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Freitag Sen 22. Mai 1931

Seite S

Stadt datum

âittdevschutzvevein

Möchten Sie Mitglied werden? Es kostet keinen Beitrag; Sie brauchen auch unsere Versammlun­gen nicht zu besuchen; wir verlangen von Ihnen nur, daß Sie gegebenenfalls hilfsbereit zufajsen, wenn ein arglos spielendes unbeauflichigtes Kind in Gefahr ist, unter Lastkraftwagenräder zu kom­men, sich zu verlaufen oder von gewissen Kinder- fteunden verlockt zu werden. Sie sagen, das wäre Sache der Ellern, besonders der Mütter. Cigent- üch ist es richtig. Sie sollten wissen, was ihren Kindern gut ist, aber es ist ja nun mal so, und Ët so, daß Kinder unabhängig davon geboren werden, ob sie ernährt oder erzogen werden kön­nen.

Statuten? Es sind ungeschrieben« Statuten. Sie besagen etwa das, was jeder Menschenfreund auf« schreiben würde, wenn man ihn dazu aufforderte. Ich sah neulich einen Schutzmann, Kindern, die in einem Springbrunnen herumplanschten, mit ern­ster Amtsmiene drohen; dann drehte er sich um und lachte sich eines, denn wahrscheinlich kam er sich dabei ziemlich unwichtig vor und erinnerte sich vermutlich an den Schutzmann, der vor zwanzig Jahren ihm damals noch in der Pickelhaube gedroht hatte. Es wäre schön, wenn wir für den Kindevschutzverein alle Schutzleute gewinnen könn­ten, denn neben den Müttern haben ja die das nächste berufliche Interesse. Wenigstens müßten sie es haben.

Ein hübscher Rüpel von zehn Jahren klettert teuf einen Baum und miß Maikäfer schütteln. Un« ten stehen drei Freunde Schmiere. Der Junge klettert wie ein Eichhörnchen. Wenn sie unten nicht vufpassen, kann er den trockenen Ast nicht von den anderen unterscheiden. Er wird anfassen und ab­stürzen. Nun ist es gewiß nicht richtig, solche Streiche zu unterstützen, indem man für die bösen Buben Schmiere steht, aber es fällt keinem Er­wachsenem ein Stein aus seiner Krone, wenn er hinaufruft:Junge, nimm den Ast nicht, der an­dere ist besser". Wir sind doch als Buben alle ge­klettert, und vielleicht besser als die heutigen Stadtkinder, die ja so wenig Gelegenheit zum Klettern haben.

Mele Erwachsene sehen in den Kindern in ge­wissem Sinne Feinde. Sie können sich nicht mehr in ihr« eigene Jugendzeit zurückversetzen und ha­ben vergessen, daß sie damals auch so unberechen­bar waren wie die heutigen Kinder. Ränke span­nen, Lärm vollführten und wie ein geölter Blitz auf den Treppengeländern quietschend hinunter­rutschten. Man sollte sich überlegen, ob nicht in den Kreisen dieser Leitte von Staatswegen Vorträge nötig wären über die Bedeuung der Kinder für die Zeit, wenn bie verehrlichen Kinderfeinde, Hausbesitzer, Parkaufseher, Polizeiwachtmeister, Pxnsionsvorsteherrilnen, Portiers, Schornstein­feger, Klatschbasen, kindetlose Ehepaare sich zur letzten Ruhe gebettet. haben. In diesem und ande­rem Sinne müssen wir einen Kinderschutzoer.ein haben, denn ich stehe nicht an zu erklären, daß Kinder, bei allen Dummheiten, die sie machen, nicht nur ein notwendiges Uebel, sondern eine an­genehme Zugabe zu den Narrheiten sind, die die âwaâüenen für sich allein und ganz und aar mit 'mehr, dann'gab es auch' keine Klnhèrèièn. Und wer wollte bann noch leben!

Bitte, treten Sie unserem Kinderschutzverein bei!

urkunde der-Ellern, sowie eine. Bescheinigung der Hebamme über die erfolgte Geburt vorzulegen.

2. Jeder im Standesamtsbezirk Hanau einge­tretene Sterbefall, wozu auch bie. Totgeburten ge­hören, muß spätestens am nächstfolgenden Wochen­tage angezeigt werden. Als solcher gilt auch jeder Feiertag, der nicht auf einen Sonntag fällt.

