Nr. 230
Donnerstag, den 1. Oktober 1931
Seife 7
Unbekanntes von Sinden- buvg
Zum 84. Geburtstag des Reichspräsidenten am 2. Oktober
Gibt es noch Unbekanntes von Hindenburg? Als Generalissimus und als Reichspräsident stand er in den letzten 15 Jahren im Vordergrund des West- interesses, und tausende wahre und erfundene Anekdoten sind von chm im Umlauf. Trotzdem aber gibt es noch einige entzückende Geschichten, die sich zum Teil tm engsten Familienkreis abspielten und darum nicht zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangtem Eine der reizendsten spielte sich in Kreuznach während des Krieges ab, wo das Große Hauptquartier war. Hindenburg war stets ein zärtlicher Gatte und Familienvater, und es machte ihm große Freude, als seine Gattin mit einer Tochter, Frau von Pentz, und der kleinen dreijährigen Enkelin Christa hierher zu Besuch kamen. Sie wohnten in der Nähe der Stadt in einer kleinen Waldvilla. Der Nachmittag gehörte, wenn nicht wichtige Angelegenheiten ein Hindernis bildeten, der Familie. Der Feldmarschall suhr, sowie es sich ermöglichen ließ, zum Nachmit- tagskaffee in die kleine Villa, wo die Enkeltochter Hauptperson war. „Großpapa" Hindenburg, der sonst so ernst war, konnte hier mit dem Enkelkind heiter sein, wenn er seinen Liebling auf dem Schoß hatte und von den Wichtigkeiten des kindlichen Lebens erfuhr. Eines Tages war mit Hindenburg auch der Kaiser zu Besuch gekommen. Alle saßen bereits am Kaffeetisch, nur Christa, die Enkelin, fehlte noch. Plötzlich erschien sie, das Röckchen hochgehoben, und
ging in dieser Berfassung zum Kaiser, um ihn zu fragen: „Kaiser, weißt Du mit Hemdhöschen Bescheid? Ich kann sie nicht zuknöpfen, denn ci“
Knopf ist abgerissen." Offenbar aber wußte
ein
der sich sich der
Kaiser nicht sehr gut Bescheid, denn obwohl er lachend um die Hemdhöschen bemühte, wandte Christa bald unwillig äb, zu ihrem Großpapa, „sicher mit Hemdhöschen Bescheid wußte". Die höchstwichtige Angelegenheit konnte nunmehr auch zu allseitiger Zufriedenheit erledigt werden. Diese Nachmittagsstunden im Familienkreise war die einzige Erholung, die sich der Feldmarschall gönnte. Aus diesem Grunde wurde auch nicht über militärische Pläne gesprochen, wie Hindenburg in den Briefen an seine Gattin überhaupt nicht kriegerische Ereig
nisse erwähnte. Charakteristisch dafür ist die von Frau von Hindenburg mitgeteilte Tatsache, daß sie die Nachricht von dem ersten großen Sieg Hindenburgs bei Tannenberg nicht von ihrem Gatten, sondern aus einer hannoversch. Ztg. erfuhr. Auch später schrieb er nicht ein einziges Wort über die Schlacht, obwohl seine Gattin täglich von ihm Nachrichten er- erhielt. Die Mitteilungen „strategischer" Natur lauteten ständig nur: „Auf den Schlachtfeldern stehen wir gut, ich bin gesund". Das sind einige Züge von Hindenburg als Familienvater, die über einen engen Kreis hinaus noch nicht bekannt geworden sind.
Hindenburg hat einmal im Leben sich an den Pegasus gewagt, aber das geflügelte Dichterroß war offenbar nicht sehr botmäßig, und es ist sicher, daß er sein Reitpferd mit erheblich größerer Geschicklichkeit zu lenken weiß. Das einzige Gedicht aus seiner Feder, das er während einer Generalstabsreise nach --Schlesien. verkokt. brck lautet talaendermaßeu: Der Kynast mar als 'Flankènstellung
Vor Zeiten im ®ebir« bekannt, Als-mancher kühne Stegrerfritter von dort den Kauffmann angerannt.
