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Dienslag, den 22. September 1931

Ar. 222

Die rosa und die svaue VvMe

„Di-e Welt ist schön; das Leben freut mich", sagst Du heute. Und Du hast recht.

„Die Welt ist grau; das Leben schal und mert- los", sagst Du morgen. Und wieder hast Du recht.

Es hat keinen Zweck, Dir jeweils zu wider­sprechen, denn Du wirst viele Gründe für Deine Auffassung finden und wirst die Gegengründe kaum hören, geschweige denn gelten lassen.

Die Welt ist weder so, wie Du sie gestern sahst, noch so, wie Du sie heute siehst. Sie ist ganz an­ders. Aber sie ist jeweils für Dich so, wie Du sie eben siehst. Nicht anders.

Geärgert hast Du Dich über irgend etwas. Ob es wert war sich zu ärgern, oder nicht, hat keine Bedeutung. Nur Dein Aerger entscheidet. Denn nur durch die Brille Deiner Verärgerung siehst Du jetzt die, Welt. Du läßt die farbigen Lichter, die Sonnenseiten des Seins nicht gelten. Du verbohrst Dich hr Deinen Aerger, in Dein« verdrossene Stimmung. Die Welt kann Dir ja gar keine an­dere Seite zeigen als die nachtdunkle, weil Du nur für sie in dieser Stunde aufnahmefähig bist. '

Und kurz darauf ist Dir eine Freude wider­fahren. Sie braucht nicht groß, nicht bedeutend zu sein: genug, daß es ein wenig Freude war. Und wieder ist die Welt sogleich eine andere, weil Du sie anders siehst, mit freundlicheren Augen anblickst, und so entdeckst Du auf einmal Schönheiten, die Du vorher nicht gesehen hast oder als Schönheiten nicht gelten ließest. Die Menschen, die Dir uner­träglich schienen, sind jetzt für Dich vielleicht rei­zende Gesellschafter, die Dinge der Umwelt, die Dich verdrossen, störten, ärgerten, sind jetzt weit nicht mehr so unangenehm, im Gegenteil, Du fin­dest, daß sie kaum anders sein können, und wären sie anders, so wären sie nicht besser.

Und doch verläßt Du Dich so oft auf die Ein­gebung eines Augenblicks, einer kurzen Stimmung, lobst oder verwirfst in ihr und denkst gar nicht daran, daß Dir die Stimmung, der Klang der Stunde einen Streich gespielt hat.

Die Well ist immer nur so für Dich, wie Du sie siehst, manchmal so, wie Du sie zu sehen wünschst. Aber sie ist selten wahrhaft so, wie Du sie siehst, und die Menschen sind weder so gut wie Du oft meinst, noch so schlecht, wie Du oft wähnst, son­dern sie sind wie die Ding«, die sie geschaffen haben, mit Schwächen und Vorzügen behaftet, wie schließlich alles Geschaffene, auch das aus göttlicher Hand, Schwächen und Vorzüge aufweist.

Das aber ist Deine Aufgabe, und sie zu erfüllen ist zu Deinem Vorteil, die Vorzüge der Menschen und Dings zu nutzen. Sei es, daß Du durch sie der Sonnenseiten des Seins teilhaft wirst, fei es, daß Du durch sie in irgend einer Weise Gewinn erzielst. Indem Du ablehnst, hast Du nichts gewonnen, erst wenn Du bejahst, die Lichter zu Deinem Vorteil wahrnimmst, wirst Du ihnen so gerecht, daß Ge­winn für Dich bleibt. Und den Gewinn willst Du doch? Oder willst Du den Verlust, willst Du selbst mit auf jener Seite stehen, wo Schatten und Nach­teile sind?

