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Montag den 23. März 1931

Jtr. 69

einstweilen noch Zwischenzölle als erforderlich er­weisen. Di« Zollverwaltung jede» der beiden Län­der bleibt völlig selbständig. Die von ihnen verein­nahmten Zölle werden nach einem noch sestzusetzen- den Verteilungsschlüssel verrechnet. Jede der beiden Regierungen soll das Recht behalten, für sich mit dritten Staaten Handelsverträge abzuschließen, doch muß hierbei Rücksicht darauf genommen worden, daß diese Verträge nicht im Widerspruch mit dem abzuschließenden deutsch-österreichischen Vertrage stehen. Auch soll bei solchen Verhandlungen mit dritten Staaten möglichst gemeinsam vorgegangen werden. Zum Zwecke der reibungslosen Durchfüh­rung des Vertrages soll ein paritätisch zusammen- gesetzter Schiedsausschuß gebildet werden, der die Aufgabe hat, strittige Auslegungsfragen zu entschei­den und auch sonstige bei der Durchführung des Ver­trages etwa entstehende Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Teilen zu bereinigen. Der Ver- ttag soll während der Dauer der ersten drei Jahre unkündbar sein, von da ab aber von jedem Teil unter Zustimmung seiner gesetzgebenden Körper- schäften mit einjähriger Frist gekündigt werden können.

Diplomatische« Schritt in Wien

Wien, 22. März. Die Wiener Amtliche Nach, richtenstelle teilt mit: Am 21. Wâr, erschienen im Laufe des Tages die diplomatischen Vertreter Frankreichs. der Tschechoslowakei und Italiens beim Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten, Vizekaazstr Dr. Schober, mit der Mitteilung, daß die in den Zeitungen vom 17. März ds. 3s. ver­öffentlichte Nachricht über den Abschluß einer Zollunion zwischen Oesterreich und Deutschland ihre Regierungen veranlaßt hat, der österreichischen Bun­desregierung zur Kenntnis zu bringen, daß der Abschluß einer solchen Zollunion gegen da» Genfer Protokoll vom 4. Oktober 1922 verstoßen würde. Dr. Schober gab den Gesandten die entsprechende Auf­klärung in der Richtung, daß es sich nicht um den Abschluß einer Zollunion, sondern um Richtlinien handle, die das handelspolitische Näherkommen der beiden Staaten vorbereiten sollen.

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Die Aufregung, die man in Paris an den Tag legt, muß einigermaßen befremden. Ganz irrig ist jedenfalls die Auffassung, daß der deutsch-öster­reichische Bertrag auch nur gegen irgendeinen Der- trag verstößt. Deutschland und Oesterreich bezwecken mit diesem Vertrag nichts anderes, als die Der- mirklichung der Idee der regionalen Verträge, die zum eisernen Bestand der mitteleuropäischen Politik gehören und in den Genfer Zollfriedenskonserenzen so kläglich Schiffbruch gelitten haben. Das Streben beider Länder geht dahin, die Zoll- und Handels- Politik wechselseitig anzuglsichen, nicht aber, um andere Lürcher auszuschließen, fordern um den Kern zu bilden für alle Tendenzen, die die gleiche Richtung verfolgen. Es steht jedem Lande in Europa frei, sich an diesem Rieberlegen der rvrrtschafts- feindlMn Zollschranken zu veiëiffMf ebenso wie es Deutschland und Oesterreich unbenommen bleibt, selbständig mit anderen Staaten, aber in engster Fühlungnahme untereinander und im Rahmen die­ses Vertrages, neue Verträge abzuschkießen, die naturgemäß der Tendenz dieses Vertrages nicht zu- widerlaufen können. Nach all dem Gerede in Genf endlich einmal eine Tat. Wenn schon kein Zollfriede mit allen Ländern, so doch wenistgens ein Zoll- abbau in Mitteleuropa. Deutschland und Oesterreich haben der Welt ein Beispiel gegeben. Niemand wird sie hindern können, das begonnene Werk fort- zusetzen und zu vollenden.