Doch war er seitdem schier verschollen, die Kriegs- fgeschichte nennt ihn nicht. Und dunkler Wald ringsum bedeckte die wunder- fschöne Stellung dicht.
Bis eine Schar von Kriegesknechten,
Sich heut zu ihm herauf verirrt, Und hoch vom Turme Kunigundens das Wechfel- fspiel der Schlacht entwirrt.
Man sieht, daß auch die Poesie zu strategischen Gedanken herhalten muß. Trotzdem hat aber -Hindenburg für Dichtungen viel übrig. Sein Lieblingsgedicht ist Münchhausens „Der alte Feldobrist", wie ein Freund des Hauses einst berichtete. Für dramatische Dichtung, für Theater, Opern und Film hat er dagegen heut nicht mehr sehr großes Interesse, obwohl er selbst oft genug der Gegenstand der Dichtungen gewesen ist. Es gibt außer zahlreichen Hin- denburgdramen und Gedichten ungefähr 200 Märsche, die ihm gewidmet sind.
Unter den Wochentagen spielt der Montag im Leben des Reichspräsidenten seit Jahren eine gewisse Rolle, denn es ist der Tag der Ansichtskarten. Der Deutsche ist bekanntlich ein leidenschaftlicher Schreiber von Ansichtspostkarten. Sowie er eine Reise tut, dann erzählt er zwar nichts, aber er schreibt Ansichtskarten. Jeden Sonntag erfüllen Hunderte diese selbstgewählte Pflicht, an das Reichsoberhaupt Ansichtspostkarten zu senden. Wie sie in ihren Zielen übereinstimmen, so stimmen sie auch merkwürdigerweise fast wörtlich in Bezug auf den Inhalt der Postsendung überein: „Im stillen Wald (oder auf sonniger Flur) gedenken wir des Vaters unseres schönen Vaterlandes und grüßen ihn ehrfürchtig." Da auch die zahlreichen Schützenfeste, Vereinsfeiern und Fahnenweihen am Sonntag stattfinden, so erhöbt sich die Zahl der Ansichtspostkarten aus Anlaß dieser festlichen Angelegenheiten noch beträchtlich. Die Post hat es am Montag mit dem Reichspräsidenten nicht leicht, denn außer diesen regelmäßig wiederkehrenden Anfichtspoftfarten kommen noch Hunderte von anderen Postsendungen.
SüvMrMette« bei Lisch
Aus den Erlebnissen eines Oberkellners
„Auch ein Oberkellner hat seine Erlebnisse" so erzählt der ehrwürdige Oberkellner eines Berliner Luxushotels, der eine internationale Karriere großen Stils hinter sich hat. „Unser Beruf ist keines- Wegs leicht, manchmal sogar mit Lebensgefahr verbunden. Ich erinnere mich an einen Zwischenfall aus dem Anfang meiner Karriere, die mich durch so viele Länder geführt hat. Es war in Helsingfors, das damals noch russisch war. Russische Offiziere feierten
Der Giernenhimmel im GLtobev
Nach der Herftt-ag- und Nachtgleiche macht sich eine weitere schnelle Abnahme der Tageslänge bemerkbar. Befindet sich die Sonne zu Beginn des Monats noch nahezu 11% Stunden über dem Horizont, so geht sie am Ende des Monats bereits nach geständigem Lauf vor 5 Uhr nachmittags unter.
