Einzelbild herunterladen
 

Nr. 185

Montag den 10. August 1931

Seite 3

Stadt Kanau

JM was anderes werden sollen!

Ein junger Bankprokurist verlor infolge Kon­kurses der Bank seine Stellung. Das soll jetzt häu- jiqer vorkommen. Alle Anverwandten, Freunde und Bekanten des entwurzelten, übrigens sehr tüch­tigen und wertvollen jungen Mannes bedauerten ihn mit den klugen Worten: „Pech! kann heute jedem passieren. Aber siehst du, wenn du Staats­beamter geworden wärest, dann lägst du heute nicht auf der Straße!" — Ein junger Staatsbeamter wurde abgebaut. Alle Verwandten und sonstigen lieben Leute zuckten bedauernd die Achseln und sag­ten: „Siehste, weshalb bist du bei der heutigen Ueberfüllung aller Beamtenkarrieren nicht Kauf­mann geworden?" — Jeder Kaufmann aber seufzt: „Wäre ich hoch bloß Beamter geworden!" — Hört man hier und dort Menschen miteinander reden, so dreht sich heute das Gespräch zumeist um das Thema, was man eigentlich hätte werden und tun fallen, anstatt daß man usw. — Boxer, Läufer, Rennfahrer, Flieger, Filmakteur usw. sind da vie­ler „Berufsverfehler" unerreichbare Sehnsucht. — Das schöne Wort: „Wie man's macht, ist's immer

falsch", hat, scheint es, noch nie so hoch im Kurse gestanden wir heutzutage. Irgendwie verkehrt cheint heute von vornherein jede Berufswahl zu ein, weil bei uns in Deutschland nahezu jede Exi- tenz gefährdet ist. Da ist der hohe und höhere Be­amte, ja Der Minister selbst in der Regierung ab­hängig von den stets wechselnden, einander ablösen­den Partei- und zur Regierung auf Zeit oder Frist gelangenden parlamentarischen Gruppen und Koa­litionen. Da kann jeder andere Beamte ebenfalls plötzlich abgebaut werden. Jeder Geschäftsmann kann sich jeden Tag unvorhergesehenen Schwierig­keiten, Verlusten und kostspieligen, zeitraubenden Scherereien gegenübersehen, die ihn, wie Mietstei­gerungen, öffentliche Notverordnungen, Dierschie­bungen und Aenderungen auf den heute immer schwankenden Gebieten der Wirtschaft und so wei-

immer

schwankenden Gebieten der Wirtschaft und so wei­ter, urplötzlich weiterhin aktionsunfähig machen können. — Schlimmer noch steht es bei den freien Berufen, besonders bei denen der Geistesarbeiter. Hier ist, wenn überhaupt noch Verdienstmöglich­keiten vorhanden sind, wie bei den frei schaffenden Denkern und Künstlern fast schon gar nicht mehr, das Dasein längst nur noch ein Vegetieren, ein Le­ben von der Hand in den Mund, oft nur mit sehr kargen Bissen. Die Nerven werden dabei nahezu bis zum Versagen malträtiert. — Klagt jeder jedem sein Leid bezüglich der kümmerlichen Lebensaus­sichten im allgemeinen und besonderen, dann fällt todsicher stets auch die unausstehliche, jedem Men­schen und Beruf fast die Existenzberechtigung ab­sprechende Redensart: „Hättest eben was anderes

werden sollen!" —

Und hört man die anderen die eben das „andere" sind, so vernimmt man denselben Seufzer: „Wäre ich doch bloß dies oder das geworden!" — Es ist beinahe schon so weit, daß jeder Beruf als ver­kehrt, überflüssig, fatal, nicht existenzberechtigt und als dem Leben gegenüber keine Sicherheit mehr bietend angesehen wird

Wann endlich kehrt im armen, ausgesogenen Deutschland die Zeit wieder, wo jeder mit sich und fernem Beruf vollauf wieder zufrieden sein kann? köMich noch immer mehr bis in die Millionen hin­ein gibt? Alle Deutschen fast seufzen tagtäglich: „Wären wir doch bloß etwas anderes geworden!" — Das muß ja mit der Zeit bestimmt'zum seeli­schen Bankrott führen, von dem die „Gottlosen­bewegung" nur bzw. schon Vorläufer zu sein scheint.

