Sette 6
Areltag, den 20. November 1931
Nr. 272
Die übrigen Berliner Theater sei für 1932 eine weitere Verminderung der Ausgaben um 1,17 Millionen RM, für Kassel und Wiesbaden um insgesamt 998 000 RM in Aussicht genommen, zusammen also 2 168 000 RM. Die Verschlechterung der Wirtschaftslage müsse für Berlin, Kassel und Wiesbaden zusammey mit rund 500 000 RM in Ansatz gebracht werden. Die Zuschußverminderung betrage also 1 668 000 RM, einschließlich der Krolloper 2 472 000 RM gegenüber einem Zuschuß- bedarf für 1931 von 8 428 000 Reichsmark. Der Zuschußbedarf im künftigen Jahre würde also für sämtliche Staatstheater 5 956 000 RM betragen und sinke damit unter den Bedarf des Jahres 1926, wo er sich auf 6,5 Millionen RM belaufen habe. Nicht berücksichtigt seien bei dieser Aufstellung die Schließung des Schiller-Theaters, über die noch beraten werde, und weitere Ersparnisse, die sich bei der Durchführung der preußischen Sparverordnung bezüglich des Solopersonals ergeben würden. Durch weitere Ersparnisse werde sich der Zuschußbedarf jedoch so verringern, daß der Haushaltsansatz für 1932 unter 5,9 Millionen RM bleiben werde, gegenüber dem Rechnungsjahr 1930 also eine Verminderung um über 43 Prozent. Bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage müsse allerdings mit einer weiteren Einnahmeverschlechterung gerechnet werden.
15 Zahve Zuchthaus auf Grund eines LudMeu- beweUes
Königsberg, 20. Nov. Das Königsberger Schwurgericht verurteilte gestern den 29jährigen Ziegeleiarbeiter Franz Holländer wegen versuchter Notzucht in Tateinheit mit Totschlag zu 15 Jahren Zuchthaus und zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 10 Jahre. Der Staatsanwalt hatte die Todesstrafe beantragt. Holländer stand unter der Anklage des Mordes an der Klavierlehrerin Else Prengel aus Königsberg, die auf der Chaussee bei Goldbach sterbend aufgefunden wurde; Hollän- . der wurde kurz nach der Tat verhaftet, als er sich unter den Zuschauern am Tatort eingefunden hatte und man an seinen Kleidern Plutfpuren entdeckte, die er jedoch mit Nasenbluten erklären wollte. Holländer hat kein Geständnis abgelegt, sondern noch im Schlußwort betont, daß er unschuldig sei. Das Gericht nahm jedoch auf Grund der schweren Belastungsworte, die das Beweisverfahren ergab, die Täterschaft Holländers als erwiesen an.
Sensation im Vvest-Litowskev Vvozsß
Beschuldigung gegen den Minister des Innern Pieracki
Warschau, 19. Nov. In der Verhandlung des großen politischen Prozesses von Brest-Litowsk gab es heute abend eine Sensation. Der als Zeuge verhörte General Kukiel, ein intimer Freund des ehemaligen Ministerpräsidenten und mehrmaligen Kriegsministers Generat Sikorski, sagte aus, daß im Jahre 1925 nach der Bildung der Koalitionsregierung des Grafen Skrzynski, der Sikoriki nicht mchr angehörte, ein Offizier des Pilsudfki-Kreises General Sikorski den Vorschlag gemacht hatte, einen Staatsstreich zu unternehmen und Banden zu bilden. Ferner hätte ihm dieser Qfiizi« auch versprochen, die für den Staatsstreich und etwaige Sprengungen in der Hauptstadt notwendigen Masten und Munition zur Verfügung zu stellen. Nach dem Namen dieses Offiziers befragt, erklärte General Kukiel, daß dies der heutige Minister des Innern; Oberst Pieracki, gewesen wäre.
Sechs Sabee Hölle
was ein Kanadier in der französischen Fremdenlegion erleble.
