Nr. 259 Mittwoch, den 4. November 1931
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«Stadt Kana« wieviel Gebrechliche lebe« I« Sana«?
i Die Statistik stellt fest: 170 Personen mit körperlichen Gebrechen, 43 mit geistigen Gebrechen. 36 Taubstumme und Ertaubte, 12 mehrfach Gebrechliche, zusammen 272.
Die nunmehr vorliegende Zählung der Gebrechlichen nennt uns erschreckende Ziffern: es gab im Deutschen Reich 430 000 Personen mit körperlichen s Gebrechen, 230 000 mit geistigen Gebrechen, 45 000 Taubstumme und Ertaubte, sowie 33 000 Blinde, . im ganzen also über 700 000 Personen mit einem Leiden, das ihnen den vollen Gebrauch der körper- V lichen oder geistigen Fähigkeit versagte. Besonders 5 schwer betroffen sind die Männer. Krieg und Be- l ruf haben zahlreiche Verletzungen verursacht, so daß - zwei Drittel aller Gebrechensfälle die männliche - Bevölkerung treffen. Allein 26 000 Männer (und 3200 Frauen) haben einen Arm verloren, 35 000 und (3600 Frauen) ein Bein, 480 sogar zwei Arme und 2500 Arm und Bein. Rund 100 000 Personen sind gelähmt. Dazu kommen noch viele mit ähnlichen Gebrechen, nur daß ihre Leiden etwas leichter sind. Von je 1000 Personen im Deutschen Reich haben 11 ein Gebrechen, zweifellos ein uber- aus hoher Anteil.
k. In Hanau wohnen 9 männliche und 2 weibliche i Blinde, 20 männliche und 10 weibliche Taub- ; stumme, je 3 männliche und weibliche Ertaubte, 78 männliche und 41 weibliche Personen mit schweif ren und 55 bzw. 6 mit leichten körperlichen Gebrechen, 23 männliche und 20 weibliche Personen fc mit geistigen Gebrechen und 6 bzw. 2 körperlich : und geistig Gebrechliche. Dazu kommen noch je ein Blinder und ein Taubstummer mit weiteren fchwe- I ren Gebrechen. Im ganzen sind dies 196 Männer und 76 Frauen. Auf 1000 Einwohner entfallen in f Hanau somit etwa 7 gebrechliche Personen gegenüber 11 im Reichsdurchschnitt. Dieses günstige Verhältnis hängt natürlich auch damit zusammen, daß viele Gebrechliche nicht am Heimatsort wohnen, R sondern in Anstalten untergebracht sind. Im Land- kreis Hanau ist das Verhältnis etwas schlechter als fin Hanau selbst. Hier kommen auf 1000 Einwoh- K Tier bereits 8 Gebrechliche. Wir finden dort 30 ■ Blinde, 31 Taubstumme und Ertaubte, 242 körperlich schwer und 143 körperlich leicht Gebrechliche sowie 53 geistig Gebrechliche.
Auch in der ganzen Provinz Hessen-Nassau liegt die Zahl der Gebrechlichen mit 10 je 1000 D Einwohner noch unter dem Durchschnitt. Jmmer- ß hin sind es doch 27 000, darunter 1168 Blinde, .1388 Taubstumme, 15 500 körperlich Gebrechliche und fast 9500 Geistesschwache und Geisteskranke, p Gehen wir den Ursachen nach, so sehen wir, daß von 11000 körperlich gebrechlichen Männern 5500 Kriegsbeschädigte sind. In etwa 2000 Fällen ist das Gebrechen angeboren. Erschreckend hoch ist die Zahl der geistig Gebrechlichen. Allein 1656 männliche und 1741 weibliche Personen sind in unserer Provinz geisteskrank, rund 3000 Personen ' -leiden untSr angeborenem und fast 900 unter er- wordenem Schwachsinn, etwa 4500 unter gehäuften epeleptischen Anfällen. Der größte Teil dieser Bedauernswerten lebt in Heil- und Pflegeanstalten. ^Bemerkenswert ist, daß rund 1500 geistig Gebrech- , fliche verheiratet sind, Solchen Ehen entstamen fo- W gar 900 lebende Kinder. Dr. —r.
