ATTENTÄTER AM WERKE!
VON EWALD V. MUNDT
(v>* enn man von Attentaten )^i spricht, so meint man in der
IIË
Mehrzahl aller Fälle Mord
versuche auf politische Persönlichkeiten. Weit seltener sind Attentate, deren Veranlassung niemals ganz geklärt wurde, und bei denen man geneigt war, von der Tat eines Unzurechnungsfähigen zu reden. Eine eigenartige Mischung dieser beiden Arten von Anschlägen auf bekannte Persönlichkeiten bilden die Umstände, unter denen
die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich das Opfer eines Attentats wurde.
Genf, 10. September 1898
Nach der berühmten Tragödie auf Schloß Mayerling, nach jenem grauenvollen Ende des österreichischen Kronprinzen Rudolf fand seine Mutter, die Kaiserin Elisabeth, keine Ruhe mehr. Die große seelische Erschütterung ließ sie das Hofleben ebenso wie alle offiziellen Veranstaltungen fliehen. Diese Sucht nach Weltentrücktheit führte sie auch in den Frühherbst- tagen des Jahres 1898 nach dem Schweizer Kurort Territet. Die Schweizer Landschaft, an der sie seit jeher mit besonderer Liebe hing. das Gefühl, die ersehnte Einsamkeit vollauf auskosten zu können, und schließlich die Möglichkeit. ihren Lieblingsneigungen, dem Reiten und Bergsteigen, ungestört nachgehen zu dürfen, verhießen der Kaiserin Wochen wirklicher Erholung. Selbst die Sorgen um die Sicherheit des Kaisers und um die Ruhe im Lande schienen hier nicht so drückend zu sein, wie in den heimatlichen Schlöstern. Für ihre eigene Person hatte ja die Kaiserin nichts zu befürchten. Denn wenn jemand mit vollem Recht behaupten durfte, ein ganz reines Gewisten zu haben, so war es die Kaiserin Elisabeth.
Um so unbegreiflicher erscheint daher die Tragödie, die sich am 10. September 1898 in Genf abspielte.
An diesem Tag verließ die Kaiserin um 12 Uhr 40 Minuten mittags das Hotel Beau Rivage. Sie war am Abend vorher angekommen, um von Genf aus eine Dampferfahrt über den Genfer See zu unternehmen.
Der Kai, an dem das Hotel liegt, ist um die Mittagszeit meistens kaum belebt. Auch die Kaiserin, die von niemandem begleitet war, begegnete kaum einem Spaziergänger. Sie ging zuerst ziemlich schnell, da bis zur planmäßigen Abfahrt des Dampfers nicht mehr viel Zeit übrig blieb. Allmählich aber begann sie die Stimmung der Landschaft zu überwältigen. und sie verlangsamte unwillkürlich ihre Schritte.
Drüben, auf der anderen Seite des Sees, über den bunten Dächern der Genfer Häuser, strahlten die weißen Kuppeln der Berge, gekrönt von dem schimmernden Gipfel des Montblanc. Auf die ruhigen blauen Fluten ergoß sich die noch sommerlich warme Sonne. Et- as ganz Widersinniges riß
Die Prega do Commercio. auf der der König oon Portugal und der Kronprinz den Kugeln der Attentäter erlagen
die Kaiserin plötzlich aus ihrer Versunkenheit heraus: ein schrecklicher Stoß brutaler Hände warf sie zu Boden; irgendwo fühlte sie einen heftigen durchdringenden Schmerz. Einige Sekunden lang blieb sie reglos am Boden liegen. Dann halfen ihr herbeieilende Männer und Frauen, und sie richtete sich auf. Nur ihre beispiellose Energie und Widerstandskraft lassen es begreiflich erscheinen, daß sie den Dampfer erreichte. Sobald sie aber das Deck betrat verließen sie die Kräfte, und sie fiel in tiefe Ohnmacht.
Aus dem Kai, an der Stelle, wo die Kaiserin überfallen worden war, hatte sich jetzt eine hundert- köpfige Menge versammelt, deren Empörung hemmungslos schien. Einige Leute hatten den Attentäter ergriffen und waren im Ve- , griff, an ihm ein selbstgefälltes Urteil zu vollziehen. Der Unbekannte versuchte vergebens, sich 8 aus der Umklammerung des entrüsteten Publikums zu befreien. Endlich trieben Polizisten die Menge auseinander und entrissen ihr den Verbrecher. Einmal befreit aus den Händen der Menge.
Der Mörder Luccheni im Gefängnishof
zu Genf.
verhielt sich der Mörder geradezu unglaublich selbstbewußt und zynisch. Während er abgeführt wurde, sang er ein Spottlied, und als die Polizisten ihn zum Schweigen bringen wollten, bemerkte er mit einem selbstzufriedenen Lächeln: „Ich habe sicher gut getroffen, ich muß sie wohl getötet haben."