»«Binet! bet wichtigsten Sovtschvitte*

Washington, 22. März. Das deutsch-österreichische Zollabkommen hat sowohl in politischen wie in wirt- schaMchon Kreisen große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wenngleich man an amtlicher Stelle noch feine großen Kommentare darüber gibt, so behan­delt doch die Presse das Abkommen ausführlich. Sie widmet ihm ihre Hauptseiten und chre großen Ueber- schuften. Allgemein ist man der Ansicht, daß das Abkommen eines der wichtigsten Fortschritte in Europa während der letzten Jahre sowohl auf wirt­schaftlichem töie auf politischem Gebiet bedeutet.

Tvauevseisv

für Hermann Mütter

Während auf dem Reichstagsgebäude am Samstag die Flaggen halbmast wehten, versam- melle sich das Plenum um 12 Uhr mittags zu einer kurzen'Trauersitzung für den verstorbenen ehema- 'ligen Reichskanzler Hermann Müller. Das Kabinett war vollzählig erschienen. Auf dem Platze des Verstorbenen lagen umflorte Kränze und wei­ßer Flieder. Die kommunistischen Bänke waren leer geblieben.

Nachdem die Anwesenden sich von den Plätzen erhoben hatten, hielt

Reichstagspräsident Löbe die Gedenkrede. Er erinnerte daran, daß der Ver­storbene noch vor zwei Wochen im Reichstage den parlamentarischen Arbeiten nachgegangen sei. Das Bild der Persönlichkeit des Dahingeschiedenen und seines Lebens stehe klar und rein vor jedem Auge. Er habe zu jenem engen Kreise von Menschen ge­hört, denen nach der politischen Umwälzung in Deutschland ein hohes Maß von Verantwortung auf die Schultern gelegt worden sei. Nach diesen neuen Aemtern habe er nicht gestrebt. Er habe sich aber trotzdem nicht gescheut, die Verantwortung im Dienste der Allgemeinheit auf sich zu nehmen. Als Mitglied der ersten zentralen Körperschaften der Republik habe der Verstorbene seine ganzen Kräfte eingesetzt, zunächst in der Weimarer Nationalver­sammlung. Als uns das Diktat von Versailles auf­genötigt wurde, fiel Hermann Müller die nieder- drückende Pflicht zu, die Gegenzeichnung zu über­nehmen. Er habe diese bittere Pflicht des deutschen Außenministers auf sich genommen und dafür Schmähungen tragen müssen. Was Hermann Mül­ler als Abgeordneter und Parteiführer, als Mi-

Paris, 21. März. DieEurope Nouvelle" ist in der Lage, aus der bevorstehenden neuen Akten­veröffentlichung des Quai d'Orsay weitere diploma­tische Dokumente zur Vorkriegsgeschichte bereits jetzt wiederzugeben. Es sind darin Schreiben ent­halten, die für die Beurteilung der mit den Der- bandsmächtèn verbundenen Absichten vielleicht ent­scheidend sind.