Vom Ankläger zum Auseklasten
Helle Empörung herrschte gestern allenthalben im Sitzungssaal des hiesigen Schöffengerichtes, als “eine kleine, abgehärmte Ehefrau ihre Leidens- , gefchichte zu erzählen begann. Ihr eigener, auf W Ehescheidung erpichter Gatte hatte sie auf die An- W klagebank gebracht, hatte Anzeige wegen fahr- K lässigen Falscheides gegen seine einstmalige Le- § bensgefährtin erstattet, der er soviel zu verdanken U hatte. Eine überaus traurige Angelegenheit, die U nicht scharf genug gegeißelt werden kann. Als hilf- ■ loses Opfer stand die arme Frau gestern vor dem H Gerichtshof, der weitgehendstes Verständnis für i ihre Lage aufbrachte und auch mit seiner Meinung ■ über den Anzeiger nicht hinter dem Berge hielt. ■ Ein Glück vielleicht für jenen, daß er seine Aussage
Seelische Hygiene
Die Bedeutung der Hausfrau in der jetzige« «otrett - Häusliche Vsychsanalyse — Wie der Mann behandelt werden mutz Die Aoi der Jett läßt sich seelisch bekämpfen
Es gibt nicht nur eine körperliche Hygiene, sondern auch eine seelische, die mindestens ebenso notwendig und heilsam ist, wie die Pflege des Organismus. Erfreulich ist dabei, daß im allgemeinen für die seelische Behandlung der Arzt überflüssig ist. Die Hausfrau spielt in der Familie auf diesem Gebiete die allerwichtigste Rolle.
Wer hätte an sich noch nicht die Erfahrung gemacht, daß er Unanehmlichkeiten im Geschäft, Verluste und Mißerfolge schnell überwindet, wenn er nach Hause kommt, und sich mit seiner Frau darüber aussprechen kann. Wenn er eine kluge, psychologisch feinfühlende Frau hat, dann ist er in besten Händen, denn sie versteht es, denn Mann zu beruhigen, ihm die Unannehmlichkeiten, die er als leidender Teil aus begreiflichen Gründen meist überschätzt und zu schwer nimmt, im richtigen Lichte darzustellen und ihn zu trösten und ihm so die Kraft zu geben, das Unabänderliche zu vergessen und zu neuen Zielen zu streben. Es ist eine Art häusliche Psychoanalyse, die hier getrieben wird und die schönsten Erfolge zeitigt. Dieselben Männer, die mißmutig und bedrückt nach Hause kommen und an der Zukunft schon verzweifeln wollen, gehen eine Stunde später frohgemut und ganz anderen Sinnes frisch an die Arbeit und sehen die Welt in einem viel helleren Lichte. Das ist seelische Hygiene. Wenn nämlich ein Mann zu Hause dann eine Gattin vorfindet, die chm noch Vorwürfe macht und erklärt, daß sie es immer vorausgesehen habe, daß Schwarze noch schwärzer malt und sich und ihr Schicksal beklagt, das sie an die Seite dieses unfähigen Mannes gefesselt hat, dann wird der Mann völlig unfähig sein, die Miß- helligkeiten oder Verluste zu überwinden. Er wird seelisch zusammenbrechen oder mindestens sehr schwer leiden. Dieses Verfahren ist das Gegenteil der seelischen Hygiene. Auf körperliche Dinge bezogen ähnelt es dem unmutigen Verfahren, das einen Verwundeten zwingt, den Verband von seiner Wunde abzureißen und die Wunde zu ver- arößern. Körperliche Dinge sind äußerlich sichtbar. Keine Frau wird ihren Mann, der verwundet ist, die Wunde vergrößern, denn sie weiß, daß dies schädlich ist. Seelische Wunden sind aber nicht zu sehen, und darum kommt es häufig vor, daß diese auch im besten Glauben verschlimmert werden. Die jetzige Zeit der Not bringt allenthalben den Männern und Ernährern der Familie fast täglich Unannehmlichkeiten. Wenn sie selbständig sind, dann merken sie mit Entsetzen, daß ihre Geschäfte einschrumpfen und sie fürchten den Tag, wo sie nicht mehr so viel verdienen werden, um ihre Familie ernähren zu können. Sind sie Angestellte in irgend
verweigerte und sofort entlassen wurde. Wer weiß, was sonst bei der im Zuhörerraum vorherrschenden Stimmung noch alles geschehen wäre.