Indessen war man auf dem Dampfer bemüht, die Kaiserin wieder zur Besinnung zu bringen. Sie öffnete auch nach einer Weile die Augen, brachte jedoch mit einer gebrochenen Stimme nur eine einzige Frage hervor: „Was ist vorgefallen?" Der Gedanke an einen Ueberfall war so widersinnig. daß sie auch jetzt noch nicht ganz zu begreifen schien, einem Attentat zum Opfer gefallen zu sein. Doch ehe man ihr Erklärungen geben konnte, fiel sie wieder in Ohnmacht, aus der sie nicht mehr erwachte.
Erst viel später, als der Dampfer bereits mitten auf dem See war, fiel dem um die Kaiserin bemühten Schiffspersonal auf, daß ihr Kleid Blutspuren trug, und chließlich stellte man fest, daß die Kaiserin mit einer scharfen Waffe verletzt sein mußte. Es war, wie es sich später herausstellte, ein
Elisabeth von Oesterreich.
dreikantiger Dolch, mit dem der Attentäter ihr die tödliche Wunde beigebracht hatte.
Die Beweggründe dieses Attentats konnten unmöglich politischerNatur sein. Denn es war völlig sinnlos, die Kaiserin Elisabeth in irgendeiner Form mit Politik, sei es mit der des Kaisers oder der Regierung, in Verbindung zu bringen. Sie hatte in dieser Richtung niemals ..einen, Amfluß ge- habt. Auf der anderen Seite gab der Attentäter, ein italienischer Anarchist namens Luccheni, beim Verhör an, den Anschlag auf die Kaiserin aus Haßge
fühl gegen die Reichen im allgemeinen verübt zu haben. Auch dieses Motiv erscheint im Hinblick auf die Person der Kaiserin völlig widersinnig. Ihrem ganzen Lebenswandel nach konnte man sie unmöglich als typische Vertreterin jener Klasie ansprechen, die der Attentäter bei seiner Aussage meinte. — Es wird heute vielfach behauptet, daß die Tat Lucchenis in der Hauptsache eine Affekthandlung eines geistig Unzurechnungsfähigen war. Die Zeit- genosten standen vor einem völligen Rätsel. Der erschütterte Kaiser Franz Joseph fand, als ihm die grausame Botschaft überbracht wurde, nur diese Worte: „Es ist nicht zu fasten, wie ein Mensch Hand anlegen konnte an diese Frau, die in ihrem Leben niemand ein Leid zugefügt und nur Gutes getan hat."
Lissabon, 1. Februar 1908
Im Gegensatz zu der
Ermordung der Kaiserin Elisabeth steht das '
At-
ten auf den
König Kark von Portugal tn einem unmittelbaren Zusammenhang mit den politischen Zuständen in seinem Land.
Als König Karl I. von Portugal 1889 den Thron bestieg, fand er die Finanzen des Landes in einem hoffnungslos zerrütteten Zustand vor. Die Verschleuderung von Staats- aeldern und die Günstlingswirtschaft hatten schreiende Mißstände her- bekaeführt
Um diesen Mißständen ein Ende zu bereiten betraute der König Ioao Franco. einen ofiemnrf«^ Advokaten, mit der Füh
rung der Regierungsgeschäfte. Die Wahl schien richtig. Schon nach sehr kurzer Zeit erwies sich Franco als ein energischer Verwalter des Staates. Die von ihm vorgenommene gründliche Säuberung der Regierungswirtschaft hatte zweifellos Erfolg, doch durch die rücksichtslose Bekämpfung der Mißstände schuf er sich eine große Anzahl erbitterter Feinde, die seine Politik in jeder erdenklichen Weise hintertrieben.
Diese Tatsache schüchterte ihn durchaus nicht ein. Im Gegenteil, im Mai des Jahres 1907 löste er die Kammer auf, er herrschte nunmehr als selbstherrlicher Diktator. Ein Sturm der Entrüstung brach gegen den Usurpator los. Franco erwiderte auf das Treiben der Opposition mit noch schärferen Maßnahmen.
Der elegante, jagdliebende, künstlerisch veranlagte König kümmerte sich kaum um Staatsgeschäfte. Er glaubte und vertraute Franco. Er setzte alles auf besten selbstsicheren Charakter und besten staatsmännische Klugheit. Daß er die Macht in Francos Hände gelegt hatte, daß er sich völlig nur nach desten absolutistischen Tendenzen richtete, das war das, was für ihn verhängnisvoll werden mußte.
Das Ereignis des 1. Februar 1908 war somit durch eine ganz bestimmte Atmosphäre bedingt, die die politischen Zustände in Portugal geschaffen hatten.
Am Nachmittag des 1. Februar kehrte König Karl mit seiner Familie von einer seiner Besitzungen kn der Nähe der portugiesisch-spanischen Grenze nach Listabon zurück.