Ueber die üblen Erfahrungen, bie er in der französischen Fremdenlegion gemacht hat, weiß ein Kanadier namens E. R. Deott, der £4 zurzeit in Sidney aufhält, zu berichten. Nachdem er in einem «kanadischen Regiment den Weltkrieg mitgemacht hatte, entschloß er sich, da dem Zurückgekehrten das Leben in seiner Heimat nicht mehr behagte, in die französische Fremdenlegion einzutreten. Er gesicht
Velaftende Sefittettunsen im Galmette-VroreS
Lebhafter SerhaudlunsStas ist Lübeck
Prosessor Bruno und Ludwig Lange rufen: Ah!
Dr. Darboven: Ich verstehe nicht, warum die Professoren Lange immer ah sagen.
Dr. Wittern: Weil Professor Much immer B
Lübeck» 19. Nov. Der heutige Verhandlungstag war stellenweise recht lebhaft. Es wurden eine Reihe ältern vernommen, aus deren Aussage hervorging, )aß diese schon im März und im April wiederholt )en Verdacht ausgesprochen haben, die Krankheit ihres Kindes könnte möglicherweise mit der Fütterung Zusammenhängen. Eine Wärterin in der Ent- rinLungsanstalt habe Mitte März auffällige Er- cheinungen an den Kindern festgestellt, es sei aber nit Entlassung gedroht worden, wenn sie solche Aeußerungen nicht unterlasse.
Dr. Wittern wies auf eine Veröffentlichung des ordentlichen Professors Dr. Frankel von Ler
Universität Breslau im PraemHicus hin, worin es heißt: „Dem Arzt ist jede Kritik an der Diagnose und Behandlung eines zweiten Arztes untersagt. Gerichtliche Gutachten über Aerzte bedürfen der Milde. Auch der beamtete Kreisarzt soll, selbst wenn er Beweise eines fehlerhaften Vorgehens eines Arztes hat, diesen nicht bloßstellen."
Der Vorsitzende mahnte darauf nochmals alle Zeugen und Sachvefftändigen ,sich von jeder kollegialen Bindung freizuhalten und nur die reine Wahrheit zu sagen.
Der Oberstaatsanwalt wünscht zu wissen, ob nach dem 26. April eine Anweisung an die Aerzte ergangen sei, den Eltern gegenüber mit Auskünften zurückzuhalten.
Dr. Wiener: Schrsttlich nicht.
Vorsitzender: Etwa eine mündliche? — Dr. Wiener: Ja! Mündlich wurden wir nach der Sezierung des Kindes Schwartz angewiesen, keine Auskünfte zu geben. Ob von Professor Dr. Klotz oder Dr. Altstadt, werß der Zeuge nicht mehr. Als Grund gibt Dr. Wiener an man habe damit gerechnet, daß nur Kinder einer Cmulsionsfütterung erkranken würden.
In der Nachmittagssitzung wurde der Sachverständige Dr. Mögling über eine Besprechung vernommen, bie er im Juli 1930 mit der angeklagten Schwester Anna Schütze gehabt hat. Dr. Mögling schrieb damals einen Brief an Pwfessor Ludwig Lange. Er stellt darin fest, daß die Hämatinzüchtung sich von Ende Oktober bis Anfang Februar hinzog, was vorher nicht festgestanden habe. Die Kieler Humanbazillenkultur soll nach diesem Brief "ge Zeit aufbewahrt worden sein, bis die Kulturen sicher angegangen waren.
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Dr. Darboven erklärt, daß alles richtig sei bis
auf die Angabe über den Kieler Stamm, der sofort abgeimpft und vernichtet worden sei.
Professor Bruno Lange erklärte, daß dies nicht den Gepflogenheiten in Laboratorien entspräche.
Dr. Darboven: Warum soll hier nicht etwas geschehen sein, was der Gepflogenheit widerspricht?
