Seife 6
Donnerstag, den S. Oktober 1931
Nr. 236
Salmette odev Keledemau« 7
Zum bevorstehenden Prozeß um das Lübecker Kindersterben
In der kommenden Woche beginnt der Prozeß um das Lübecker Kindersterben, bei dem es sich nicht nur darum handeln wird, die Frage zu klären, ob einige Lübecker Aerzte fahrlässig gehandelt haben. Noch wichtiger wird die Erörterung der Hintergründe dieser Angelegenheit in der Oeffent- lichkeit sein. Ist der Original-Impfstoff von Cal- mette wirklich ungefährlich? In der ganzen Welt sind, so wird in dèr von der Internationalen Anti- tuberkulose-Liga, Sektion Deutschland, im Verlag Walter de Gruyter u. Co., herausgegebenen, dieser Tage erscheinenden Schrift „Die besiegte Tuber- fulofe" nachgewiesen, ähnliche Massenerkrankungen durch Fütterung mit dem Calmette-Mittel hervorgerufen worden. So sind in Spanien Hunderte damit behandelte Kinder erkrankt, ebenso in Ungarn. Sogar in Frankreich sind zahlreiche Todesfälle vorher ganz gesunder Kinder in unmittelbarem Anschluß an die Calmette-Behandlung vorgekommen.
Nun sind, nach den Angaben der erwähnten Publikation, in vielen Fällen die durch die Calmette-Behandlung erkrankten Kinder nach einer einzigen Impfung mit dem Friedmannschen Mittel geheilt worden, so z. B. in Paris selbst, ferner in der Schweiz, in Bulgarien und anderen Ländern. Dadurch wird eine durch Calmette in die Oeffent- lichkeit gebrachte Notiz über ein angebliches Versagen des Friedmannschen Mitt^s im Institut Pasteur zu Paris, dessen zweiter Direktor Calmette ist, in neue Beleuchtung gerückt. Dort sind zwar Meerschweinchen, die mit Friedmanns Impfstoff ungenügend vorbehandell waren, dann auf raffinierte Weise künstlich tuberkulös gemacht worden; dagegen hat man im Institut Pasteur niemals auch nur einen einzigen Menschen mit diesem Impfstoff behandelt, und Calmettes außerordentlich scharfer Angriff gegen das sich immer mehr ausbreitende Friedmannssche Mittel ist also ohne jede Beweiskraft. Jedenfalls wird man auch unter diesem Gesichtspunkt dem Ergebnis des Lübecker Prozesses unb den in dessen Verlauf zu erwartenden Gutachten der medizinischen Sachverständigen mit Interesse entgegensetzen dürfen.
Die siektvische «ieuscheufalle dee RansAgiftschmusglev
Kalkutta, 6. Oktober. In Kalkutta gelangt dieser Tage ein großer Prozeß zur Verhandlung, dessen Vorgeschichte eher ein phantastischerRoman von Edgar Wallace als die tatsächliche Ermittlung einer Polizeibehörde zu sein scheinen. Es handelt sich um die Unschädlichmachung einer Bande von 52 Personen, die sich seit längerer Zeit mit Waffen- und Rauschgiftschmuggel in großem Umfang abgegeben hatten.
Als Deckadresse für die ganzen Vorgänge diente Än kleiner an einer belebten Kalkuttaer Straße gelegener Obstladen, in dem täglich eine große Anzahl von harmlosen Kunden aus und ein gingen. Die geschmuggelten Waren wurden von als Offizieren verkleideten Personen transportiert, die auf diese Weise vor jeder Untersuchung sicher waren. Wer durch einen Zufall diesen Trick herausbekam und wer sonst der Bande irgendwie verdächtig vorkam, wurde zu einer Besprechung aufgefordert. Er mußte dann eine eiserne Treppe überschreiten, durch die elektrischer Strom geleitet werden konnte und die dann als elektrischer Stuhl wirkte.
Die Polizeibeamten. die das Schmugglernest aus- hdben, wären um ein Haar selbst in diele elektrische Falle geraten und elend umgekommen. Wieviele unangenehme Mitwisser die Bande im Lauf der Zeit mit ihrer elektrischen Trepve auf die Seite gebracht hat, konnte bisher noch nicht festgestellt werden.