Am 8. Februar 1912 begab sich der englische Kriegsminister nach. Berlin, um mit Bethmann- Hollweg und Tirpitz über eine gegenseitige Ein­schränkung der Flottenrüstungen zu verhandeln. Die kaiserliche Regierung verlangte von England als Gegenleistung für die Einwilligung in ein der­artiges Abkommen eine Neutralitätserklärung für den Fall, daß Deutschland in einen Konflikt mit einem anderen Staat geraten würde. In französi­schen Reaierungskreisen haben diese Verhandlungen zu lebhafter Besorgnis Anlaß gegeben, und ob» gleich der britische Außenminister dem französischen Botschafter in London, Cambon, versichert hatte, daß Engand eine derartige Erklärung gegenüber Deutschland niemals abgeben würde, zeigt« sich der damalige französische Außenminister P o i n c a r é stark beunruhigt. Er schreibt am 28. März an seinen Botschafter in London, daß er eine vertrauliche Unteredung mit dem englischen Botschafter in Paris, Sir Pertie, gehabt habe, in der dieser ihm seine Befürchtungen im Zusammsn- Hang mit den deutsch-englischen Verhandlungen mitteilte. Pertie habe ihm erklärt, daß, wenn die englische Regierung sich auch geweigert habe, die Neutralitätserklärung abzugeben, die Angelegen­heit doch nWH nicht als erledigt angesehen werden könne. Man müsse auf alle Fälle zu verhindern suchen, daß diese Neutralitätserklärung abge­geben werde, denn niemand könne garantieren, daß Frankreich durch die Mobilisierung des deut­schen Heeres nicht herausgefordert und gezwungen werde, die Offensive zu ergreifen.

Pvincarè fügte dieser Wiedergabe der Er­klärungen Perttes wörtlich hinzu:Ich bitte Sie daher, die Besprechung der Frage unverzüglich wie­der mit bern britischen Außenminister aufzunehmen, ohn« natürlich dabei die mir gemacht« Erklärung Perties zu erwähnen.

Es kommt in der Hauptsache darauf an, daß England sich nich verplichtet, zwischen Frankreich

nister und als Reichskanzler für unser Land und unser Volk geleistet habe, das sei eingetragen in bas Buch der deutschen Geschichte der Rschkriegs- zeit. - Dieses Haus, das deutsche Volk, schkoß^e, hat einen seiner treuesten Diener verloren, wir, die wir uns innerlich enger an ihn gekettet fühlten, einen guten Kameraden, einen unersetzlichen Freund, dessen Andenken bei uns nie erlischt.

Sodann gedachte

Reichskanzler Dr. Brüning

im Namen der Reichsregierung des Verstorbenen. Das deutsche Volk habe in ihm einen seiner Besten verloren. Als Mensch ein makelloser, ehrenhafter Charakter, gewissenhaft und zuverlässig, auch von seinen politischen deutschen Gegnern geachtet als Politiker und Staatsmann, in ganz jungen Jahren in den Brennpunkt der Ereignisse gerückt, habe er eine politische Erfahrung sammeln können, die ihn befähigte, in den schwersten Augenblicken deutscher Geschichte an führender Stelle zu stehen. Als Außenminister im Jahre 1919, in den schmerzlich­sten Zeiten der Nachkriegsepoche und als Reichs­kanzler im Frühjahr 1920 bei den tragichen deutschen Zerwürfnissen habe er sein Bestes Hingegebm. In aller Erinnerung stehe sein« letzte Periode als deutscher Reichskanzler in den Jahren 192830. Unvergeßlich sei seine Vertretung des Reiches in Genf, wo er ritterich und entschlossen die Verant­wortung übernahm, für den erkrankten Außen­minister ernzutreten, und wo er in mutigen und unvergessenen Worten dasRechtDeutschlands auf Gleichheit und Sicherheit verteidigt habe. Sein Nam« sei auch unvergeßlich in die Ge' schichte eingegangen, weil er das schwere Opfer ge­bracht habe, das Diktat von Versailles, das so schwer auf unserem Volke laste, zu unterschreiben. In der Uebernahme dieses Opfers habe sich der ganze Mann gezeigt. So stehe er vor unserem Gedächt­nis als eine Persönlichkeit von stärkstem oateriän» bischen Handeln und werde so in den Herzen unseres Boltes in dankbarer Erinnerung bleiben.

Zum Zeichen der Trauer wurde die Sitzung auf Vorschlag des Präsidenten für kurze Zeit unter­brochen

Die Minister und auch Abgeordnete der übrigen an­wesendem Parteien tauschte mit den sozialdemokra- ischen Abgeordneten zum Zeichen ihres Beileids Händedrücke.