Ganz an sich selbst und Gott, Volk, Heimat und Welt Verzweifelnde mußten gar die letzte Hoffnung, fern von Deutschland, ein auskömmliches Dasein finden zu können, schwinden lassen, da Einwande­rungsverbote, Geldmangel und andere Schwierig­keiten im Wege stehen. Man resigniert und fügt sich in das Unabänderliche, daß nämlich die Welt heute verbaut, verrammelt, vernagelt, kurzum auf der ganzen Linie lebensfeindlich, sinnlos geworden ist. Der einzelne quäle sich nur nicht mehr mit «elbstvorwürfen: „Hättest dies, hättest das . . ." Die Systeme, nach denen die gesamte Menschheit

Voirsenl-Oeid in Aanau

, 38 Prozent

Bei dem gestrigen Volksentscheid stimmten von insgesamt 28 494 wahlberechtigten Personen

in Hanau 10 942 mit „ja“ und 350 mit „nein, abgegebenen „3a“-$timmen macht 38 Prozent

Der Tag des Volksentscheides verlief in Hanau völlig ruhig und ohne die geringsten Zwischenfälle. Am Vormittag war nirgendswo erhöhter Straßen­verkehr festzustellen und die einzelnen Wahllokale lagen ziemlich verlassen da. Auch in den ersten Nachmittagsftunden war der Andrang zu den Wahl­lokalen nicht sonderlich stark. Erst gegen 3 Uhr setzte ein lebhafterer Verkehr ein, der bis zum Ab­stimmungsschluß um 5 Uhr anhielt. Bereits kurze Zeit nach Beerdigung des Wahlaktes wurde es in den Straßen der Stadt lebendiger. Besonders auf der Hammerstraße setzte ein starker Betrieb ein. In dichten Scharen hielt die am Abstimmungsergebnis interessierte Menge die Schaufenster des „Hanauer Anzeiger" besetzt. Bereits gegen ^6 Uhr liefen die ersten Ergebnisse aus den einzelnen Stimmbezirken ein und schon gegen 7 Uhr konnte das Gesamt-Ab­stimmungsergebnis von Hanau durch Aushang be- kanntgegeben werden.

Von 28494 Wahlberechtigten hatten 10 942 mit „ja" und 350 mit „nein" gestimmt. Ungültige

heute geführt — oenasführt wird wäre wohl rich­tiger — wird sind falsch, verwerflich, ja geradezu verbrecherisch! — Was anderes werden? Umsatteln? — Bitte schön, was und wie und wozu? — Es ist ja doch alles Jacke wie Hofe und Hose wie Jacke: Dalles, Dalles innen und außen! — Man ändere gefälligst die vollkommen haltlosen, den Bankrott aller Menschen und aller Menschenwürde und Menschlichkeit langsam, aber sicher herbeiführenden Tributsysteme & la Versailler Vertrag, Doung-Plan usw., damit Menschen wieder Menschen werden können. Dann gibt es keine irgendwie gearteten radikalen Strömungen mehr, dann kann ein jeder wieder Freude und Fortkommen in seinem Beruf und bei Berufsarbeiten und -aufgaben finden, was aller Welt zugute käme. Zufriedenheit ist ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Gut. Hoffen wir, daß wir alle bald wieder an unserem Beruf das haben können, was früher ein jeder an ihm hatte: Einen mehr oder weniger ausreichenden Lebens­unterhalt und -inhalt! — Die Redensart: „Hättest was anderes werden sollen!" wäre dann nicht mehr nahezu allgemeiner Verzweiflungsschrei einer Zeit, die fast ihren wertvollsten Inhalt, den Menschen, gleichzeitig hohnlachend als das überflüssigste Stück Möbel hinstellt!