Man muß schon weiter ausholen, will man die Leidensgeschichte der bedauernswerten Frau richtig verstehen. In Belgien erblickte sie das Licht der Welt, als Flüchtling kam sie mit ihrer deutschen Mutter bei Kriegsende in einem Militärtransportzug nach Deutschland. Durch Pensionatserziehung der deutschen Sprache einigermaßen mächtig, tat sie im Kriege Dienste in einem deutschen Industriebüro in Mons und fürchtete aus diesem Grunde die Rache ihrer Landsleute. Auch die Mutter fühlte sich nicht sicher in chrer zweiten Heimat, da sie gegenüber den deutschen Truppen nie ihr wahres Empfinden verleugnet hatte. Das Schicksal verschlug sie nach Hanau, da im nahen Bruchköbel der . Zug des Eisenbahnregimentes, mit dem die beiden Flüchtlinge die belgischen Grenzpfähle hinter sich gelassen hatten, seiner Auflösung und Abwicklung harrte. In Hanau lernte sie dann nach einiger Zeit chren Mann kennen, dessen erste Ehe bereits geschieden war. Tüchtig und arbeitssam wie sie
nur die ganzen Ersparnisse, auch Haus und Hof gingen dabei drauf und schließlich wurde die Arme noch zum Offenbarungseid getrieben, aus dem ihr hinterher der eigene Ehemann den Strick drehte. In ihrer Aufregung, die damals in einem völligen Nervenzusammenbruch gipfelte, und in ihrer Unkenntnis der deutschen Rechtsgesetze hatte sie einige Haushaltungsgegenstände in dem Vermögensverzeichnis aufzuführen vergessen. Größtenteils mehr oder weniger altes Gerümpel zwar, abet dennoch eine hinreichende Handhabe für den Ehemann, um Anzeige gegen seine einstige Gefährtin zu erstatten und auf diesem ungewöhnlichen Wege vielleicht er« folgreich mit einer neuen Ehescheidungsklage durchzudringen.
Als Angeklagte stand das Opfer des einstigen Ehemannes gestern vor Gericht, das nach den Buchstaben des Gesetzes zu einer Verurteilung schreiten mußte, die bei Lage der Dinge so ganz dem menschlichen Empfinden entspricht. Schon der Staatsanwalt stellte dieses bittere „muß" in den Vordergrund seiner Anklagerede, die mehr einer Verteidigungsrede gleichkam. Das Gericht erkannte schließlich auf 1 Monat Gefängnis wegen fahrlässigen Falscheides und fetzte die Strafe sofort aus. wie eine solche Aussetzung bereits der Staatsanwalt beantragt hatte. Mit Tränen in den Augen nahm das unglückliche Opfer das Urteil an, in Angst und Sorge um die Zukunft sich verzehrend, da ihr Ehemann neuerlich gedroht hat, er werde sie bei einer evtl. Rückkehr nach Belgien wegen chrer einstigen Tätigkeit für die Deutschen bei den dortigen Behörden anzeigen. Jeder weiterer Kommentar erscheint angesichts der mehr als erschütternden Tatsachen für überflüssig. Die Szene aber ward zum Tribunal für den Ankläger.
