Nr. 96
Samstag den 25. April 1931
Seife 3
Stadt Kanarr
$w&e Botschaft - endlich Svühlmsr
Sonnig und wärmer
Die Witterung in der ersten Hälfte der vergan
genen Woche war eher noch schlechter, als wir hier vor acht Tagen befürchtet hatten. Es war nicht nur kühl und veränderlich, es war zeitweilig geradezu winterlich kalt und die Temperaturen, die Dienstag und Mittwoch in fast ganz Mitteleuropa herrschten, unterschieden sich kaum von denen bei tief winterlichem Regenwetter im Dezember oder Januar. Beispielsweise wurden Dienstag in Dresden nur 3, in Niederschlesien 4, in Magedburg, Berlin und Stettin nicht mehr als 5 Grad Wärme erreicht. Nur zu Beginn der Woche war es in Süd- und Mitteldeutschland mäP: ---- -^ ^""7—1------inzwischen 10 und 15 Grad Celsius gewesen. Selbst in vielen Gegenden des Flachlandes fiel zeitweilig Schnee; in den Sudeten find um die Mitte der Woche bedeutende Mengen Neuschnee gefallen, und in Höhen über 100 Meter reicht die Höhe der Schneedecke vielfach bis an anderthalb Meter heran.
ißig warm mit Temperaturwerten id 15 Grad Celsius gewesen. Selbst
Diese besonders ungünstige Gestaltung der Wetterlage war dadurch veranlaßt, daß West- und Mitteleuropa geradezu der Tummelplatz aller Depreft ponen wurde, die von drei Meeren heranzogen und sich bei uns ein Stelldichein gaben. Denn unser Gebiet lag zwischen zwei ausgedehnten und widerstandsfähigen Hochdruckgebieten: einem Hoch im Westen, das sich vom Eismeer bis in die Subtropen über den ganzen Ostatlantik erstreckte; auf der anderen Seite dem russischen Maximum, auf dessen Bedeutung für die mitteleuropäische Witterung wir schon vor acht Tagen hingewiesen hatten, und das in der Tat erwartungsgemäß den Depressionen sämtliche nach Osten führenden Zugstraßen versperrte. Zunächst, zu Beginn der Woche, wirkten sich bei uns noch die atlantischen Wirbel aus, die in der Vorwoche das atlantische Maximum im Norden umkreist, und so über die Nordsee auf das Festland gekommen waren. Noch ehe diese sich, rings von Kallluft umkreist, völlig auffüllten, wobei es namentlich in Südwestdeutschland und der Schweiz sehr falt wurde (in Zürich, Bern und Genf stand Montag früh das Thermometer auf dem Gefrier- punft), zogen aus dem Mittelmeer am Westabhang der russischen Antizyklone neue Minima über den Balkan und die unteren Donauländer nordwärts und verschlechterten die Witterung noch mehr. Es handelte sich hierbei um mehrfache Schübe nordafrikanischer Warmluft, die in Wechselwirkung mit der aus nordwestlicher Richtung über den Kontinent fließender maritim-polarer Kaltluft, eine sich mehr und mehr vertiefende Depression erzeugte, auf deren beiden Seiten sehr bedeutende Temperaturunterschiede herrschten. Unter starken, Scirocco-ähnlichen Südwinden stiegen in Bulgarien und Rumänien die Höchsttemperaturen bis auf 28, im östlichen Polen bis auf 22 Grad Celsius. Diese Warmfront drang rasch bis zum Rigaischen Meerbusen vor und brachte auch dem östlichen Ostpreußen die erste stärkere Erwärmung dieses Jahres. Auf der Rückseite des Tiefs jedoch fiel bei nur wenigen Grad, Wärme anhaltend Regen und Schnee, wobei
''era 20, Danzig
18 Millimeter Niederschlagshöhe. Infolge der sich immer mehr verschärfenden Druckunterschiede wuchsen Mittwoch im' östlichen Ostseegebiet die Winde zu Stürmen an, und die Temperaturen stiegen in den Regengebieten nirgends über 5 bis 6 Grad Wärme hinaus.