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Dis Bildung von Flecken auf ihrer Oberfläche ist weiter in Abnahme begriffen. Im Zusammenhänge hiermit ist auch Rückgang der erdmagnetischen Störungen und der Polarlichthäufigkeit zu erwarten. Die Sonnenflecken, die wir als Wirbel von gewaltigem Ausmaße in der glühenden Sonnenoberfläche erkannt haben, haben nur eine beschränkte Lebensdauer. Zum Teil lösen sie sich nach wenigen Tagen wieder auf; manche Fleckengruppen hat man jedoch, allerdings unter starken Veränderungen ihres Aussehens, mehrere Monate lang verfolgen können. An diesen langlebigen Sonnenflecken läßt sich die Umdrehung der Sonne um ihre Achse sehr gut verfolgen. Ein Fleck, der am Ostrand der Sonne erscheint, wandert mit fortschreitender Drehung unseres Tagesgestirns über die Mitte der Sonnenscheibe hinweg und verschwindet nach 13 Tagen an ihrem Westrands. Dann bleibt der Fleck auf der Rückseite der Sonne ebenso lange für uns unsichtbar, bis er nach einer vollen Umdrehung wiederum am Ostrande erscheint. Die Sonnenflecken senden elektrische Strahlen in den Weltenraum hinaus, vor allem dann, wenn starke Veränderungen in ihnen zu beoo achtenchlno. Befindet sich ein Wicher Fleck auf der Mitte der Sonnenscheibe, so -sind die Ausstrahlungen gerade auf die Erde gerichtet und können einen besonders starken Einfluß auf die erdmagnetischen Erscheinungen ausüben. In den -letzten Jahren ist z. B. auch der Nachweis dafür erbracht worden, daß die Stärke des Rundfunkfernempfangs von der Sonnenifleckentätigkeit abhängig ist.
den Abschied eines Kameraden, der in eine andere Garnison versetzt worden war. Die Stimmung ging hoch. Die Offiziere tanzten, sangen die Zarenhymne und warfen mit Sektflaschen umher. Mehrere Teller gingen dabei in Stücke. Ich konnte ein Lachen darüber nicht verbeißen. Plötzlich zog ein stark betrunkener Offizier seinen Revolver, drückte mir den Lauf auf die Brust und erklärte, mich auf der Stelle erschießen zu wollen, da ich angeblich Väterchen Zar ausgelacht hätte. Es gelang den Kameraden nur mit Mühe und Not, den Mann von seiner Absicht abzubringen. Um seiner Empörung Luft zu schaffen, schoß der Offizier in die Luft. Trotzdem fauste die Kugel haarscharf an mir vorbei und zertrümmerte einen Spiegel.
Ein andermal bediente ich hohe Herrschaften bei einem Diner der Königlichen Geographischen Gesellschaft im Ritz-Hotel zu London. Der Herzog der Abbruzzen war soeben von seiner großen Polar- expedition zurückgekehrt und hatte darüber in der Royal Geographica! Society berichtet. Plötzlich ließ der Prinz von Wales, der heutige Georg I., eine schwere Schüssel fallen, die mit lautem Getöse am Boden gertiirrte. Es entstand eine Panik. Der kühne Polarforscher sprang auf und verließ fluchtartig den Saal. Er fürchtete einen Bombenanschlag, und es kostete viel Mühe, den Herzog der Abbruzzen zu beruhigen. . .