Zur mündlichen Anzeige sind verpflichtet: 1. das Familienoberhaupt, d. h. der Haushaltsvorsteher, 2. in dessen Verhinderung der Inhaber der Woh­nung oder Behausung, in der sich der Sterbefall ereignet hat, 3. eine erwachsene Person, die aus eigener Wissenschaft von dem Todesfall unterrichtet sein muß.

Bei Ler Anzeige sind vorzulegen: Der vom Hausarzt ausgefüllte Leichenschein, dessen Vordruck bei der Polizeidirektion (Platz der Republik 2/4) erhältlich «ist, 2. Farn ilienchammbu ch oder Geburts- bei Verheirateten Heiratsurkunde des Verstorbe­nen bei den vor dem 1. 10. 1874 Geborenen Geburtsschein des zuständigen Pfarramtes.

Den Hinterbliebenen wird empfohlen, bei ein« getretenem Sterbefall zuerst das Standesamt auf­zusuchen, wo jeder Rat über Art der Beerdigung oder Feuerbestattung, Höhe der Kosten usw. bereit­willigst und kostenlos erteilt wird.

3. Die in den hiesigen Krankenanstalten erfolg­ten Geburten und Sterbefälle werden von den Vorständen dieser Anstalten dem Standesamt angezeigt.

4. In allen Fällen haben sich die Anzeigenden durch Vorlage des Familienstammbuches oder eines polizeilichen Ausweises auszuweisen.

5. Das Standesamt ist wochentags von vorm.

9 Uhr bis 12% Uhr geöffnet. Fernfprech-Nr. 2070.

ikommt der »ewige Kalender"

Der Vlochmannsche Vorschlag

Gegen die weitgehenden Umsturzbewegungen einer Kalenderreform, wie sie hauptsächlich von Amerika aus propagiert werden und eine Iahres- einteilung in 13 Monate fordern, haben sich, wie wir hören, viele Stimmen in allen den Kreisen er­hoben, die zwar angesichts der Mängel des bestehen­den Kalenders unbedingt einer Kalenderreform das Wort reden, aber nur einer maßvollen Aenderung, die viel von dem Nützlichen des heutigen Kalenders bestehen läßt, zustimmen. Es scheint, daß der aus­sichtsreichste der vorliegenden Reformvorschläge der maßvolle von Dr. Blochmann ist, von dem schon vor geraumer Zeit der frühere Direktor der Vatika­nischen Bibliotheken in Rom, Kardinal Dr. Ehrle, gesagt hat, daß der Vorschlag den Vorteil hat, daß in ihm nicht mehr geändert wird, als wirklich nötig ist.

Die wesentlichen Punkte des Blochmannschen Vorschlags fordern folgendes: Das Gemeinjahr ent­hält 364 Tage (52 Wochen zu je 7 Tagen), die Tage tragen Namen und zwischen Juni und Juli wird ein namenloser Tag eingeschaltet. Der in allen Schaltjahren fällige Schalttag erhält ebenfalls seinen Wochentagsnamen und wird am Ende des be­treffenden Jahres eingeschoben. Jedes Datum fällt

Vor der Sommerreise die Ferien-Adresse der Geschäfts stelle des Hanauer Anzeigers bekannigeben.

in allen Jahren auf den gleichen Wochentag, das Jahr beginnt stets mit einem Sonntag. Die ersten Monate eines jeden Quartals, also Januar, April, Juli, Oktober, haben 31 Tage, die übrigen 30 Tage. Alle Quartale erhalten demnach je 13 volle Wochen, jeder Monat 26 Werktage. Ostern wird auf den 99. Tag des Jahres, d. i. jeweils Sonntag, der 8. April, festgesetzt, auf diese Weise fallen auch die andern von Ostern abhängigen Festtage immer auf die gleichen Tage des Jahres, Pfingsten z. B. jeweils auf den 26. Mai.

Der Vlochmannsche Vorschlag hat also den Vor­zug, daß er einen für alle folgenden Jahre gleich­mäßigen und unveränderlichen Kalender darstellt.