OeitttneéS «Schuld am Kriege jeeftätigt

Frankreich sabotierte die englische Neutralität und wollte schon 1912 in Belgien einmavschieven

und Deutschland neutral zu bleiben, selbst dann nicht, wenn der Angriff von unserer Seite aus­zugehen scheint. Hm nur ein Beispiel zu nennen, könnte man uns legitimer Weise die Verantwort, lichkeit eines Angriffes zuschieben, wenn eine deut- sche Truppenzusammenziehung in der Gegend von Aachen uns dazu zwänge, unsere Nordgrenzen zu schützen, indem wir aus befische» Gebiet vor­drängen. Außerdem haben wir uns im Vertrauen auf die englische Ehrlichkeit und ohn« daß ein schriftliches Abkommen die Handlungsfreiheit der bei­den Regierungen elnfchrântt, dazu bereit erklärt, daß unser Generalstab mit dem englischen in geheime Verhandlungen einlrlkt, um über die wichtigsten Punkte unserer strategischen Pläne ihn zu unter­richten."

Eine eindeutige Erklärung über die wahren Ab­sichten Frankreichs bereits zwei Jahr« vor dem Ausbruch des Weltkrieges und eine bessere Bestäti­gung der deutschen These von dem festen Willen Frankreichs, ungeachtet der angeblichen belgischen Neutralität seine Truppen durch belgisches Gebiet gegen Deutschland zu schicken, kann man wohl kaum verlangen.

Der französische Botschafter in London, Cam­bon, kam sodann anfangs April nach Paris, wo er über die ganze Angelegenheit eine eingehende Ausivrache mit Poincars hatte. Ueber diese Aussprache machte er dem französischen Geschäfts­träger in London, Fl« uriau, in einem Schrei­ben vom 3. April Mitteilung und betonte, daß PaincarL sich über di« deutschen Schritt« in Lon- don zur Erhaltung der Neutralitätserklärung äußerst beunruhigt geezigt hab«. Metternich sei vom britischen Außenminister Grey aufgefordert worden, ihm mitzuteilen, welche Abänderung bis deutsche Regierung an Der Verbalnote an^ub ringen wünsche, di« ursprünglich die englische Neutralitätserklärung vorsah. Poincore befürchtete, daß Berlin die Ein­führung irgendeies nach außenhin unbedeutenden Wortes vorschlagen könnte, bas aber hn gegebenen Fall die englische Handlungsfreiheft lahmlegen würde. Man könne auch verlangen, daß diese Er­klärung in einem Notenwechsel umgewamdelt würde der einen regelrechten Vertrag darstelle. Poinccm sei der Auffassung, daß beides verhindert werden müsse.

Dev Redhskanzlev au die

Berlin, 21. März. Reichskanzler Dr. Brüning hat an die Reichstagsfraktion der Sozialdemokra- tischen Partei Deutschlands folgendes Telegramm gerichtet:

Der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und ihrer Reichstagsfraktion spreche ich zu dem schweren Verlust, den sie durch das Hinscheiden ihres Parteivorsitzenden, des Reichskanzlers a. D. Müller erlitten hat, zugleich im Namen Der Reichs­regierung die aufrichtigste Teilnahme aus. Mit dem Heimgang ist ein Mann aus dem politischen und parlamentarischen Leben geschieden, dessen Name mit der Geschichte des deutschen Volkes seit seinem jähen Niedergang für alle Zeiten verbunden ist. Der verehrte Verstorbene hat sich um den Wiederaufbau des Vaterlandes große Verdienste erworben, die ihm unvergessen bleiben werden. Weit über ihre Partei hinaus trauern Millionen deutscher Frauen und Männer um ihn; denn er war ein deutscher Mann und eine gerade, untadelige Persönlichkeit. Ein ehrendes Andenken ist ihm gewiß. Reichskanzler Dr. Brüning.

