21. November
„Illustrierte Beilage zum Hanauer Anzeiger
1931
DIE FÜR UNS STARBEN
Gefallenen-Gedenktafel an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu Berlin
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Besuch bei den Kameraden
Don Dozent Dr. R. W. Schulte, zürnet Millionen deutsche Tote! ^-<Wenn man in seinen Kriegs- <xJ erinnerungen kramt und an den großen, schweren Opfergang des deutschen Volkes denkt, dann fühlt man erst, wie ungeheuer dieses Schicksal der Kriegsjahre war, wie unermeßlich die Kämpfe waren, wie unfaßbar groß das Leid, das diese paar Worte in sich bergen: zwei Millionen Tote!
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In die Millionen deutscher Soldaten hat das Erlebnis des Krieges tiefe Runen eingegraben. Es ist viel Stolz und viel Wehmut dabei, wenn wir an all die Fülle von Not und Pflicht denken, die damals Selbstverständlichkeit war. Wir sind damals mit den Dingen, den Situationen, den Geschehnissen in einer uns heute seltsam erscheinenden Weise seelisch zusammengepachsen. Wir haben eine fast unbezwingbare Sehnsucht in uns, jene Menschen wiederzusehen, mit denen wir Schulter an Schulter standen Niemand hat dieses Unbeschreibliche bester geschildert als jene Dichter, die von den seltsamen Menschen berichten, die um jeden Preis noch einmal ihr Verdun. ihren Graben mieder- jehen mußten. Viele haben in der
Not und dem Elend und der Bitterkeit der Nachkriegsjahre darunter gelitten. So ging es auch mir.
Ein letzter Blick von den deutschen Hängen des Schwarzwaldes. Fern im Westen, in der untergehenden Sonne liegt das Elsaß, das ehedem deutsche Straßburg... Die französische Grenzkontrolle — Neger — ist anerkennenswert höflich. Hinter Straßburg steigen französische Rekruten in ven Zug, nach Paris abkommandiert; sie prachen Elsäster Deutsch — ein lanz merkwürdiger Eindruck voll eltsamen Kontrastes.
Im Speisewagen fährt man die Marne entlang, immer den Blick hinaus gerichtet auf die monotone französische Landschaft, die grau-weißen Kreidefelsen, die ? rau-weißen in das Gelände gelebten Häuser, mit den Gedanken an jene schicksalsschwere Tragödie von 1914 gebunden.
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Paris, die Stadt des Lichtes, die Stadt der Freude! Die Stadt des Vergestens! Und doch: Auch hier eine Fülle von Spuren, die an den Weltkrieg gemahnen: Im Rahmen eines Internationalen Konarestes sind wir von der französischen Regierung ins Pariser Rathaus einaeladen Nicht weit davon wird die Stelle gezeigt. an der eine Granate des deutschen Ferngeschützes furchtbare Verheerungen anrichtete. 2m Trianon
in Versailles sind wir ausgerechnet in dem Saal Gäste, in dem die vorläufigen Friedensbedingungen unterzeichnet wurden. Unvergeßlich eine Messe für die Kriegsgefallenen in der Kirche Notre-Dame! Französisch-amerikanische Delegationen, mit regenbogenfarbenen Ordensbändern angetan, Trikoloren, feierlich entfaltet, im Karree vor dem Altar stehend, Weihrauch, viel Pose, viel verhaltene oder ausbrechende Tränen, eine Predigt, wie sie nur französische Eloquenz zu bieten vermag: philosophisch, zugespitzt und doch an die Tiefen der Seele rührend.
Dann, endlich: Die Fahrt in „unser" Kriegsgebiet! Was sagen all die Namen der kleinen Dörfchen dem, der nicht dort oben gelegen hat. Und was sagen diese Namen für den, der seelisch und schicksalsmäßig mit ihnen verkettet war. für den ein Graben. Unterstand und Sappenkopf plötzlich Leben gewinnen!
