)tt. 130
Samstag den 6. Juni 1931
Seife
Hexenkessel Asien
Lin Erlebnis in Lharbin, der russisch-sapanisch- chinesischen Spionagezenirale für den Fernen Osten
Von Anton E. Zischka-Paris
Wir hatten auf der Fahrt nach Saigun einen Ingenieur kennen gelernt, der zwei Jahre in Rußland gelebt hatte, sich als überzeugter Kommunist bekannte. Unter vielem, was er sagte, ist mir Lieser Satz im Gedächtnis geblieben: „Wie immer der gigantische Kampf ausgehen mag, den heute i Moskau kämpft, das Ringen um die Herrschaft der Welt, es steht fest, daß es eine Entscheidung von vitalstem Interesse für Hundertmillionen von Menschen ist- Siegt Moskau, so geht, Europa vielleicht in einerWelle von Blut unter, so sind 150 Millionen Menschen dem Chaos preisgegeben, wenn sie nicht die Ideen Rußlands teilen. Siegt die bestehende Ordnung, so ist Rußland einem Blutbad ausgeliefert, droht den 170 Millionen der Sowjetunion die Hölle, denn heute ist die Idee Moskaus i zu weit in die Massen gedrungen, um eine friedliche Umwälzung irgend einer Art zu erlauben . .
Wie gigantisch der Kampf ist, merkt man im Fernen Osten viel eindringlicher als in den Zentren Europas oder Amerikas. Wir sahen in Indochina das unaufhörliche Wühlen, das gärende, unablässige Ankämpsen kommunistischer Propagandisten gegen die Kolonialmacht, wir sahen den Kampf Koreas gegen Japan, einen blutigen Kampf, der von Moskaus Leuten ganz offen geschürt wird. Wir fuhren wochenlang durch die Wüsten der Provinzen Scheust und Kiangsie, die durch die Kriege zwischen den roten Armeen Chinas und den Armeen Nankings, die von den fremden Mächten unterstützt werden, zu gigantischen Einöden gemacht wurden, zu Hungergebieten von unvorstellbaren Ausmaßen.
Und dann dieses entsetzliche Erlebnis in Charbin . . .
Man kommt nach Tschangtschung, dem Endpunkt der Südmandschurischen Bahn, und hier scheint Europa plötzlich anzufangen. Mit dem Komfort der Ostchinesischen Bahn, ihren dicken, unterwürfigen, schnauzbärtigen Schaffnern. Diese Bahn ist chinesisch-sowjetrusiisch. Wer der wahre Herr ist? Die Russen verwalten, die Kontrolle ist Ehrgeiz der Chinesen. Und das geht nicht ohne Reibungen. Es ist der tägliche, leise, meist unterirdisch wühlende, nur manchmal hoch aufflackernde Kampf um einen Boden, der Zukunft in jeder Scholle bedeutet. Hinter allem stehen die Japaner, die jeden Fußbreit zäh halten und wachsam und verbissen überall nachdrängen. Sie legen ein stählernes Netz von Nebenbahnen um diese Strecke, und auch die Chinesen bauen Parallelbahnen zu den japanischen Linien. Hier an der äußersten Grenze, sind sie zäh und eisern und entschieden wie nirgends sonst in ihrem gewaltigen Reich.
Am Morgen waren wir in Charbin. Hier erlebten wir das Aufflackern des großen Streites, waren in drei fürchterlichen Tagen Zeugen der Zerrüttung und Machtlosigkeit, die das Leben an dieser Stätte so toll machen.
Charbin: Das ist ein brodelndes Mischgericht aus Mongolen, Chinesen, Mandschuren, Koreanern, Japanern, Weiß- und Rotrussen, letzte Zufluchtsstätte aller Abenteurer des Ostens, böse Kopie von g Paris mit 30 Nachtlokalen und Armeen gestrandeter
offenen Augen thronen seidengewandete r Chinesen in den von ausgemergelten Russen gelenkten Einspännern, wenn sie durch diesès europäische Gomorrha fahren müssen. Irgend ein verkommener Weißrusse schlägt den chinesischen Stiefelputzer über den Schädel, wenn er Bezahlung verlangt.