offen, daß er Abenteuer gesucht hatt«; daran hat es ihm dort wahrlich nicht gefehlt „Die folgenden sechs Jahre", erzählte er einem Berichterstatter, starke Armee darstellt, deren Ang«hör!ge über Marokko, Syrien und Französisch-Hinterindien verstreut sind. In den Kriegsjahren erreichte der Bestand der Legion sogar die Höhe von 1,5 Millionen Köpfen. Beim Eintritt erhält der Rekrut 250 Francs, von denen er aber das Putzzeug für Uniformen, Schuhe und andere Bedürfnisse bezahlen muß, die selbst in der kritischsten Situation blitzblank gehalten werden müssen. Vierzehn Tage später wird er dann nach den Sandlagern Algeriens transportiert, wo ihm die schöne neue Uniform genommen wird; dafür erhält er zerlumpte Sachen. Die Rekruten werden hier gedrillt und in der besonderen Gefechtstaktik der Legion unterwiesen, ein Unterricht, der einen leisen Vorgeschmack von der grausamen, seelenmörderischen Disziplin der Truppe gibt. Nach der Ausbildungs- zett, die drei Monate dauert, wird man zwangsläufig als Franzose naturalisiert. Da ich ohne osti-
sagt.
Dr. Darboven behält sich schließlich vor, die beiden Professoren als Sachverständige abzulehnen.
Professor Much teilt nun unter-großer Bewegung mit, daß er in einer Originalkrankengeschichte aus dem Kinderhospital merkwürdige Radierungen und Ueberklebungen festgestellt habe. In einer ursprünglichen Eintragung vom 19 April soll schon klar und deutlich der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Krankheit und Calmettesüttevuna gestanden haben. Wie wichtig dies ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß im Krankenhaus erst am 26. April die allgemeinen Fütterungen eingestellt worden sind. Alles läuft zum Richtertlsch, um sich die Radierun-
aus der
gen anzusehen.
Dr. Wiener erklärt auf Befragen, daß er keine Aenderungen vorgenommen habe. — Professor Much soll nun sämtliche Krankengeschichten genau nachprüfen.
Bei der Vernehmung des Kinderarztes Wundt weigert sich dieser, Dr. Schminke Einsicht in die Krankengeschichte zu gewähren, will sie aber dem Gericht zur Verfügung stellen. Dr. Wundt soll schon am 23 oder 24. April Professor Klotz gegenüber den Gedanken eines Zusammenhangs zwischen der Erkrankung des Klndes Reimers und der Fütterung ausgesprochen haben.
Dr. Wittern fragt nun Dr. Wundt, ob er nicht den Gedanken gehabt habe, unter allen Umständen zu verhindern, daß das Verbrechen der Fütterung fortgesetzt werde. Darauf schweigt Dr. Wundt.
Kinderarzt Dr Schmidt erklärt, er wundere sich, wie schnell die Lübecker Ärzteschaft sich bereit erklärt habe, das Calmettemittel zu verwenden. Er habe seinem Kollegen Dr Unger abgeraten, das Mittel am eignen Kind zu verwenden, weil er eine subjektive Abneigung gegen das Präparat hatte. Ihm saß noch im Kopf was er an gegnerischer Literatur vor drei bis vier Jahren gelesen hatte. Bei feinem eignen Kind hätte Dr. Schmidt das Mittel nicht angewandt, wenn es gesund gewesen wäre. Erst Ende April ist ihm, Dr Schmidt, der Gedanke gekommen, daß die BCG -Fütterung möglicherweise schädliche Folgen für die Kinder habe.
Aehnlich spricht sich noch ein anderer Arzt aus. Sämtliche Aertte bestreiten, Professor Klotz oder -anderen Aerzten gegenüber vor Ende April Bedenken wegen der Calmette-Fütterung geäußert zu haben.
