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Samstag, den 10. Oktober 1931
Nr. 238
Als Vagabund im Wilden Westen
Von Mormonen, Indianern und geschiedenen Frauen . . .
Von Karl fy
(8. Fortsetzung.)
Der Stein im Ohr
Lm Mondlicht las ich die Jdentifikaticmskarte: „Falls verloren, bitte diese Tasche gegen Belohnung an Hugh Rowley, Kansas City, 756 — 8. Street abzuliefern!"
Also ein Fremder, der hier auf der Landstraße einem Mord zum Opfer gefallen. mar. Das Gesicht des Toten ließ auf einen Mann in den dreißiger Jahren schließen. Ein Funkeln, daß von dem einen Ohrläppchen auszugehen schien, ließ mich das Gesicht näher betrachten, und nun bemerkte ich, daß im Ohr ein kleiner Metallstern angebracht war, der einen Galgen zeigte.
Das Metallplättchen mußte nach seiner Erschließung angebracht worden sein, denn obwohl es die Ohrmuschel verletzt hatte, war kein Blut aus der Wunde geflossen.
Ehe wir nach der Farm aufbrachen, untersuchte ich noch die Erde in der Nähe des Autos und fand zahlreiche Fußspuren — die Spuren kleiner Schuhe mit hohen Hacken, die sich in der Chaussee so tief eingegraben hatten, daß man vermuten mußte, eine Frau sei gewaltsam von der Mordstelle weggeschleppt worden. Daneben sah man aber auch die großen Spuren von Männerfüßen. Ihr Abdruck ließ einen groben Arbeitsschuh, wie ihn die Farmer zu tragen pflegen, erkennen.
Zu diesen Spuren waren nun auch noch unsere Fußtapfen hinzugekommen. Mit Unruhe dachte ich daran, wozu dieses Zusammentreffen mit dem gewaltsamen Tode auf der nächtlichen Chaussee führen würde.
Ich kannte Amerika zu gut. Es könnte für uns der Galgen bedeuten, wenn uns nicht vielleicht der Metallstern im Ohr des Toten vor jedem Verdacht schützte.
Schnell gingen wir den kurzen Weg bis zu Hirams Farm. Tommy weinerte ununterbrochen vor sich hin, und als er die Farmgebäude aüf- tauchen sah, schien ihn seine Courage verlassen zu wollen. Er versuchte auszukneifen, und nur mit Gewalt konnte ich den kleinen Menschen am Arm ergreifen und nach dem Brennereigebäude schleppen, wo ich ihn einschloß.
Im WohnhaUse brannte noch in der Küche Licht. Ich rief von draußen nach Hiram, und bald erschien der alte Mann auf der Schwelle.
Er winkte mir einzutreten und sah mich dann beim Licht der schwachen Glühbirne fragend an. Mit einem neuen Schreck erkannte ich jetzt, daß auf dem Tisch eine Flinte lag, die der Alte gereinigt hatte.
Aus dem Nebenzimmer aber hörte ich ein wildes schluchzen, das der alte Mormone aber garnicht beachtete. Unterdrückte Flüche und Vorwürfe von weiblichen Stimmen drangen durch die geschlossene Tür.
„Na, was gibt es, Bruder?" fragte der Alte.
Atemlos erzählte ich von dem grausigen Vorfall auf der Landstraße.
Hiram verzog keine Miene in seinem Gesicht. Er schenkte mir und sich ein Gläschen ein und ließ mich erzählen.
' Als ich aber mehrfach von der Bluttat als Mord sprach, unterbrach er mich und meinte:
„Du sagst immer Mord, Bruder? Warum?" Nun, der Mann ist doch erschossen worden." „Es kann doch auch ein Urteil gewesen sein."
„Das ist möglich, aber ein Femeurteil, denn im Ohrläppchen der Leiche sah ich einen Metallstern mit Galgen."
Hiram zog aus seiner Tasche eine ganz ähnliche Zwecke hervor:
„So einen?"
Ich stutzte und sah den alten Mann mit weit aufgerissenen Augen an, sah auf die Flinte, die auf dem Tisch lag und flüsterte nur:
»Ja. Genau derselbe."
„Dann ist dort ein Kirchenurteil vollstreckt worden," meinte Hiram ruhig.
Hiram verliert die Ruhe
Als ich aber erwähnte, daß der Tote ein Mann aus Kansas City sei und Hugh Rowley heiße, merkte ich, daß Hiram plötzlich von einer Unruhe ergriffen wurde.
»Wer sagt dir das, Bruder?" fragte er, „hast du den Gerichteten gekannt?"
Jetzt mußte ich dem alten Mormonen von meinem Zusammentreffen mit Tommy Simpson an dem Auto erzählen, ich durfte nicht verschweigen, daß der kleine Cockney aus den Londoner Slums die Brieftasche des Toten zu nehmen versucht hatte.
Hiram war bei diesen Worten gelblich bleich um die Nasenwinkel geworden. Krasse Furcht stand jetzt in seinen Augen zu lesen. Er ergriff meine Hand so fest, daß sie schmerzte und fragte wild und drohend:
„Und was wurde aus der Brieftasche?"