Das Gmsieevseb«rs in Aesseu- Nassau und Hessen

Infolge des schlechten Wetters haben sich die Ernteergebnisse gegenüber den ersten Schätzungen im.August erheblich verringert. In Hessen-Nassau istnach den S eprem berMatzungen rw Törgenoem Erträgen zu rechnen: Winterroggen 232 000 -sonnen sHekrarertrag 16,7 Dz.) Winterweizen 152 000 Ton­nen (20,3 Dz.), Wintergerste 17 000 Tonnen (19 Dz.), Sommergerste 30 000 Tonnen (17,2 Dz.), Hafer 289 000 Tonnen (19,2 Dz.). Für Hessen lau­ten die entsprechenden Ziffern: Roggen 76 000 Tonnen (15,2 Dz.), Weizen 69 000 Tonnen (21,5 Dz.), Sommergerste 107 000 Tonnen (22,5 Dz.) und Hafer 96 000 Tonnen (19,6 Dz.). Sommerroggen und Sommerweizen werden bei uns nur in ganz geringem Umfang angebaut und sind deshalb nicht berücksichtigt worden.

Me AkbettsmarMase in Hessen und Hessen-Sassan

Ueber die Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen- Nassau vom 1. bis 15. September 1931 berichtet das

Landesarb ei tsanck liessen in Frankfurt a. M.: Die Verschlechterung der Arbeitssuchenden ist in der Zeit vom 1. bis 15. September um 2789 oder 1 Prozent auf 273381 gestiegen, die der Hauptunterstützungs­empfänger in der Arbeitslosenversicherung um 2 594 auf 76 417 und die der Hauptunterstützungsemp­fänger in der Krisenunterstützung um 1199 auf 66 056. Die Beschäftigungsverhältnisse haben sich besonders verschlechtert in den Angestelltenberufen (Zunahme 736 Arbeitsuchende), im Baugewerbe (+ 523), Holzgewerbe (+ 420), Jichustrie der Steine und Erden (+ 367), Landwirtschaft (+ 350), Metall­industrie (284) und im Nahrungsmittelgewerbe (+ 227). Bei Notstandsarbeiten, die mit Mitteln der Reichsanstalt gefördert werden, waren am 31. August 1931 1071 Personen beschäftigt.

* Frachtermäßigung für Obst. Um die Verwer­tung der diesjährigen Obsternte zu erleichtern, hat die Reichsbahn mit Gültigkeit vom 21. September 1931 den Ausnahmetärif 16/0 für frische Aepfel und Birnen zur Verarbeitung in industriellen Verwertungsbetrieben eingeführt. Der Ausnahme­tarif gilt von und nach allen Bahnhöfen und ge­währt für Wagenladungen gegenüber den seitheri­gen Frachten eine Ermäßigung von 25 Prozent.

* Evangelisches Vereinshaus. Uns wird ge- fchrieben:^Jn der gut besuchten Missionsversamm­lung am Sonntag abend wies Herr Pfarrer Goebels zunächst auf den 100jährigen Geburtstag eines Mannes hin, der Großes für die Arbeit der Aeuße- ren und Inneren Mission in Deutschland gewirkt hat und auch mit unserer Stadt Hanau in reger Verbindung stand. Elias Schrenk ist am 19. September 1831 im Oberamt Tuttlingen in Württemberg geboren. Er wurde Kaufmann und eine Zeitlang in dem Geschäft des Fabrikanten Metz im Elsaß tätig. Hier kam er zu einem leben­digen Christenglauben und zu dem Entschluß, Mis­sionar zu werden. Nach der Vorbereitungszeit im Basler Missionshaus wurde er 1859 nach Afrika ausgefandt und war fünf Jahre auf her Goldküste tätig. Noch einem- zweijährigen Erholungsurlaub tonnte er 1865 zum zweiten Male auf die Goldküste ausziehen. Nach seiner Rückkehr war er in Frank­furt als Missionsprediger von 1875—79 tätig. In dieser Zeit kam er oft nach Hanau und hielt in der Marienkirche gut besuchte Bibel- und Missions­stunden. Im Jahre 1879 wurde er als Reisepredi­ger für die Evangelische Gesellschaft nach Bern be­rufen. In dieser für ihn oft sehr schweren Zeit ent« wickelte er sich für den Beruf eines Evangelisten, den er dann in der Schweiz und in Deutschland länger als 30 Jahre ausübte. In den achtziger Jahren kam er zweimal hierher nach Hanau, zur Abhaltung von Evangelisationswachen. Sie wur­den in der Marienkirche begonnen. Nach den ersten Abenden war die Kirche überfüllt, man mußte in die größere Johanneskirche übersiedeln, und auch dieses Gotteshaus füllte sich bis auf den letzten Matz. Unsere Gemeinden haben damals reichen Segen empfangen, und darum haben wir alle Ur­sache, das Gedächtnis dieses Gottesmannes in Ehren zu halten. Seine letzten Jahre verlebte er in Bethel bei Bielefeld und ruht dort mit feiner treuen Le-bensgefähiftin auf demselben Friedhof, auf dem auch sein Altersgenosse.Friedrich von Bodelschwingh seine. letzte Ruhestätte gefunden hat. —. Nach der Gedächtnisfeier für Schrenk hielt Herr Pfarrer RnöM MWkersMHekE MelndN VEE über das große Missionsfest in Basel, an dem er regen Anteil genommen hat. Zum Eingang erinnerte er an die Rundfunkrede des Dichters Gerhart Hauptmann, die dieser Dichter vor kurzem an das deutsche Volk gerichtet hat, um es in der gegenwärtigen Not und Niedergeschlagenheit zu stärken und aufzurichten. Gerhart Hauptmann suchte diesen Zweck zu erreichen durch den Hinweis auf die großen Männer, die uns auch in dieser Not­zeit geschenkt wurden: ein Eckener, der mit seinem Luftschiff den Ozean überquert, ein Pikard, der den kühnen Flug in die Stratosphäre unternimmt u. a. Aber so sehr mir auch diese kühnen Männer bewundern, können sie uns doch von der tiefsten Not, von der Glaubenslosigkeit und Gottlosigkeit, nicht erretten. Dazu müssen wir erst andere Vor­bilder schauen, die uns in freiwilliger Selbstver­leugnung und mutigem Gottvertrauen vorangehen, die Missionare, die fetzt trotz aller Schwierigkeiten