zielle Verabschiedung die Legion verließ und nach französischer Auffassung noch heute Franzose bin, darf ich nicht französischen Boden betreten, wenn ick nicht riskieren will, verhaftet und per Schub liffpirafen, mit denen wir in zahllosen Mutigen Kämpfen Mann gegen Mann gefochten haben, sind ausgesprochen furchtlos und in der festen Ueberzeugung, daß sich dem, der auf dem Schlachtfelde fällt, sofort die Tore des Paradieses weit öffnen, unüberwindliche Gegner. Sie kämpfen mit zweihändigen Schwertern und zielen beim Hieb stets auf Nacken und Hals. Gegen diese fanatischen Schwertkämpfer gehen die Legionäre mit Kolben und Bajonetten an. Der erfahrene Legionär be- 'hält stets eine Patrone in der Flinte, die nicht für den Feind, sondern für ihn selbst und für den Fall bestimmt ist, daß er verwundet in die Hände der Piff teilte fällt, da in diesem Fall unmenschliche Martern fein Los sind. Die Ausübung dieses Gewerbes der Menschenschlächterei wird häufig den Frauen überlassen, die mit den Stämmen marschieren und nicht minder tapfer als ihre Männer kämpfen Die stramme Disziplin der Legion ist
Eine Goethe-LNedaMe für die Evhaltuttg des svaEuvtev G-etbe-AattseS
Die Goethe-Medaille nach dem Entwurf non
Professor Theodor Georgi, München
Zu Gunsten der deutschen Volksspende für Goethes Geburt-stätte in Frankfurt a. M. hat die Staatliche Bayerische Münze eine Medaille prägen lassen, die ein Profitb ildnis des alten Goethe zeigt. Der Erlös aus dem Verkauf dieser Medaille soll zur Erhaltung des Frankfurter Goethe-Hauses ver- wandt werden.
sprichwörtlich und wird durch die härtesten Strafen aufrechterhalten. Eine der gesürchtesten ist die schreckliche „Plute", ein Wort, das die Legionäre • zur Bezeichnung des furchtbaren „Gepäckdrills" gebrauchen. Der Unglückliche, der zu dieser Strafe verurteilt wird, ist gezwungen, in der glühenden Sonne neun Stunden lang im Stechschritt Dauerlauf zu machen, und zwar mit vollem Gepäck unter Beigabe eines dreißig Pfund schweren Sandsacks. Nur alle Stunde ist ihm einmal eine Ruhepause von zehn Minutsn gestattet."
Die Linbrecherslollen zum Juwelierladen
Berlin, 19. Nov. Ein an die Praxis der berüchtigten Berliner Einbrecher Saß erinnernder Einbruchsversuch wurde am Bußtag im Berliner Südosten entdeckt. Von einem leerstehenden Keller aus hatten die Einbrecher einen Stollen gegraben, um nach dem Keller des Hauses zu gelangen, in dem sich ein Juweliergeschäft befindet. Der Gang führt unter den Grundmauern hindurch und an seinem Ende befindet sich ein geräumiges Loch. In d-M ' Keller unter dem Juweliersladen gelangt, versu.,ch- ten die Einbrecher mit einem Spezialinstrument bM Decke artsubobren, um auf diese Wei » Mn zü kommen. Der Gang führt' jedoch" än"W^. i ebenfalls in einem Keller befindlichen Werkftâ einer Schreinerei vorbei, dessen Inhaber das BmW haben der Einbrecher entdeckte und die Polizei be- * nachrichtigte. Von den Tätern fehlt jede Spur.
Ein Hirsch röhrl in Berlin
Dieser Tage gewahrten zwei Schupos zu ihrem größten Entsetzen auf dem Hansaplatz in Berlin unter einer Laterne einen ausgewachsenen Hirsch, der auf eindringliche Weise seine Liebesrufe erschallen ließ. Nachdem die brat) an Schupisten im ersten Augenblick. an nächtliche Gespenster geglaubt hatten, schritten sie kurzerhand zur Verhaftung. Es stellte sich heraus, daß der Hirsch aus der Einzäunung einer Restaurants in der Nähe des Hansaplatzes geflohen war.
Seankfuriev OyernbauS »Bovis Godunow"
Nach Verdis „Falstaff" und Donizettis „Don Pasquale" jetzt die dritte Erstaufführung der diesjährigen Spielzeit im Frankfurter Opernhaus: „Boris Godunow" von Modeste Petrowitsch Mussorgsky (1835—1881). Dieses Meisterwerk des bedeutendsten aller russischen Komponisten ist 1874 am Marientheater in Petersburg uraufgeführt worden; seit 1896 ist dieses musikalische Volksdrama in der Neuinstrumentation von Rimsky-Korssakow in Rußland auf dem Opernspielplan, in Deutschland aber erst seit 1913 bekannt (Aufführ, in Breslau). Die Frankfurter Aufführung bringt das Werk auch in der allgemein üblichen Ueberarbeitung von Rimsky-Korssakow, die viel Süßliches an sich hat und Mussorgskys an sich herb naturalistische Farben- tunst für einen ästhetischen Kunstsalon quasi zurechtfrisiert. Trotzdem aber wirkt der „Boris" so ursprünglich und frisch, so gesund und musikdramatisch natürlich und modern, das man kaum glauben sann, daß Mussorgsky schon seit Sv Jahren tot ist. Man muß daher die Neuaufnahme dieses Meisterwerkes des berühmtesten aller russischen Komponisten zum ehrenden Gedächtnis an seinen SOjähri- gen Todestag als eine äußerst glückliche Tat des Frankfurter Opernhauses bezeichnen. Zwecks näherer Unterrichtung über „Boris Godunow" verweisen wir auf die „Blätter der Städtischen Bühnen Frankfurts", Erstes Novemberheft, in dem auch eine ausführliche Abhandlung über das Originalwerk und die Bearbeitung von Rimsky-Korssakow gebracht wird.