Auf wessen Gesahe geht eine Geatis-Slutosahet 7

Welcher Kraftfahrzeugbesitzer hat nicht schon einen Freund oder eine Freundin aus Gefälligkeit oder zum eigenen Vergnügen auf seinem Fahrzeug befördert? Wer hat noch keine solche Gratis-Spritz­fahrt mitgemacht? Darüber nachgedacht, auf wessen Gefahr so eine Fahrt geht, haben aber gewiß noch wenige. Im allgemeinen geschieht eine derartige unentgeltliche Fahrt auf Gefahr des Gastes. Die Automobil- und Motorradbesitzer befinden sich in dieser Hinsicht sonderbarerweise gegenüber den Be­sitzern von Pferdefuhrwerken im Vorteil. Para­graph 7 des Kraftfahrzeuggesetzes lautet:Wird bei dem Betriebe eines Kraftfahrzeuges ein Mensch ge­tötet, der Körper oder die Gesundheit eines Men­schen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist der Halter des Kraftfahrzeuges verpflichtet, dem Ver­letzten den daraus entstehenden Schaden zu er­setzen." Nun also, werden die Leser sagen, so ist doch der Kraftwagenbesitzer für seine mitfahrenden Gäste haftpflichtig. Dieser Einwand ist hinfällig, denn nach Paragraph 8 des Gesetzes findet diese Vorschrift keine Anwendung, wenn zur Zeit des Unfalles der Verletzte oder die beschädigte Sache durch das Fahrzeug befördert wurde. Die Gefähr­dungshaftung besteht demnach nur noch gegenüber dritten Personen, nicht aber gegenüber den eigenen, sei es entgeltlich oder unentgeltlich beförderten Per­sonen und Sachen. Wie schon erwähnt, bedeutet Paragraph 8 eine Bevorzugung der Kraftfahrzeug- besitzer, denn gegenüber den Pferdefuhrwerks­besitzern gilt Paragraph 833 des BGB., der den Tierhalter für den durch sein Tier entstandenen Schaden haftbar macht. Eine Ausnahme für Fahr­gäste des Pferdefuhrwerkes ist nicht gemacht. Nur wenn der Kraftfahrzeugbesitzer auf fahrlässige Weise einen Unfall verschuldet, ist er auch dem un­entgeltlichen Fahrgast schadenersatzpflichtig. Aber auch dieser unangenehmen Eventualität kann er aus dem Wege gehen, sobald er vor Antritt einer Fahrt mit dem Gaste vereinbart, daß er für einen aus der bevorstehenden Fahrt möglicherweise entstehenden Schaden nicht verantwortlich gemacht werden darf. Um einer solchen Vereinbarung vollkommene Sicherheit zu verleihen, würde es sich allerdings empfehlen, dieselbe schriftlich abzuschließen. Es soll auch in der Tat bereits vorsichtige Autobesitzer

geben, welche gedruckte Formulare besitzen, die sie sich vor Antritt der Fahrt von ihren Gästen unter- fertigen lassen. Selbstverständlich werden Kraftfahr­zeugunfälle, bei denen hunderterlei Unterlassungen, Zufälligkeiten usw. mitspielen können, stets den Gegenstand von Protzessen bilden, deren todsicherer Ausgang selten vorausgesagt werden kann.

* Daten für den 23. Alai. 1498: Der Refor­mator Girolamo Savonarola in Florenz ver­brannt. 1618: Beginn des Dreißigjährigen Krie­ges. 1886: Der Geschichtsforscher Leopold v. Ranke in Berkin gest.

* Arbeltsjubiläum. Sein 25jähr. Arbeitsjubi­läum bei der Fa. Quarzlampen-Gssellschaft m, b. H. behelft morgen Samstag Herr Werkmeister Mar Spiekermann.

* Reichsbanknebcnstelle. Die Schalter der Reichs, bantnebenfteffe sind am Pfingstsamstag ab 12 Uhr für den Verkehr mit dem Publikum geschlossen. Siehe auch Inserat.

* Bessere Obsternte in Aussicht. In den Tälern an Main, Rhein und Lahn, in deren Neben­tälern sowie an den Südhängen des Taunus und im Goldenen Grund ist die Steinobstblüte beendet. Der Ansatz, besonders der der Süßkirschen, berech­tigt zu guten Erwartungen. Auch der Birnen­ansatz ist, soweit sich das bis jetzt beurteilen läßt, gut. Die Blüte der Aepfel ist noch nicht ganz be­endet. Allem Anschein nach wird die Ernte bester wie im vorigen Jahr, obwohl viele Bäume heuer mit der Blüte wussetzen. Der gefürchtete Apfel­blütenstecher tritt auch in diesem Jahre auf, jedoch nicht so stark wie 1930. Die schon im vorigen Jahr gesichteten Pflanzenläuse, die gut durch dèn trocke­nen Winter gekommen sind, dürften einigen Scha­den anrichten. Beim Steinobst macht sich die Monilia-Kraniheit, ein Pilz, der die Triebspitzen zum Absterben bringt, stärker bemerkbar.