Die Versetzung

Berlin, 22. März. Die Leiche Hermann Müllers wurde gestern einbalsamiert und die Totenmaske ab­genommen. Am Abend erfolgte dann die Ueberfüh- rung aus der Klinik nach dem Gebäude des Partei- vorstandes. Die Einäscherung erfolgt am Donnerstag nachmittag um 1 Uhr. Der Trauerzug wird seinen Weg durch das Regierungs­viertel nehmen, wo sich ihm die Mitglieder der Reichsregierung anschließen werden. Nach einer kurzen Feier am Reichstag, bei der der Reichstags- vräsident Löbe des Toten gedenken wird, wird dann der Sarg nach dem Krematorium in der Gerichts­straße übergefuhrt werden.

Unmittelbar nach der Trauerfeier gestern mittag im Reichstag für den verstorbenen Reichskanzler a. D. Hermann Müller begab sich Reichskanzler Dr. Brüning in Begleitung des Staatssekretärs Dr. Pünder an die Bahre des Entschlafenen. Sie legten dort Blumen nieder und verweilten einige Zeit im Gedenken an den Dahingeschiedenen in stiller Andacht.

Oie Anteilnahme

deS Reich Svvâsidenteu

Berlin. 21. März. Der Herr Reichspräsident hat an die Witwe des Reichskanzlers a. D. Hermann Müller nachfolgendes Handschreiben gerichtet:

Sehr geehrte gnädige Frau! Die Nachricht von dem Tode Ihres Herrn Gemahls hat mich tief be­trübt, und ich bitte Sie und Ihre Töchter, zu dem schweren Verlust, der Sie betroffen hat, den Aus­druck meines herzlichen Beieids entgegen zunehmen. Ich werde dem Verstorbenen, dessen lauteres Wollen und dessen treffliche Charaktereigenschaften ich hoch geschätzt und dessen Mitarbeit zur Ueberbrückung der politischen Gegensätze ich stets gewürdigt habe, eint treues Gedenken bewahren. Mit der Versicherung meiner aufrichtigen Anteilnahme und meiner aus­gezeichneten Hochachtung verbleibe ich Ihr ergebener

(gez.) v. Hindenburg."

Siahlbeimknndgebuns in Staffel

Eine Verteidigungsrede Selbtes

Kassel, 22. März. Der Gau Hessen-Waldeck des Stahlhelms eröffnete den Kampf für das preußische Volksbegehren in Hefs«in-Nassau mit einer grossen Kundgebung in Kassel. Am Vormit­tag hatte der erste Bundesführvr Seldte die Ver­treter der Kasseler Wirtschaft, der bürgerlichen Parteien und der Press« zu einer Besprechung ein» geladen, bei welcher er sich u. a. auch mit den Gründen befaßte, die den Stahlhelm zur Formu­lierung des bekannten politischen Zweijahres-Pro- gramms veranlaßt haben. In der Nähe es Hotels, in dem sich das Quartier des Bundesführers befand, kam es in den Vormittagsstunden zu Gegenkund­gebungen kommunistischer Gruppen, die jedoch von der Polizei verhindert wurden. An mehrere« Stellen mußte habet von bem Gummi"

knüppel Gebrauch gemacht werden. Auch den Feldgottesdienst, der in den Mittagsstunden auf ler in der Karsaue gelegenen Krisgergedächnisstätte abaehältsn wurde, versuchten fommuniftifd)c Schreier zu stören. Die Polizei vertrieb die Ruhe­störer jedoch sofort. Der großen Kundgebung in der Stadthalle ging ein Gauappell auf der Schönen Aussicht voraus, an "bem sich gegen 1000 Mitglieder des Stahlhelms be» heiligten. 'Der sich anschließende Marsch durch Die Stadt zur Stadthalle wurde wtedevum an zwei Stellen von Kommunisten mit Zurufen bedacht, so daß die Polizei erneut, einmal sogar unter An­wendung des Gummiknüppels, einfchreften mußte.