Genossenschaftliche Milchanliefevnns im Lahre 1HS0

Das genossenschaftliche Molkereiwesen hat seit Ueberwindung der Inflationszeit einen sehr bedeu­tungsvollen Aufstieg genommen, was schon aus der rein zahlenmäßigen Entwicklung hervorgeht. Hat sich SteW)1 vorhandenen ^m rund 1200 vermehrt, was wohl am sichtbarsten dafür spricht, daß der Wille der deutschen Landwirtschaft, die der Milchwirtschaft gestellten Aufgaben genossen­schaftlich zu lösen, sich weiter Bahn gebrochen hat. Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, wie die zahlreichen Neugründungen von Molkereigenossen­schaften auch in letzter Zeit wieder beweisen. Gehör­ten dem Reichsverband der deutschen landwirtschaft­lichen Genossenschaften — Raiffeisen — bei dessen im Februar 1930 erfolgten Gründung 3570 Molkerei­genossenschaften an, so war diese Zahl Ende 1930 auf 3782 gestiegen, die sich inzwischen weiter erhöht hat. Die Milcheinlieferung bei diesen 3782 Genossen­schaften des Reichsverbandes und feinen 8 Molkerei­zentralen ist für das Jahr 1930 auf insgesamt 4,5

Milliarden Liter ermittelt worden; sie umfaßt dem- , , ________

nach ein Fünftel der in Deutschland in 1930 erzeug- 5 Uhr im großen Saal der Stadthalle vom Magi-

Ungültig waren 370 Stimmen. Die Zahl der aus.

Stimmzettel hatten 370 Wähler und Wählerinnen abgegeben. Bei der Reichstagwahl im September v. I. hatten 16 295 von insgesamt 28 738 Wahl­berechtigten ihre Stimmen den Parteien gegeben, die jetzt hinter dem Volksentscheid standen. Die Zahl der gestrigen,Ha"-Stnnmen blieb nun 5253 hinter diesem Ergebnis zurück. Waren damals für die am Volksentscheid beteiligten Parteien 66,41 Prozent aller Stimmen abgegeben worden, so betrug dies­mal der Prozentsatz nur 38,06 Prozent.

Die Beteiligung in den einzelnen Stimmbe­zirken war recht unterschiMich. Die „^"-Stim­men schwankten zwischen 19,6 Prozent im Stimm­bezirk 2 (Kleinkinderschule, Castellstraße) und 52,7 Prozent im Stimmbezirk 10 (Turnhalle Bezirks­schule I). In den Stimmbezirken 8 (Gebeschusschule) und 9 (Gewerbliche Berufsschule, wurden gleichfalls über 50 Prozent „Ja"-Stimmen abgegeben. Es handelte sich dabei um Stadtviertel mit vorwiegen­der Arbeiterbevölkerung.

ten Milchmenge. Setzt man voraus, daß die Milch­einlieferung, bei den nicht im Reichsverband organi­sierten Molkereigenossenschaften verhältnismäßig dem Milchaufkommen der Reichsverbandsmolkereien entspricht, so ergibt sich für das Jahr 1930 eine ge­nossenschaftlich verwertete Milchmenge von etwa 5,7 Milliarden Liter, oder reichlich einem Viertel der deutschen Milchproduktion. Dieses Ergebnis darf wohl als bemerkenswert bezeichnet werden, da es erzielt worden ist, trotz der im vorigen Jahr vorhan­denen und bekanntlich auch heute noch nicht behobe­nen allgemeinen Produktions- und Absatzkrise der deutschen Milchwirtschaft.

Tieve in dev Huudstasshwe

Der Mensch stöhnt in dieser Hundstagshitze und wischt sich mit dem zerknüllten, vom perlenden Schweiß gelb gewordenen Taschentuch über das Ge­sicht sucht den Schatten und kann seinen Durst stil­len, wann es ihm beliebt. Anders verhält es sich mit den Tieren. Von lästigen Fliegen gequält, zieht das Pferd schweißtriefend den schweren Wa­gen durch die Gluthitze. Es stöhnt nicht und kann auch nicht reden. Es erträgt alles mit der größten Geduld. Man sollte nun meinen, in unserer auf­geklärten Zeit wäre es eine Selbstverständlichkeit, den Tieren zu helfen. Dem ist aber nicht so. Im­mer wieder trifft man Fuhrwerke an, die mitten in der glühenden Sonne stehen. Die armen Zug­tiere davor schäumen im Zaumenzeug und wehren