Die Mächtigkeit des südlichen Warmluftstroms war jedoch zu groß, daß er das Tief in der Nacht zu Donnerstag in nordwestlicher Richtung über die Ostsee nach Südskandinavien abdrängte, zumal überdies allgemeine Druckzunahme über Italien und dem westlichen Mittelmeer auf ganz breiter
Bahn warme Mittelmeerluft nach Mitteleuropa vortrug, wo nun allgemein und rasch der Luftdruck gestiegen ist, während er über dem Ostatlantik und den Britischen Inseln fällt. Das russische Maximum hat sich somit behauptet und wird in Ver- geraoe zu ioejucr) war. ung m"v us“““^ »^>w ““w bindung mit dem zentraleuropäischen Druckanstieg dem Abendbrot schlafen, oft kaute er noch während
Die L-desiahrt von Benfes
Zum zweiten Male hatten sich gestern die Ha- Muer Gerichte mit jenem fürchtettichen Autounfall zu beschäftigen, der weit über die Grenzen des na- hen Freigerichts hinaus als „Todesfahrt von Neuises" eine traurige Berühmtheit erlangt hat und zwei Menschenleben forderte.
Es war am 3. September v. I. zwischen Nacht und Tag, als sich das furchtbare Geschehen in dem Oertchen Neuses abspielte und ein panikartiges Entsetzen unter der Bevölkerung Hevvorrief. In rasender Sturzfahrt kam damals kurz nach der vierten Morgenstunde ein mit Vieh voll beladener Lastwagenzug die steile Höhe in den Ort hinab- geschossen, wo er seine Schreckensfahrt jäh beendete. Bereits an der ersten Straßenecke wurde der Anhänger wider ein Haus geschleudert, um dann bei einer jähen Kurve umzustürzen und ein Stück Brückengeländer mitzureißen. Schauerlich mischten sich menschliche Hilfeschreie und das Gebrüll der verängstigten Tiere, ein einziges Chaos zeugte von dem furchtbaren Geschehen. Endlich war der 26jährige Schmied August Kappes aus Alzenau, der Bruder des Wagenlenkers, der die Bremse des Anhängers bedient hatte, aus feiner kritischen Lage befreit, um mit einem Schädelbruch und schweren inneren Verletzungen nach dem St. Vincenz- Krankenhaus nach Hanau verbracht zu werden, wo er bald ausgelitten hatte. Nur ein gütiges Geschick und eine große Dosis Geistesgegenwart behütete den Beifahrer des Anhängers vor dem gleichen traurigen Los. Angesichts der Kurve hatte er sich nämlich fest an die Bremse gedrückt und tonnte so fast unv erseh r unter dem umgestürzten Anhänger herausbefördert werden.
Bestürzt stand noch die Menge an der Unfall- stelle, als eine weitere Unheilskunde eintraf. Kaum hatte näinlich die schreckenerregende Talfahrt des bremsenlosen Wagens begonnen, als auch schon zwei bei dem Führer sitzende Viehhändler aus Alzenau in ihrer Todesangst absprangen. Dem ersten glückte der rettende Sprung, während der zweite, der 32jährige DiehhänÄler Joseph Hamburger aus Alzenau, dabei unter die Räder des Anhängers geriet und auf der Stelle getötet wurde. Der Lastzug war indessen mit fernem aus 17 Stück Vieh be- stehendem Inhalt in immer größere Geschwindigkeit den Hang hinuntergesaust, denn vergeblich hatte sein Lenker die Fußbremse treten wollen. Das Unglück hatte es gewollt, daß sich der Bromsbolzcn unterwegs gelöst hatte und zwischen Michelbach und Alzenau verloren gegangen war. Die Handbremse allein, die zudem nicht neu belegt war, konnte den rollenden Lastzug nicht halten oder seine Geschwindigkeit auch nur hemmen, so fand die in Alzenau mit dem Ziele Wächtersbacher Viohmarkt angetre- tene Fahrt, nachdem der Lenker noch vergeblich die Böschung anzufahren versucht hatte, ein Ende mit Schrecken.