und Gefahren in die heidnrsckien Länder ziehen, um dort das Evangelium von dem rechten Helfer und Erretter zu verkündigen. Solche Männer hat Pfarrer Knöll in Basel kennengelernt und war be­geistert von ben Glaubenszeugnissen, die er von ihnen vernahm. Mit klaren Worten führte er uns durch die großen Versammlungen in den Festsälen und Kirchen Basels bis zu der Krone des Festes, der Einsegnung von 15 jungen Missionaren in dem herrlicheen Münster. Mehr als 4000 Festgäste nah­men tiefergriffen an dieser Feier teil, und alle waren dankbar für das, was sie in Basel sehen und hören und erleben durften. Gewiß sind auch durch dieses Fest viele treue Mitarbeiter für das Missionswerk gewonnen worden und wir alle waren Herrn Pfarrer Knöll herzlich für seinen lebensvollen Bericht herzlich darüber.

* Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. In einer außerordentlich stark besuchten Ver­sammlung der NSDAP, sprach gestern abend in der „Centralhalle" Landtagsabgeordneter Julius Streicher-Nürnberg. Er erinnerte an die Ver­sprechungen, die die Sozialdemokratie ihrer An­hängerschaft in Vorkriegszeiten gemacht habe und stellte fest, daß diese nicht gehalten worden sind, ob­wohl die Sozialdemokratie 1918/19 die Macht ge­habt habe. Der Schrei „Nieder mit dem Kapitalis­mus" sei verstummt, nachdem es gelungen war, das „schaffende, arbeitende produktive Kapital" zu zerstören. Den anderen Kapitalismus, „der Geld aus- tei;t und Wucherzinsen empfangt", habe man be­wußt unangetastet gelassen, ja die Kommunisten hätten sogar zum Schutze dieses Kapitalismus auf- gerufen, der das deutsche Volk schließlich in Zinsknecht­schaft gelegt habe. Sodann behandelt Redner die Frage „Was ist die Ursache des Unglückes des deutschen Volkes?", zu deren Beantwortung er längere Aus­führungen über die Rassenfrage machte. Seiner Ansicht nach ist die Rassenfrage der Schlüssel zur Weltgeschichte. Die Weltgeschichte werde von Rassen gemacht und da müsse gesagt werden, daß die deutsche Rasse der jüdischen unterlegen sei. Das sei die Ursache unseres Unglücks, die heute leider noch nicht erkannt werde. Komme diese Erkenntnis nicht bald, dann werde das deutsche Volk vollständig untergehen, dann werde sich erfüllen, was Rathenau in feinem Buch „Von kommenden Dingen" prophe- , zeiht habe. Die dreistündigen Ausführungen des Redners wurden mit starkem Beifall ausgenommen. Eine Diskussion fand nicht statt.