einem Betriebe, dann droht Gehaltsabbau und Entlassung. Kurz, es gibt kein« Familie, wo heute nicht Sorge und Kummer zu Hause sind oder wenigstens befürchtet werden müssen. Darum ist gerade heute die seelische Hygiene das wichtigste Erfordernis, um den Ruin der Familie zu verhüten. Es ist überflüssig, dem Mann, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, zu klagen, daß die Einkünfte geringer geworden und Einschränkungen darum auch im Haushalt erforderlich geworden sind. Der Mann weiß das. Er beklagt es im stillen, denn er möchte gern seiner Familie das Schönste und Beste bieten. Wichtig ist dagegen, daß alles getan wird, um seine Arbeitskraft aufrecht zu erhallen, seinen Mut zu stärken, um den schwierigen Zeiten standzuhallen und womöglich Maßnahmen zu treffen, den Schwund der Substanz und den Schwund des Geschäftes zu bekämpfen. Die Frau sei darum dem Mann eine Genossin, mit der er den Stand der Dinge erörtern kann. Dann werden die Unannehmlichkeiten schon den größten Teil ihrer Schwere verloren haben. Die Frauen sind in wirtschaftlichen Dingen meist klug und geschickt. Sie wird darum auch als Beraterin des Mannes große Erfolge erzielen, und wenn selbst die Ratschläge nicht sofort dem Geschäft Nutzen bringen, dann sin'' sie auch noch kostbar und wertvoll, denn sie sind ein Mittel der seelischen Hygiene. Der Mann, der in den Stürmen der Zett steht, fühlt, daß er im Hause eine Stütze hat, und dieses Bewußtsein ist — das wird jeder Mann bezeugen — für den Mann von unersetzli^-m Werte. Das Haus und Heim muß für den Mann die Zufluchtstätte sein, wo er niet'* nur etwa vor seinen Sorgen fliehen kann, um sie leichtsinnig hinter sich zu lassen — denn dazu ist heute keine Zeit, sondern wo er sich über seine Sorgen aussprechen und beraten kann. Dabei wird sich auch eine Gelegenbeit finden, die hauswirtschatt- lichen Dinge zu besprechen und die Nöte, in die die Hausfrau versetzt worden ist. Am meisten bedarf der Mann der seelischen Hygiene, wenn er seine Arbeit verliert. Wenn er zu Hause noch Vorwürfe und Zank findet, dann wird er sich außer- balb des ^uuies beim Alkohol zu trösten versuchen. Wenn er aber in seiner Frau die Kameradin findet, die tanfer in den Tagen der möbt-n Not zu ihm steht, dann wird er zum Lebenskämpfe gestärkt werden, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Dem Takt einer guten Gattin kann man es überlasten, nach diesen Leitsätzen den Weg der richtigen seelischen Hygiene für den Mann zu finden. Auch die Männer sind verschieden und müssen je nach Charakter und Temperament behandelt werden.
war, gründete sie sich mit eigenen Mllteln ein kleines Geschäft, das auch gut, florierte und mit der Zeit soviel abwarf, daß man zum Hauskauf schreiten konnte. Ein jetzt 10 Jahre alter Junge entsproß der Ehe und alles schien in schönster Harmonie, bis dann eines Tages das Unglück jäh über sie hereinbrach.
Wie es zu den ersten ehelichen Zerwürfnissen kam, sei dahingestellt. Das weibliche Element dürfte dabei nicht eine untergeordnete Rolle gespielt haben, wie der Ehemann ja auch heute nach einem von chm betriebenen, erfolglosen Ehescheidungsprozeß seine Frau sitzen gelassen hat und mit einer neuen Gefährtin in wilder Ehe zusammenhaust. Damit noch nicht genug, verdankt die verlassene Frau, die ihr Söhnchen inzwischen der Obhut der längst nach Belgien zurückgekehrten Mutter anvertraut hat und sich als Wohlfahrtsunterstützte schwer durchs Leben schlagen muß, auch ihren völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch dem heute als Ankläger auftretenden Ehemann. Bürgschaften hatte sie für ihn geleistet, als er eine nicht allzu lange bestehende Motorradhandlung betrieb, nicht
* Daten für 5. November. 1494: Der Dichter Hans Sachs in Nürnberg geb. 1757: Schlacht bei Roßbach. 1919: Der Historiker Julius v. Pflugk- Hartung in Berlin gest.
* Ihren 75. Geburtstag feiert am 8. November in körperlicher und geistiger Frische Frau Maria Bauer Witwe, geb. Hau, Langstr. 72.
