Seife 8
Dienstag, den 3. November 1831
Nr. 258
Als Vagabund im Wilden Westen
Von Mormonen, Indianern und geschiedenen Frauen . . .
14. Fortsetzung
Das Zeltlager am Bibersee I
Pocaho war einer der vielen modernen Indianer. Eigentlich ein Halbblut, das aber seine Stammes- angehörigkeft und Häuptlingswüide behielt, weil die Mutter und nicht der Vater von weißer Hautfarbe war. Den größten Teil des Jahres hielt er sich außerhalb der Reservationen auf, folgte seiner Wanderlust, liebte den Schienenstrang und kam dann nicht selten in Situationen, in welcher wir ihn zuerst fanden.
Er mochte jetzt wohl 36 Jahre zählen, hatte auf mnerikanischer Seite den Weltkrieg in Flandern mitgemacht und es bis zum Leutnantsrang in der Bundesarmee gebracht. Daß er in den Krieg für die Staaten zog, war für ihn etwas Selbstver- ständliches — im eigentlichen Wesen war er wohl mehr Weißer als RÄHaut — aber niemals in der Zeit unseres Zusammenseins konnte er seine Sympathien für Deutschland verschweigen.
Melleicht, daß die heDenmütige Verteidigung der Heimatschollen durch die deutschen Soldaten, die er als Augenzeuge miterlebte, etwas dazu beitrug, vielleicht aber auch die Tatsache, daß seine Mutter eine — Deutsche war. Und wer war diese Mutter des Indianers? Ein deutsches Dienstmädchen, das nach Minnesota, auf einer deutschen Farm bei Red Wing beschäftigt war und den Postagenten dieses Städtchens, einen Dollblutindianer, nach dem Ritus der evangelischen Kirche heiratete.
Usbrigens war auch die Gefährtin PocahoZ, die jetzt vor dem Zelt das Feuer betreute, ein Halblut mit starkem deutschen Einschlag. Sie aber verdankte ihre hellere Haut, ihre angenehmen Gesichtszüge einem deutschen Vater, einem Abendteurer namens Bergfelder, der drei Jahre lang unter den Indianern dieser Reservation leibte und an einer Blutvergiftung starb, ehe er dazu kam, seine rote Liebe zu ehelichen. Diesem Versäumnis hat es Minnehaha zu verdanken, daß sie nicht aus dem Stamm ausgeschlossen wurde, sondern als vollgültiges Mftglied galt.
Sie studierte jetzt an der Universität in Milwaukee Medizin und verlebte alljährlich als Squaw Pocahos einige Monate in der Reservation.
Wie alle Indianer, welche die Bildungsprüfung abgelegt haben, führte sie in der Zivilisation nicht ihren Stammesnamen. Genau wie Pocaho als Alf Smith (und wahrscheinlich auch bei Gelegenheit unter anderem Namen) bekannt war, so wurde Minnehaha in den Matrikeln der Universität von Milwaukee als Miß Betty Thomas geführt.
„Ein Freund", sagte Pocaho.
„Zuverlässig?"
Der Indianer nickte schweigend.
Der Offizier — ein Leutnant vom Fort Mac Dill — ließ sich auf die Felle nieder und reichte Pocaho einen Brown ng.
„Feuerwasierhändler treiben wieder ihr un» wesen", sagte er dann, „ich gebe Ihnen diese Waffe, Leutnant P^huco, die Sie nur in der Notwehr gebrauchen dürfen. Wer Sie verstehen mich wohl?"
Der Offizier betonte „Notwehr" so eigenartig, daß kein Zweifel über die wahre Bedeutung feinet Worte auskommen konnte. Den Sprithändlern war der Kampf angesagt. Der Kampf bis aufs Messer.
Pocaho legte die Waffe schweigend unter ein Fell. Minnehaha schenkte dem Offizier Kaffee ein, und die Unterhaltung nahm einen anderen Kurs.
In dieser Nacht lag ich lange wach und grübelte darüber nach, ob ein Versprechen, da; man Banditen gegeben hat, heilig ist. Der Wahrheit gemäß muß ich allerdings hinzufügen, daß ich auch viel darüber nachdachte, ob ich nicht mit dem Tode flirtete, wenn ich das Geheimnis des Wagens verriet, mit dem ich zur Reservation gefahren war.
Einmal glaubte ich im Halbschlaf sogar die drohenden funkelnden Augen Carpers zu sehen, aber es war nur ein Luchs der um das Zelt herumschnupperte. Immerhin: jeder Mensch hat nur ein Leben. Und meine; war mir lieber als alle Spritgesetze. Als ich schließlich zu der Ueberzeugung gekommen war, daß meine Angaben nicht einmal viel zur Unterdrückung des Fuselhandels auf der Reservation tun könnten, da die Uebeltäter zur Bestrafung auf frischer Tat ertappt werden mußten, zog ich mir die Decke über den Kopf und schlief beruhigt ein.
Die Orgie im Walde
Fast drei Monate waren seit meiner Ankunft in der Reservation vergangen. Der Oktober hatte mit verschwenderischer Hand den Wald in Gold und Rot gefärbt, aber auch Nächte von beißender Schärfe beschert, die dünne Krusten an den Ufern der Seen bildete, und die weiche Erde in wenigen Wochen hart wie Stein machte.
