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„Illustrierte Beilage zum Hanauer Anzeigers«31

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Volk in Not

as Denken und Fühlen un« sererZeit ist ausgefüllt von der Anteilnahme an dem schweren Schicksal, das drückend auf allen, mit besonderer lebens« zerstörender Wucht aber auf einem großen Teil unserer deutschen Brüder und Schwestern lastet« Diese Sorgen drängen sich in un­sere Stunden der Arbeit und Erholung. Sie begleiten uns auf allen unseren Wegen. Sie schwin­gen noch in uns wenn wir die Augen zum Schlafen schließen.

Aber trotzdem — wir dürfen die Nerven nicht verlieren, nicht die Köpfe hängen lasten. Wir mästen im Gegenteil mehr denn je alle Kräfte der Lebensbejahung anspannen. Nur so können wir un er Schicksal meistern und bester« Zeiten vorbereiten. Wir wollen uns bewußt bleiben, daß das Leben nur bezwungen werden kann, wenn wir unserem Gemüt auch Froh­sinn gönnen und in den Stunden der Freude die verbrauchten Ner- venkräfte erneuern. Aber wir wollen und werden dabei nie ver­pesten, daß wir in der stillen be­sinnlichen Freude, die uns allein heute geziemt, nur wieder richtig froh werden können, wenn die Millionen, die heute aus der Werkstätte ausgeschaltet sind, am Arbeitstisch wieder aufblühen können.

Halten wir unsstets vorAugey, was es für diese Unglücklichen be­deute^ darben zu mästen, und hel­fen wir, wo immer es in unseren Kräften steht. Wenn wir ihnen keine Arbeit verschaffen können, wollen wir uns ihrer in anderer Weise, mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft annehmen, aber immer mit einer Behutsamkeit, die diese durch die Entlastung seelisch schwer Gekränkten nicht verletzen kann. Helfen wir ihnen tatkräftig in einer Form, daß sie das Emp­finden haben, in warmer Mensch­lichkeit eingebettet zu werden.

Trost aus der Geschichte

Unser Tag beginnt. Der Wecker schrillt, wir stehen auf, noch taub vor Müdigkeit, machen uns fertig, mit ein paar vor lauter Gewohnheit unbewußt ge­wordenen Bewegungen, nehmen hastig unser Frühstück, und schon fängt die Arbeit an. Wir sitzen hinter Schreibtischen, hinter Maschinen und an Telephonen, wir traben durch Häuser und Straßen, stehen in Küchen und hinter Ladentischen, in Ope­rationssälen und Schulen; viel­fältig find die Beschäftigungen, eintönig ist der Ablauf der Tage. Mittags tritt eine kleine Atem­pause ein, aber auch wirklich nur eine kleine, dann beginnt die andere Hälfte des Tages. und sie

Ich schleppe Fesseln dunklen Weg Und taste nach dem Hellen, Und wenn ich Schritt’ und Hände reg’, Ist’s doch, als klirrten — Schellen • •,

Reibt auch das Steingewicht der Not Mir weiter Wund’ um Wunde — Ich senk’ es noch als Hoffnungslot Ins Zukunftsmeer zum Grunde

Bis ich auf letzter Höhe steh’, Lichtfluten mich umbranden — Und schließlich tut mir nichts mehr weh, Und Fesseln sind — Girlanden .,,

gleicht der ersten wie eine Schwester ikt anderen.

Der Abend ist da. Wir find zuhause, in unserem Zimmer wir haben mit ein wenig mehr Ruhe als am Mittag gegessen . . . und nun hat unser ganzes Leben einen anderen Rhythmus bekommen, kn besten Langsamkeit wir uns nicht gleich und nicht ganz mühelos finden.

Was werden wir heute abend tun? Menschen sehen? Ach, wir haben den ganzen Tag so viele um uns gehabt.

Kino? Man spielt nichts, was uns gefällt. Und außerdem, aus­gehen, das heißt: Sich anziehen, aufstehen, laufen . . .

Und da fällt uns ein, daß es noch Bücher gibt. Romane . . , Gedichte... Dramen... Detektiv, geschichten ... ja, das wäre nicht schlecht. Es ist natürlich dummes Zeug, aber es betäubt so schön!

Da stehen, ganz in der Ecke, an dekorativem Platz, aber mit einer leisen Staubschicht übet« zogen, ein paar sehr gute, klare Geschichtswerke. Und plötzlich neh­men wir eines von ihnen zur Hand. Wir schlagen es auf . . , Mit einem Schlag ändert sich Licht, Beleuchtung, Perspektive um uns herum. Es ist, als sähen wir durch ein umgekehrtes Opernglas, so fern und gleichzeitig klar ist alles.

Vor unseren Augen, einbrin­gend in unser gesammeltes Ver­stehen, vollzieht sich der Ablauf ganzer Völkerschicksale.

Krisen, jahrhundertelang ver­gangen, nehmen kaum eine halbe Seite ein. Dort stirbt ein Volk, und kaum 50 Seiten weiter er­wacht es schon wieder. Kriege gehen vorbei wie ein herbstlicher Windstoß.

Wir versuchen unseren pri­vaten kleinen Tag einzuflechten in eine jener längst vergangenen Epochen, die da, sehr zusammen­gedrängt, auf den Seiten unseres klugen Buches stehen, und wir er« kennen, daß er dort untergeht wie ein Staubkorn, wie ein Atom.

Es ist wie ein Blick in den Sternenhimmel: Wir erkennen unsere eigene Winzigkeit, aber diese Erkenntnis ist nicht nieder­drückend, weil sie uns gleichzeitig die Großartigkeit der ewigen Ge­setze zeigt, weil sie uns nicht zer­malmt, sondern nur einflicht in einen gewaltigen, unvergänglichen Rhythmus.

Wir schließen das Buch, das in ein paar hundert Seiten das Werden, Leben und Vergehen ganzer Zeitalter umschließt.

Um uns herum ist's sehr still. Unsere Uhr tickt, als sei es die Weltuhr. In uns hat sich viel Verkrampftes gelöst.

Es ist, als hätten wir für ein paar Stunden mit dem Auge Gottes geschaut, für den tausend Jahre wie ein Tag sind.

A. B.

Zeichnung und Verse von Wlllibad Krain.

hol. J. v. Belsen

Strom der Arbeit — ein Bild von gestern — eine Hoffnung für morgen

Bavaria-V erhub