* Stille Tage. Die Polizei teilt mit: Nach Artikel I der Regierungs-Polizeiverordnung vom 15. 11. 1928 — Amtsblatt Nr. 46 vom 17. 11. 28, S. 272 — dürfen an den Vorabenden des Bußtages und des Totenfestes sowie an den beiden Tagen selbst weder öffentliche noch private Tanzmusiken, Bälle und ähnliche Lustbarkeiten in öffentlichen Lokalen veranstaltet werden. Am Bußtag dürfen außerdem keine öffentlichen theatralischen Vorstellungen, Schaustellungen und sonstige Lustbarkeiten stattfinden. Ausgenommen von diesem Verbot ist die Aufführung ernster Musikstücke (Oratorien usw.), sowie weiter die Aufführung allgemein ernster Stücke in Theatern und die Vorführung von Filmen religiösen oder legendären Inhalts, sowie Lehrfilmen und die von der Bildstelle des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht in Berlin oder der Bayerischen Lichtbildstelle in München für künstlerisch oder volksbildend erklärten Filme, mit Ausnahme derjenigen humoristischen Inhalts in Lichtspieltheatern.
* Diebstahl. Am 2. d. M. wurde von einem Wagen, welcher mit Persil beladen und vor dem Zeughaus auf dem Platz der Republik ausgestellt war, eine Kiste mit 50 Paketen Persil gestohlen. Als Täter kommt eine große schlanke Person, ungefähr 30 Jahre alt, in Frage. Die mit hellem Rock und dunkler Hose bekleidete Person ist gesehen ^worden, als sie mit der Kiste in der Richtung Fahrstraße davonging. Sachdienliche Mitteilungen über den Verbleib der Kiste und über den Täter erbittet das Kriminal-Kommissariat.
* Notverordnung und Krankenkassen. Wie uns die Deutschnationale Krankenkasse in Hamburg, die mit ihren 450 000 Versicherten zu den größten Versicherungsunternehmungen Deutschlands zählt, soeben mitteilt, hat sie jetzt abermals eine Senkung ihrer Beiträge durchgeführt. Es ist dies bereits die dritte Bellragsermäßigung seit dem Erscheinen der ersten Notverordnung zur Krankenversicherung. Dank besonderer Maßnahmen konnte der namhafte Abbau der Beiträge vorgenommen werden, ohne durch ihn den Kern des Leistungsprogramms zu erschüttern. Im besonderen blieb der hervorragende Schutz im schweren Krankheitsfall voll gewährt.
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von Earl Otto Windecker
Copyright 1930 by C. 0. Windecker.
(Nachdruck verboten).
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Die Saison hatte bereits begonnen. Elegante »Frauen, in Begleitung chrer Kavaliere, promenier« ■ ten plaudernd am Strand, — Autos jagten in nie »endender Reihe vorüber, von den Promenade- M cafès her klangen Tanzweisen. Ein duftiges, I frohes Bild, das die Sonne des Südens überstrahlte.
■ Gaston Fauchat zog den Kragen feines Som- 1 tnermantels hoch. Er hielt es für überflüssig, daß ■ die Passanten seinen Smoking sahen, den er schon ■ jetzt am frühen Nachmittag trug, — weil ihm ■ weiter nichts geblieben war. Ein kurzes Lächeln ■ huschte über sein junges Gesicht, während er aus ■ zusammengekniffenen Augen die vorübergehenden 1 Menschen betrachtete.
Er gab sich heute die letzte Chance. Die allerletzte. Genau tausend Francs hatte ihm der Händler für seine überflüssigen Kleidungsstücke gegeben. Und überflüssig waren sie alle gewesen, bis auf diesen Smoking, den er am Spieltisch brauchte.
Tausend Francs. Wenig genug. Aber vielleicht — vielleicht — er hatte immer im Leben ein wenig Glück gehabt. — Gaston hob die Schulter, er war stehen geblieben. Eine verteufelt schlechte Kalkulation.
Langsam wandte er sich zum Gehen und schritt die Promenade entlang. Auch die Pistole besaß er ja noch. Das war die zweite Möglichkeit. Eine dritte gab es nicht mehr.
