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Nr. 263

Nankag, den S. November 1931

Seite 3

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Stadt Kanau

Wein lieber lie&ee Kveund!

Was soll diese zärtlich-vertrauliche Anrede? Du denkst natürlich: Ler will mich anpumpen oder sonst etwas von mir haben. Aber weit gefehlt! Ich will Dir was schenken. Etwas, was heute sehr selten ist. Ein großes Vertrauen! Ich will Dir die Wahrheit sagen. Das tut heute ja im Ernst fast niemand mehr. Selbst Deiner Frau hast Du es schon ziemlich abgewöhnt. Also, nun paß auf und hör' zu:

In der Stadt geht ein übles Gerücht über Dich. Schlimmmer: es ist durch Zeugen einwandfrei fest­gestellt, Du hast für das Winterhilfswerk nichts übrig. Sonst redest Du ja nicht unnötig viel. Als aber neulich die Rede auf das Winterhilfswerk kam, Hei, was konntest Du auf einmal lebendig werden, und was hast Du da alles herausgespru­delt: „In Hanau ist die Not ja noch gar nicht so groß", „Es geht wie immer, es kommt doch alles in die verkehrten Hände", „Wenn ich geben will, gebe ich unter der Hand an die, die es wirklich nötig haben" (verzeih', daß ich Dir in diesem Punkt nicht großes Vertrauen schenke). „Wir müs­sen bei Lem gekürzten Gehalt auch ganz anders wie sonst rechnen" und dergleichen mehr. ganz zu schweigen von Deinen politischen Ergüssen. — Weißt Du, was ich ganz einfach darauf antworte: „Pfui! Schäme Dich!" Du hast in Deiner Woh­nung, Sonne, Licht, Raum die Fülle. Du wohnst verhältnismäßig noch billig. Dp hast gesunde Kin­der. Bist selbst gesund. Du hast Arbeit und brauchst nicht damit zu rechnen, obgebaut zu werden. Du bekommst Dein Geld nicht mehr alles in einer Summe auf einmal, aber Du bekommst es und kannst damit rechnen. Du hast — ich weiß es — Dir in Deinem Hausholt noch manches schöne Stück in den letzten Jahren anschaffen können und es wurde in Deiner Behausung langsam immer schöner. Geh' doch einmal in die engen Woh­nungen der Stadt, wo die Kinder keine Luft und keine Sonne haben, kein Stück Garten da ist, wo der Familie etwas zuwächst, Krankheit hub Sorge zu Gäste sind, Kleider und Schuhe fehlen; laß Dir doch im einzelnen mal èrzählen, mit wieviel oder besser mit wie wenig wöchentlichem Gelde arbeits­lose und kinderreiche Familienväter auskommen müssen, und vergleiche dann noch einmal mit dem allen Deine Verhältnisse. Ob Du dann noch sagen magst: „Ich muß mich auch einrichten" oder ,^n Hanau ist die Not jo noch gar nicht so schlimm"? Damit genug für heute.

Dein Nathanael Spiegel.

Die Avbe'ismavktlage in Hessen und Hessen-Kassau

In der zweiten Oktoberhälfte hat die Arbeits­losigkeit bedeutend stärker zugenommen als wäh­rend der ersten Hälfte des Monats. Die Zahl der Arbeitssuchenden ist von 276 821 auf 284 508, also um 7687 oder 2,8 Prozent gestiegen (in der ersten Oktoberhälste um 5156 oder 1,9 Prozent). In den Saisonberufen hat sich der Jahreszeit entsprechend, die Beschäftigung merklich abgeschwächt; daher ent­fallen auch auf diese Berufsgruppen allein rund

