Kr. 186
Dienstag den 11. August 1931
Seife 3
Stadt Kanau
Kttfe für den Naumavkt?
Der Stillstand im Wohnungsbau —Pläne für 1932
Angesichts der außerordentlich schlechten Lage } auf dem Baumarkt beschäftigen sich, wie von unter- - richteter Seite mitgeteilt wird, die zuständigen f Stellen mit allen Möglichkeiten, den schlimmsten ' Auswirkungen der Krise zu begegnen. Scho» heute sind etwa 600 000 Bauarbeiter mitten in der Haupt- f faifon arbeitslos und man muß trotz aller Bemühungen damit rechnen, daß in Kürze ein voll- ; kommener Stillstand eintritt. Zwar verhandelt das i Reich ständig mit den Ländern, um über die Lage ! und Möglichkeiten Klarheit zu gewinnen. Auch über 5 die Bau- und Bodenbank wird alle Initiative ein- - gefetzt, um auf irgendeine Weise doch noch zu Kre- ! diten für den Wohnungsbau zu kommen, aber die ; Aussichten sind bei der Lage des Geldmarktes nicht l sehr günstig. So wird das Jahr 1932 einen er- f schreckenden Rückgang der Bautätigkeit bringen, dessen Umfang sich im Augenblick naturgemäß noch nicht genau übersshAr läßt.
Während 1929 z. B. noch 320 000 Wohnungen fertiggestellt wurden, kann man schätzen, daß in diesem Jahr nicht einmal die Hälfte der Neubauten von 1929 erreicht wird. Im Augenblick wird sogar aus verschiedenen Gebieten berichtet, daß Wohnungsbauten, die schon im Fundament fertig sind, zunächst nicht weitergeführt werden können. ‘
Schon jetzt beschäftigt man sich beim Reich mit dem Kurs der Wohnungsbaupolitik im kommenden Jahr, die vor allem auf die Unterstützung der Siedlungsbauten und der sogenannten Borörtssiedlung der größeren Städte gerichtet sein wird. Bei der Borortsiedlung kommen Grundstücke von etwa einem Morgen als Durchschnitt vor allem in Frage.
Achtung - Pvorenie r
Haben Sie nichts an Ihren Freunden bemerkt? Die schlechten Zeiten sind ihnen nicht nur in die Glieder gefahren, sondern auch in den Kopf. Sie sitzen da und grübeln, wie und wo man durch Beziehungen und Bekanntschaften — eigenen und denen anderer Leute — Engrospreise und noch mehr Prozente bekommen kann, sie können ihr Glück nicht bei sich behalten, sie belästigen alle Welt mit ihren geheimen Adressen. Sie sind sehr diktatorisch geworden.
Sie stürzen sich auf Sie, denn sie haben gehört, daß Sie ein Auto kaufen wollen oder einen Photoapparat. „Hören Sie mal, Sie werden doch nicht etwa den Ladenpreis? Sagen Sie mir genau, was Sie haben wollen, ich werde Ihnen das um dreißig Prozent billiger — ja natürlich, verlassen Sie sich auf mich."
Oder: „Ihr zahlt so viel für Kaffee? Lächerlich. Ich lasse ihn mir sackweise aus Bremen kommen, prima! Ich werde euch wöchentlich zwei Pfund .abgeben."
^ Und: „Meine Kusine hat eine Quelle, wo sie sämtliche Drogen viel billiger bekommt als im Ge- ÄÄtmr w *■ M«. Èinb viel besser als einzeln und halb geschenkt. Ich «hicke Ihnen von jetzt ab immer den vierten Teil Kleiner Kiste herüber."
[ Sie-ersticken in guten Lehren und kommen nicht u Wort. Die Herrschsucht Ihrer Freunde erdrückt ?ie. Sie müssen es vermeiden, etwas im Laden zu dufen wie früher. „Ha," schreit eine, „Sie haben einen neuen Lippenstift? Warum haben Sie ihn nicht durch mich bezogen, ich hätte ihn zu Künstler- preisen besorgt!"
