Ne. 222
Dienstag Den
22. September
1931
<8rfi6emf täglich Ausnahme bar Sonn« und Feiertage. / Bezugspreis: Für den halben Monat RM.1.-, für den ganzen Monat RM. 2.- ohne Trägerlohn / Einzelnummer io, Freitag is, SamStag 12 R-Pfg. / Anzeigenpreise: Für 1 mm Höhe im Anzeigenteil von 28 mm Breite 8 JUpfg« im ReklameNil von 68 mm Breite 25 R-Pfg. ✓ Offertengebühr so R.pfg.
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Kanarr Stadt und Land
Snowden über die KinamLvise
Scharfe ÄettiÉ der ungleichen Sevteilung der GoldvoveSte dev Welt — «Schwere Vorwürfe gegen Frankreich «nd Amerika wegen der GoidanhSufnns - Lntevnationale Aktion gefordert
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Der Berliner Börsenvorstand macht bekannt: Mit Rücksicht auf die Schließung der Londoner Börse findet am 22. und 23. September die Notierung von Wertpapieren, Devisen und Metallen an der Berliner Börse nicht statt. Der Freihandel in diesen Werken ist nicht zulässig. §
* Mit Rücksicht auf die Ereignisse in London blieben gestern die Börsen im Reich geschlossen. Auch die Wiener, die Amsterdamer, die Brüsseler, Antwerpener und die indischen Börsen wurden vorübergehend gechlyssen. Die Londoner Börse bleibt auch heute noch geschlossen. In Newyork wurde das englische Pfund mit 4.30 Dollar gegen 4.84 Dollar vom Samstag notiert. In Finanzkreisen rechnet man mit der Stabilisierung des Pfundes zu 3.75 Dollar, einer Deflationsmaßnahme, die Frankreich bekanntlich mit großem Erfolge durchgeführt hat.
Der Berliner englische Botschafter, Sir Horace Rumbold, hat dem Reichskanzler am Montag einen Besuch abgestattet, um ihm von den Maßnahmen der englischen Regierung im Zusammenhang mit der Finanzkrise Mitteilung zu machen. Der Botschafter suchte anschließend den Staatssekretär im Auswärtigen Amt, von Bülow, auf.
Im Laufe des gestrigen Nachmittags fand eine Chefbesprechung über die Frage der Ansiedlung der
großen Notverordnung mit dem übrigen Winter- xrogramm zusammen geregelt werden.
Das Reichssustizministermm ist zurzeit damit beschäftigt, die Notverordnung über die einzurichtenden Sondergerichte fertigzustellen. Der Entwurf der Notverordnung wird noch einmal das Reichs- kabinett. beschäftigen, ehe er an den Reichspräsidenten zur Entscheidung geht. Die Sondergerichte sollen im wesentlichen eine Beschleunigung des Verfahrens bringen. Erst nach Fertigstellung der Notverordnung wird dann entschieden werden können, ob etwa auch der Fall Lahusen vor ein Sondergericht gelangt.
• Die Ozeanflieger Johannsen, Rody und Veiga wurden aufgefischt. Sie trieben 158 Stunden auf offenem Meer.
Die Führer der Zentrumsfraktion des Preußischen Landtags, Dr. Heß, der sich, wie gemeldet, feit längerer Zeit in einem Berliner Krankenhaus befindet, mußte sich einer Operation unterziehen, bei der die Aerzte sich genötigt sahen, die Amputation eines Beines vorzunehmen.
Der amerikanische Botschafter hat Laval die offizielle Einladung Hoovers nach Amerika überbracht. e
* Jm Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes wurde gestern zum ersten Male das internationale Reparations- und Schuldenproblem grundsätzlich aufgerollt. *
Der Genfer Korrespondent der „Times" meldet, alle verantwortlichen Politker in Genf hätten ihre Pläne geändert und träfen Vorbereitungen, um nach Hause zurückzukehren da sie der Meinung seien daß die jetzige Krise die schlimmste seit August 1914 fei
Von dem Haushalt des Völkerbundes für 1932 in Höhe von 36 Millionen Goldfranken sollen 2,6 Millionen durch Herabsetzung der Tagegelder, Druckkosten und Kürzung der Tagungen erngespart werden. *
Der japanische Kriegsminister hat dem Kommandanten der japanischen Armee die Anweisung erteilt, daß die Verwaltung aller von den lapanychen Truppen besetzten Städte in Zusammenarbeit mit den Chinesen durchgeführt werden soll und nicht durch die japanischen Militärstellen allem.