' f»^ einzelnen stieg die Zahl der Arbeitsuchenden in der “ Gruppe Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Gärt­nerei um 261 oder 4,2 Prozent, im Baugewerbe J um 1708 ober 5,2 Prozent und in der Lohnarbeit wechselnder Art (einschließlich Bauhilfsarbeiter) um 1286 oder 2,5 Prozent, in der Industrie der Steine

und Erden um 1153 oder 7,9 Prozent. Neben den

genannten Äußenberufen haben von de» größeren mit 5 Prozent und das Gastwirtsgewerbe mit 4,6 Berufsgruppen eine über dem Durchschnitt von 2,8' Proz. In den Angestellten- und den übrigen Be-

Wendepunkt der inneren -Krise 7

Anreichen der Besserung trotz aller Schwierigkeiten - Die Wirt­schaft wird wieder Boden gewinnen, wenn die Politik ihre Stunde erkennt

Man soll nicht immer nur Schlechtwetterberichte bieten. Jede Wetterlage trägt in sich Anzeichen der Besserung. Das gilt auch von der deutschen Krise.

Vergleichen wir an den Richtzahlen unsere gegenwärtige Stellung auch nur mit den schon reich­lich krisenhaften Verhältnissen der Vorjahrszeit, also etwa das zweite Drittel Oktober 1931 mit Len glei­chen Tagen des vergangenen Jahres, dann können wir uns äußerst ernsten Ueberlegungen schwerlich entziehen Damals hatten wir 3,1 Millionen Arbeits­lose. Heute sind es fast 4,5 Millionen. Die Zahl der Wechselproteste liegt um mehr als zwei Drittel höher, die Ler Vergleichsverfahren verdoppelte sich, und beinahe geschah Las auch mit der Ziffer für die voll­kommenen Zusammenbrüche. Der Gold- und De­visenbestand der Reichsbank betrug im Vorjahre 270 v. H. des gegenwärtigen, wobei anzumerken ist, daß er uns damals ganz gehöte, während heute ausländische Geldsummen einen erheblichen Teil ausmachen. Der Geldumlauf des Vorjahres betrug aber nur 92 v. H der heutigen Umlaufsmasse. Nor­malerweise müßte der Geldumlauf heute viel ge­ringer sein als um die gleiche Zeit des Vorjahres, weil unsere Wirtschaft, wie die um 50 Prozent er­höhte Arbeitslosenziffer in überaus niederschmettern­der Weise zeigt, eine schmerzliche Schrumpfung er­fahren hat. Der vermehrte Geldumlauf äußert sich nicht aus dem Warenmarkt; denn dort sinken die Preise infolge Absatzmangels. Die Großhandelsricht­zahl fiel bis heute um 15 o. H., unter den Vorjahrs­durchschnitt; Lie Lebenshaltungsrichtzahlen blieben allerdings nur um rund 9 v. H. hinter der Dor- jahrslage zurück.

Während der Lebenshaltungsindex immer noch 34 v. H. über der Friedenslage steht, kosten im Groß­handel die pflanzlichen Nahrungsmittel 12,1 v. H. mehr als im Frieden; Dich erzielt im Großhandel jedoch nur noch 75,6 o. H. des Friedenspreises, an dem gemessen die Agrarstoffe zusammen nur 95,1 v. H. Ler Preise von 1913 ausmachen.

Hier zeichnet sich in den heutigen Einzelhandels­preisen nicht nur die Handelsspanne, nicht nur Ler Lohnanteil, sondern in entscheidendem Umfange der Steuer- und Abgabenanteil ab, der das Mehrfache der Friedenserfordernisse beträgt. Jede Ueberlegung der Preis- und Lohnfrage führt bei ruhiger, streng sachlicher Abwägung stets wieder auf die ungeheure Steigerung der Verwaltungskosten. Aus welcher Richtung man auch das Problem ansieht: Man stößt stets wieder auf diesen Punkt. Die Wirtschaft würde längst wieder stärkere Belebungszeichen aufweisen, wenn die Politik wenigstens schon im Bereich der Verwaltungsausgaben den notwendigen Abbau ge­leistet hätte. Der ungeheure Fehler, der trotz aller Notverordnungen und tatsächlich wirkungsvoll ge- worLenen Abbaumaßnahmen gemacht wird, besteht darin, daß alle diese Maßnahmen den Ereignissen folgen, anstatt ihnen voranzueilen. Die Verwal­tungsabstriche passen sich bei uns lediglich dem Er­schöpfungszustände der Wirtschaft an. Diese wird ausgeblütet, so daß sie mit den Steuern hinter den