Der angedrohte Kaffee kommt. Er schmeckt Ihnen nicht, er ist so scharf gebrannt. Die Orangen sind sehr klein und kommen ganz unregelmäßig, die ■ Sache mit dem Auto zögert sich hinaus, weil der Verbindungsmann an Blinddarm operiert wird und vorläufig nicht zu sprechen ist.
Sie haben Migräne und wollen ein Mittel neh- Usea. Ja, aber! Der Mann mit den Drogen liefert sucht so schnell, man hat ihm erst vor vierzehn Tagen alles bestellt. ... Er läßt sich Zeit.
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Von Toni Rothmund
Copyright by Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart. Berlin, Leipzig
12- Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
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■ „Wenn dann die Krankenschwester kommt, soll „ uns sagen, was man dagegen machen muß," >"8te Margrit. Die Schwester schaute auf. „Wieso, Krankenschwester? Für wen?"
hot? - d'e Mutter," gab Margrit zurück. „Ich niit dem Thomas schon geredet, er spannt an -laßt sie heut mittag holen. Den Doktor will nicht. Der wär' wohl freilich noch besser." !rfin t 05 das für neue Moden sind," sagte Judith ' „Du meinst nur, du muht kommen und kommandieren."
hättest schon längst dazu hin sollen," gab bir y ruhig zurück. „In deine Sachen red' ich Nit drein. Aber es ist meine Mutter so gut deme, und ich will schon sehen, ob ich das Recht - nie Schwester holen zu lassen, oder nit." ^ " - j der Zorn zu Kopf, als
, ,1-uje «cywefter so gegen sie auftrat, und sie sii‘etne. döse Antwort auf den Lippen; aber ihr irat herzu, und da schwieg sie. Eine geheime >â)>en sie zu bändigen. Margrit wußte leicht w°r5 Lieb' oder Furcht oder Haß? Viel- allem ein wenig.
l^A^ä^ kam, brachte reines Ver- mit und zeigte Margrit, wie sie die Üeon^ ^handeln müsse. Als Margrit, den kleinen den ,suchen wollte, war er nirgends zu fin- niit' stellte sich später heraus, daß Judith ihn muk./^ungknecht über Land geschickt hatte. So Mdir^n M?rgrit begnügen, seinen Zustand zu tu lassen sich Verhaltungsmaßregeln geben den x^V Ater den leichten und geschickten Hän- erholte sich die Schwanderin über- sedes, '-.schnell. Dem Büblein aber wusch Margrit ^amiil»»?? sorglich das wunde Köpfchen mit in R„," u .und salbte und verband es, damit es selchen s enr-tönne- Auch nähte sie ihm ein PUhte mit ein paar bunten Zierstichen iiitarco-u » blühte auch das Kind auf und lief aber Ae ein Hündchen. Es wußte ihr selbst fei^r^ Annk dafür. Denn obwohl Judith nerlei Liebe für das Kind zeigte, so schien
Deutschlands Gesundheit tostet MiMaeden!
Dev âamvs gegen âvantheit und Siechtum
In einer kürzlich erschienenen Arbeit zweier amerikanischen Arzte finden sich erschreckende Zahlen über die Geisteskrankheit. Die Gesamtzahl der geistig Minderwertigen in den Bereinigten Staaten müsse auf 10 000 000 geschätzt werden, und es seien in den Anstalten für Geisteskranke mehr Betten belegt ,als in allen übrigen Krankenhäusern vorhanden seien. Die Aufwendungen der Bereinigten Staaten für Geisteskranke und Geistesschwache betrügen jährlich fast eine Milliarde Dollars. Professor Lennhoff, der Vorsitzende der Berliner Aerztekam- mer, erklärte dazu, man käme für Deutschland auf eine ähnlich phantastische Summe. Genaue Statistiken über diese Frage gibt es nun leider nicht. Man muß sich also die notwendigen Angaben aus verschiedenen Quellen zusammensuchen. Das „Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich" 1930 verzeichnet für 1928 407 Anstalten für Geisteskranke, Epileptiker, Idioten, Schwachsinnige und Nervenkranke mit 171000 Betten gegenüber 3850 allgemeinen Krankenhäusern mit 374,000 Betten. Die Zahl der in den Anstalten verpflegten Geisteskranken, womit aber bei weitem nicht alle derartige Kranken ersaßt werden, betrug 1928 290 045; auf je 10 000 Einwohner kamen 9,1 verpflegte Geisteskranke. Die entsprechenden Ziffern für 1913 lauteten: 239 500 verpflegte Kranke, auf je 10 000 Einwohner 7,1.