verzweifelt die Bremsen ab. Ein Stückchen weiter hinauf ist Schatten. Der Besitzer müßte wohl einige Schritte weiter zu seinem Bestimmungsort gehen, doch den Tieren hätte er einen großen Dienst er- wiesen, wenn er sie im Schatten angehaltn hätte. Auch soll man den Tieren, wenn sie etwas abgekühlt sind, auch einmal außer der Zeit Wasser reichen und sich nicht einfach, wenn sie schier verschmachten und kaum weiter können, mit der Peitsche

ben,^.wie man so oft beobachten kann.

antrei­

♦ Daten für den 11. Aug. 1656: Der

Heer- 1778:

führer Octavio Piccolomini in Wien gest. Turnvater Friedrich Ludwig Jahn in Lanz geb. 1813: Oesterreich erklärt Frankreich den Krieg. 1904: Die Herero am Waterberge entscheidend geschlagen. 1917: Beginn der 11, (letzten Jsonzoschlacht. 1919: Verkündigung der Weimarer Verfassung. 1919: Andrew Carnegie in Steckbridge gestorben.

* Verfassungsfeier. Auf die morgen Nachmittag

strat im Einvernehmen mit den hiesigen öffent­lichen Behörden des Reichs und des Landes veran­staltete Verfassungsfeier wird nochmals hingewiessn. Zur Beseitung aller Zweifel weisen wir ausdrück­lich darauf hin, daß zu der Feier jeder freien Zu­tritt hat. Eintrittskarten sind nicht erforderlich.

* h Kreisjugendpflegerin. Die technisch« Schul­amtsbewerberin Irene Eifert in Wachenbuchen- Hohe Tanne ist zur Kreisjugendpflegerin des Krei­ses Hanau-Land ernannt worden.

* Preuß. Klassenlotterie. In der 5. Klasse wur­den am 1. Ziehungstage unter anderen folgende Nummern gezogen (ohne Gewähr): 7246, 7286, 36177, 70 913, 70 961, 89139, 110 300, 118127, 164 544, 169 569, 207 002, 263 390, 268 653, 346 344.

* Hanauer Haus- u. Grundbesitzer-verein e. v.. Steinheimer Straße 31. Wir verweisen unsere Mit­glieder aus das Inserat in der heutigen Nummer betr. Steuerstundungsanträge.

* Delhel- Horn-Sextett. Auf das heute abend um 8 Uhr in der Marienkirche stattfindende Konzert des Bethel-Horn-Sextetts unter Leitung des 74- jährigen Pastors D. Kuhlo fei nochmals hin­gewiesen.

* Grober Unfug. Die Rettungswache der hiesi­gen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz wurde in letzter Zeit verschiedentlich zur Nachtzeit alarmiert und zu angeblichen Unglücksfällen gerufen. Die Folgen einer derartigen unüberlegten Handlungs­weise können unübersehbar sein, wenn gleichzeitig die Krankenwagen für wirklich dringende Unglücks­und Krankheitsfälle benötigt werden. Nunmehr konnte der Täter in der Person eines 19jährigen jungen Mannes aus der Mühlstraße festgestellt und der verdienten Strafe zugeführt werden. Im In­teresse der Allgemeinheit wird rücksichtslos gegen derartige Frevler vorgegangen.

* Warum hat der August 31 Tage? Als Caesar im Jahre 46 v. Chr. Aegypten eroberte, übernahm er aus dem ägyptischen Kulturleben den dort seit Jahrtausenden gebräuchlichen Kalender. Von den Aegyptern war das Jahr in zwölf Monate von je 30 Tagen eingeteilt worden mit fünf besonderen Tagen' im Laufe des Jahres für Feste. Caesar fügte diese Festtage so hinzu, daß er jeden zweiten Monat um einen Tag verlängerte. Das tat er, weil ihm die dadurch entstandenen ungeraden Zah­len besonders glückbringend erschienen. Ebenso verlängerte er den Monat seiner eigenen Geburt, den Juli, auf 31 Tage. Sein Nachfolger Augustus hatte aber den gleichen Stolz und verlängerte eben­falls seinen Geburtsmonat, den August, auf 31 Tage. So kommt es, daß der Aberglaube Caesars und der Stolz des Kaisers Augustus den jetzigen Wirrwarr mit den 31-Tage-Monaten schufen. Im Jahre 1582 entstand dann der gregorianische Kalen­der, der heute noch gilt. Papst Gregor ließ zehn Tage des Julianischen Kalenders ausfallen. Es dauerte ziemlich lange, bis die gesamte zivilisierte Welt den gregorianischen Kalender einführte. In Großbritannien geschah das zum Beispiel erst im Jahre 1752.