Die Aufführung war eindrucksvoll und szenisch wie musikalisch des gewaltigen Werkes würdig. Die Besetzung stützt sich nur auf die ersten Kräfte des Instituts: Else Gentner-Fischer (Marina), Elisabeth Kandt (Xenia), Gertrud Riedinger (Feodor), Magda Spiegel (Amme); John Gläser (Grigory), Otto
Spiegel (Amme); John Gläser (Grigory), Otto Fanger (Schusky), Robert vom Scheidt (Boris Godunow), Emmerich Weill (Pimen), Oskar Wittazscheck (Leibbojar, Blödsinniger). Spielleitung (Dr. Hubert Graf) und Bühnenbilder (Ludwig Sievert) waren auf der Höhe einer Qualitätsauffüh- rung. Als Dirigent ein Gast, Oscar Preuß, der aus- ......... „..„ _„ . „ ---------
gezeichnet auf Sauberkett und steigerunassähige An-j anstattung beginnt um 8 Uhr abends im Saale loge bedacht war, ohne. Zweifel auch seit Clemens „Zum Löwen .
Kraus einer der wirklich fähigsten Köpfe am Diri- gentenpuü der Frankfurter Oper sein dürfte. Der „Boris Godunow" ist unumstritten sowie Verdis „Fallstaff" die Einleitung einer neuen Hochblüte des Frankfurter Opernbetriebes . Dr. E. H.
âdmevi des VaEev Gvmphoure-Ovcheftevs in Vevlin
Berlin, 19. Nov. Ein für die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich bedeutsames Ereignis vollzog sich heute abend in der Philharmonie. Zum ersten Male seit der Vorkriegszeit spielte ein französisches Orchester in Berlin, und zwar gab das Orchestre Symphonique de Paris unter seinem Dirigenten Pierre Monteux ein Konzert, dessen Programm nur französische Komponisten umfaßte. Berlins größter Konzertsaal zeigte ein besonderes gesellschaftliches Bild, viele Persönlichketten des künstlerischen und geistigen Lebens waren anwesend, und vom Diplomatischen Korps waren u. a. der französische Botschafter und der polnische Gesandte erschienen. — Der stürmische Beifall, der nach den einzelnen Programmnummern und der starke Beifall, der schon beim Erscheinen des Dirigenten einsetzte, steigerte sich nach den einzelnen Programmnummern und endete am Schluß in lauten Ovationen, die sowohl dem Dirigenten als auch dem Orchester, dessen Qualitäten als sehr hoch anzusprechen sind, galten. Nach dem Konzert fand ein Empfang beim französischen Botschafter Frangois-Poncet stattt.