LVettevbevrrht

Ueber dem nördlichen Atlantik dehnt sich von England bis Island ein mächtiges Hochdruckgebiet aus, das sich zwar langsam abschwächt, aber im wesentlichen seine Lage beibehalten wird. Mittel­europa bleibt daher an der Vorderseite des Hochs im Bereich einer recht kalten Nordströmung, inner­halb deren es auch noch zu vielfacher Schauertätig­keit kommt. Bei zunächst steigendem Barometer wird die Regenneigung allerdings wieder zurück­gehen, doch bleibt das Wetter vorläufig wolkig und bei niedrigen Temperaturen nicht sehr freund­lich. — Vorhersage bis Dienstag abend: Meist be= wölkt, aber Schauerneigung wieder etwas schwä­cher auftretend, kühl, nordwestliche bis nördliche Winde. — Witterungsaussichten für Mittwoch: Im ganzen trockenes, aber noch immer ziemlich wolki­ges und kühles Wetter wahrscheinlich.

Aus Stekrheim und Umgebung

w Klein-Auheim, 21. Sept. In der Nacht zum Samstag kurz nach 1 Uhr wurde in der hiesigen Zahlstelle der Krankenkasse Offenbach-Land ein Einbruch versucht. Der erwachsene Sohn des Hau­ses, der erst kurz vorher . von einem Besuche nach Hause gekommen war und noch wach im Bette lag, hörte auf einmal durch das offene Fenster seines Zimmers ein schwaches Geräusch vom Hofe her, das ihm verdächtig vorkam. Als er sich zum Fenster hinauslehnte, entdeckte er trotz der Dunkel­heit eine vermummte Gestalt,, die sich am Fenster,

Wir bitten

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die Erneuerung des Abonnements für Oktober 1931 nicht zu vergessen, damit keineuniiebsameVerzögerung in der Lieferung eintritt.

Verlag „Hanauer Anzeiger"

das von dem Büroraum der Zahlstelle nach dem Hofe geht, zu schaffen machte. Er begab sich nach unten, um sich aus dem Schlafzimmer seiner Mutter eine Waffe zu holen und den Einbruch abzuweh­ren. Dabei scheint es in der Aufregung Lärm ge- geben zu haben, den auch der Dieb vernahm. Er floh in der Richtung nach dem Turnplatz. Ein kurz darauf aus dieser Richtung kommender Rad­fahrer hatte mit ihm einen Zusammenstoß, konnte aber nichts bestimmtes über die Person aussagen. Beim genaueren Nachsehen ergab sich, daß der Dieb den Laden geöffnet und mit einem Glasschnei­der ein mehr als faustgroßes Loch aus der Fenster- scheibe geschnitten hatte. Die Splitter davon lagen im Zimmer. — Beigeordnetenwahl. Bei der am Sonntag stattgefundenen engeren Wahl zum Beigeordneten erhielt der Kandidat der Zen­trumspartei, Herr Josef Alois Winter, 1042 Stimmen und der Kandidat der Sozialdemokra­tischen Partei, Herr Horn, 990 Stimmen. 183 Stimmen waren ungültig. Der seitherige Beige­ordnete Herr Jung (SPD.) scheidet aus dem Ge- meinderat aus, für Winter kommt Herr Andreas Heck 3. neu hinzu.

ÄteiS Gelnhausen

st Gelnhausen, 21. Sept. Abschiedskonzert. In einem sehr beachtenswerten Kirchenchorkonzert am letzten Sonntag in der Marienkirche verab­schiedete sich der Dirigent dieses Vereins, Herr Musikdirektor W. Bethge, der nach Schmalkalden versetzt ist.