Mitte September wurden in Oesterreich insgesamt 196 325 unterstützte Arbeitslose gezahlt. Vergleich zur letzten Zählung ergibt sich somit eine Zunahme um rund 500 Personen.
Zwischen Ploesli und Slobozia (Ungarn) stießen zwei mit voller Geschwindigkeit fahrende Pelroleumtankzüge zusammen. Etwa 50 Waggons Petroleum verbrannten. Bisher sind suns Eisenbahner als verkohlte Leichen geborgen worden. Man befürchtet daß das Unglück noch weitere Opfer gefordert hat. Ein Hilfszug wurde an Ork und Stelle abgefandl.
♦) Näheres siebe im politischen Teil.
Snowden vor dem Unterbaus
London, 21. Sept Das Unterhaus halte heule wieder einen großen Tag. Der Saal und die Halle waren überfüllt. Der von der Regierung eingebrachte Gesetzentwurf, der den im Jahre 1925 gesetzlich eingeführken Goldstandard für England aufhebt, besteht aus drei kurzen Paragraphen, wovon der erste die Verpflichtung der Bank von England, auf Verlangen Barrengold auszugeben, aufhebt; der zweite gewährt der Bank von England Straffreiheit dafür, daß sie schon heute, vor dem Inkrafttreten des Gesetzes, kein Gold abgab, und in dem drillen Paragraphen erhält die Regieruung die Vollmacht zu Maßnahmen, die sich angesichts der Finanzlage als notwendig erweisen sollten, womit vor allem eine amtliche Devisenüberwachung gemeint sein dürfte. Bei der zweiten Lesung des Gesetzentwurfs, der heute durch beide Häuser des Parlaments beraten und vom König heute abend unterschrieben wurde, gab Schatzkanzler Snowden eine lange Erklärung ab.
Snowden legte die Gründe dar, die das Kabinett bewegen, den schwerwiegenden Schritt der Aufgabe der Goldwährung zu unternehmen. Er wies auf die starken Bedenken des Auslandes in die Festigkeit der englischen Währung hin, die durch das Erwerbslosen-Bersicherungssystem und die stark passive Handelsbilanz Englands hervorgerufen unib durch übertriebene Berichte über die Marinemeuterei wesentlich erhöht wurden. Snowden machte weiter davon Mitteilung, daß Ministerpräsident Macdonald am Samstag der vergangenen Woche von der Bank von England benachrichtigt wurde,, daß
einen Appell an alle Unterhausmitgliedsk, nicht durch leichtfertige Reden oder durch Uebertreibungen den Ernst der Lage weiter zu verschärfen. Vor allen Dingen sei zur Behebung der Krise die Einigkeit des englischen Volkes erforderlich.
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Als Sprecher der Opposition gab der neue Arbeiterführer, Henderson der Regierung die Per-
Und Amerika der enMfchen Regierung vor kürzer Zeit gewahrt hakken, so gut wie ganz auf- gebraucht
sei, und Laß die Bank um Entbindung ihrer Verpflichtungen nach dem Goldwährungsgesetz vom Jahre 1925 ersuche. Auf Grund dieser Benachrichtigung habe die Regierung nach eingehender Prüfung der Lage sich mit Bedauern dazu entschließen müssen, von cher Goldwährung bis auf weiteres abzugehen.
3m Zusammenhang Hiermit gab Snowden bekannt, daß die Regierung sich seit geraumer Zeit eingehend mit der Frage der ungleichen Verteilung der Goldvorräte der Well beschäs- ligt habe. Lr brachte die Hoffnung zum Aus- druck, die jetzige Krise möge die Länder bewegen. ihre bisherige negative Haltung aufzn- geben und in Verhandlungen über die wichtige Goldverteiluagsfrage einzulrelen. Snowden unterstrich dabei die besondere Dringlichkeit unb außergewöhnliche Bedeutung einer Regelung dieser Frage auf internationaler Grundlage. Die Goldanhäufungen in Frankreich und Amerika, die etwa drei Viertel der gesamten Goldvorräte der Welt besähen, hätten die normalen Funktionen der Goldwährung gestört und dieses Gold für den internationalen Handel völlig unfruchtbar gemacht. Die Welt müsse erkennen, daß die gegenwärtigen Wirtschafts- maßnahmen nicht aufrecht erhalten werden können, wenn ein jeder versuche, seine Kapitalanlagen nach Möglichkeit zu liquidieren. Snowden verlieh des weiteren seiner Hoffnung Ausdruck. die jetzige Krise möge ben Weg zu einer wirklichen internationalen Zusammen- arbeit ebnen.