Charbin, das ist die Stadt der Währungsver- ^wirrung, in welcher der Durchreisende hilflos unter-
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Samstag den 6. Juni
5.55: Wettermeldung. Anschließend Morgengymnastik. 7.30—8.30: Von Bad Neuenahr: Früh- konzert des Kurorchesters. 10.20—10.50: Schulfunk. 11.50: Schallplattenkonzert. 14: Werbakonzert (Schallplatten) 15.20: Stunde der Jugend. 16.30: Von Karlsruhe: Unterhaltungskonzert des Philharmonischen Orchesters Karlsruhe. 18.10: „Voruntersuchung", Gespräch. 18.35: Stunde Arbeit — Eine halbe Stunde Betriebsrat. 19.20: Spanischer Sprachunterricht. 19.45: Don Mannheim: Opernchöre. 20.15: Von Cannstatt: Unterhaltungskonzert. 21: 90 Minuten. . . Bunter Wend. 22.30: Nachrichtendienst. 22.50—24: Tanzmusik.
Sonntag, den 7. Juni
7: Von Hamburg: Hafenkonzert. 8.15: Evang. Morgenfeier. 9.15: Stunde des Chorgesangs. 10: Vom Nürburgring: Eifelrennen, Start. 10.30: „Studenten und Politik", Gespräch. 11.15: Vom Nürburgring: Während des Eifelrennens. 11.30: Von Leipzig: Reichssendung. 12: Konzert der Weilburger Bürgergarde. 13: Operetten-Schallplatten- konzert. 13.50: Zehnminutendienst der Landwirtschaftskammer Wiesbaden. 14: Stunde des Landes. 15: Stunde der Jugend. 16: Von Karlsruhe: Unterhaltungskonzert. 17.30: Lieder und Arien. 18: „Frankreich als Kolonialmacht", Vortrag. 18.25: „Amerika, Warnung oder Vorbild?" Vortrag. 18.50: Ein kleiner Reise-Knigge. 19.20: Sonderwetterdienst und Sportnachrichten. 19.30: „München vor dem Krieg", Hörfolge. 20.45: Unterhaltungskonzert. 22.15: Nachrichtendienst und Sport. 22.35: Tanzmusik.
^Montag, den 8. 3uni
5.55: Wettermeldung. Anschließend: Morgengymnastik: 7.30—8.30: Don Bad Wildungen: Frühkonzert. 11.50: Schallplattenkonzert. 14: Werbekonzert. 15.20: „Frauenarbeit in Familie und Beruf", Vortrag. 16.30: Von Wiesbaden: Nachmittagskonzert. 18.10: „Wie erklären sich große Bucherfolge?" Dortrag. 18.35: „Fortbildung, ein modernes Beamtenproblem", Vortrag. 18.55: „Publikum und Polizei", Vortrag. 19.25: Englischer Sprachunterricht. 19.45: „Lebensweisheit in der Nuß". 20.15: Kammeropern. 22: Zeitbericht. 22.40: Nachrichtendienst. 23—24: Tanzmusik
Dienstag, den 9. Juni
5.55: Wettermeldung. Anschließend: Morgengymnastik: 7.30—8.30: Von Bad Wildungen: Frühkonzert. 10.30: Von Heidelberg: Schaubericht aus dem neuen Universitätsgebäude Heidelberg. 12.10: Schallplattenkonzert. 14: Werbekonzert. 15.20: Hausfrauen-Nachmittag. 16.30: Von Heidelberg: Nachmittagskonzert. 18.15: „Die dunklen Sterne und ihre Bedeutung", Vortrag. 19.10: Mandolinen»
trunken schon. Man beachtete sie kaum. Da krachten Schüsse. Ein riesiger Mann sprang auf, schlug schwer auf den Tisch und riß dabei das Tuch mit Gläsern und Flaschen mit, ein Mädel fiel knapp vor unserem Tisch nieder, Blut quoll aus der weißen Seide des Äisides. Wieder eine «salve, und die Gäste stürmten nach dem Ausgang, alles niedertrampelnd. Geschrei und Panik. Unser Führer riß uns zurück.