S Meerholz-Hailer, 21. Sept. Die Landjugend des Steifes Gelnhausen hielt hier am Sonntag unter starkem Zuspruch der Bevölkerung unter der Leitung ihres Vorsitzenden, Landwirt Wilh. Köhler, Hailer, auf dem Gräflichen Schießhaus ihr Herbst­treffen ab. Voraus ging ein Feldgottesdienst unter der weit in das Kinzigtal hinaus schauenden allen „Meerholzer Linde", bei dem der Musikverein „Phil­harmonie" und der Gesangverein „Sängerlust" aus Meerholz mitwirkten und Kreispfarrer Metro­politan Kohlenbusch, Meerholz, über das Wort: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" (Math. 4,4) die auf den Erntedank hindeutende Predigt hielt. Anschließend wickelte sich, nachdem am Ge­fallenendenkmal der alten Grafschaft Meerholz nM eine schlichte Gedenkfeier stattgesunden hatte, a ü’ dem Schießhaus das Treffen ab. Das Hauptreferch-

aus Lützelwig bei Homberg über das Thema: „De# Kampf unseres Landvolkes um seine Existenz" gab in ihm einen geschichtlichen Ueberblick der ( Wicklung des landwirtschaftlichen Zusammenschluß - und Kampfes seit den Tagen, da der Freiherr vom Stein den deutschen Bauern die Freiheit gab. Er ■betonte die Notwendigkeit der Bildung einer echten, durch keine Parteien gestörten Volksgemeinschaft ; und die Erfordernis einer baldigen Lastensenkung. Er trat auch mit Entschiedenheit dafür ein, daß alles, was im Inlands hergestellt werde, nicht aus dem Auslande bezogen ' werden dürfe. Der mit großem Beifall aufgenommenen Rede folgten An­sprachen des Iunglandbundführers des Kreises Hanau, Stein - Hochftadt, und von Oekonomie- rat A. Knauer, Altenhaßlau, die beide den Drang der Landjugend, sich zu sammeln, anerkannten. Das Landjugendheim Hailer brachte einen eindrucks- vollen ländlichen Sprechchor: „Die Roggenmuhme"

Laokoon schvett nicht

Eine moderne medizinische Untersuchung der „Laokoon-Gruppe".

Von Dr. med. k. Bildt.

Di« berühmte „Laokoon-Gruppe", die um die Mitte des ersten Jahrhunderts o. Chr. von den rhodischen Bildhauern Agesandros, Polidoros und Athanadros geschaffen wurde und bekanntlich für Les­sing den Anlaß bildete zu seinem klassischen Werk „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie", hat bis in die neueste Zeit hinein Künstler und Wissenschaftler beschäftigt. Bekanntlich stellt die Gruppe den Augenblick dar, wo der trojanische Apollopriester Laokoon, der seine Landsleute vor dem hölzernen Pferd der Griechen gewarnt hatte, mit seinen beiden Söhnen durch zwei Schlangen er­würgt wurde. Der herrliche Ausdruck des Schmer­zes auf dem Gesichte des Laokoon, der den Mund nur wenig geöffnet hat, war stets ein Gegenstand der Bewunderung, aber die Mundhaltung zugleich Anlaß zu vielfachem Streit Es fragte sich, ob Laokoon vor Schmerz schreit oder nicht. Davon hing für die Beurteilung des Werkes viel ab, denn wenn Laokoon schreit, dann ist die Haltung des Mundes nicht fachgemäß. Winkelmann, Lessing und Herder sind sämtlich der Meinung, er schreie nicht. Winkel­mann spricht von dem „bangen Seufzen, welches er in sich und welches den Odem an sich zieht." Lessing schreibt: „Die Deffnung des Mundes gestattet es nicht, es ist vielmehr ein ängstilches und beklemmen­des Seufzen!" Goethe begründet die Tatsache mit der Bemerkung, daß es „das augenblickliche Gefühl der Wunde ist", das im Kunstwerk zum Ausdruck kommt. Nach Goethes Meinung wird der Schlan­genbiß selbst hier dargestellt, der Augenblick, wo die Schlange beißt, also offenbar das Gefühl des Schmerzers noch nicht so groß ist. In diesem Augen­blick stöhnt Laokoon nur vor Schmerzen auf. Goethe schreibt: „Die Schlange hat nicht gebissen, sondern

sie beißt.