^Wendung in der Krise aus eigener Kraft bei uns noch möglich ist. Und diese Kraft gilt es so verant- , , , , _ , wortungsbewußt, so entschlossen und so rasch wie

doch nicht eingehen können, machen sie Abstriche auf • möglich zu mobilisieren.

Erwartungen der Aemter zurüMleibt. Erst wenn diese sehen, daß die Einnahmen, die sie brauchen, dock nickt einaeben können, macken sie Abstriche auf <

Prozent liegende Zunahme zu verzeichnen: der rufen ist die Arbeitslosigkeit im Laufe der Berichts- Bergbau mit 9,5 Prozent, das Bekleidungsgewerbe zeit nur leicht gestiegen.

‘ 3 Die Arbeitssuchenden in der Papier- und Leder- - industrie sowie der Gruppe Theater, Musik haben

dem Wege der Notverordnungen. Sie beseitigen also das, was überhaupt schon nicht mehr vorhanden war, anstatt im richtigen Augenblick Lurch ein wirk­liches Opfer Lie Wirtschaftsschwäche zu unterlaufen und dadurch die Voraussetzung für wirkliche und spürbare Steuerabstriche zu schaffen.

Wie fruchtbar eine zur rechten Zeit opferwillige Politik der Verwaltung selbst heute noch für Lie Wirtschaft werden könnte, lassen Lie Anzeichen einer Besserung Ler Wetterlage erkennen, von Leren Vor­handensein diese Betrachtung ausging. Das ein­drucksvollste Zeichen für wirtschaftliche Erholungs­möglichkeiten ist Ler überraschende Betrag der Am­nestieanleihe zur Arbeitsbeschaffung bei Ler Reichs­bahn. In den 214 Millionen RM, die als Zeich­nung vorliegen, ist ein guter Teil rückfließendes Kapital, das ins Ausland geflüchtet war, aber auch ein erheblicher Betrag der Gelder, die als „Umlauf" gerechnet werden, jedoch arbeits- und zinslos in den sogenannten Sparstrumpf zu Hause gewandert waren. In dem 214-Millwnen-Ergebnis kündigt sich ein erstes Wiederaufkeimen des durch soviele bru­tale Schläge betäubten Vertrauens der Sparer an, die durchschnittlich, soweit sie als Effektenbesitzer der Industrie Vertrauen zuwandten, verglichen mit dem Vorjahr genau Lie Hälfte ihres „sicher" angelegten Arbeitsertrages verloren Die Zeichnungen der Steuersünder betragen nur etwa 22 Millionen RM, fallen also hier kaum zu Buche.