Ein Bubenstreich
Berlin, 7. Okt. Ein noch unbekannter Täter legte heute nachmittag einen Sprengkörper auf die Straßenbahnschienen vor dem Hause Frankfurter Allee 62 nieder und entfernte sich unbemerkt. Bald danach passierte ein Straßenbahnwagen der Linie 89 die Stelle, wobei der Sprengkörper explodierte und die zahlreichen .Sprengstücke nach allen Rich-
Soviuna im neuen Heim
Der neue Ziehungssaal der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie Hinter dem Gitter die Nummern und Gewinnräder
Die Preußisch-Süddeutsche Klassenlotterie hat ein neues Heim in der Viktoriastr. in Berlin bezogen. In einem großen Saal, der 170 Sitzplätze faßt, werden nun hinter eisernen Gittern die Lose der vielen tausend Hoffnungsfreudigen aus dem „Glückstopf" gezogen.
tungen auseinanberftogen. Dabei wurden ein 10jäh- riges Mädchen schwer und eine ältere Frau leicht verletzt. Die Polizei hat sofort eine Untersuchung eingeleitet.
Anklage gegen die Führer bei den Anruhen am Kurfürstendamm erhoben
Berlin, 7. Okt. Die Justizpressestelle teilt mit: Die Staatsanwallschaft III hat gegen den Standartenführer Hell, dessen Adjutanten Hagemeister und den Sanitätstruppenführer Samerski, sämtlich Mitglieder der NSDAP., wegen schweren bzw. ein- achen Landfriedensbruches Anklage erhoben. Die leiden Erstgenannten werden beschuldigt, in einem Opel-Wagen während der Kurfürstendamm-Unruhen in der dortigen Gegend umhergefahren zu sein und als Rädelsführer bei der Zusammenrottung mitgewirkt zu haben. Samerski ist des einfachen Land- friebensbruebes angeklagt.
Eine Familie durch Kohlenoxyd vergiftet
Kosel, 7. Okt. Am Mittwoch früh wurde die fünf- köpfige Familie des Dampfstugführers Zemelka aus Kochanreß (Kreis KoieH durch Kohlenoxydgas vergiftet in ihren Betten aufgefunden. Der Vater und die drei Kinder, Mädchen im Alter von 5—9 Jahren, waren bereits tot, während die an der Mutter eingestellten Wiederbelebungsversuche von Erfolg gekrönt waren.
Ein internationaler Betrüger
Wien, 7. Oft Die Wirtschaftspolizei befaßt sich zurzeit mit der Verfolgung eines gewissen Albert Schapiro, eines amerikanischen Staatsangehörigen, der ein internationaler Betrüger zu sein scheint. Er hat hier die Melograph-Heimton-Plattenver- triebsgesellschaft um 200 000 Schilling geschädigt. Schapiro trat als Kommanditist in die Firma ein, versprach ein Einlagekapital von 150 000 Schilling, schickte aber als Kompagnon der Firma nur Bestellungen ein und kassierte die hierfür fälligen Beträge für sich ein. Er soll auch in Amerika mit einem Komplizen, einer Frau, Wertpapiere im Betrage von 78 000 Dollars gestohlen haben.
Beschlagnahme deutscher Zeitungen in Ost- Oberschlesien
Katlowitz, 7. Okt. Die gestrige Ausgabe der „Kattowitzer Zeitung" wurde wegen eines Artikels „Wenn man's am eigenen Leibe spürt....", der sich mit der Unterdrückung der deutschen Minderheit in Lettland beschäftigte, beschlagnahmt. Auch die gestrige Ausgabe des „Oberschlesischen Kuriers" verfiel dem Rotstift des Staatsanwalts wegen eines Artikels „Wintersorgen Polens".
Dev AaMch mit dem Gummlgüviel
Vor kurzem wurde bei Havanna auf Kuba ein Haifisch gefangen, dessen Leib in einem alten Automobilreifen eingezwängt war. Dr. E. W. Gudger vom Amerikanischen Naturhistorischen Museum in Newyork beantwortet in einem Artikel des „Scien- tific Monthly" die Frage, wie der Hai zu diesem merkwürdigen Gürtelschmuck gekommen sein mag, dahin, daß der Reifen mit anderen Abfällen der
MMavmffr Wmr GDHMörfèn" 'MUW und daß der Hai, von der Gier getrieben, einen lockenden Bissen, den er jenseits des Reifens sah, zu erhaschen, durch den Gummiring geschwommen sein muß. Dr. Gudger bemerkt bèi der Gelegenheit, daß er schon häufig kleinere Fische gesehen hatte, deren Körper von Gummibändern umschnürt war. Er erhielt von seinem Freund Dr. Hoffmann vom Finlay-Laboratorium den in einer in Havanna erscheinenden Fachzeitschrift abgedruckten Bericht über den merkwürdigen Fang, den er in Uebersetzung mitteilt. „In der Näle der Havanna gegenüberliegenden Küste", heißt es in diesem Bericht", sichteten zwei mit dem Ausfetzen der Netze beschäftigte Fischer einen großen Haifisch, der an der Oberfläche des Wassers in verzweifeltem Kampf wild um sich schlug. Er war unfähig zu schwimmen und wurde ersichtlich auf einem Punkt festgehalten, als ob er auf dem Meeresgrund verankert gewesen sei. Von der Neugierde und dem Verlangen getrieben, einen guten Fang zu machen, ruderten die