„Ich habe sie der Leiche wieder gugesteckt, ebenso wie die Uhr, die der Engländer genommen hatte."
Der stählerne Griff um mein Handgelenk er» Raffte. Das Zucken in dem Gesicht des alten Mor- monen legte sich. Er blickte einige Sekunden wie
überlegend vor sich hin, während aus dem Nebenzimmer noch immer das Schluchzen der Frauen- stimme durch die Tür drang.
Dann sagte er:
»Du bist also sicher, Bruder, daß dem Gerichteten nichts abhanden gekommen ist?"
Ich nickte.
„Schön, Bruder, dadurch hast du mir einen sehr großen Dienst erwiesen, den ich dir mit Geld und mit meinem Vertrauen belohnen will. Aber wo ist der Mensch ,der den Toten berauben wollte?"
„Ich habe ihn in die Brennerei eingesperrt. Er ist nur ein unscheinbarer Kerl, und mich wundert, daß er de« Mut fand, sich an den Toten heranzuwagen."
Das ist der Mut der Feigheit
Bruder. Ratten haben keine Scheu vor Leichen, sondern nur vor lebendigen Fäusten, Ratten bestehlen sogar den Galgen."
„Hate aber der Mann Mut, der Len Menschen im Auto erschoß?" wagte ich einzuwerfen.
„Mut und Feigheit haben in diesem Falle nichts zu suchen. Hat der Richter Mut oder ist der Richter feige, der einen Verbrecher zum Tode verurteilt? Wie oft soll ich dir sagen, daß hier kein Meuchelmord vorliegt, sondern die Gerechtigkeit gesprochen hat. Aber ich will dir die Bewerfe geben."
Der alle Mormone erhob sich, öffnete die Tür zum Nebenzimmer und sagte einige barsche Worte, worauf man hörte, wie sich Fußtritte in entlegenere Zimmer entfernten. Darauf schlich die gebrochene Gestalt Leas, der Jüngsten der Hausgenossinnen des Mormonen, durch die Tür in die Küche hinein und blieb mit zerstörtem Gesicht hinter dem Stuhl Hirams stehen.
"Wir Heiligen der letzten Tage haben unsere eigenen Gesetze, Bruder," sagte er mit humpfer Stimme, „früher hatten wir auch unseren eigenen weltlichen Staat, der keine Bundesregierung anerkannte. Auch heute steht Utah noch unter dem Willen der Kirche, aber wir müssen von Jahr zu Jahr mehr Konzessionen machen. Heilig ist Uns die Familie. Und wer diese Bande zu lockern versucht, muß das mit dem Leben bezahlen. Hier, diese junge Sünderin, der verziehen werden mag, schlich heute Abend aus dem Hause. Ahnst du wohl, was ich dachte, Bruder, als sie sich einige Stunden nach deinem Fortgang davonmachte?"
Mit den glühenden Augen des schwärmerischen Wahnsinns sah mich der Alte an, und eine kalte
Copyright 19S1 by Preseeverlag Dr. Dämmert. Berti«. Gänsehaut lief mir über den Rücken. Die junge Frau hinter Lem Stuhl des Mormonen war aber vlotzüch wie von Blut übergossen. Sie versucht! einen Einwand zu erheben, schwieg aber auf ebn Handbewegung Hirams hin sofort.
„Du wirst jetzt wohl schon wissen, Bruder, wer das Urteil auf der Chaussee vollstreckte.
Hier diese Flinte sühnte die Schuld
die sich dieser Fremde eingebrockt hatte."
„Welche Schuld, Hiram?" fragte die zitternde Stimme der jungen Frau.
„Schweig Dirne!" rief Hiram barsch. „Du biß gezüchtigt. Dir ist vergeben worden. Ein Fremder, der nach Dunkelheit auf einsamer Straße mit der Hausgenossin eines Mormonen tuschelt, hat nach den Gesetzen unserer Kirche den Tod verdient. Aber auch nur den Tod, und nicht die Beraubung. Uni deshalb, Bruder, kannst du dir mein Entsetze« denken, als ich von dir hörte, daß die Londoner Ratte den Gerichteten bestehlen wollte. Die Urteilsvollstreckung gebe ich zu und eine Geschworenenbank von Glaubensgenossen wird mich, um die Gesetze des weltlichen Staates zu wahren, unter Anklage stellen und freisprechen. Hätte man mich aber im Vergacht gehabt, den Toten bestohlen zu habe« — und dieser Verdacht wäre auf mich gefallen, wenn man die Tasche und Uhr vermißt hätte - so wäre das ein Raubmord gewesen, von dem ich mich vielleicht nicht hätte reinwaschen hönnen...'
Der alte Mormone stieß einen tiefen Seufzer aus. Dann wandte er sich an die junge Frau:
„Du, Lea, hast aus den Händen deiner Schwester deine Züchtigung empfangen. Deine weitere Straß wird sein, diese Nacht auf dem Steinboden dieser Küche im Gebet zu knien und künftig beim Schwestern in Demut zu dienen."
Wortlos verließ das Mädchen den Platz hinter dem Stuhl des Alten und kniete in einer Ecke da Küche nieder.
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