Ueber die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Tatsachen kann man — freilich nur mittelbaren — Aufschluß gewinnen aus Brechnungen, die Freudenberg im „Handbuch der sozialen Hygiene" veröffentlicht hat. Sie gründen sich auf eine Aufstellung des bekannten Sozialhygienikers Grotjahn, wonach in Deutschland auf 100 000 Einwohner 400 Geisteskranke und Idioten, 200 Trunksüchtige, 80 Taubstumme, 250 Verkrüppelte und 500 hochgradige Lungenkranke kommen. Freudenberg schätzt nun, daß von diesen 14 hochgradig Minderwertigen auf je 1000 der Bevölkerung 10 völlig arbeitsunfähig sind, was einem Ausfall von 1 Prozent des Volkseinkommens entspricht, also bei 50 Millionen einer halben Milliarde. Das sind jedoch nur die Verluste an Arbeitsertrag und auch nur die durch die Krankenhausstatistik erfaßbaren! Die gerade auf diesem Gebiet sehr hohen Sonderkosten an Verpflegungs-, Arzt- und Arzneigeldern und die Kosten des Unterhalts der Anstalten, sind mit einer zweiten halben Milliarde wohl nicht zu hoch geschätzt, so daß man also einen volkswirtschaftlichen Gesamtverlust von 1 Milliarde jährlich annehmen kann.
- Diese recht ansehnliche Ziffer nimmt sich aber wieder bescheiden aus, wenn man einmal die Gesamtkosten aufzustellen versucht, die dem deutschen Volke jährlich aus der Pflege aller im engeren und weiteren Sinne Kranken erwachsen. Freudenberg hat hierfür genaue Aufstellungen von L. Jens für den Staat Hamburg auf das ganze Reich umgerechnet. Danach hat die deutsche Volkswirtschaft für öffentliche und private Gesundheitsvilege und Wohl- fahrt jährlich nicht weniger als 3 Milliarden auszuf wenden. Der bekannte Statistiker W. Woytinsk! kommt in dem Samnkdlwerk „Ergebnisse der Hy
Sie trauen sich nicht, Ihre Ratgeber zu betrügen und den Ladenpreis zu bezahlen. Sonst glauben alle, es geht Ihnen noch nicht schlecht. Und wer kann das heute auf sich sitzen lassen?
Nur etwas Kaffee kauften Sie sich heimlich von der gewohnten Sorte, und den aus dem Sack verschenken Sie. Wodurch Ihr Leben nicht bittrer wird; nur noch schwieriger als bisher.
* Daten für 12. August. 1848: Der Begründer des Eisenbahnwesens George Stephenson in Tap- tonhouse gestorben. 1901: Der Polarforscher Nor- denskiöld tn Dalbyö gestorben.
sie doch eifersüchtig auf Margrit zu sein, der sich das vernachlässigte Büblein in dankbarer Zärtlichkeit anschloß Des Schwagers anfängliches Wohlwollen aber hatte sich Margrit durch ihr Verhalten zu dem ungeliebten Geschöpf anscheinend gänzlich verscherzt. Er streifte sie nur manchmal im Vorübergehen mit einem kurzen Blick und richtete nie mehr das Wort an sie. Das tat ihr weh. Denn er war doch fast der einzige gewesen, der ihr ein freundliches Willkomm geboten" hatte. Eine dumpfe, drückende Last ruhte über dem Haus ohne Liebe, und jeder trug sein Teil daran, von der schweigenden alten Frau bis zu dem freudlosen Kinde. Auch auf Margrit senkte sie sich herab in diesen trüben Vorfrühlingswochen und tötete jedes Frohgefühl in ihrem Herzen. Noch nie hatte sich Margrit so nach dem Osterfest gesehnt wie dieses Jahr. Droben auf dem Wald, da waren die Feste nicht nach dem Kalender gegangen. Josias Firnhalder hielt sie alle in seinen Händen und verschwendete sie nach Lust und Laune. Hier unten war es schwüle und dumpf hier brauchte es schon eines äußeren Anlasses, um froh zu sein.