* Unterstützungsempfänger als Jagdpächter. Dem Preußischen Minister für Landwirtschaft, Domä­nen und Forsten gaben Verpachtungen von Jag­den an erwerbslose Unterstützungsempfänger zu einem Erlasse an die Jagdaufsichtsbehörde Veran­lassung, in dem diese gebeten wurde, derartigen Verpachtungen entgegenzuwirken. Dieser Erlaß ist durch die Reichsanstatt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung veranlaßt worden. In dem Erlaß wird ausgeführt, daß es die Oèffent- lichkeit nicht verstände, wenn in der jetzigen Not­zeit Arbeitslose, welche gesetzliche Unterstützung be­ziehen, als Jagdpächter auf treten und in der Zeit ihrer Arbeitslchigkeit die Jagd in größerem Um­fange ausüben. Außerdem ist es nicht angebracht, daß die Jagd an Jäger verpachtet wird, die wegen ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse genötigt sind, das Jagdrecht finanziell auszuwerten.

* Steuerpflichtige Jubiläumsgaben. Dem Reichs- finanzhof war es Vorbehalten, die Freude von Jubilaren zu trüben. Der Finanzhof sprach sich in mehreren Urteilen dahin aus, daß in Zukunft alle Jubiläumsgaben an Angestellte einkommensteuer­pflichtig sind, dagegen der Schenkungssteuer nicht unterliegen. Es handelt sich um Gaben bei Ge- fchäftsjubrläen und Dienstjubiläen von Angestellten, auch um die sogenannten Stetigkeitsprämien nach Ablauf bestimmter Dienstjahre. Bisher war man bei derartigen Geschenken, die nicht allzu oft gegeben werden, großzügiger beim Staat. Jetzt braucht der ;âyt Md und LehiLMäumsgMâ afe HM des Einkommens an, als nachträglich« Vergütung treuer Dienste. Auch der Staat will bei Jubiläen finanziell beteiligt sein. Anders liegen die Ver­hältnisse, wenn die Jubiläumsgabe als Privat- geschenk aufgezogen wird und in Bild, Schmuck, Uhr usw. besteht.

Vom Standesamt

Es wird auf die Bestimmungen über die An­meldung von Geburten und Sterbefällen wiederholt hingewiesen:

1. Die Anmeldung jeder in Hanau erfolgten Geburt hat innerhalb einer Woche mündlich ent­weder vom ehelichen Vater, oder falls dieser aus triftigen Gründen an der Anzeige verhindert ist, von der Hebamme oder dem Arzt zu erfolgen, die bei der Geburt zugegen waren. Bei der Anmel­dung ist das Familienstammbuch oder die Heirats-

damit das Heimatblatt unter Kreuzband nachgesandt wer« den kann. Sie ersparen sich in den Ferien ein Gefühl der Unruhe und Unsicherheit, wenn Ihnen die gewohnte Zeitung täglich mit der Frühpost überreicht wird. Denken Sie ja daran!

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Copyright by Hanseatische .Verlagsanstalt. Hamburg 36.

(21. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Lambert traf auf Heinrichsen.Sie sollten reiten, mein Lieber, und Sport treiben," sagte er zu ihm,dann schmeckt die Kontorluft besser.'

Sambert lächelte.

Diese Stadt ist doch bezaubernd, fuhr Hem- richsen fort.Wo werden sonst solche Feste ge­feiert? Das hat doch alles Takt und Grazie.

Lambert nickte mechanisch mit dem Kopf.

Uebrigens, wir werden uns morgen wleder- sehen. Frau Gilissen erzählte mir, daß Sie zu ihr kommen, um ihr Bild zu betrachten, das der Maler Peppler gemacht hat."

Ich weiß nichts davon. . Ach, sie sagte es mir heute abend im ^heater.

Lambert wanderte weiter. Er wollte den Raum betreten, in dem Gröner und die Constantin: ge­sessen hatten. In der Tür traten sie ihm entgegen.

Wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er", kicherte die Schauspielerin.

Bin ich ein Teufel?" versuchte Alfred zu scher-

3 "Nein, du bist ein Engerl", sagte sie.Stber jetzt entschuldigt mich mal einen Augenb ick. Rasch lief sie weg und ließ die verblüfften beiden Män­ner allein miteinander. . h... iIn,

Gröner fand sofort seine Haltung Anae- terhalten Sie sich gut?" fragte er seinen -Inge ^^Nein, ich kann es nicht sagen. Ich fühle mich

* ^Das^wird sich schon geben, ein junger Mann wie Sie, muß überall zu Hause sein-

Ich bin nirgends zu Hause als 'm Geschäft Lambert log nicht. Er fühlte sich tatsächlich dort ge ^Me dürfen Ihre Korrespondenzen nicht auf dem Schreibtisch liegen lassen, knurrte Gröner. Es war ihm unmöglich, etwas Nettes zu sagen.

Tat ich das?"

t .Sa, das ist Unordnung.

Schweigen.

Na, was habt ihr denn miteinander gespro­chen?" platzte die Constantini wieder herein. Jetzt muß ich aber tanzen."

Sie nahm Gröner beim Arm und zog ihn mit sich fort.

Lambert blieb allein in dem kleinen Raum. Er trat an das Fenster und legte seine heiße Stirn an die kühlen Scheiben. Er schluchzte leise. Er hätte aufweinen mögen, aber er konnte es nicht.

Das Fest dauerte noch bis zum Morgen. Es war schon hell, als die Gäste auf die Straße traten.

9. Kapitel.

Wo sind meine Prozente?" fragte Runge, als Peppler sich in einer kleinen Kneipe zu ihm setzte. Peppler nestelte seine Brieftasche heraus und legte ihm zweihundert Mark auf den Tisch.

Nur zehn Prozent?"

Er könne nicht mehr zahlen, klagte der Maler. Alles andere ginge für Schulden braus. Seine Mutter 'hätte heimlich, um ihm zu helfen, eine Hypothek auf ihr Häuschen ausgenommen von einem kleinen Wucherer. Das Geld, fünfzehnhundert Mark, müsse sofort zurückbezahlt werden, bevor es der Vater merke.Zweihundert Mark für Sie, fünfzehnhundert für den Wucherer, bleiben mir nur mehr dreihundert Mark. Ich kann nicht mehr geben."

Dafür arbeitet man monatelang", seufzte Runge und schob das Geld in seine Westentasche.

Das Bild ist verdammt gut geworden", fuhr Peppler fort.Das beste, was ich bisher gemalt habe T- die Frau ist schön. Ich hätte das Bild ge­macht, auch wenn ich nichts dafür bekommen hätte."

Sie wären also imstande gewesen, meine guten Ratschläge zum Fenster hinauszuwerfen und mich sitzep zu lassen?" begehrte der ehemalige Klassiker auf.

Ihre Augen sind geworden, wie Leibl sie nicht hätte besser malen können." Runge schnaufte, schwieg. Während sein Gesicht unbeweglich blieb, geriet der Leib ins Zittern.

Daher geht der Wind? Sie sind verliebt!' sprach er dann langsam, fang das i und preßte mit Zunge, Zähnen und Lippen überdeutlich die Konsonanten.

Eine wunderbare Frau", strich Peppler sich durch seine lange Mähne. >

Da lachte Runge dröhnend heraus.

Zwei große Hennessy", rief er dem Kellner zu. Hier muß einer gestärkt werden."

Der Sonntag nachmittag lag trage über der Stadt. Ungewöhnliche Wärme' wuchtete in den Straßen, auf denen die Schritte einsamer Spazier­gänger hallten. Die Straßenbahnen fuhren schwach besetzt, aber mit zwei oder drei Anhängewagen. Die Schar der Ausflügler mußte am Abend wieder hereingeholt werden. Dann hingen die Menschen auf den Trittbrettern wie Bienen an den Waben.