Alle diese Darstellungen sind nur Vermutungen, die nicht non der eigenartigen Körverbaltuna Lao­koons ausgehen, da die Betrachter nicht medizinisch geschult sind. Um den Zustand Laokoons beurteilen zu können Offenbar haben aber die Künstler den Zustand aber ganz naturgetreu geschildert, denn ein Arzt Dr. Muck findet an dem Kunstwerk zahlreiche' Laokoons.

Anhaltspunkte, um auf Grund der Kenntnisse des Körperbaues und der Wirkung von Schlangenbissen eine wissenschaftlich genaue Darstellung der Haltung Laokoons in der „Münchener Medizinischen Wochen­schrift" zu geben.

Was sieht nun an diesem Manne das Auge des Mediziners? Es sind 4 Dinge, die auch den kunst­interessierten Laien interessieren, da erst jetzt ein

2.

wirkliches Verständnis der „Laokoon-Gruppe" mög­lich ist, und zwar sind es folgende Einzelheiten:

1. Ein stark gewölbter Brustkorb,

2. Ein sehr stark eingezogener Leib,

3 Eine prall gefüllte Dosselvene auf der rech­ten Halsseite,

4.

Strotzend gefüllte Hautoenen am erhobenen rechten Arm.

Was ist nun aus diesen 4 Anzeichen zu schließen? Jeder Mensch weiß, daß, wenn ein gesunder Mensch seinen Arm verhebt, sich die Venen entleeren. Hier aber sind die Venen trotz des- erhobenen Armes ge­füllt. Es gibt nur eine Voraussetzung dafür, daß sich diese Entleerung verzögert, wenn nämlich der Mensch gleichzeitig tief einatmet, seine Stimmritze schließt und dann kräftig ausatmet, ohne auszu­atmen, d. h., Brustkorb und Zwergfell so bewegt, daß er ausatmen würde, wenn die Stimmritze eben nicht geschlossen wäre, sondern offen. Der starke Ueberdruck, der so entsteht, verhindert nämlich jetzt den Rückfluß des Blutes aus den Venen. Das nen­

nen die Mediziner den „Valsalvaschen Versuch". Und da die berühmte Plastik in den erwähnten 4 Charak­teren mit der Versuchsperson übereinstimmt, so schließt Dr. Muck, daß Laokoon in diesem „transi­torischen Moment", in seinem körperlichen Schmerz stumm ist, denn auf den Schlangenbiß hin erfolgt, wie man sieht, ein reflektorischer Stimmritzenschluh von einigen Sekunden Dauer." Die medizinische Wissenschaft hat offenbar zur Klärung der An­gelegenheit dieser berühmten Gruppe das Wesent­liche beigetragen. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, mit welcher Kenntnis der wesentlichen Er­scheinungen in dieser Lage die Künstler gearbeitet und nicht nur die Körperhaltung Laokoons in bezug auf Brustkorb, Leib und Venen naturgetreu dar- geftellt, sondern auch die Haltung des Mundes ent­sprechend ausgeführt haben. Es ist also nicht „ein transitorisches Moment", sondern die natürliche Folge der augenblicklichen körperlichen Verfassung