Es war warm wie im Mai obgleich die Bäume kahl standen und die Wiesen noch schliefen. Thomas hatte den Tanzboden vor dem Hause in Ordnung bringen lassen und Musik bestellt. Judith hatte eine Unmenge Kuchen gebacken, denn wenn sie wollte, konnte sie schaffen für drei. Der „Letzte Heller" hatte sich gerüstet, viele Gäste zu empfangen, nur einen hatte man vergessen zu laden, und von selbst hatte er sich auch nicht eingestellt — der rechte, stille, frohe Osterfrieden.
Da hatte sich Margrit aus all der Unrast geflüchtet und war den Osterglocken nachgegangen, die von allen Türmen klangen. Im Städtchen war sie in der Kirche gewesen, hatte still unter den Andächtigen gesessen und Trckst für ihr trauriges Herz gesucht. Und nun schritt sie langsam, das Gesangbuch in der Hand, durch den österlichen Wald heimwärts. Die alten, vertrauten Lieder sangen noch in ihrem Herzen, Vogellied geleitete sie, und Anemonen lachten sie an. Hie und da jubelte ein lichtgelbes Fleckchen und verriet ein Himmelschlüsselcin. Margrit pflückte einen Strauß von den goldenen Blumen. Sie wollte sie dem kleinen Leonhard bringen, und ein paar davon wollte sie am Nachmittag an ihr Kleid stecken beim T^nz. Manchmal warf sie einen spähenden Blick durch die schon sanft rötlich schimmernden Baury-
giene und Gesundheitsfürsorge" Berlin 1929/30 zu noch höheren Summen. Nach ihm gibt das deutsche Volk jährlich 5 Milliarden für seine Gesundheit aus. Diese 5 Milliarden setzten sich zusammen aus einem Aufwand von 2 Milliarden der 60 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung, die von den Krankenkassen erfaßt wird, aus einem Aufwand von 1,5 Milliarden der übrigen Bevölkerung und aus 1,5 Milliarden öffentlichen Ausgaben, Invaliden- und Kriegsbeschädigtenfürsorge nicht gerechnet. Diese 5 Milliarden bedeuten 8—10 Prozent des Volkseinkommens. Der hohe Prozentsatz wird verständlich, wenn man bedenkt, daß die Krankenkassen 6—7 Prozent vom Lohne der angeschlossenen Arbeitnehmer einbehalten, wobei nicht einmal die öffentlichen Ausgaben inbegriffen sind. Um aber ein vollständiges Bild von den riesenhaften Ausmaßen der durch Krankheiten verursachten volkswirtschaftlichen Verluste zu erhalten, muß man, wie Freudenberg richtig bemerkt, auch die durch Krankheit und vorzeitigen Tod verursachten Arbeitsverluste wertmäßig in Betracht ziehen. Die ersten berechnet dieser Autor nach einer Umlegung der Statistiken der Leipziger Ortskrankenkasse auf das ganze Reich auf 2,6 Milliarden, die durch vorzeitigen Tod verursachten nach amtlichen Bevölkerungsstatistiken auf 10,5 Milliarden! Nimmt man alles in allem, so gibt das deutsche Volk im Jahre 5 Milliarden für seine Gesundheit aus und büßt durch Krankheiten 15 Milliarden in Form verlorener Arbeitszeit ein. Diese Schätzungen sind natürlich nicht genau und können es auch nicht sein, weil sie z. T. zeitlich weit auseinanderliegende Ergebnisse umfassen, die wieder, wie alle Statistiken, mit Vorsicht zu betrachten sind. Trotzdem wird das niederschmetternde Ergebnis im großen und ganzen zutreffen. Und will man schließlich wissen, welche Krankheiten diesen schauerlichen Tribut einfjeintfen, hier ist die Liste: die Tuberkulose, die „Krankheit der armen Stadtteile", die Herz- und Gefäßkrankheiten, die „Krankheiten des vorzeitigen Verbrauchs", die man auf das Konto unseres so oft gerühmten „modernen Betriebs" setzen darf, dann Krebs und verwandte Erscheinungen, die von der Medizin als Tribut der Menschheit an die moderne „Kultur" betrachtet werden, und schließlich sind es die Unfälle der zahllosen Opfer unseres Maschinenzeitalters.