Roennenkamp saß bei sich zu Hause in seiner kleinen Stube. Er wollte nicht ausgehen, weil er die untätige Stadt haßte. Ein grenzenloses Allein­sein war in ihm. Er stöberte in seinen alten Manuskripten mit bitterer, verächtlicher Miene. Manchmal fand er einen Satz, der sich gelohnt hatte, niedergeschrieben zu werden. Aber immer stand er einsam unter einer Fülle verbrauchter Redewendungen, unter Worten, die leer klangen und waren.Wie die Menschen, unter denen ich leben muß", dachte er, geriet aber in Zweifel, ob er den Vergleich in seiner Fülle anwenoen könne, denn dann wäre ja er .... .

Das Dienstmädchen war die Treppe heraufge­laufen und klopfte an seine Zimmertür:Herr Roennenkamp, ans Telephon."

Lambert zog sich rasch seine Jacke an und eilte hinunter. Es war der Diener Gröners, der ihn an­rief. Sein Herr fei erkrankt, Herr Roennenkamp möge sobald wie möglich in die Wohnung kommen. Herr Gröner wünsche mit ihm zu sprechen.

Was konnte das bedeuten?

Lambert ging wieder zurück in fein Zimmer und zog sich sorgfältig an. Völlig verändert war er mit einem Male, wie von einem schweren Druck befreit. Er pfiff vor sich hin. Wo wohnte Gröner? Das Telephonbuch: Horster-Allee 182.Also in der Nähe Charlottens!" Da verstummte ihm die Melodie.

Gröner war am Morgen, eine halbe Stunde nachdem er aufgestanden war und bereits gefrüh­stückt hatte, von einem Schlaganfall getroffen. Als er nach den Zeitungen griff und opn Der Erhöhung der Erwerbslosenzulage lasgottverlassene Re­gierung von sentimentalen Idioten", knurrte er ge- rade vor sich hin durchzuckte ihn ein harter, kal­ter Sttahl, wie wenn das Wasser einer Feuer­wehrspritze ihn unmittelbar getroffen hätte. Er

wollte auffahren und einen Schrei ausstoßen, aber die linke Gesichtshälfte war ihm gelähmt, und der linke Arm blieb schwer und unbeweglich wie ein Stein. Bis in die Zehen des linken Fußes flatterte der Strahl. Auch das Bein gehorchte nicht mehr dem sich entsetzt aufbäunienden Willen.

Das große Wohlbefinden am gestrigen Abend hatte die Katastrophe angekündigt.

Professor Burst, der Arzt Gröners wie über­haupt der ganzen Gesellschaft der Stadt, war so­fort erschienen und hatte einen nicht unbedenklichen Fall festgestellt. Allerdings war Heilung möglich, und er versprach auch dem Kranken völlige Ge­nesung, aber Zeit würde es brauchen, sehr lange Zeit.

Wie lange?" hatte Gröner gefragt, der bleich und schweratmend zu Bette lag. Er konnte kaum sprechen. Die Konsonanten, bei deren Aussprache die Lippen sich aufeinander zu legen hatten, blie­ben weg. Er konnte sie nicht bilden.

In einem halben Jahre werden Sie wieder gesund sein. Aber das ist der späteste Zeitpunkt, wahrscheinlich schon früher. Sie bleiben noch eine Weile hier, bis das Aergste überstanden ist, und dann fahren Sie ins Sanatorium Guggenberg nach Brixen", sprach der Arzt, als ob èr feiner Sekretärin diktierte.

Und mein Geschäft?"

Da machen Sie einmal ein halbes Jahr keine Geschäfte. Es wird Ihnen nichts schaden, einem reichen Manne wie Sie."

Gröner versuchte unwillig den Kopf zu schütteln, aber es gelang ihm nicht. Als der Arzt ihn ver­ließ, war er schon eingeschlafen, aber nach wenigen Stunden jäh wieder emporgefahren in dem Ge­danken, was werden würde ohne ihn, in seinem Büro, jetzt, wo all seine Kräfte und fein ganzer Scharfsinn nötig waren, wie zu. keiner Zeit des Jahres. Er stöhnte laut und verzweiflungsvoll. Der Angstschweiß brach ihm aus.

Durch sein Hirn fuhren wirr die Ereignisse des gestrigen Abends. Was war da alles gewesen? Ein Fräulein mit glitzerndem Lachen, in Weiß, ein Fräulein, das iym mit der Hand über die Haare gestrichen hatte und Roennenkamp. Es war so schwer und schmerzvoll zu denken. Wie­der verließen ihn die Kräfte und nochmals-^ntschlief er für eine Weile.

(Fortsetzung folgt.)