Ein geradezu phantastisches Pech hatte ihn die letzten Tage und Wochen verfolgt. Einsatz auf Ginsatz verschwand. Kleine Gewinne zählten nicht vor den ungeheuren Verlusten, die ihnen folgten.
Gaston blieb wieder stehen. Vor ihm, am Geländer der Promenade, lehnte ein junges Paar. Deutsche offensichtlich, — sie hielten sich unter- vefaht und sahen wortlos, selig auf das Meer hin
aus. Ein Hochzeitspärchen vielleicht, — er wohl ein kleiner Angestellter, der sich diese Reise von seinem bescheidenen Gehalt abgespart haben mochte — Gaston schritt langsam weiter.
Die Tage waren noch kurz. Er hatte sich auf eine Bank am Strand niedergelassen und zog den dünnen Mantel fester um sich. Ein paar hundert Meter wett von ihm entfernt machten eben die ersten zurückkehrenden Segeljachten fest. Menschen im eleganten weißen Sportdreß standen um die Boote herum und plauderten.
Eine kleine, sorgende Frau . . .? Ein eigenes Heim und eine Aufgabe: nicht mehr zwecklos fein, dem Leben einen Sinn geben ... er biß die Zähne aufeinander, um sich nicht unterkriegen zu lassen.
Heute war ja da noch eine Chance — oder die andere.
Er hatte lange gesessen. Die Sonne lag nun schon blutrot auf dem Meere, in entfernteren Häusern blitzten die ersten Lichter auf. Der Trubel auf den Promenadenwegen ließ nach, — man richtete sich zum Souper.
Gaston nahm, nachdem er sich versichert hatte, keine Zuschauer zu haben, die Brieftasche aus dem Jackett. In seinem Ausweis, — Leutnant des 6. französischen Kolonialregiments, Algier, lauteten feine Personalien — ' lagen die Geldscheine. Zehn zerknitterte, bunte, nach Parfüm riechende Hundertfrancsnoten. Gaston überlegte nur kurz. Nein — er würde heute abend nicht souprieren. Später — oder überhaupt nicht mehr.
Die Pistole stak schwer in der Tasche.
Fauchat ging langsam weiter. An billigen Restaurants schritt er vorüber, aus deren offenen Türen Bratengeruch strömte. Er nahm den Hut ab. Wie heiß ihm war.
Auf die Vorübergehenden achtete er nicht mehr.
Langsam schlich die Zeit. Endlich war es neun Uhr. Seit einer halben Stunde war das Kasino geöffnet.
Gaston sah den Portier in seiner prunkvollen Uniform nicht an, als er das Kasino betrat. Auch die Detektive im Cut beachtete er nicht. Mit gesenktem Kopf schritt er über die schon ein wenig verbraucht und schlissig gewordenen Teppiche, legte Hut und Mantel ab und stand gleich darauf im Roulettesaal.
Die Plätze waren noch nicht alle besetzt. Gaston zwang sich zur Ruhe, ehe er einen Stuhl nahm.
Langsam, obgleich seine Hände zitterten, setzte er die Hälfte seines Vermögens — und verlor.
Er biß die Zähne aufeinander und spürte ein häßliches Gefühl in der Gurgel. Ein ähnliches Gefühl wie damals, als man ihm wegen der Frau feines Kapitäns den Abschied gegeben hatte . . .
Er setzte hundert Francs — und verlor.
Ein Herr an seiner Seite lächelte still und bleich.
Eine Stunde später, gerade als erst der volle Betrieb im Kasino begann, verließ Fauchat die Spielsäle. Ruhig, vollkommen gefaßt ließ er sich Hut und Mantel geben, — den letzten Fünfzig- franesfehetn schob er der erstaunten Garderobiere in die Hand.
„Er hat sicher hoch gewonnen!" hörte er sie zu ihrer Kollegin sagen. Er lächelte nicht einmal.
Er war vollkommen ruhig und ohne jede Erregung. Er wunderte sich über sich selbst, während er von den hellerleuchteten Promenaden nach den dunkleren Anlagen abbog. Die Detektive waren ihm offenbar nicht gefolgt.