voraussichtlich nunmehr ausschlaggebend für die weitere Entwicklung der Wetterlage bleiben. Wir bekommen demgemäß kontinentales Hochdruckwetter MMWMWWMMM Erwärmung erfolgen wird. Im Bezug auf die Beständigkeit des schönen Wetters ist zunächst noch vorsichtige Beurteilung geboten. Es bestehen aber jedenfalls nicht unbegründete Aussichten auf eine längere Periode warmer und trockener, allenfalls vorübergehend durch Wärmegewitter unterbrochener Frühlingstage.
KvSh vov -ev Schule
Von Stadtmedizlnalrat Dr. Marlolh-Leipzig
Fritz war ein Langschläfer und konnte sich nicht rechtzeitig aus dem Bett finden. Das kam daher, weil er schwer einschlief und viel wirres Zeug träumte. Den Grund hierzu fand ein Onkel, der gerade zu Besuch war. Fritz ging nämlich gleich nach
Am 18. November stand der Führer der Um glücksfahrt in Gestalt eines 27jährigen Schmiedes und Lastkrastwagenbefitzers aus Alzenau unter der Anklage der fahrlässigen Tötung vor dem hiesigen Schöffengericht und wurde zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht war damals übereinstimmend mit dem Staatsanwalt und dem Sachver- ständigen Herrn Kaufmann Krögel-Frankfurt zu der Usberzugung gekommen, daß bei einwandfreier Beschaffenheit der Handbremse das schwere Unglück vermieden worden wäre. Darüber hinaus glaubte es noch ferstellen zu dürfen, daß der völlig verlotterte Zustand des Wagens und die ganze Beschaffenheit der Bremsvorrichtung auf einen sträflichen Leichtsinn des Wagenführers schließen lasse, weswegen eine strenge Bestrafung am Platze sei.
Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte Be- rufung ein, mit der sich gestern die hiesige Große Strafkammer in nahezu lOstündiger Sitzung unter Zuziehung dreier Sachverständiger zu befassen hatte. In der Verhandlung traten einige neue Gesichtspunkte auf, die von Seiten der Prozeßbstei- (igten eine vevschiedentliche Beurteilung erfuhren. In Sonderheit wurde festgestellt, daß der Angeklagte den Führerschein erlangt hatte, ohne die vorgeschriebene Ausbildung durch einen geprüften und anerkannten Fahrlehrer durchgemacht zu haben. Das entscheidende Moment, das allein für die Schuldfrage ausschlaggebend war, spielte auf den ordnungsmäßigen Befund der Bremsen hin, der im Hinblick auf di« Beschaffenheit der Handbremse von zwei Sachverständigen verneint oder doch stark in Zweifel gezogen würde. Ein dritter, von der Ver- teidigung zugezogener Sachverständiger aus Aschaffenburg erörterte hingegen einen Fall aus seiner Praxis, dessen Auswirkung dem Gericht scheinbar doch so stark- Zweifel an eine rückhaltlose Beziehung der Schuldfrage aufkommen ließ, daß es nach halbstündiger Beratung das erstinstanzliche Urteil aufhob und zur allgemeinen Ueberraschung einen Freispruch verkündete. Bei seiner Urteilsbildung ging das Gericht davon aus, daß hinsichtlich des Versagens der Fußbremse durch den plötzlichen Bolzenverlust dem Angeklagten keine Schuld beizumessen sei. Was die Handbremse anbelangt, so wäre diese über allein selbst bei bester Beschaffenheit nicht in der Lage gewesen, den Wagen aus seiner abschüssigen Fahrt zum Stehen zu bringen. Der Bremsbelag als solcher könne aber zu Beginn der Sturzfahrt noch intakt und erst im Verlauf der Fahrt untauglich geworden sein. Im Gegensatz zu den beiden Sachverständigen aus Frank- furt und Würzburg ließ das Gericht weiterhin noch mangelnde Vorbildung und Ausbildung des Angeklagten als entlastendes Moment gelten. Der Staatsanwalt sowie der Nebenkläger hatten Verwerfung der Berufung beantragt.