Nach Snowdens Ansicht ist mit einer erheblichen Entwertung des Pfundes nach Ueberwindung des ersten Schreckens nicht zu rechnen, wobei jedoch Voraussetzung sei, daß die englischen Finanzen in Ordnung bleiben und das Budget seinen Ausgleich finde. — Abschließend richtete Snowden
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Man rechnet m» 15-16 Gvtvunkene»
Norderney, 22. Sept. Das Motorboot „Annemarie". mit dem 18 Personen einen Ausflug nach der Insel Juist unternommen hatten, soll auf der Rückfahrt gesunken sein. Die erste Nachricht stammt von einem Schiffbrüchigen, der sich durch Schwimmen nach der Insel Memmert rettete. Die Norderneyer und Borkumer Rettungsboote sind zur Hilfeleistung ausgelaufen. Eine weitere Meldung der Flugstation auf Norderney besagt, daß das Book an der Westküste von Juist gesunken sei. Ein weiterer Insasse des gesunkenen Bootes, der sich an den Mast geklammert hatte, wurde gerettet. In Juist rechnet man mit 15—16 Ertrunkenen.
Norderney, 22. Sept. Von der Segelflug- ffation Norderney wurde ein Flugzeug enlfandl, um das Schicksal des Molorbooles zu klären. Kurz nach 9 Ahr meldete das Flugzeug, daß das Boot an der Westküste von Imst liege. Eine spätere
im In- oder Ausland hervorrufen könnte. Die Opposition unterstütze den Gesetzentwurf der Regierung. Henderson verlangte aber von der Regierung energische Maßnahmen, um ungerechtfertigte und spekulative Preissteigerungen zu bekämpfen. Schließlich wollte er wissen, ob die Regierung unter den veränderten Umständen von der Durchführung ihres Sparprogrammes abgehen werde.
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Ministerpräsident Macdonald erklärte, das Sparprogramm für den Hauchalls-Ausgleich müsse unbedingt durchgeführt werden. Die Regierung fei jedoch bereit, die durch ihre Sparmaßnahmen geschaffenen Härten nach Möglichkeit zu mildern. Aus diesem Grunde sei beschlossen worden, die Gehälter für Lehrer, Polizeibeamte und alle Mitglieder der englischen Streitkräfte um nicht mehr als 10 Prozent zu senken. Die 10prozentige Kürzung der Arbestslosenbezüge müsse jedoch ausrecht erhalten bleiben,
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Das englische Unterhaus nahm mit 271 gegen 148 Stimmen ben Vorschlag der Regierung an, bie Debatte nach der zweiten Lesung zu schließen, unb lehnte dann mit 275:112 Stimmen den Antrag Campbell- Steffens ab. Der Gesetzentwurf wurde dann mit demselben Stimmenverhältnis in dritter Lesung angenommen. Das Unterhalts konstituierte sich hierauf als Ausschuß zur Erörterung der einzelnen Artikel des Gesetzentwurfs.
London. 21. Sept. Auch das Oberhaus verab- fchiedele die Gesetzesvorlage über Aufhebung des Goldstandards. Der König unterzeichnete danach.
(Meldungen über die Auswirkung der Pfundkrise finden unsere Leser im Handelstell.)
Meldung besagt, daß das Boot gesunken fei. Ein weiterer Insasse des Bootes, der sich an einen Mast geklammert hatte. mürbe gerettet. Noch unbestätigt ist, daß 2 weitere Insassen gerettet sein sollen.
Norderney. 22. Sept. Zu dem Bootsunglück wird noch bekannt, in Juist fand gestern ein Turnfest statt. Zu diesem Fest hatten sich Borkumer Inselbewohner mit dem Boot des Borkumer Badedirektors Specht von Borkum nach Juist eingeschifft. Bei der Rückfahrt benutzten sie die Fahrrinne von Haaksgaat, ein Fahrwasser, das wegen seiner Gefährlichkeit berüchtigt ist. Hier schlug das Boot voll Wasser. Das Motorboot „Ilse" sichtete heute früh die Verunglückten. 3 Personen hingen noch an den Masten. Zwei ließen sich ins Wasser fallen und erkranken, der drille sonnte, wie gemeldet, gerettet werden.