* Studenten dürfen billiger fliegen. Die deutsche Lufthansa hat für Studenten die Luftfahrpreise auf die Höhe der V-Zugpreise 3. Klasse ermäßigt, so­weit Plätze vorhanden sind. Die in der Ausbildung stehenden Studierenden seien wirtschaftlich nicht in der Lage, den vollen Flugpreis zu bezahlen, an­dererseits jedoch habe gerade die Jugend ein leb­haftes flugtechnisches Interesse. Der Studierende hat einen Antrag auszufüllen, dessen Formular kostenlos bei dem Sekretariat der Hochschule oder bei eurer LufchqmqdieMtstelle zu erhalten ist, gnd, läßt den Antrag durch die Hochschule bereinigen.- Erst kurz vor Antritt der Luftreise wird der Platz gebucht, da bis zu diesem Zeitpunkt vollzahlende Fluggäste den Vorrang haben müssen.

* Die stöbt. Badeanstalt Ebertanlage ist ab heute in allen Abteilungen wieder geöffnet.

werden behoben durch t<aiser-Natron. Milde im Geschmack, sehr bekömmlich. Nach dem Essen ,/r Teelöffel voll zu nehmen. Sie werden erstaunt sein über die gute Wirkung. Nur in grüner Original - Packung, niemals lose, in den meisten Geschäften. Rezepte gratis.

Arnold Holste Wwe.. Bielefeld.

aW «wwtwMtw» &iewH^

Von Toni Rothmund

Copyright by Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart, Berlin, Leipzig

11- Fortsetzung (Nachdruck verboten)

„Da hab' ich Vorräte drin."

„Die werden wir gleich draus haben," sagte Thomas bestimmt.

,,2ßof)in damit? Ist so kein Platz in dem alten

„So" War doch Platz genug für den Koch!"

Das Wort verstand Margrit nicht. Der Schwe­lst aber jagte es einen roten Zorn ins Gesicht, daß i’e hinausging und die Tür krachend hinter sich zu-

Das Breneli erwachte davon und sing an âu brüllen. Der kleine Leonhard bemühte sich fo= ort um das Kind und schob den Wagen leise chaukelnd hin und her, so daß es zu weinen auf- „Ich Win warten, bis Judith ihren Zorn verwürgt hat, und geh derweil hinauf," sagte sie. , "Da kannst lang warten," versetzte er höhnisch, »■über fei nur ganz' ruhig, du bekommt ein Zimmer und sollst bleiben, solang du magst und es bei dem omansweib aushältst. Aber ein Glas Wein kannst fuimer noch vorher trinken. Komm, auf gute Freundschaft, Margritli!"

®r füllte zwei Gläser, und sie mußte ihm Be- Mw tun. Sie trank nur ein paar Schlücklein. ~Oomas Zwygart aber leerte das Glas in einem und goß sich gleich ein zweites voll. Margrit wandte sich nun, um die Mutter aufzusuchen, wegen schwer^ ’mmcr größere Sorge. ihr Herz be-

In ihren rotgewürfelten, zerwühlten Kissen lag Schwanderin. Die grauen Haare hingen ihr 'ns wächserne Gesicht, ihre Augen waren wie

Kohlen. Sie streckte der Tochter die 5janb entgegen: „Bist willkommen, Mar- oonârr «Oort auf den Stuhl. Hast schon zu Abend

$$ hab' dich schon vor einer Weile kom- men hören."

den» Zrfi setzte sich zu ihr ans Bett. „Wie geht's her hokn laffen?"^ ™™™ ^bt Ihr mich nit srü- wul'^ch hab' immer gemeint, es bessert. Aber es mehr gut werden."