des Ausziehens. Cs hatte niemand daran gedacht, daß die erste Verdauung des Abendbrots eine gewisse Unruhe in Fritzchens Magen und Körper her- Mier Lell W , bekam M.^ LheM-
brot mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen. Er hatte sich aber das lange Schlafen schon zu sehr angewöhnt, um es besser machen zu können. Oft mußte ihn die ältere Schwester mit dem nassen Schwamm aus dem Bett treiben. Zum Waschen war nicht viel Zeit, noch weniger zum Kaffeetrinken, der oft hintergestürzt wurde; mit dem Brot oder Brötchen in der Faust, dem Schulranzen auf dem Rücken, rannte er in die Schule. Ueberhaupt keine Zett blieb für das beinahe Wichtigste, was jeder gesundbleibende Mensch morgens vor dem Tagewerk verrichten soll. Es war kein Wunder, daß Fritz in unbehaglichem Empfinden auf seiner Bank saß. Dick war er sowieso nicht, die Muskeln sollten erst stärker werden. Das Rennen zur Schule mit dem schlechtgekauten „Unterwegsfrühstück" war seinem wachsenden Körper auch nicht dienlich. Es war kein Wunder, daß er erst müde und schlaff auf seiner Bank saß und nicht so gut aufpaffen konnte, wie die an-
deren. Die Ettern konnten sich das nicht erklären; er war doch zu Hause ein lebhaftes Kerlchen, der nicht dumm oder schüchtern war. Wie Schuppen fiel es ihnen von den Augen, als sie in einem Bortrag eines Elternabends folgende Schulkinderregeln hörten: Gib deinem Kinde 1—2 Stunden vor dem Schlafengehen das Abendbrot. Latz es dabei sitzen, nicht umhergehen. Wecke es rechtzeitig vor dem Schulbeginn. Am Kaffeetisch muß es in Gemütsruhe trinken und kauen. Zeit für das Wichtigste (Stuhlgang) am Morgen muß da sein, ehe es in die Schule geht. Keinen Wettlauf zur Schule. So kommt Fritz gut vorbereitet auf die Schulbank und kann gut aufpassen und lernen.
* Daten für 26. und 27. April. 1787: Der Dich, ter Ludwig Uhland in Tübingen geb. 1812: Der Industrielle Alfred Krupp in Essen geb. 1910: Der * norwegische Dichter Björnstjerne Björnson in Paris gest. 1925: Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten. 27. April: 1521: Fernao de Magalhaes, erster Weltumsegler, auf den Philippinen gestorben.
* Im Kindergarten des Ev. Dereinshauses, Nuß- allllee 22, sind infolge Entlassung der zur Schule gekommenen Zöglinge mehrere Plätze frei geworen. Kinder im Alter von 3—6 Jahren können während der Zoik von 8—12 Uhr vormittags und 2—5 Uhr nachmittags daselbst angemeldet werden.
* Die 3mpforbnung für die im Jahre vorzunehmenden Impfungen finden unsere Leser heute im amtlichen Teil.