o Silcher-Volksliederabend der „Eintracht „Roßdorf. Am Sonntag, 26. d. M. veranstaltet genannter Verein sein diesjähriges Konzert. Es ist dem deutschen Volkslied gewidmet. Der Chor, unter Leitung des Chormeisters Heinrich Steinbrecher, Hanau, bringt diesmal nur Silcher-Lieder zu Gehör. Für den lolistischen Teil wurde Opernsänger Josef Gareis, Mitglied der Frankfurter Oper,, verpflichtet. Er wird zur Vervollständigung de; Programms mit Liedern zur Laute vor das Publikum treten. Josef Gareis ist in diesem Fach kein Unbekannter und als Meister anzusprechen. Die Der-
o L. G. Kolbenheyer, „Das Gesetz In dir" (Uraufführung, Staatliches Schauspielhaus, Dresden). Dieses Schauspiel in fünf Auszügen erlebte — neben Altenburg, Baden-Baden, Düsseldorf, Heilbronn, München, Weimar, im Staatlichen Schauspielhaus Dresden feine Uraufführung unter der Regie von Josef Gielen. Das Gesetz in dir, dieser Begriff in seiner variablen Auffassung, läßt uns einen tiefen Blick in das Hirn und Herz dieses Dichters tun. Kolbenheyer will die Mensckèn zu einer Selbstandacht, Selbstverantwortung und einer gesetzlosen Gesetzlichkeit erziehen. Diesen, durch innerste Ueberzeugung geheiligten Willen, den Menschen zu höherem Denken und klareren Gefühlen zu helfen, spürt man durch jede Phase feines Schauspiels. Prof. Bödding hat seine Sendung, das Gesetz in dir zu erkennen und sein Leben und Handeln danach zu richten, in sich erkämpft, und auch auf seine Frau übertragen, soweit sie dazu fähig ist. Sie kann seinen Gedanken folgen, ihn verstehen, doch kann sie es nicht fühlen und dadurch keine Ueberzeugung gewinnen. Sie ist für den Lebenskampf nur durch das Band gemeinsamer Zeugung gebunden. Seine Tochter — sein Blut — bringt ihm einen weit fruchtbareren Boden ent- S, doch als ihr eigenstes Ich durch Liebe unb
-n stark wird, wehrt sie sich durch Flucht, gegen die „Begriffsnetz«" ihres Vaters, die ihrem „Glück" entgegen zu stehen scheinen. Hier setzt die Handlung ein, mit der andere Dramatiker beginnen, um daraus das Drama zu entwickeln, während bei Kolbenheyer nur der Geist und das Wort an den Handlungshöhepunkt heranführen, so daß man überrascht ist, daß die nun folgende Handlung mit so stark theatralischen Mitteln arbeitet. Es folgt der schnelle Zusammenschluß der Liebenden, Mord, Selbstmord, Polizei und die Gerichtsverhandlung, in der Bödding, im Rahmen krimineller Untersuchung seine Lebensauffassung in weihevoller Form kundgivt und sich selbst verurteilt. Die Regie Josef Gielens ist eine große und schöne Leistung, weil die großen Dialogstellen, in denen jedes Wort wichtig ist, nicht gestört werden können und doch der Belebung bedürfen, was ihm besonders gut zwischen Bödding und dessen Fra« gelungen ist. Hervorragend auch das vorsichtige Dämpfen der Liebesund Mordszene Der fünfte Auszug entbehrt noch der Lockerung, die nur Geist und Seele zeichnet und den Rahmen des Gerichts und der Verhandlung
versinken läßt. Friedrich Lindner als Professor Bödding gab eine wundervolle Leistung tiefster Verinnerlichung und größter Einfachheit. Ihm zur Seite Alice Verden, die intensiv bemüht war, die etwas zwiespältige Rolle der Herta Bödding auszugleichen. Gewinnend in ihrer Mädchenhaftigeit Lotte Meyer als Sabine. Hingebend und überzeugend im Anfang, doch im dramatischen Höhepunkt noch nicht völlig ausgereift. Ihr Geliebter, Harry Beßmer, von Paul Hoffmann, anfänglich die Rolle durchaus erfüllend, war in der Monologszene brüchig und nicht mit der Gestalt verwachsen. In kleineren Rollen zunächst Erich Ponto, wirkungsvoll in der Maske und dem gläsernen, unwirklichen Klang seiner Stimme. Walter Kottenkamp, warm und lebenswahr. Neben ihnen Kleinoschegg, Paulsen, Farecht und Lotte Crusius. Das Publikum dankte dem Dichter, Gielen und seinen Darstellern durch nicht endenwollenden Applaus. Es war ein großer, ehrlicher Erfolg. (Georg Müller.) echn.
Kumov
Der Chauffeur, der Urlaub hat, führt sein Jüngstes spazieren.