o Stadllhealer. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben: Trotz der Unbill der Zeit darf man sagen, daß sich der Hanauer auch jetzt noch für „fein" Stadttheater interessiert. Wie oft wird man gefragt: „wann beginnt die Spielzeit?", „sind die Mitglieder schon da?", „wie wird es denn werden, wird man das Stadttheater halten können?". Wir freuen uns über dies Interesse, erkennen wir doch daran, daß man uns nicht vergißt. Auf die letzte Frage können wir nur mit „Ja" antworten, wenn Sie alle mit­helfen. Wir sind mit den Eintrittspreisen billiger geworden und Sie können das Stadttheater, trotz­dem es allmonatlich 92 Menschen auszuzahlen hat, noch unter dem Kinopreis besuchen und dafür bieten wir Ihnen lebendige Kunst. Kommenden Samstag, abends 8 Uhr, beginnt die Spielzeit 1931/32 mit dem noch nie dagewesenen Erfolg „Der Hauptmann von Köpenick", ein Volksstück in 3 Akten von Karl Zuck­mayer. Zuckmayer ist weit davon entfernt, aus einer billigen Karrikatur des wilhelminischen Mili­tarismus Kapital zu schlagen. Beides, das Der» pfuschte Leben des Schusters Voigt und das gewagte Abenteuer, mit dem er es krönte, sind Symbole des Schicksal des deutschen Volkes. Und das ist das dichterisch Wertvolle an Zuckmayers neuem Werk, deshalb ist es ein Volksstück in bestem Sinne des Wortes. Zuckmeyer kann Rollen schreiben, eine Fülle lebendiger, wahrheitsgetreuer Gestalten wim­melt nur so in der abwechslungsreichen Handlung. Der Besuch dieser Vorstellung ist ein wirkliches Er­lebnis, das auch in Hanau in jubelndem Beifall seine Bestätigung finden wird. Am Sonntag, abends 7% Uhr, gelangt als erste Operettenvorstellung der er­folgreiche Schlager „Victoria und ihr Husar", Ope­rette in einem Vorspiel und 3 Akten von Paul Abraham zur Aufführung. In Paul Abraham lernt man ein Operettentalent ersten Ranges kennen, dem ohne Zweifel die Zukunft gehört. Er schreibt in die­ser Operette eine Fülle von Schlagern, die bald in aller Munde sein werden. Am Montag, abends 8 Uhr, geht vielfachen Wünschen zufolge in neuer Ein­studierung der Operetten-Welterfolg „Das Land des Lächelns" von Franz Lehar in Szene. Sichern Sie sich rechtzeitia Ihre Plätze, der Vorverkauf beginnt am komemndeu Donnerstag, vormittags 10 Uhr. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß noch gute Abonnementsplätze zu vergeben sind. Ratenzahlung wird zugefichert. Anmeldungen kön­

nen täglich von 10—1 Uhr und 4—7 Uhr im Theater- büro erfolgen.

o Sonaten-Abend Winker-Vissing. Die Herren Ernst Winter (Violine) und Willy Kissing (Klavier), die der Kammermusik-Vereinigung Hanau ange­hören, geben am Donnerstag, 8 Oktober ihren dies­jährigen Sonaten-Abend. Diese Konzerte erfreuen sich größter Beliebtheit und wird der Abend auch in diesem Jahre seine Anziehungskraft nicht verlieren. Der Kammermufiksaal der Stadthalle wird durch die Verdunkelung des Zuhörerraums bewirken, daß sich die Zuhörer ganz auf die Darbietungen der bei­den Künstler konzentvieren können, so daß das Spiel der beiden Herren zu einem nachhaltigen Er- lebnis werden wird. Das Programm enthält Werke von Reger, Beethoven und Brahms. — Karten tön« nen druch eine im Umlauf befindliche Liste sowie durch das Mufikl)aus E. Schaaf, Inh. K. Müller, Marktplatz 15, Telephon 2144, bezogen werden.

'° Aeues Theater Frankfurt.. „Pariser Platz 13“ (Romooie von Vicky Baum). Der gute Name der als Schriftstellerin so geschätzten Vicky Baum hatte dem Frankfurter Neuen Theater einen guten Besuch gesichert. Selten sind aber die Erwartungen so ent­täuscht worden, wie an diesem Abend. Vicky Baum ist in der Wahl ihrer Milieus sicherlich sehr geschickt. Das beweist sie auch in „Pariser Platz 13", wo ein ausgezeichnete Möglichkeiten zur Glossierung der modernen Gesellschaft und deren Anschauungen bietet. Aber alles bleibt an der Oberfläche haften. Alle Bemühungen im Kampf um migenb und Schönheit drehen sich um das „bißchen Wann , wie die Autorin zum Schluß selbst sagt. Daß siie aber als einzigen Vertreter bie« fes umkämpften „bißchen Mann" Herrn Pix hin- stellt, macht ihrem Geschnrack wenig Ehr«. Sind wir denn bereits so degeneriert, daß uns ein solches Aemplar Nicht mehr abstößt? Die Darsteller gaben sich redlich Muhe, dem Stück Leben einzuhauchen, aber auch die recht geschickte Inszenierung vermochte nicht den niederdrückenden Eindruck des Abends zu verwischen.

Die gesündeste Stadt Deutschlands ist Lütg«n- dorlmund. Die Sterblichkeitszifser beträgt nur 4,2 auf 1000 Einwohner.