„Sie werden nicht auf uns schießen", stieß er hervor. „Irgend ein politisches Attentat." Da splitterte drüben ein riesiger Spiegel, Frauen schreien hysterisch auf, ein einzelner Schuß noch, dann wurde es plötzlich finster . . .
geht, mit Papiergeld, das den Inbegriff allen Grauens bildet, an dem alle Seuchen Asiens zu kleben scheinen, Lepra und Beulenpest. —
Es war 3 Uhr morgens. Ein amerikanischer
......1'_ hingebracht. Wir saßen in den Folies Bergères. r stiegen aus dem Rachen eines riesigen Tigers aus Papiermachâ drei Grazien. Sie hüpften auf die Tische, fielen den Männern um den Hals. Schwangen sich dann auf ein Trapez und fausten über den hochgereckten Köpfen durch die Luft. Saxophone brüllten.
Da traten mitten in das Tosen drei Leute im Smoking, die Gesichter verdeckt, liefen auf einen Tisch zu, an dem ein paar Russen saßen, halb be-
konzert. 19.40: Tanzmusik. 20: „Liebesbriefe". 20.30: Symphoniekonzert. 21.15: „Zehn Jahre und eine Sekunde", Hörspiel. 22.15: Aus einem Heidelberger Privathause: Alle Musik. 23: Nachrichtendienst.
Mittwoch, den 10. Juni
5.55: Wettermeldung. Anschließend: Morgengymnastik: 7.30—8.30: Von Bad Soden a. T.: Frühkonzert. 10.20—10.50: Schulfunk. 11.50: Schall- Plattenkonzert. 14: Werbekonzert. 15.20: Stunde der Jugend. 16.30: Nachmittags konzert. 18.15: „Der Provisionsreisende", Vortrag. 19.20: Buntfunk. 20.35: Renaissance, Barock, Rokoko (10. Abend). 22.15: Nachrichtendienst.
Donnerstag, den 11. Juni
5.55: Wettermeldung. Anschließend: Morgengymnastik: 7.30—8.30: Von Bad Soden a. T.: Früh- konzert. 11.50: Schallplattenkonzert. 14: Werbekonzert. 15.20: Stunde der Jugend. 16.30: Von Schlangenbad: Nachmittagskonzert. 18.05: Zeitfragen. 18.35: „Wege zur Ausfuhrsteigerung und Einfuhrdrosselung", Vortrag. 19.05: „MacDonald", Vortrag. 19.45: Anekdoten. 20: Vom Landestheater Stuttgart: „Martha", Oper. Anschließend: Nachrichtendienst.
Freitag, den 12. 3uni
5.55: Wettermeldung. Anschließend: Morgengymnastik: 7.30—8.30: Von Bad Homburg: Frühkonzert. 11.50: Schallplattenkonzert. 14: Werbekonzert. 15.20: Elternstunde: „Was geschieht und was kann für die arbeitslose Jugend geschehen?", Gespräch. 16.30: Nachmittagskonzert. 18.10: Stunde des Buches. 18.30: Eine Viertelstunde Deutsch. 18.45: „Der Pariser Jargon im Denken und Sprechen", Vortrag. 19.15: Aerztevortrag: „Neue Wege in der Behandlung der Arterien-Ver- kalkung". 19.45: Arien und Duette. 20.30: Im Fluge um die Welt. 21.45: Symphoniekonzert. 23: bis 24: Tanzmusik.
Samstag, den 13. 3uni
5.55: Wettermeldung. Anschließend: Morgengymnastik: 7.30—8.30: Von Bad Homburg: Früh- konzert. 10.20—10.50: Schulfunk. 11.50: Schallplattenkonzert. 12.25: Von Leipzig: Besuch in einer Böttcherwerkstatt. 14: Werbekonzert. 15.20: Stunde der Jugend. 16.30: „Der Mensch in der Musik". 18.15: „Im Faltboot über den Geigensee", Vortrag. 18.45: Stunde der Arbeit: „Siedlungspolitik", Gespräch. 19.15: Spanischer Sprachunterricht. 19.45: „Abend in Aßmannshausen", Wochenend-Hörbericht. 20.30: „Pat und Patachon machen Musik", 21.15: Vom Wiener Heldenplatz: Promenaden- Konzert der Ver. Wiener Heeresmusiken. 22.15: Nachrichtendienst. 22.35—24: Tanzmusik.