Aber weiter auf der Suche nach Anzeichen für eine mögliche Besserung Ler Wetterlage. Die ge­naueren Septemberausweise unseres Außenhandels lassen erkennen, daß die Pfundschwäche noch nicht auf den Magen Deutschlands schlägt. In Eisen- und Textilerzeugnissen, in Lenen wir am stärksten mit England im Wettbewerb stehen, konnten wir sogar noch an Boden gewinnen. Das Metalltermingeschäft in Berlin war im Oktober zeitweilig sehr lebhaft. Die Umsätze sind von 7860 Tonnen im September auf 10 790 Tonnen im Oktober gestiegen gegenüber nur 7930 Tonnen vor einem Jahre. Wird berück­sichtigt, daß die Börse im September nur während zwei Drittel des Monats geöffnet war, so ergibt sich, auf einen Börsèntag berechnet, eine Tagesumsatz­steigerung von 1 Tonne. Die Massenkündigungen von Angestellten Ler Metallindustrie erfolgten nicht aus wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten, sondern gehören in den Kreis der Maßnahmen und Auf­gaben, die der Wirtschaftsbeirat friedlich-schiedlich angreifen soll; denn die metallverarbeitende In­dustrie meldet gleichzeitig einen höheren Auftrags­bestand. Die etwas verbesserte Geschäftslage in der chemischen Industrie und noch in anderen Wirt­schaftszweigen läßt sich nicht als die „übliche Herbst­konjunktur" abtun Es ist schon etwas, Laß 1931 wenigstens in diesem Punkte bei der Norm bleibt; denn Las bedeutet ein Wiederfinden der alten Kräfte, also gegen den Sommer einen Gewinn. Man soll ihn nicht überschätzen. Man soll ihn aber sehen und daraus lernen, daß eine langsame, aber sichere

geringfügig abgenommen. Die Zahl der Haupt- unterstützungsempfänger in der Arbeitslosenver­sicherung und Krisenfürsorge ist von insgesamt 141759 um 6294 und 148 053 gestiegen; davon er­hielten Arbeitslosenunterstützung 68 685 — 46,4 Prozent, Krisenunterstützung 79 368 — 53,6 Pro­zent. Auf 1000 Einwohner entfielen am 31. Ok­tober 76,2 Arbeitsuchende (gegen 74,1 am 15. Ok­tober), 18,4 Hauptunterstützungsempfänger in der Arbeitslosenversicherung (17,6) und 21,3 (20,3) Hauptunterstützungsem'pfänger in der Krisen­fürsorge.

* Histor. Dafen für 10. November. 1419: Hanau von Kurmainzern belagert. Das 10 Uhr« Läuten unterbleibt. 1483: Martin Luther in Eis­leben geb. 1759: Friedrich von Schiller in Mar­bach geb. 1810: Reichsgerichtspräsident Eduard von Simson geb.

* Line alle schöne Sitte. Unsere Vaterstadt, die so manchen politischen Sturm über sich hat ergehen lassen müssen, weiß manche hübsche Ueberlieferung hochzuhalten und bis auf den heutigen Tag als unentreißbares Gut zu bewahren. Der 10. No­vember, der einst 3 großen Deutschen, nämlich Luther, Scharnhorst und Schiller das Leben schenkte, spielt in der Geschichte Hanaus eine lokal- historische Rolle durch eine Begebenheit, die wert ist, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Im Jahre 1419, also von 512 Jahren, wurde das damals nur auf das Gebiet der Altstadt — die Neustadt wurde ja erst 1597 gegründet — beschränkte Hanau, das bekanntlich festungsartigen Charakter hatte, von der Steinheimer Seite her von kurmainzischen Truppen belagert und sollte bei Einbruch der Abendruhe, die durch das herkömmliche 10-Uhr- Läuten äußerlich kenntlich gemacht wurde, über­rumpelt werden. Allein der Zufall brachte es mit sich, daß dies Vorhaben zur Kenntnis der Hanauer kam, die sich vornahmen, in der kritischen Nacht besonders auf der Hut zu sein und alles zu tun, um die feindliche Absicht zu durchqueren. Abends 10 Uhr blieb die Glocke der altehrwürdigen, schon 1322 errichteten Marienkirche stumm, die Feinde warteten vergeblich auf den Glockenschlag, so daß sie bei Eintritt der Tageshelle verärgert abziehen mußten. In der Stadt war in der fraglichen Nacht unbeschreiblicher Jubel. Graf Reinhard konnte mit Worten seiner Freude darüber, daß die Hanauer es so geschickt verstanden hatten, das Joch der Knechtschaft abzuschütteln, kaum Ausdruck geben, er verordnete, daß am 10. November jeder Bürger der Altstadt ein Maß Wein aus dem gräflichen Keller erhalten sollte, welcher Brauch bis zum Jahre 1832 beibehalten wurde. Das 10-Uhr-Läuten aber unterbleibt heute noch.