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Um Albert herum sieht es in kilometerbreiten Streifen noch schlimm aus. Zwar sind die Häuser wieder aufgebaut, aber daneben stehen noch die zerschossenen schwarzen Mauerreste Die Sprengtrichter sind vielfach zugeschüttet, aber die Wunden von Mutter Erde find nur teilweise vernarbt. An den ehemaligen Stätten erbittertsten Ringens weiden heute
friedlich die Kühe. Das Unterholz ist in den vergangenen zehn Jahren schon nachgewachsen; aber dazwischen stehen, ein ergreifender Anblick, schwarz verbrannte, zerfetzte, wie amputiert aussehende Baumstümpfe, recken zersplitterte, entlaubte Waldstreifen noch immer klagend ihre armseligen Wipfel empor. Hier und dort ein einsames Kreuz. Hier und dort uniforme, in ihrer Nacktheit erschütternde Mastenfriedhöfe, in denen Freund und Feind zum letzten Schlaf vereinigt sind. Namen blitzen auf, die persönliche Erinnerung wecken: Roye. In jenen Augusttagen 1918 lag dort unser altes Füsilier-Regiment in verzweifelter Situation, vollständig eingeschloffen von den Engländern. bis Flugzeuge unserer Fliegerabteilung Munition und Lebensmittel mitten im heftigsten englischen Nahfeuer, abwarfen. Pöronne: Jeder Teilnehmer der Sommeschlacht kennt dieses Wort. Hier lag ein Teil unseres Ar- mierungs - Bataillons, während wir, die andere Hälfte, in Rumänien schanzten.
Immer vertrauter werden die Ortsnamen. Nun: der gewaltige Schlüstelpunkt der Siegfried- oder Hindenburg - Stellung zwischen Arras — Eambrai — St Quentin! Vielleicht ist hier 1918 die Weltgeschichte entschieden worden.
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Das Ziel der deutschen Heeresleitung, bis nach Calais durch
zustoßen, „der Marsch nach dem Meer", blieb unerfüllt. Jetzt furcht unser Dampfer durch den Aermel- kanal auf England zu, so wie damals unsere Torpedo-Boote bis vor die Kreideküsten Britanniens fuhren, wie unsere Bombengeschwader in herrischem Fluge nach Englands Hauptstadt strebten.
Dover: ein unbeschreibliches Bild, ein hell gleißender, weißer Sonnenstrahl über den steilen Hängen der englischen Küste — der Hafeneingang von Geschützen bewacht.
London! Ein Gewühl von Menschen, hetzend, gehetzt, konzentriert. Wir fahren hoch auf dem Verdeck des Aussichtswagens mitten durch die City. Das Leben brandet und pulsiert um uns; — plötzlich zieht der Mann am Steuer des Wagens, mitten im ärgsten Verkehr, seine Mütze. Ich werfe einen Blick zur Seite und nehme ebenfalls instinktmäßig im selben Augenblick den Hut ab: ein mächtiger Steinblock, mitten im ärgsten Verkehr: ..To the glorious deadl“ „Unseren ruhmreichen Toten , ein ständiges Symbol, das die sonst so nüchterne Riesenstadt dem Vermächtnis ihrer Gefallenen setzte.
Auch England hat sein Grades Unbekannten Soldaten: in der Westminster Abbey, mitten untet einen großen Dichtern, Philo- ophen und Politikern. Anders als n Paris, konservativer empha, ischer, prunkhafter und deshalb ür uns nicht so erschütternd wirkend. wie die einfache Geste der Franzosen, und trotzdem, auch hier schlummert unter der schweren Steinplatte - irgendein kleiner, armer, zerrissener englischer Soldat!
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Nun geht es wieder über Holland heimwärts. Der Rhein, der deutsche Rhein! Die Trauben reifen in der späten Herbstsonne; Burgen, Kirchen und Kapellen schimmern vom Berghang. Drüben steht der Niederwald. Dort sind die Hügelketten des Rheingaus. Mainz, das heilige Mainz taucht auf. Nun kommt Wiesbaden. Hier muß man unbedingt einen Blick in die alte Füsilier-Kaserne tun, wo man als 17jähriger Freiwilliger Griffe gekloppt hat. Jetzt liegt dort englische Besatzung, die freundlich einen Einblick gestattet. Hier haben wir in den Augusttagen 1914 die ersten feindlichen Flieger beschaffen; nicht weit davon haben später feindliche Fliegerbomben das Haus, in dem wir früher wohnten, bis auf den Grund in Trümmer gelegt.
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Es ist vieles kn jenen Jahren an uns vorübergegangen, vieles durch uns hindurch gegangen. Manchmal hat der Tod an unsere Schulter gerührt. Wir sind anders geworden, und wir sind dieselben geblieben. Nur, wir sind oft ungeheuer einsam geworden, einsam, wenn wir an die Studiengenoffen, die Kriegskameraden, die Freunde und Angehörigen denken, die zu jenen zwei Millionen Toten gehören. die wir jetzt betrauern.
Und wenn wir heute daheim sitzen, allein in unseren Erinnerungen, dann schämen wir uns der Tränen nicht, der Tranen, die es für uns im Kriege nicht geben durfte, weil es — in Dreck und Not und Dienst — die Zähne zusammenzubeißen galt. Aber wir schlucken die Tränen herunter, in unserem Stolze, mit einem Lächeln und mit einem Gelöbnis!