* Warnung vor einem Einmietedieb. In letzter Zeit ist in verschiedenen Städten West-, Mittel- und Süddeutschlands ein Einmietedieb aufgetreten, der sich als Arzt, Architekt und Geheimrat ausgibt. In den meisten Fällen wählt er sich ältere, allomstehende Frauen, wie Krankenpflegerinnen, Musik-, Gesangs-, Sprach- oder andere Lehrerinnen, Pensions-Inhaberinnen, Zimmervermieterinnen, vereinzelt auch ältere Herren als Opfer aus, von denen er die Anschriften aus Berufs- oder Vermieter» angeigen in den Tageszeitungen oder Adreßbüchern entnimmt. Er stellt sich unter den Namen Dr. Pauli, Dr. Hirschfeld, Geheimrat Dr. Heinemann vor unter dem Vorbringen, er sei von Bonn oder einer anderen Stadt in Norddeutschlond an die Kli- nik oder ein Krankenhaus versetzt und suche für sich eine Wohnung, oder für seine Tochter eine tüchtige Lehrerin. Während der Unterhaltung verlangt er Papier, um sich die Anschrift auffchreiben zu können, oder ein Glas frisches Trinkwasser. Er kommt auch hin und wieder auf den Gesmrdhertszusta nb seines Opfers zu sprechen, besieht sich deren Augen, befühlt den Puls und gibt ärztliche Ratschläge. Wenn er es dann erreicht, daß er zur Herbeiholung von Papier oder Wasser allein im Zimmer oder Dorraum gelassen wird, benutzt er dies« Gelegenheit, um Geld, Schmuck und ähnliche Sachen, die ihm aus Hand-, Kleidertaschen oder ähnlichen Behältnissen greifbar sind, zu stehlen. Er verabschiedet sich dann rasch unter dem Borgeben, am nächsten Tage nochmals vorzusprechen. Der Täter ist etwa 53 Jahre alt. Bei etwaigem Stuf treten des Diebes und Schwindlers in hiesiger Stadt bittet das Kriminal-Kommissariat um Mitteilung.
* Eigentümer gesucht. Am 18. April wurde hier in der Nürnbergerstraße in einer Gastwirtschaft ein älteres, gebrauchtes Herrenfahrrad Marke „N. S,.U.," Nr. 421491 von einer unbekannten Person abgestellt und ist bis jetzt noch nicht abgeholt worden. Vermutlich ist dasselbe irgendwo gestohlen worden. Das Fahrrad hat schwarzen Rah« menbau und ebensolche Schutzbleche, gelbe Felgen mit zwei dünnen schwarzen Streifen und deutsche Lenkstange. Die Glocke trägt die Aufschrift „A. Vogler, Großauheim". Am Hinterrad befindet sich ein Gepäckträger. Der Eigentümer wird ersucht, sich bei der hiesigen Kriminalpolizei, Zimmer 248c, zu melden.
Um den Nagel auf den Kopf zu treffen braucht man einen richtigen Hammer, zu jeder guten Arbeit das rechte Handwerkszeug. Und zum Waschen? Vor allem reine s-ife! Am besten Naumünn's weitze Kernseife Sie ist mild u. rein, schont Wäsche it. Hände und ist durch ihre Schaum- u. Reinigungskraft im Gebrauch billiger als seifen- armr Waschmittel mit wäschezerfressenden, scharfen Zusätzen.
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Roman von Richard Küas.
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Als Marlen nach einer Weile reisefertig an Constanzens Zimmer vorüberging und keinen Laut drinnen hörte, lächelte sie und sagte tief atmend vor sich hin:
„Das war ein Stück Arbeit! Das möchte ich nicht noch einmal zu tun haben."
*
Marlen befand sich auf der Heiinfahrt von Homburg nach Sytt. Sie faß am Fenster ihres Abteils und hatte die Hände im Schoß verschränkt. Sie sah in die graue, winterliche Landschaft hinaus.
Und grau wie der Himmel waren ihre Gedanken. Ihr starkes Hoffen wollte kleiner werden.
Es fing an, einsam um sie zu werden.
Die Sorgen, die sie früher um andere gehabt hatte und die ihre Energie unablässig im Gange gehalten hatten, waren nicht mehr da.