* Lin raffinierter Diebstahl wurde am Freitag in der Freigerichtstraße gegen 19.20 Uhr ausgeführt: Ein unbekannter Mann stahl eine gefüllte Einkaufs­tasche aus einem Korb, Len eine Frau mit ihrer Tochter trug. Die Tasche enthielt: 1 Büchse mit 2 Pfund Wachs, 1 neue Gummischürze, 1 Futteral mit 1 Doublë-Brille, 1 Pfund Dörrfleisch, Zucker und Salz je 1 Tüte, 1 Zitrone, Hefe und Portemonnaie mit Inhalt: 1 Fünfmarkstück, 1 Fünfzigpfennigstück und etwas Kleingeld. Weiter befanden sich in Ler Tasche 3 Schlüssel. Der Täter wird wie folgt beschrie­ben: etwa 28 Jahre alt, ca. 1,70 Meter groß, kräf­tig, breitschulterig und trug graue Hose. Personen, die hierzu irgendwelche Angaben machen können,' werden gebeten, Lies dem hiesigen Kriminal­kommissariat, Zimmer 248b zu melden.

* Lin Kellerbrand brach am Samstag vormittag gegen %10 Uhr in einem Anwesen der Gustav Adolfstraße aus. Die Feuerwehr griff mit einer Schlauchleitung ein und löschte den Brand in kür­zester Zeit.

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von Earl Otto Windecker

Copyright 1930 by C. 0. Windecker.

(Nachdruck verboten.)

4. Fortsetzung.

Marcel Laroche grinste ein wenig spöttisch. „Ist es dir so unangenehm, mit alten Freunden eine Tasse Kaffee zu trinken? Daisy würde sich sicher freuen."

Gaston hatte erschrocken die Lippen zusammen­gezogen, als er den Namen hörte.

„Wer? Daisy?" ,

„Gewiß. Daisy Gilbert, mon vieuxl' Laroche lauerte.

„Nun gut!" meinte Gaston nach kurzem Ueber- legen. „Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen.'

Daisy Gilbert lächelte ein süßes Lächeln, als Gatston an ihrem Tisch stand. „Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, mein Freund," meinte sie.

„Allerdings," gab Gaston etwas gezwungen zurück, indem er sich setzte. „Ich gestehe, daß ich damals sehr unhöflich war, dir nicht Adieu zu sagen." . ,

„Es sei verziehen, wenn du es wieder gut­machst," lächelte die Frau, ihren Arm auf Gastons Hand legend. , ,. .

Ihr Begleiter lachte etwas rauh auf. „Suß finde ich das, Daisy. Habe ich dich darum mit nach Monte genommen, damit du deine alten Liebhaber wieder aufnimmst?" , .

Daisy verzog das Gesicht. Gaston warf einen raschen Blick zu dem früheren Kameraden hin­über. , „ . ,

„Keine Sorge. Daisy beliebt zu scherzen, meinte er dann beruhigend.

Schweigend, verstimmt tranken sie ihren Kaffee. Dann erhob sich Gaston: „Lebt wohl, Kinder, meine Zeit ist sehr knapp." Er reichte Daisy die Hand, die sie, gekränkt, kaum berührte.

„Du gehst schon?" fragte Laroche, aus seinem zornigen Schweigen aufsehend. Aber nichts schien ihm angenehmer. Gaston schüttelte ihm die Hand.

Er atmete auf, als er die Straße erreichte. Das lag nun alles hinter ihm. Daisy Gilbert, seine Pariser Freundin, Marcel Laroche, der Kriegs­kamerad und Waffenbruder in Algier und Palä­

stina, — vorbei, aus. Hastig eilte er dem Hotel Mediterranëe zu, und es war nicht mehr der frü­here Leutnant Fauchat, sondern der junge Indu­strielle Jean-Marie Audet, der höflich auf den er­gebenen Gruß des Hotelportiers dankte.