Stuvmzoiche«
Die enge Verflechtung Englands mit den wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten des europäischen Kontinentes und der ganzen Welt wird immer deutlicher sichtbar. Der große Fehlbetrag im englischen Staatshaushalt, der Sturz des Kabinetts der Arbeiterpartei .und seine Ersetzung durch ein nationales Notkabinett, die Meuterei der englischen Hochseeflotte wegen Löhnungsbeschwerden — alles das waren bereits deutliche Merkmale einer Entwicklung, die in derselben Richtung steuerte, in der die Dinge in Deutschland gegangen sind. Nun kommt hinzu, daß die Bank von England sich von der Verpflichtung zur Goldeinlösung befreit hat, um nicht ihre letzten Reserven an Gold und Devisen aufs Spiel zu setzen.
England hat seine frühere beherrschende Stellung auf dem europäischen Geldmarkt schon längst eingebüßt. Die Anleihe von 800 Millionen Mark, die Frankreich der englischen Regierung für Zwecke der Währungsbefestigung zur Verfügung stellte, bezeichnet endgültig den Wendepunkt: Frankreich hat auch finanziell die Herrschaft in Europa angetreten und England hat sich in französische Abhängigkeit kata Laß die Bank von England das
stutzen müßte beleuchtete grell die Lage, in der sich die Londoner City befand. Schon vorher war manches klar geworden. Die englischen Banken waren nicht imstande gewesen, sich an der Anleihe für Ungarn zu beteiligen. Ungarn war bisher immer gewissermaßen finanziell ein Pflegekind der Londoner City gewesen. Jetzt versagte die City und Frankreich konnte den Ungarn seine Bedingungen diktieren. Die Bank von England mußte den Kredit zurückfordern den sie Oesterreich bei dem Zusammenbruch der Oesterreichischen Kreditanstalt gewährt hatte. England räumte auch hier das Feld vor Frankreich und die Zollunion mußte geopfert werden.
Aber das waren alles nur Zeichen einer finanziellen Schwäche, die noch nicht den vollen Umfang der Krise erkennen ließen. Die Bank von England macht dieselben Erfahrungen, die die Reichsbank im Juni des gegenwärtigen Jahres machen mußte. Die ausländischen Kredite vermochten die Stabilität nicht wieder Herzustetzen, weil die Gold- und Deoisenabzüge in verstärktem Maße ihren Fortgang nahmen und jede Berechnung über den Haufen warfen. In London wurde schon seit Monaten Gold abgezogen. Die eigentlichen Angriffe setzten aber erst Mitte Juli, d. h. später als in Berlin in. Seit jenem Zeitpunkt belaufen sich die Kapitalabzüge vom Londoner Markt nach der amtlichen englischen Veröffentlichung auf 200 Millionen Pfund oder vier Milliarden Mark. Es ist dies genau derselbe Vorgang, der auch in Deutschland schließlich die Krise akut werden ließ.
Wir haben uns in Deutschland durch die Zwangsbewirtschaftung der Devisen und das „Stillhalte"-Abkommen geholfen. Die ausländischen kurzfristigen Kredite bleiben wenigstens noch für ein halbes Jahr bei uns im Lande und für andere als volkswirtschaftlich berechtigte Zwecke können Devisen nicht von der Reichsbank angefordert werden. Wir haben uns damit gegen weitere Angriffe auf den Gold- und Devisenbestand der Reichsbank vorläufig gedeckt. In England hat man zu einer viel einschneideren Maßnahme gegriffen. Die Bank von England ist ferner nicht mehr oer* silichtet, ihre Banknoten in Gold emzulösen. Sie kann also Anforderungen an ihren Gold- und Devisenbestand einfach zurückweisen. Ob von dieser Befugnis mit rigoroser Schärfe Gebrauch gemacht werden wird, muß die nächste Zeit lehren. Für die Erfüllung bestehender Verpflichtungen und für die Bedürfnisse des Handelsverkehrs sollen auch weiter Devisen abgegeben werden. Auf der anderen Seite aber werden auch noch schärfere Maß-
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