Stirner hatte verschiedene sehr wertvolle Abhandlungen über tropische Krankheiten, besonders über die Schlafkrankheit, geschrieben. Man war auf ihn aufmerksam geworden und hatte um dauernd an das Tropenkrankenhaus berufen.
Nun warteten Stirner und Constanze auf ihre stille Hochzeit, die in nächster Zeit stattfinden sollte. Schürboom stand auf festen Bemen tn feinem neuen, ihm lieb gewordenen Beruf, und Wibke waltete in seinem kleinen Heim als tud)- age Hausfrau. Ohm Hein war nun, da es mit der deutschen Schiffahrt wieder aufwärts ging, Inspektor bei seiner alten Linie geworden. Noch ein paar Wochen, dann würde Gesine heiraten. I>ann würde deren Mann im Vaterhause das Sagen haben. Und dann hatte sie eigentlich keine Parech- ngung mehr dortzubleiben. Sie würde sich nächstens um etwas umsehen müssen, das ihr Hausung und Lebensunterhalt bot. . , .
Conny war ja einmal an sie herangetreten, ob nicht Frau von Lengern gegenüber die Versu- Zung Jürgens in dessen Tagebuch zur „Geltung bschgen und wenigstens einen Teil von dessen Vermögen beanspruchen wollte.
Nein, das wollte sie nicht, hatte sie geantwortet. Denn Jürgens Worte seien damals doch in einer Art Liebesrausch niedergeschrieben worden. Dann wisse sie ja nicht, ob er überhaupt tot sei. ’
Aber man hätte von Jürgen feine Nachricht!
Kein Wort! Keine Spur!
Es wäre doch ttotzdem möglich, daß er am Leben war. Es gab so viele Situationen, die ihn daran hindern konnten, zu schreiben oder ein Lebenszeichen von sich zu ihnen gelangen zu las en. Sein Temperament konnte ihn fortgerissen haben und aus einem französischen Kriegsgefangenen einen französischen Strafgefangenen gemacht haben, der mit schwerer Kerkerhaft bestraft worden war. Er konnte auf der Flucht zwischen schwarze Stämme im Innern geraten sein, die ihn uicht zur neutralen Küste durchließen. Und so holte sie Möglichkeit .auf Möglichkeit hervor, um ihrem Glau- den, daß Jürgen lebe, neue Nahrung zu geben.
Im Wartezimmer Doktor Stirners ging es ungewöhnlich lebhaft zu.
Die aufsichtführende Schwester setzte sich gè- rade mit einem Fremden auseinander, der eben eingetreten war und sofortige Vorlassung forderte.
Sein dunkelbraunes Gesicht kontrastierte seit- sam mit seinem hellblonden Vollbart.
„Wenn Sie nicht einen ganz besonderen Grund haben, kann ich mit ihnen keine Ausnahme machen," sagte die Semester.
„Melden Sie Doktor Stirner, ich brachte ihm Nachricht vom Leutnant Lengern aus Afrika.
Gleich darauf wurde die Tür zum Sprechzimmer aufgerissen, und Dr. Stirner stürzte herein.
„Sind Sie der Afrikaner?"
Stirners Augen bohrten sich forschend in die seines Gegenüber. Dieser verbeugte sich stumm.
„Dann bitte." , .
Hastig zog Stirner die Tur des Sprechzimmers hinter sich zu.
„Lebt Lengern??! . . ....
Er packt den Fremden am Arm und rüttelt
} In Stirner war alles ein Aufruhr.
„Gewiß. Er lebt." .. „, _
„Ist das wahr? Ist das möglich? Woher wissen Sie das? Waren Sie mit ihm susammen? So reden Sie doch! Erzählen Sie doch! über» stürzten sich Stirners Worte.
Der Fremde sah Stirner tief bewegt an.
„Detlef! Stirner! Erkennst du mich denn nicht?"