-üsas ist § denn?" fragte Margrit ängstlich.

Ha, ein offener Fuß. Da schau her." Und be­reitwillig schob sie das schwere Deckbett weg und zeigte ihren Bresten, von dem sie einen langen, langen Verbandlappen abwickelte. Sie ging feier­lich dabei zu Werke wie bei einer heiligen Hand­lung. Sie war noch nicht viel krank gewesen in ihrem Leben und meinte nun, es gehe gleich ans Streben.

Margrit erschrak, als sie die Wunde sah. „Habt Ihr keinen Arzt gefragt?"

„Nein, was denkst auch, Margrit? Ich hab' noch nie dokteret und will auch nit dokteren. Wir haben Umschläg" von Kamillentee und Beinwell gemacht. Einmal hab' ich auch ein Stück Kalbfleisch drauf- gevunben. Hilft aber alles nix."

„Morgen holen wir die Krankenschwester aus der "Stadt," sagte Margrit bestimmt. Und dann fragte sie die Alte, ob sie ihr das Bett frisch machen solle.

„Ja, das könntest, Margrit. Dazu hat 's Ju­dith doch nie rechte Zeit. und 's Kätterle mag ich nit an meinem Bett haben."

Die Alte hinkte ans Ofenbänkchen, und Margrit hüllte sie in eine Wolldecke, bis sie fertig war. So klein und zusammengefallen sah die Bäuerin aus, die die Margrit sonst nur stolz und aufrecht ge­kannt hatte. Als sie sich in dem srischgemachten Bett ausstreckte.und die Tochter dankbar ansah, da fühlte Margrit zum erstenmal etwas wie Liebe für das Weib, das ihre Mutter war.

Es wollte schon nachten. Margrit zündete ein Erdöllämpchen an und legte noch ein Scheit Holz in den Ofen. Die Alte fragte fast ängstlich: „Haben sie's gemerkt, daß ich dich hab' holen lassen?"

„Hätt' ich's sollen verschweigen? Das hab' ich nit gewußt."

„Dann wird 's Judith wieder wüst zu mir fein und zu dir ebenfalls."

Margrit warf den Kopf in den Nacken. „Vor dem fürcht' ich mich nit."

„Ja, weil du nit weißt, wie es ist. Es ist nit gut leben mit ihm, du wirst schon sehen. Der ein­zige, den es fürcht', ist der Thomas. Der wird Meister über es. Sie leben aber nit gut mitein­ander, und es geht oft wüst zu drunten. Und ich lieg' dann da oben und muß hinunterhorchen!"

„Wie hat das denn kommen können?" fragte Margrit erschüttert. „Sie sind doch so verliebt m» ' einander gewesen!"

„Ach, Lieb' nud Haß sind nach beieinand, Kind! Das hab' ist oft erfahren. Und bei denen zweien ist kein Frieden mehr im Haus, feit 's Judith das Büble geholt hat, den Leonhard!"

Ratlos schaute Margit die alte Frau an. „Das Kind drunten, das Büblein?"

„'s ist dem Judith seins, Margrit. Sei still, sag nix, daß ich's dir verraten hab'. Sie hat's zu Basel drin gehabt, und es ist ihm schlecht gegangen. Es hat einem erbramt, das Büble. Da hab'' ich zu ihr gesagt, hol's heim, du bist jetzt verheiratet, es gehört halt einmal zu dir. Ich hab' aber nit an­ders gemeint, als der Thomas weiß alles von dem Büble. Er hat aber scheint's nix gewußt und ist ganz rabiat worden, wo er's erfahren hat, daß 's Judith ein Kind hat. Seitdem ist's keinen Tag mehr gut gewesen. Der Thomas trinkt mehr, als recht ist, und dem Schmuggel geht er auch nach. Er hat's schon vorher getan. Immer hat er Geld gehabt und doch nit recht gearbeitet. Sie heißen ihn ja den Schmugalerköniq. Alle Nacht schier kommen seine Freund', uno 's Judith mitten drunter und ist die milbeft’ von allen . Vielleicht meint sie, daß sie damit den Thomas wieder gut machen kann, ich weiß nit. Das Büble schaut sie kam an und gibt ihm kein freundliches Wort, bloß um den Thomas nit zu ärgern. Ja, so ist's hier bei uns, Margrit, 's ist ein Unsegen auf dem Haus — und manchmal kommt mir eine Angst, als ob das noch nit alles fei, als ob noch Aergeres käm —"