Diese Tatsachen sollten schwer auf unser kulturelles Gewissen drücken, denn das ungeheure Ausmaß unserer Krankheiten ist keineswegs „naturgegeben"; ein fortschrittliches Menschengeschlecht wird es auf ein Zehntel feiner jetzigen Höhe mühelos herunterdrücken! Es braucht nur die gesundheitlichen Verhältnisse, wie sie nachweisbar jetzt schon für Teile unserer Bevölkerung bestehen, für alle Bevölkerungsschichten zu schaffen. Dann erst werden wir uns unserer Leistungen im Kampfe gegen die Krankheit rühmen können, denn die Kultur eines Volkes zeigt sich nicht darin, wieviele möglichst wenig braucht!
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* Devölkerungsvorganq Juli 1931. Es wurden 43 Kinder (4 uneheliche) lebend und 1 eheliches tot geboren. Es starben 35 Personen, und Zwar an Diphtherie 1, Tuberkulose 1. Krebs 6, Herzkrankheiten 4, Gehirnschlag 2, Altersschwäche 4, durch Selbstmord 2 und infolge Unfalls 1. Unter 1 Jahr starben 2 eheliche und 2 uneheliche Kinder.
* kommunistischer Uebersall auf Nationalsozialisten. Unmittelbar vor der Mainbrücke am Orts- ausgang von Klein-Steinheim kam es in der vergangenen Nacht gegen 12 Uhr zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. Eine Abteilung hiesiger Nationalsozialisten, die den Saalschutz bei einer Parteiver
kronen an den Himmel hinauf, ob sich auch das Wetter halte. Blaß blau und seiden spannte er sich über ihr aus. Der machte keinen Strich durch die Rechnung.
Beim Blumensuchen hatte sie des Weges nicht geachtet und war nur immer so ins Waldinnere hineingegangen. Auf einmal erschrack sie so, daß sie einen hellen Schrei ausstieß. Hinter einer dicken, silberstämmigen Buche trat plötzlich ein Mann mit einem grünen Rock und einer Schildmütze, mit einem Gewehr auf dem Buckel, hervor und starrte ihr durchdringend ins Gesicht. Als er ihren Schreck sah, lad)t£ er gutmütig und rief der eilig Flüchtenden ein Scherzwort nach. Sie hatte vergessen, daß die Grenze mitten durch den Wald ging; sie war ihr unbemerkt nahe gekommen. Eifrig trachtete sie nun, den schmalen Fußpfad wieder zu finden. Aber der war nicht zu sehen, und ziemlich ratlos stand sie da mitten unter Anemonen und Schlüsselblumen und wußte nicht auch noch ein. Und wie sie noch Umschau hielt und nach der Sonne spähend die Richtung, die sie einschlagen mußte, festzustellen suchte, erschrak sie von neuem. Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich ihr Schwager vor ihr und sah sie erstaunt an. „Wie kommst denn du daher, Margrit, so mitten in den Wald?"
„Ich hab' mich verirrt", sagte sie verlegen, und erlachte hell auf. „Und das will ein Grenzkind sein!"
„Ich bin ja nit hier ausgewachsen," entschuldigte sie sich. „Aber recht froh bin ich, daß ich dich gefunden hab, Thomas, nun kannst du mir den Weg heimzeigen."
„Was gibst du mir dafür Margritli? Umsonst ist der Tod!" sagte er und schaute übermütig auf sie hernieder.
Sie teilte den Strauß in zwei Hälften. „Wenn du die Blümlein willst?"
„Was tu ich mit Blumen? Ein Kuß wär' mir lieber, Margrit."