Als Gaston Audets Zimmer betrat, erschrak er heftig. Audet saß am Schreibtisch, in der Linken den Browning, die Rechte aus dem Hörer des Telephons. Seine Uhr lag vor ihm.

„Ich habe Ihnen noch fünf Minuten Zeit ge­geben," sagte er drohend. „Wo waren Sie?"

„Ich halte den Ton dieser Frage Ihrer Er­regung zugute," antwortete Gaston bestimmt. „Ich traf Freunde. Hier ist das Geld." Er schob Audet die Brieftasche hin.

Audet schien sich zu beruhigen. „Behalten Sie das Geld. Ich brauche nur eine Kleinigkeit, — vielleicht dreitausend Francs davon," sagte er, Uhr und Pistole einsteckend. „Wir fihb heute abend zum letzten Mal zusammen."

Wieder erschrak Gaston. „Was soll das heißen?"

„Daß ich morgen verschwinde," war Audets lakonische Antwort.

Wie ein Alpdruck legte es sich auf Gaston. „Sie sind irrsinnig," flüsterte er entsetzt.

„Möglich," erwiderte Audet ruhig.

„Hier," er wies auf ein versigeltes Kuvert auf dem Schreibtisch, „das ist der letzte Wille — wenn Sie so wollen — des abtretenden Audet. Ihre Pflicht ist es, ihn durchzuführen. Ich habe Ihr Wort?"

„Sie haben es."

Es klopfte.

„Ich habe ein nettes Abschiedsessen bestellt, mein Freund," sagte Audet nun im veränderten Ton zur Tür gehend. „Verschwinden Sie im Neben­zimmer, bis der Kellner gedeckt hat."

Gaston folgte der Aufforderung.

Eine Viertelstunde später schenkte Audet die Gläser voll Wein. „Vielleicht habe ich damit sogar ein großes Werk vollbracht, daß ich Ihrem nichts­nutzigen Leben eine Aufgabe gab — wenn es auch ein Vernichtungswerk ist," meinte er dabei spöttisch. „Daß Sie mich für einen Wahnsinnigen halten, nehme ich Ihnen nicht übel. Ich selbst glaube, daß ich nie etwas Vernünftigeres getan habe."

Schweigend stieß Gaston mit dem anderen an.

„Daß mein Werk gelinge," sagte Audet heraus­fordernd.

Gaston antwortete nicht.

Am nächsten Morgen war Audet verschwun­den. —

in.

Eintönig, einschläfernd rasselten die Räder des Zuges über die Schienen. Mit einer Unaufhaltsam- keit, gegen die sich Gaston vergebens wehrte. Die Schweiz und die ersten Städte hinter der deutschen Grenze waren schon vorbei, — es wurde dämmerig. Draußen auf den Feldern lag stellenweise noch Schnee, bläulich, gespenstisch schnell huschten die Lichter des dahinrasenden Zuges über das schmutzige Weiß. Gaston fröstelte und drückte sich enger in die Ecke des Abteils. Er war allein.

Er griff in die Tasche, — da waren Audets Uhr, Audets Zigarettenetui, seine Brieftasche, sein Paß. Audet — Audet--— Gaston fuhr sich er­regt mit der Hand durch die Haare. — War er Audet? Hatte er mit der Mission, mit dem Anzug, den Utensilien auch- jenen Menschen in sich ausge­nommen, der noch in den letzten Stunden so ruhig kalkulierte, wieviel er in den Tavernen ausgeben müsse, um den Mut zum Selbstmord aufzubringen? Es überlief ihn. An der nächsten Haltestelle kaufte er alle französischen Zeitungen, die er erhalten konnte. Von einem neuen Selbstmord in Monte Carlo stand nichts darin.