Doktor Stirners Augen wurden groß und starr.
Der Bart, denkt er . . . Aber die Stimme .. .! Das Gesicht . . . Die Augen .. J
„Jürgen!"
Mit diesem einzigen Aufschrei warf sich Detlef Stirner an dessen Brust. Umarmte ihn. Lachte. Streichelte ihn.
Und Jürgen hält den Freund fest in den Armen, denn Stirners ganze Gestalt wird von lautlosem Schluchzen durchschüttelt.
Jürgen war erschüttert . . . Daß ein Mensch sich so freuen konnte! . . .
Er wußte ja nicht, von welch langen Leiden und Qualen der Freund durch dieses Wiedersehen erst jetzt wirklich erlöst wurde.
Stunden später stand Stirner vor dem abgehenden Zuge, der Jürgen zu Marlen bringen sollte.
Nun, da kein Vollbart es mehr entfremdete, war es wieder das alte, kecke, übermütige Gesicht, das dem Freunde immer und immer wieder zunickte.
Stirners Antlitz leuchtete.
Herbststürme brausten über die nordftiestsche Insel.
Beim Strandvogt De Dries brannte ein großes Feuer im Ofen, an dem der Alle feine rheumatischen Glieder wärmte.
Gesine ging leise vor sich hersummend im Hause ihren Pflichten nach. Und Marlen stickte Namen in Gesines Ausstattung.
Der Strandvogt meldete sich mit Aechzen und Stöhnen. , ,
„Ich werde nun wohl doch meine Pensionierung beantragen müssen, Deern."
„Das Pensioniertwerden fällt dir wohl recht sauer, Vater," fragte Marlen, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. ' ,
„Tjâ, Deern. Das kannst du dir wohl denken. Bisher ist noch jeder Strandvogt De Vries in den Sielen gestorben."
Marlen dachte einen Augenblick nach.
„Ich wüßte wohl Rat, Vadding. Ich bin doch von Kindesbeinen an bis zu meiner Heirat mit Jensen sehr oft mit dir auf deinen Dienstgängen gegangen. Ich weiß, was die Sicherheit der Insel
Üttfee neuer Roman
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Don Otto Rebelthau
beginnt am Montag. Der Roman spielt in Kauf- mannsfretfen und ist mit Recht ein „Soll und Ha» ben" unserer Tage genannt worden. erfordert und was sein muß. Wie wäre es, wenn ich dein Amt jetzt selbständig übernähme? Als dein Strohmann natürlich. Ich erstatte dir jeden Tag Rapport, schreibe dir die Berichte, und du setzt deinen Namen darunter."
Der Alte sah auf.
„Du, das ginge. Tjäwoll! So geiht dat."
„Und ich hätte dann auch eine Berechtigung, noch länger hier zu bleiben," fügte Marlen in Ge- danken hinzu.
Eines Tages, es wehte wieder stark draußen, hatte sie Vaters Pflichtgang angetreten.
Sie hatte den Dienstgang hinter sich und stand in Oelmantel und Südwester auf der Düne.
Mit weiten, trostlosen Augen starrte sie auf die graue sturmgepeitschte See, die Wogenkamm auf Wogenkamm gegen den Stranb jagte.
Da erschrak sie bis ins tiefste Innerste. Denn „Marlen! Marlen!" drang es durch den Sturm zu ihr.
Seine Stimme . . .!
Sie drehte sich hastig um.
Jürgen stand vor ihr. Wahrhaftig! Jürgen von Lengern! Wie er leibte und lebte! Im weiten Mantel. Hager im Gesicht. Aber ein Lachen darin. Sein Lachen!
Da wich die Spannung langer Jahre von dem Weibe. Und Marlen De Vries, die seit jener Unglücksnacht im aftikanischen Urwald keine Träne mehr gekannt hatte, warf sich dem Manne mit tränenüberftrömtem Gesicht an die Brust.
- Ende -