Sie wurde blutrot „Du bist närrisch, Thomas. Mit der Münz' zahl' ich nit!"
Er lachte gutmütig. „Nun, sei nur nicht gleich so obenhinaus. Wir sind doch jetzt so gut wie Bruder und Schwester. Uebrigens war's nur ein Spaß und du brauchst mir nit 'bös drum sein!"
Jetzt schaute sie mit frohen Augen zu ihm auf. „Ich bin dir nit bös, Thomas! Ich bin froh, daß du so gut aufgelegt bist. Immer hab ich gedacht, du hättest etwas gegen mW",
sammlung in Klein-Steinheim ausgeübt hatten und auf dem Rückmarsch nach Hanau begriffen waren, wurden unweit der Brücke auf hessischem Gebiete von Kommunisten überfallen. Mehrere Nationalsozialisten erlitten Verletzungen durch Steinwürfe und Hiebe mit Lattenzaunstücken. Auch ein Schuß soll aus den Reihen der Angreifer gefallen fern. Der Polizei gelang es, die Angreifer namentlich festzustellen.
* Politische Ausschreitungen. Im benachbartes Großauheim kam es am Vorabend des Volksentscheides gelegentlich der ersten nationalsozialistischen Versammlung am Ort zu Zusammenstößen vor dem Versammlungslokal in der Langgasse. Das herbei« gerufene Uebersallkommando der hiesigen Schutzpolizei sah sich bei seinem Eintreffen gezwungen, die Straße mit Gewalt zu räumen. Die Versammlung konnte dann ungestört stattfinden. ,
* Ein Hanauer Motorradfahrer verunglückt. Aur der Landstraße Langenselbold—Rothenbergen, in ungefährer Höhe der „Abtshecke", verunglückte am Sonntag ein Hanauer Motorradfahrer derart schwer, daß er von der Freiw. Sanitätskolonne Hanau mit einem komplizierten Unterschenkelbruch in ein Hanauer Krankenhaus verbracht werden mußte. Es ist dies der vierte schwere Unfall innerhalb von 14 Tagen an jener gefährliche» Stelle. .
* Berufsaussichten für Kontoristinnen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten stellt die Frage: „Welchen Beruf soll der Junge, das Mädel ergreifen; Eltern und Erzieher vor besonders schwere Ent- scheidungen. Selbstverständlich muß es sein, day sie sich fachmännisch beraten lassen. Für den Angestelltenberuf z. B. stehen die Fachberatungsstellen des Gewerkschaftsbundes der Angestellten an allen größeren Orten Deutschlands völlig kostenfrei zur Verfügung. Für den Beruf der Kontoristin z. B„ der heute von vielen jungen Mädchen aus dringenden wirtschaftlichen Gründen ergriffen wird, gibt der GDA. folgende Fingerzeige. Eine gewandte Stenotypistin soll mindestens 150 Silben in der Minute stenographieren und sicher und schnell Maschine schreiben können. Auf alle Fälle muß ye aber die deutsche Sprache gründlich kennen. Ihre Berufsaussichten erhöhen sich mit Kenntnissen fremder Sprachen, insbesondere der englischen Sprache, die möglichst auch stenotypistisch beherrscht werden muß. Mitunter werden auch von Stenotypistinnen buchhalterische Kenntnisse verlangt, es ist daher für die junge Stenotypistin nicht zweckmäßig, sich von vornherein zu einseitig einzustellen, sie muß versuchen, weitere kaufmännische Fähigkeiten außer der Kurzschrift zu erlernen. — Die Buchhalterin trachte danach, Kenntnisse der Bilanztechnik zu erwerben. Auf alle Fälle muß sie sich mit modernen Durchschreibesystemen vertraut machen, was auch m kurzfristigen Lehrgängen möglich ist. Die Wirtschaft stellt, selbst für einfache Arbeiten, hohe An- sprüche an die Bewerberinnen. Gesucht werden Kontoristinnen, die mit Buchführung, Kartei-, Mahn-, Klage- und Lohnweièn, mit Kurzschrift, Maschinennschreiben und ttufmännischem Tele- phonverkehr vertraut sind. Es kann daher jeder Kontoristin nur geraten werden. größten Wert aur eine umfassende kaufmännische Allgemeinbildung zu legen.
