragen werden, was darin seine Erklärung findet, daß über der zum Totenhofe führenden Treppe eine Wasserrinne angebracht ist/ deren Wasser die idyllisch gelegene Mühle in Betrieb setzt. Während bei den Alten noch das Sprichwort „Selbstgewebt und selbstgemacht ist die beste Bauerntracht" seine Geltung hat, wendet sich die jüngere Generation mehr und mehr der städtischen Mode zu. Für das Miß- lingen und Fehlschlagen seiner Unternehmungen, Wünsche und Pläne hat der Betreffende das Sprichwort: „Wenn hintennach fürohne ging, geschähe manches nicht", was sich mit dem Sprichwort: „Vorgetan und Nachbedacht, hat manchen in groß Leid gebracht", trefflich deckt, während er die bösen Folgen seiner bösen Tat in die Worte: „Das Reuemännchen sitzt hinter dem Ofen und geht nicht hervor", kleidet. Hier besteht die Sitte, daß die Kirchenstühle (Plätze in der Kirche) verkauft werden, wodurch den betr. Familiengliedern der Sitzplatz gesichert bleibt, bis irgeno eine Aenderung eintritt und dann derselbe gegen Entrichtung einer festgesetzten Gebühr weiter vergeben wird. Altvater.