Endlich beruhigten sich die jagenden Gedanken, Gaston schlief ein. Er träumte unangenehm, wachste wiederholt auf, um immer wieder in diesen schwe­ren, quälenden Schlaf zu verfallen. Die Anspan­nung der Nerven machte sich bemerkbar.

Uebermüdet und mit dem Gefühl, rußig und schmutzig zu sein, wachte er erst auf, als an einer Station das elektrische Licht des Wagens erlosch. Er hatte ein dumpfes, drückendes Gefühl im Kopf und taumelte mehr, als daß er ging, als er die Toilette aufsuchte, um sich zu waschen. Bald nach­dem er in feinem Abteil wieder Platz genommen hatte, lief der Zug in die große Bahnhofshalle der deutschen Stadt, die fein nächstes Ziel war, ein. Gaston verlieh den Zug.

Auch hier kaufte er Zeitungen und blätterte sie mit wachsender Unruhe durch. Er blieb mitten im Trubel der Bahnhofshalle stehen. Daß ihn die Vorübergehenden stießen und drängten, bemerkte er gar nicht. Die erwartete, vielleicht sogar er­sehnte Meldung fand er nicht.

Im Hotel nahm Gaston ein Bad, dann früh­stückte er ohne großen Appetit. Eine Stunde nach

feiner Ankunft saß er, nach vorheriger telepho­nischer Verständigung, schon im Kraftwagen, der chn nach der wohl eine Stunde entfernten großen deutschen Automobilfabrik bringen sollte. Er ge­stand sich, daß er ein wenig Herzklopfen hatte.

Er fuhr durch kleine Städte, über Landstraßen, die nicht sehr gut waren. Er erstaunte über die Ausdehnung der Autofabrik, vor der sein Miets­wagen oorfuhr. Der Portier hatte bereits Anwei­sung, ihn nach den Empfangszimmern zu führen. In der Vorhalle warteten Vertreter unb Reisende und langweilten sich.

Dann saß Gaston in einem kleinen, engen, mit roten Möbeln ausgestatteten Empfangszimmer des Generaldirektors. Selbst die Aschenbecher zeigten die Firmenmarke, an den Wänden hingen Reklame- prospekte und Bilder.

Gaston wartete nicht lange. Die Türe wurde sehr energisch aufgerissen, Gaston erhob sich und sah sich einem nur mittelgroßen, jungen blonden Menschen gegenüber, dessen kluge, Helle Augen ihn hinter einer 'goldgeränderten Brille hervor muster­ten.

„Monsieur Audet? I'ai J'honneur . . ."

„Sprechen wir doch deutsch," unterbrach ihn Gaston liebenswürdig, „ich freue mich sehr, Ihrer Sprache mächtig zu sein."

Man wechselte ein paar konventionelle Redens­arten, bis ein Bürodiener Zigaretten und Zigarren gebracht hatte.

Dann begann der Besucher den Zweck seines Hierseins dazulegen. Gaston sprach gut und flie- zend, er hatte schon immer die Fähigkeit, überlegt mb klar vorzutragen. Was er von der allgemeinen Krisis der europäischen Automobilindustrie sagte, chien dem Deutschen überzeugend zu sein.

„Wir kommen solange auf keinen grünen Zweig, wie wir uns auf nationale Industrien kaprizierech" chloß Gaston. „Es ist unmöglich, bei der Zollpolitik mserer Staaten den Produktionspreis der ameri­kanischen Industrie zu unterbieten. Ich sehe die einzige Möglichkeit in einem europäischen Zusam­menschluß der Autoindustrie."

Der Deutsche wiegte nachdenklich den Kopf. „Glauben Sie, daß wir den Geschmack unseres europäischen Konsumenten derart rasch umstellen können, daß er den als Ziel zu nehmenden euro­päischen Einheitswagen akzeptiert?"

(Fortsetzung folgt)