Es dauerte wohl 20 Minuten, bis draußen Polizeiautos vorfuhren, das Licht der Scheinwerfer durch die Tür drang, die sie aufsprengten.
Vier Männer im Frack lagen im Tanzparkett, aus der Hemdbrust des einen sickerte das Blut, bildete einen kleinen See, zwei lagen auf dem Gesicht. Das Mädel ein paar Schritte von uns .. .
Grauenhaft war dieses Bild.
Man brachte uns in einem Auto ins Hotel . Als wir an einem Lokal vorbeifuhren, drangen das wilde Getöse einer Jazzband heraus und das Schreien der Gäste Das große Wort Chardins regierte, als ob nichts geschehen wäre, das „Nit- schewo" . . . „£ebe und genieße das Heute, denn das Morgen kann ärger sein."
Am nächsten Morgen rissen sie ein paar Kilometer von Charbin die Schienen auf, eine Motor- draisine fuhr nach der Baustelle der Chinesen, ein Mann riß das Tuch weg, das über einem Sitze lag, und eröffnete aus einem russischen Maschinengewehr das Feuer auf die Ingenieure . . . Drei Tote, zwölf Verletzte . . . Mittags wurde in der Hauptstraße ein Auto angehalten und ein Rüste erschossen.
Wieso es zu den Morden kam? Charbin ist die Zentrale der russischen, chinesischen und japanischen Spionagebüros. Der Auswurf der ganzen Welt ist gekauft, um die Gegner zu lähmen. Unter den Banden kommt es von Zeit zu Zell zu offenen Kämpfen. Alle drei Wochen oder so, sagte unser Führer. Die Amerikaner arbeiten mit moderneren Mitteln als offenem Krieg. Sie studieren die Mentalität der Völker. Still und ruhig kommen sie den Wünschen der Asiaten entgegen. Kaufen da einen Mandarin, dort einen Tschun, einen Gouverneur. Beteiligen sich an chinesischen Firmen. Schaffen einen Markt, die Standard Oil zum Beispiel dadurch, daß sie drei Millionen Petroleumlampen um die Hälfte des Selbstkostenpreises verkaufte. Jetzt hat sie ein riesiges Absatzgebiet für ihr Oel.
„Friedliche Durchdringung" nennt man das.
Sie siegen, während die Engländer in Schanghai Tanks stationieren, die Russen von den Japanern in Charbin abgeschossen werden.
„Gewalt kann zum Ziel führen", sagte unser Freund. „In Nicaragua zum Beispiel, wo unsere Marine monatelang blieb, so lange blieb, daß man in Newyork schon Witze machte und sagte, sie brauchte wohl so lange, um amerikanisches Eigentum zu finben, das sie beschützen könnte . . . aber hier, gegen ein Volk von 500 Millionen Gewalt?"
„Kindisch ist das", fuhr er fort, „die Geste eines Schläfers, der manchmal aufschreckt und dann wild um sich schlägt."
Charbin: Ja, das ist der letzte böse Traum unserer vielumstrittenen Heimat Europa. Langsam versinkt es in den friedlichen Grasflächen seiner Umgebung und läßt den nach Westen fahrenden Zuschauer nicht zur Ruhe kommen über dem Gedanken, daß überall die Menschheit heute von Unrast, Sterben des Alten, Emporstreben neuer Daseinsformen, Kampf um ihr bißchen Existenz gefoltert wird. Auch dem Osten entgleiten alle Halte in immer steilerem Absturz.
Asten erwacht? Oder schläft bloß Europa ein? — Nur eine Frage bleibt mächtig: Wo werden die Menschen früher eine neue Ordnung erkämpfen, wo werden sie lernen, glücklich zu sein?
Man hastet über die Welt, von Pol zu Pol fast, und findet doch keine Antwort.
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