In London hatte ich auch oft Gelegenheit, König Edward VII. zu bedienen. Ein Freund des Königs, der Kammerherr Sidney Greville, gab in seiner Iunggesellenwohnung regelmäßig Diners zu Ehren des Königs. Außer dem König wurden jedesmal sechs schöne Damen eingeladen. Die Vorbereitungen zu diesen Diners nahmen stets einige Tage in Anspruch. Das ganze Tafelsilber mußte blitzsauber geputzt werden, und es war keine KleinigRit, die unzähligen kostbaren Geschenke, die der alte Kammerherr von Fürstlichkeiten ganz Europas erhalten Hatte, instand zu halten. Das Menu eines Diners für König Edward, der mit Recht den Ruf besaß, der erste Gourmand der Welt zu fein, war auch nicht leicht zusammenzustellen. Greville hielt vorher erst lange Konferenzen mit Leuten ab, die etwas von guter Küche verstanden. Unzählige Finessen, von denen der Laie nichts versteht, wurden dabei erörtert. Der König pflegte z. B. vor einer Speise, die Mehl enthielt, mitten im Diner eine Zigarette zu rauchen, um den Gaumen für die Mehlspeise zu reizen. Die Temperatur des Rotweins mußte ganz genau ein-
Der Stand der Gestirne im Monat Oktober ist aus der beigegebenen Sternkarte ersichtlich. Im Norden steht der Große Bär tief am Horizont. Im Osten finden mir die im Aufgeh en begriffenen Wintersternbilder, von denen besonders der Stier mit dem rötlichen Stern Aldebaran und den Ple-
jaden genannt sek. Der Südpunkt des Himmels wird markiert durch den Stern Fomalhaut im südlichen Fisch, der bei uns nur um diese Jahreszeit am Abendhimmel gut sichtbar ist. Auf der Westseite neigen sich die Sommersternbilder dem Horizont zu. Die Milchstraße spannt sich in hohem Bogen über den Himmel und ist deshalb in dunkler Nacht leicht zu erkennen.
Von den Planeten ist nach Eintritt der Dunkelheit Saturn zu beobachten. Auf unserer Karte, die am 1. Oktober abends 10 Uhr, am 15. Oktober um 9 Uhr und am 31. Oktober um 8 Uhr abends Gültigkeit hat, ist er in der Verlängerung der von Deneb im Schwan auf Atair im Adler gezogenen Linie am Südwesthorizont zu finden. Erst wenn Saturn längst untergegangen ist, und am Ofthim- mel andere Sternbilder aufgetaucht sind, wird noch der Planet Jupiter sichtbar, dessen vielgestaltige Streifen gebilde und vier großen Monde dem Himmelsfreund Anlaß zu interessanten Beobachtungen geben.
Der Mond geigt sich am 4. Oktober im Letzten Viertel, am 11. ist Neumond, am 18. Erstes Viertel
Es gibt auf ihm weder Wasser noch Lust. Zwei Wochen lang brennt die Sonne ununterbrochen auf sein Gestein'herab und erhitzt es bis aus 130 Grad. In der ebenso langen Nacht kühlt der Mond dagegen bis aus minus 150 Grad ab. Wir können uns kein Lebewesen vorstellsn, das unter diesen Bedingungen existieren könnte.
gehalten werden. Ein Kellner stand mit einem Thermometer vor dem Kübel, der das temperierte Wasser enthielt. Nachdem der König reichlich gespeist hatte, pflegte er den untersten Knopf seiner Weste gu öffnen. Diese Mode wurde dann, wie erinnerlich, von den Cents der ganzen Welt nachgeahmt, und es gehörte ja eine zeitlang zum guten Ton, den letzten Westenknopf nicht zu schließen. Dabei wußte fast niemand, woher der Brauch stammte.
Noch eine amüsante Episode. Mitglieder der chinesischen Botschaft in London gaben ein Diner zu Ehren des Geburtstags des Kaisers von China. Zum Essen wurde das ganze diplomatische Corps geladen. Die chinesische Boffchaft lud Winston Churchill ein, um die Placierung der -Gäste nach der europäischen Etikette zu überwachen. Erst nachdem Churchill den gedeckten Tisch inspiziert hatte, durften die Gäste das Zimmer betreten."
£te Revolution dev ÄlufLSrsdigeu
Newyork läßt sich die Verbrecherherrschaft nicht mehr gefallen — Massenversammlung der Bürger mit Gebeten, Anklagereden und hym- nen — Walker ist zu schlapp — Kriegsteilnehmer wollen wieder kämpfen
Die Hudson-Metropole ist in Bewegung geraten. Die Revolution der Anständigen richtet sich gegen die Unterwelt. Die unglaublichen Vorfälle, die sich Ende August in Newyork abgespiet haben, als sich Polizei^ und Verbrecherwelt in den Straßen der Stadt Schlachten lieferten, haben das Maß voll gemacht: befanden sich doch unter den Opfern mehr friedliche Passanten als Angehörige der beiden kämpfenden Parteien. Sogar die Kinder wurden nicht verschont, ein fünfjähriger Junge und ein dreijähriges Mädchen blieben tot am Platze.