Der offene Wagen, in dem sich außer dem König und der Königin der Thronfolger und der Jnfant Manuel befanden, hatte die Vre?a do Commercio erreicht. Nichts deutete darauf, daß sich dort in wenigen Sekunden eine furchtbare Tragödie abspielen würde. Der weite Platz war fast menschenleer. Nur die vielen Tauben, die ihn stets bevölkern, flogen aufgescheucht vor dem königlichen Zug auf, um sich im nächsten Augenblick wieder auf das Pflaster niederzulasten. Der Wagen war gerade im Begriff, unter das Tor der Arsenalstraße einzubiegen als von mehreren Seiten Schüste fielen. Auf einmal stürzten mehrere Zivilisten auf den Maaen des Königs und schosten blindlings nach allen Seiten. Eine der ersten Kugeln hatte den König getroffen. Die Königin erhob sich, um den Thronfolger zu schützen, doch es war schon zu spät. Der Kronvrinz war bereits tödlich verwundet. Das Ganze hatte kaum eine Minute gedauert. Die königliche Eguipage trug zwei Tote davon. Die Königin blieb unverletzt, der Jnfant Manuel, der spätere König, hatte nur eine leichte Verletzung.
Während man den toten König und seinen Sohn nach dem Marinespital brachte, veranstaltete die Polizei und die inzwischen herbei- geeilten Pastanten eine wilde Jagd auf die Mörder Dabei wurden zwei von ihnen aetötet. die anderen verhaftet Entgegen den zur Irreführung der öffentlichen Meinung zuerst verbreiteten Gerügten, die Attentäter seien Ausländer. Handelte es stch bei allen dnr^meg um Portugiesen die durch B"seitiaung des unlelb- ständiaen Königs eine Befreiung von der Herrschaft Francos erhofften
Dieses Attentat sollte somit gut einem Umnn-q fetn-nt eigentlichen Zweck erfüllen S^tt des Diktators auf d-llen Phtra man es abaei-b-n batte mußte der Könia die Befreiung seines Landes mit keinem Leben bezahlen.
Ekew, 14. Sevtember 1911
Das Attentat dem der russische Mr--r^in,r8sident Stolypin
tum Onser fies dürfte das ein- deut-^Nâ» <p^?sni«f ein-g typisch politischen Attentats sein.
Im September des Jahres 1911 begab sich der Zar Nikolaus II. mit einem großen Gefolge, unter dem sich die Minister mit Stolypin an der Spitze befanden, nach Kiew, um dort der Einweihung eines Denkmals für den Zaren Alexander II. beizuwohnen.
Kiew war in diesen Tagen wie ausgestorben. Denn man hatte auch für die Kiewer Festlichkeiten, wie immer bei außerordentlichen öffentlichen Veranstaltungen, an denen der Zar teilnahm, alle Vor» sichtsmaßnahmen getroffen, um irgendwelche terroristischen Angriffe zu verhüten. Die Stadt wimmelte von Geheimpolizisten. Vor jedem Hause der inneren Stadt standen mindestens zwei.
Die Ochrana hatte jedenfalls alles Recht, zu behaupten, daß die Stadt in jeder Weise gesichert sei. Sie hatte guten Grund, diesen Schein zu erwecken. . .
Am ersten Abend war eine Galavorstellung in der Kiewer Oper vorgesehen. Nur wenige Gäste fanden auf besondere Einladung hin zu dieser Vorstellung Zutritt. Der Zar hatte in einer Proszeniumsloge Platz genommen. Stolypin saß neben ihm.
Nach dem zweiten Akt trat der Ministerpräsident in den Mittelgang, um sich etwas Bewegung zu verschaffen. Dort kam er mit dem Kriegsminister Suchomlinow in ein Gespräch, das ihn sehr in Anspruch nahm. Er bemerkte daher gar nicht, daß ein unbekannter Theaterbesucher sich ihm näherte und unmittelbar vor ihm stehen blieb. Während Suchomlinow auf den Ministerpräsidenten lebhaft einredete, zog der Unbekannte einen Revolver und gab auf Stolypin zwei Schüste hintereinander ab. Stolypin war schwer verletzt. Besinnungslos sank er zu Boden. Ein entsetzter Schrei ging durch die Reihen der Anwesenden: „Attentäter! Attentäter!"
Die Geheimpolizisten warfen sich auf den flüchtenden Mörder. Es war ein junger Mensch, kaum 20 Jahre alt.
Hatte sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch ein Unberufener ins Theater eingeschlichen? Der
Der russische Ministerpräsident Stolypin
Bericht über die Untersuchung gab offiziell an, daß es sich bei dem Mörder des Ministerpräsidenten um das Mitglied einer terroristischen Organisation, namens Bagrow, gehandelt habe, der sich auf unbegreifliche Weise Zutritt zu der Galavorstellung verschafft hatte. Die Eingeweihten wußten jedoch, daß es sich in Wirklichkeit mit der Ermordung Stolypins ganz anders verhielt, und daß Bagrow niemals Mitalied einer terroristischen Organisation war, sondern vielmehr ein Aaent der Ochrana. In gleicher Weise war auch die ausländische Presse unterrichtet die den nähren Tatbestand des Attentats als ein geschicktes Manöver der Ochrana aufzuklären wußte. Das Leben Stolypins mußte ae- onfert werden, um nach seiner Beseitigung ein k-ßrankenloses Walten sener Po^ik zu ermöglichen, die die russischen reaktionären Kreise gegen iealiche R-kormen verfolgten. und die kn der Ochrana für hes-hößend-g und zu allen Rgdikol-^nahmen bereites Werkzeug besaßen.