* An übertragbaren Krankheiten wurden in dec Woche vom 2. bis 8. August amtlich gemeldet: jMugu je I^LäDtäMe uiid^ubeMlML.
heim 1 Fall Diphterie; Hüttengefaß 1 Fall Tuberkulose; Langenselbold 1 Fall Scharlach; Großauheim 1 Fall Paratypbus.
* Auto contra Skraßenbaum. In der Frankfurterlandstraße rannte am Sonntag nachmittag gegen 1 Uhr ein auswärtiger Personenkraftwagen infolge Versagens der Steuerung gegen einen Baum und wurde ganz erheblich am Vorderteil beschädigt, der Wagenlenker tarn wie durch ein Wunder mit dem Schrecken davon, obwohl die Windschutzscheibe in tausend Trümmer ging und der Kühler völlig eingedrückt wurde.
* Die gestörte Bootspartie. An der Dörnigheimer Schleuse versuchten vier fremde Wanderburschen ein dort verankertes Boot loszumachen und damit mainabwärts gen Frankfurt zu fahren. Es blieb bei dem Versuch, denn die diebischen Gesellen wurden b.ei ihrem Vorhaben gestört und verfolgt. In Hanau wurden sie dann von der benachrichtigten Polizei in liebevollen Empfang genommen und vorerst einmal in Numero Sicher verbracht.
„Gegen dich? Wie könnt' einer was gegen dich haben, wo du nur allen zu lieb lebst und keinem zu leid! So was kennt man nit dort drunten!"
Der düstere Schatten lag wieder auf seinem Gesicht und machte es finster. „Es sollt' eins nit glauben, daß du aus der gleichen Familie bist wie 's Judith."
„Als ich dazumal bei eurer Hochzeit da war, hast du anders gesprochen," sagte Margrit vorwurfsvoll.
„Ja, seitdem ist vieles anders geworden, Margrit. Und zwei Augen find zu viel im Haus. Alles sönnt stecht gut fein ohne den Koch."
„Warum sagst du dem Kinde den wüsten Namen?" stieß Margrit geärgert heraus.
Er zog die Mundwinkel höhnisch herab. „Ho, nach seinem Vater, der Koch war im „Drei König" zu Basel. Fein haben sie es anaesangen deine Mutter und deine Schwester, daß sie dem Bündel einen Vater besorgten —"
„Du nit! Du bist dem armen Kind kein Vater geworden, Thomas. Und 's ist doch dem Judith sein Kind und gehört zu ihm wie fein eigen Fleisch und Blut. Und wenn du's Judith lieb hast, dann kannst du auch ihr Kind nit hassen!"
„Ich hab's Judith nimmer lieb, seit es mir den Streich gespielt hat. „Hätt' es mir offen gesagt: ich hab ein Kind — dann hätt' ich Ja oder Nein zu dem Kind, sagen können, und dabei wär ich. ge« blieben. Und wenn ich's aus freien Stücken genommen hätt', so säh' das Ding heut anders aus. Aber es hat nix gesagt. Es hat mich bloß belogen und betrogen vom ersten Tag an, das ist alles. Und das kann ich ihm halt einfach nit verzeihen."
„Aber dazu ist man doch da, daß man einander verzeiht, Thomas. Verzeihen ist besser als hassen. Hassen macht einen bloß elend".
„Was weißt du vom Haß, du Kind?"
Ihre Augen blitzen dunkel. „Mehr, als du meinst."
Er betrachtete sie sehr aufmerksam. „So — und ist dir's gelungen — das Verzeihen, mein’ ich?"
Sie schlug den Blick nieder. „Immer nit", sagte sie zögernd. '
„Dann ist die Weisheit auch nit in deinem eigenen Gärtlein gewachsen", sagte er und atmete auf dabei. „Geglaubt hätt ich sie dir ohnehin nit. So ein Mädel 'roie du, das muß hassen und lieben können, Herr Gott noch einmal!"
(Fochetzung folgt.)