Die große Zeit der Jagd war angebrochen, der Jagd auf Elche, Hirsche und Bären . . . Pocaho, der nur mit dem Speer und dem Messer jagte, hatte schon einen kleinen Berg von Häuten vor seltnem Zelt gelagert, Häute, die nur durch den Handelsposten in Kalahoosa verkauft werden durften und trotz der billigen Richtpreise den uralten Indianer- sport zu einem ertragreichen Unternehmen machten.
Daheim bei „Indianers" i
Als Minnehaha jetzt mit dem dampfenden Kaffee kam und sich in unserer Mitte niederließ, mußte ich daran denken, daß wohl kaum ein Kommilitone, der vielleicht im medizinischen Kolleg neben ihr saß, das hübsche Mädchen für ein Mitglied des Blackfoot- Stammes angesehen habe.
Sie hörte mit einer Begeisterung, die haardicht an weibliche Neugier grenzte, zu, als ich auf Po- cahas Fragen meine Abenteuer in Reno und mit der Mormonenfrau erzählte . . . Mrs. Bower, die in der Scheidungsstadt ihre eheliche Freiheit suchte, war ihr sogar von ihrem Ausenthalt in Minneapolis her von Ansehen bekannt.
„Ich las es im Sentinel", sagte Minnehaha mit chrer schmeichelnden, weichen, dunklen Stimme, „Frau Bower hat die Scheidung erhalten. Und der Mann mußte mit langer Nase und ohne Alimente abziehen. Sie wohnt wieder bei ihrem Vater in Minneapolis, an der Hennpin-Avenue."
Pocaho interessierte sich dagegen mehr für die goDene Gesetzestafel, die ich erobert und der jungen Mormonenfrau zur Verfügung gestellt hatte, wenn . . . ja, wenn sie sie erlangen konnte. Ich er- zAstte von der Person in Burschentracht, die mit dem Postauto nach Salt Lake City zurückgefahren sei und die ich für Lea gehalten habe, aber Pocaho glaubte nicht, daß das Mädchen den Mut zur Rückkehr gehabt hätte.
„Ich gehe im Frühjahr wieder auf Reisen"
sagte er, „wenn mich mein Weg nach Satt Lake City führt, weide ich dein Eigentum zu erhalten versuchen."
Der Indianer machte damit keine leere Redensart, aber er brauchte den Versuch gar nicht niehr wagen, denn andere Hände hatten sich aus die Gold, platte gelegt . . .
In Helle Wut geriet aber Pocaho, als ich ihm von den Sprithausierern Carper und Bload erzählte und von der Meldung des Sergeanten, wonach ein Stamm in einen tobsuchtartigen Rausch ge. raten war.
Ich brauchte aber nicht weiterzuerzählen, denn in diesem Augenblick kündete ein Auerhahnrus Besuch an, und schon tauchte ein Offizier auf einem Schimmel >m Walde auf.
Er sprang ab, begrüßte Pocaho durch Handschlag, machte Minnehaha eine Verbeugung, die besser in einen Salon als in den Wigwam gepaßt hätte, und nickte mir zu.
Copyright 1931 by Presseverlag Dr. Dämmert, Berlin.
Sein Lager hatte Pocaho und sein Stamm 'm >en ganzen Monaten nicht _ gewechselt. Dagegen mären die übrigen Stämme in einem beständigen Umherziehen begriffen. Allerdings war auch Pocaho und seine Genossen oft ganze Tage unterwegs, um dann mit Fellen beladen zurückzukehren . . . l
Die Agenten der verschiedenen Handelsposten uhren in ihren schlittenartigen Gefährten durch den Wald. Laute Hornfignale kündeten an, wo die sagenden Stämme sich finden konnten, um ihre Beute abzusetzen. Das Raubwild hatte in diesen Wochen gute Zeiten, denn nur die besten Stücke des Flei- che; der erlegten Pelztiere wurden von den Jagern nitgenommen. Der abgezogene Kadaver blieb liegen. Und die Sanitätspolizei des Urwaldes —' Luchs, Fuchs und das kleine Raubtiergesindel — sorgten dafür, daß in wenigen Stunden nur noch ein blutiger Knochenhaufen die Stelle bezeichnete, wo eine Rothaut mit den primitivsten Mitteln den mächtigen Elch, den Hirsch oder sogar den Bären abgefangen hafte.
Nicht immer war die Jagd ungefährlich. Durch manche der stillen, kalten, mondhellen Nächte klang klagend die Tauerklage von Stammesbrüdern, die einen Braven beweinten, den die mächtigen Schaufln des Elches oder die Tatzen des Bären in dis ewigen Jagdgründe befördert haften.
Auch Pacaho kam einmal mit einer auf gerissenen Schulter und zusammengebissenen Zähnen, aber aufrecht und ruhig in unser Lager zurück, wo Minnehaha ihre Kunst zeigen konnte.
Minnehaha war eifle Medizinstudentin an einer modernen Universität. Sie hatte einen ganzen Pflasterkaften bei sich. Als sie aber die furchtbare Wunde ihres Gefährten sah, holte sie nicht Watte und Pflaster und Jodoform hervor, sondern sie kauerte sich neben Pocaho nieder, begann allerlei getrocknete Kräuter zu kauen und den Saft mit ihrer Hand aus die Wunde zu reiben. Eine Art roter Lehm wurde dann von ihr zu einer weichen Paste verschmiert und über die Wunde zementiert.
Am anderen Morgen waren kleine Stücke des Lehms abgebröckelt, und man sah das rosa Fleisch mit der dünnen neuen Haut der Verheilung.
(Fortsetzung folgt)
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