Gelassen setzte er sich auf eine Bank, die versteckt hinter einem Riesengestrüpp stand. Den Griff der Pistole hielt er mit der Hand umklammert.
Er versuchte an seine Vergangenheit, an Vater und Mutter, an feine Freundinnen und Geliebten zu denken, — es gelang ihm nicht. Er schüttelte alle Sentimentalität ab und spürte doch nicht, wie der herrliche Vorfrühlingsabend auf chn mirfte.
Die Erde duftete stark und froh, — Blumen blühten und verschwendeten ihren Duft . . . tiefblau wölbte sich der südliche, klare Himmel über ihm . . .
Hastig stand er auf. Es war noch zu früh. Noch zwei Stunden ... er würde noch einmal durch die Straßen gehen, — die Menschen sehen, elegante Menschen, schöne Frauen ... ein plötzlicher Schmerz zerrte in seinem Innern und er ballte die Fäuste. ,
So gab er sich selbst noch einmal zwei Stunden Urlaub vor dem Tode. Daß dies eine Flucht war, gestand er sich nicht ein.
Mit zusammengekniffenen Lippen und gesenktem Kopf schlich Gaston durch die hellerleuchteten Straßen Montes. Mit jedem Schrttt, dm er machte, fühlte er mehr, daß er nicht mehr auf die Bank in der buntlen Anlage zurückkehren würde. Die Erkenntnis erfüllte ihn mit einer unsäglichen Wut.
Schöne Frauen begegneten ihm, elegante Men- schm, — vornehme, lautlos gleitende Automobile huschten an chm vorbei — er hielt den Kopf gesenkt. Sein Gehirn schmerzte chn. Wie mit eisernen Klammern lag es um seine Stirn. Der Gedanke an Flucht — Flucht ins Leben . ..
Plötzlich lachte er laut auf. Vorübergehende sahen chn erstaunt an. Er bemerkte es gar nicht.
War er nicht ein Tor? Besaß er nicht noch die Pistole? Hatte er in der braunen Khakium- form nicht tausendmal ... er erschrak vor seinem eigenen Gedanken, aber der Gedanke fraß sich fest, bohrte, wie ein leiser Schmerz, bohrte unaufhörlich . . .
Hatte er nicht hundertmal Blut »ergossen, —- Blut unschuldiger Menschen, ohne eigenen Borteil?
Sekundenlang war es ihm, als fei das Lichtermeer der eleganten Stadt das Flammenmeer einer tollen Feuersbrunst . . .
„Ich habe heute noch nichts gegessen . . .• murmelte er, wie zu feiner eigenen Entschuldigung.
Aber die Idee von vorhin saß fest. Ließ nicht mehr locker. Er spürte, fühlte, wie in chm der Entschluß reifte. Mit seinen letzten Centimes taufte er eine Zeitung, fand einen Platz auf einer Bank unter dem hellen Lichtschein einer Bogenlampe. Es war kühl geworden inzwischen, aber er wußte es nicht. Seine Hände, sein Gesicht glühten wie im Fieber.
Hastig überflog sein Blick die Spalte, in der die Zeitung neuangekommene Persönlichkeiten meldete.
„Direttor Müller, Berlin.
Professor Neubauer, Munich.
Boris Simeonow, Leningrad.
Marquis Neufville, Paris. . .*
Nichts . . . nichts . . . Gaston ließ die Zeitung sinken. War das nicht hirnverbrannt? Herrgott, — war er nicht Offizier? Ritter der Ehrenlegion, — Sohn des ehemaligen Stadtpräfekten von Lyon . .?
Berlegen suchte Gaston nach seinem Zigarettenetui, bis ihm ein fiel, daß es mit seinen Kleidern beim Trödler geblieben war, für die letzte Chance ..« die letzte . . .?
Wieder saß da der andere Gedanke und bohrte^ bohrte. . .
Gaston nahm die Zeitung wieder vor.
„Mm. Savary, Nancy.
(Fortsetzung folgt)