Die Stimme war erloschen, die Augen waren trüb und blicklos, als schauten sie über das Gegen­wärtige weg in kommende Dinge. Margrit schauerte zusammen. Der Regen schlug an die Fensterschei­ben, der Wind heulte, und ein langgezogener Klageton des Hundes klang herauf.

Plötzlich fuhren die beiden in jähem Schrecken zusammen. Ein Poltern erscholl vor der Tür, als wolle das Haus einstürzen. Krachend wurden Gegenstände herumgeworsen, bösartiges Türen­knallen und heftige Wort tönten dazwischen.

Magrit lief an die Tür u. öffnete. Allerlei Dinge wurden aus dein neben der Treppe liegenden Käm­merlein herausgeschleudert, Säcke, Lumpen und altes Gerümpel. Ein kleines Gebirge hatte sich schon angesammelt, und immer noch flogen wei­tere Wurfgeschosse so heraus, daß Märtt, der Knecht, und die Magd Kätter ihre Köpfe in acht nehmen mußten, während sie sich mühten, die ge­

waltsam herausgeräumten Sachen zu verstauen. Nun trat Thomas aus dem leeren Raum und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Schau, ich schaff' dir Platz in deinem Eltern­haus, Margritli," sagte er dabei, und sein Gesicht strahlte von Bosheit. Und dann schaffte er mit dem Knecht eine Bettlade, einen Kleiderkasten und Tisch und Stühle ins Zimmerlein.

Während Margrit sich die Sachen ein wenig zu­rechtrückte, kam ihre Schwester und warf ein Bündel Bettwäsche auf den Tisch: „Anziehen mußt dir das Bett selbst, ich hab' keine Zeit. Komm mit, Kätter, zu Nacht kochen."

Margrit tat nach der Schwester unfreundlichen Worten Das Herz war ihr schwer. Judith haßte sie — und Thomas war auch nicht mehr so, wie er als freudiger Hochzeiter, gewesen. Die Mutter war unheimlich und fremd. Und das Kind Leonhard trug sein einsames Herzeleid in diesem Haus ohne Liebe herum.

Dem vielleicht konnte sie ein wenig Sonnen­schein bringen, dachte Margrit, als sie sich traurig an diesem Abend zum Schlafen legte. Lange noch stöhnte das Heulen des Kettenhundes durch die Lüfte, und die ganze Nacht weinte der Regen gegen die Fensterscheiben.

Andern Tags war die Schwanderin wieder in ihre Stummheit zurückgefallen. Auf alle Fragen gab sie karge und unzulängliche Antworten. Sie schien Schmerzen zu hab«n, aber sie klagte nicht, son­dern litt sie wie etwas Unabänderliches. Thomas und Judith knurrten sich an wie zwei bissige Hunde, und das Gesinde ging verdrossen aneinander vor­bei. Niemand im ganzen Hause tat dem andern etwas zu lieb, verborgener Haß glomm wie Glut unter Asche. Am meisten hatte der kleine Knabe unter dem unguten Wesen im Hause zu leiden. Judith ließ alle üble Laune an ihm aus, Thomas nannte ihn nicht beim Namen, sondern hieß ihn nur „Koch". Er schlief bei der Magd in der Kam­mer nud saß bei den Mahlzeiten neben ihr. Zu­letzt von allen bekam er fein lieblos angerichtetes Essen. Auf dem Kopf hatte er einen Schorf, der ihn häßlich entstellte, so daß niemand Wohlgefalleir an ihm haben konnte.

„Es vergeht von selbst," sagte Judith gleich­gültig, als Margrit ihr deswegen Vorhalt machte.

(Fortsetzung folgt.)