21000 Newyorker protestierten dieser Tage in Madifon Square Garden gegen die Schande ihrer Stadt; 25 000 mußten wieder umkehren, da sein Platz mehr für sie vorhanden war. Der Rundfunk verbreitete die Reden des Abends über das ganze Land. Zu Beginn zogen 2000 Kriegsteilnehmer mit entfalteten Bannern in den Raum ein, eine Riefenkapelle spielte die Nationalhymne, und der Vor
Verbrecher tötet zwei Polizeibeamte
Paris, 30. Sept. Als heute vormittag in Dijon zwei Polizeibeamte zur Verhaftung eines etwa 50« jährigen Mannes schreiten wollten, gab dieser im Augenblick der Perhaftung mehrere Revolver- schüe-ab. Die beiden Beamten wurden getötet. Der Mörder entkam in einem Auto, das später in einem Vorort von Dijon leer aufgefunden wurde.
sitzend«, der ehemalige Staatssekretär Colby, bat mit einem dröhnenden Hammerschlag um Ruhe. Eine feierliche Stille trat ein. Colby erinnerte an die beunruhigenden Ereignisse, die unter der Bevölkerung die Ueberzeugung hervorgerufen hätten, daß Newyork feine sichere Stadt mehr sei. „Wir leben", so sagte der Staatssekretär, „in einer Aera der Gewalt ' und unter der Herrschaft des Verbrechens. Es liegt klar zutag«, daß der Zusammenbruch der Autorität und die notorische Unfähigkeit der Polizei, diesen Skandalen zu steuern, die beklagenswerten Folgen jenes unnatürlichen Bündnisses darstellen, das die lokalen Behörden mit den Verbrechern eingegangen sind. Dieser groteske Zustand ist nur eine Folge jener Geistesverfassung, die den Lokalbehörden eigentümlich ist. Herr Walker, der Bürgermeister von Newyork, trägt eine schwere Verantwortung. Durch die Schlappheck und Nachsichtigkeit, die er in seinem öffentlichen Auftreten an den Tag legt, hat er zweifellos dazu beigetragen, daß sich das moralische Niveau unserer Stadtverwaltung immer mehr ge- fenift hat. Die 20 000 Polizisten, die wir m Newyork haben, könnten im Laufe von 48 Stunden sämtliche „Speakeasiß" und alle Schlupfwinkel der Racketeers aushoben, wenn sie dürften. Der Redner verlangte daher für den Chef der Polizei jed. wede Handlungsfreiheit und die aufrichtige und völlige Unterstützung von Seiten des Bürger- meisters. „Wenn Polizeichef oder Bürgermeister versagen, muß der Gouverneur einschreiten, der nach dem Gesetz das Recht hat, den einen toie den anderen abzusetzen!"
Edward Neary, der die Newyorker Ortsgruppe der Amerikanischen Legion führt, sprach mit gleicher Schärfe. Er bot den Behörden die Unterstützung seiner 10 000 Legionäre an. Empörung brandete auf, als der Redner mitteilte, er sei, ebenso wie Staatssekretär Colby, von den Verbrechern mit dem Tode bedroht worden, wenn er an dieser Kundgebung teilnähme.