Fischer an den Hai heran. Als sie nahe genug ge, kommen waren, sahen sie zu ihrer Ueberraschung daß ein fünf Meter langer Menschenhai geWr- lichster Art war, der sich in einem Gummireifen ge. fangen hatte. Ein Automobilist hatte wahrschein, lich den schadhaft gewordenen Reifen, nachdem er ihn durch einen neuen ersetzt hatte kurzerhand ins Meer geworfen. Der gefräßige Räuber, der den Kopf durch den Reifen gesteckt hatte, war dadurch wie in einer Falle gefangen. So befand er sich in einer Lage, die ihm eine leichte Beute werden ließ, und nachdem der Autoreifen im Verkehrsleben seine Schuldigkeit getan hatte, leistete er der Menschheit einen letzten Dienst, indem er sie von einem dieser gefährlichen Räuber befreite." Der Bericht wurde später dahin ergänzt, daß der Haifisch „von zwei Jungen zur Strecke gebracht worden war, die sich, als er auf der Höhe der Cojimar Bay dahintrieb, vorsichtig herangepürscht hatten. Als sie die beruhigende Wahrnehmung gemacht hatten, daß der gefürchtete Tiger des Meeres tatsächlich wehrlos war, ruderten sie beherzt heran und warfen ihm einen Lasso über den Kopf, mit dem sie ihn in dm Hafen schleppten. Dort erschlugen sie ihn, nachdem ie vorher die im Gummiring steckende Bestie Photo.
g steckende Bestie Photo, den ersten Blick rätsel.
;raphiert hatten. Die auf den ersten Blick rätsel- fast erscheinende Angelegenheit findet eine sehr ein- ache Erklärung. Wie in Newyork, wird auch in Havana der Kehricht von den Arbeitern der städtischen Straßenreinigung zusammen gekarrt und auf Lastautos verladen, die ihren Weg zum Strand nehmen und dort die Ladung in die See werfen. Die Haifische stürzen sich gierig auf die Müllabfälle, die ihrem wenig wählerischen Geschmack der Leckerbissen genug bieten. Einen solchen vermutete der in Frage kommende Hai wohl auch in dem im Wasser schwimmenden Autoreifen. Nachdem er die stachligen Brustflossen fast an den Körper gelegt hatte, schwamm er mit dem Oberkörper in die Oeffnung des Ringes, sah sich dann aber bei dem Versuch, den Rücken nachzuziehen, fest in den Ring eingezwängt. Dann begann der verzweifelte Versuch, sich aus der Falle zu befreien, ein nutzloser Kampf, der den durch den Ring behinderten Häi- fisch schließlich die Beute zweier Knaben werden ließ.
WeMnsnks ohne Witter
Das Wort von dem „hinter Gittern schmachtenden Gefangenen" wird für die Sträflinge des Staatsgefängnisses von Illinois bald feine Bedeutung verloren haben. Auf Anordnung des Gouverneurs werden in Zukunft die Eisengitter, die den Blick des Gefangenen einengen, von den Fenstern der Gefängnisse verschwinden. Wie der Berichterstatter erklärte, hofft man, auf diese Weise die Gefangenen zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Man dürfe andererseits nicht fürchten, daß die Abschaffung der Gitter und die Tieferlegung der das Gefängnis umgebenden Mauern etwa dazu beitragen könnte, die Fluchtpläne der Gefangenen zu erleichtern. Es ständen andere Maßnahmen zur Verfügung, die jedem Fluchtversuch ungleich größere Schwierigkeiten in den Weg stellten, als sie unter dem alten System vorhanden seien.
Das neueste Mittel seseu
In ihrem Bestreben, das Auftreten des Schnupfens beim Menschen ebenso selten zu machen wie etwa die Pest oder die Blattern, finb die amerikanischen Aerzte ständig auf der Suche nach neu« Vorbeuaunasmitteln. Neuerdings hat man nun durch eine Behandlung mit ultravioletten Strahlen immerhin schon erzielt, daß die Empfänglichkeit für den Schnupfen bei den Versuchspersonen um 42 bis 53 Prozent vermindert wurde. Die Behandlung besteht zunächst darin, daß der Patient jede Woche einer etwa 10 bis 15 Minuten dauernden Bestrahlung mit ultravioletten Strahlen ausgesetzt wird und gleichzeitig zweimal am Tage ein Alkaliprä' parat einnimmt. Unerläßlich ist aber dabei, daß die Schlafdauer regelmäßig acht Stunden beträgt Hält der Mensch diese Vorschriften genau ein, so soll er nicht nur gegen Erkältungsschnupfen, sondern auch gegen Ansteckung völlig gesichert sein.
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