Die Veranstaltung verriet die geschickte Hand eines ausgezeichneten Propagandisten. Auf der Estrade saßen zwei Frauen in tiefer Trauer, dir weinenden Mütter der getöteten Kinder, deren Anwesenheit das Publikum geradezu fanatisierte. In einer dramatischen Ansprache beschwor der General Butler seine Zuhörer, „vor Wut zu heulen int Gedanken an die Würdelosigkeit in der ihre Stadt versunken sei". Auch die religiöse Note, für die die Amerikaner so empfänglich sind, schwang mit. Ein Reverend sprach gegen die Mächte des Bösen ein feierliches Gebet, nach ihm klagten ein Rabbiner und ein Pater unter Orkanen des Beifalls die Behörden an, der politischen Korruption u. der Schamlosigkeit des Verbrechertums untätig zuzusehen. Sänger von Ruf trugen ein eigens für diesen Abend komponiertes Lied vor: „Abie, Herr Racketeer" dann ein» patriotische Hymne, die von der Menge begeistert mitgefungen wurde. Zum Schluß wurde eine Entschließung angenommen, die in drohenden Worten die städtischen Behörden auffordert, ihre Pflicht zu tun.
Unter dem Eindruck der allgemeinen Begeisterung gab der Polizeiinspektor Sullivan noch am selben Abend fünf Distriktchefs den telephonischen Befehl, sofort die bekanntesten Verbrecher zu verhaften. Diese waren am Abend so unvorsichtig gewesen, auszugehen. Da die Polizisten an diesem Tag ausnah msch eise den, Beseht hatten, ihre sonst geschlossenen Augen offen zu halten, gelang es in kürzester Frist, 70 Prominente der Unterwelt dingfest zu machen. Auf Befehl des Präsidenten Hoover nahmen die Mckglieder des Services Secret sofort die Zusammenarbeit mit der Newyorker Polizei auf. In Washington wurde ein« Subvention von 120 000 Dollars bewilligt, um die Poli- zei auf dem schnellsten Weg mit gepanzerten Motorrädern, Automobilen und Radiogerät und Waffen aller Art auszurüsten. Es kann kein Zweifel mehr fein, daß die amtlichen Stellen, angefeuert durch den Aufstand der ehrlich arbeitenden Bevölkerung, den Entschluß gefaßt haben, durchzugreifen. Die Offensive gegen die Unterwelt hat begonnen. Ob sie ans Ziel gelangen wird?
1SLV6 Patente fite brauen!
In diesen Tagen wurde in Newyork eine Ausstellung von Erfindungen eröffnet, die von Frauen gemacht wurden, und deren Fülle und Reichhaltigkeit die Rührigkeit und ungewöhnliche Tüchtigkeit der Amerikanerinnen auf diesem Gebiet erweist. Bei der Besprechung dieser Ausstellung heben die amerikanischen Blätter hervor, daß die Zahl der an Frauen erteilten Patente bisher schon die 15 000 übersteigt, und daß Jahr für Jahr die Zahl der Patentanmeldungen beständig wächst. Man könnte glauben, daß diese Erfindungen sich so gut wie ganz auf das Feld der Haushaltung, der eigentlichen Domäne der Frauen, beschränken. Das wurde vielleicht für Europa gutreffen, nicht aber für Amerika, woran die Ausführungen der Präsi- Dentin der Ausstellung, Frau Olivier Harriman, keinen Zweifel lassen. Den Berichterstattern erklärte sie nämlich, daß die von Frauen gemachten und das Hauswesen betreffenden Erfindungen kaum ein Viertel der 'Gesamtzahl der erteilten Patente ausmachen. Di« überwältigende Mehrheit der vom amerikanischen Patentamt genehmigten Patente von Frauen betrifft vielmehr industrielle Neuerungen, das Gebiet der Transportmittel und der landwirtschaftlichen Betriebe. Besonders bemerkenswert sind die Erfindungen, die die Frauen zur Erhöhung der Beqemlichkeit und der Sicherheit der Eisenbahnzüge gemacht haben. Aber auch auf dem Gebiet des Automobilwesens hat sich der erfinderffche Geist der Frauen mit Erfolg betätigt.