In feiner in der Stadthalle gehaltenen Rede ver­teidigte Bundesführer Seldte den Stahlhelm gegen die Vorwürfe, daß er durch die Sympathiserklärung gegenüber den National­sozialisten den ' Boden der weltanschau, lichen und religiösen Neutralität mrlassen habe. Das politische Zweijahres-Programm des Stahl- Helms sei unabhängig von andern Parteien ausge­stellt worden, aber seine Durchführung, insbeson­dere in dem ersten Abschnitt, des Volksbegehrens in Preußen, fei nur durch eine Verbreiterung der Kampffront durch die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten möglich. Seldte führte weiter aus: Kaum sind wir zum Angriff durch das preu­ßische Volksbegehren angetreten, da beginnt auch schon die Gegenwirkung auf der feindlichen Seite. Der Redner wandte sich dann scharf gegen die Pres­semeldung, wonach er bei der Kundgebung der Stahlhelms in Kreuznach der katholischen Kirche den allerschärfsten Kampf angesagt habe. Ich habe, so führte Seldte aus, die Landesführer des Stahl- Helms in der Westmark zu folgender Erklärung er­mächtigt: 1. Der erste Bundesführer bestreitet ent­schieden, vonschwarzen Bonzen" gesprochen zu haben. Diese Behauptung ist eine Verleumdung. 2. Der bayrische Landesführer Ritter von Lenz hat in Kreuznach ausdrücklich ausgesprochen, daß er nur vom Zentrum rede und nicht von der katholi, schen Kirche. Das Zentrum wird von ihm nur als Verbündeter und Stützpunkt des Marxismus an­gegriffen. Die Bundesführung des Stahlhelms würde nie zulassen, daß ein Führer gegen die katholische Kirche oder gegen die kacholiche Geistlichkeit sich wendet, was genau so für die evangelische Kirche gilt. Der Hauptkampf des Stahlhelms gilt ja gerade jetzt dem Schutz der religiösen Kräfte gegen den atheistischen Marxismus. 3. Der Stahlhelm, dessen katholische Mitglieder im Weltkriege ihre vollste Pflichte getan haben, sieht die katholische Kirche deshalb, weil sie übernational ist, niemals gefährlich an. Die Aus­führungen des Bundesführers wurden von der Ver­sammlung mit starkem Beifall ausgenommen.

Man MM von 9eeM ab

Frankfurt a. HZ., 22. März. Auf einer am Sonntag in Frankfurt a. Hl. unter dem Vorsitz des Landtagsabgeordneten Dr. Rohde statt gefun­denen Parteitag der Wirtschaftspartei für die Wahl­kreise Hessen-Nassau, Hefsen-Darmsladt und Koblenz- Trier wurde nach zum Teil stürmischer Verhand­lung einstimmig die folgende Entschließung ange­nommen:

«Die drei Wähkkreite erblicken M Wauef* für die Interessen der Wirtschaftspartei darin, daß der Parleivorsihende Drewitz bis zur gerichtlichen Klärung der gege ihn in der Oesfentlichkeil erhobe­nen Vorwürfe vom Parkeivorsitz zurücktritt. Sollte dieser Rücktritt nicht inerhalb acht Tagen erfolgen, sehen sich die drei unterzeichneten Wahlkreise ge- zwungen, die Beziehungen zwar nicht zur Partei, wohl aber zur derzeitigen Parteileitung abzu­breche«.

Blutige Zusammenstötze in Hambuvg

Hamburg, 21. März. Wie die Polizeipreflestelle mitteilt, kam es am Samstag nachmittag nach 3 Uhr im Anschluß an die Trauerfeier für das ermordete BürgerschaftsmUglied Henning in der Fuhlsbütteler Straße beim Bahnhof Barmbeck zu Ausschreitungen von aus Ohlsdorf zurückkehrenden Teilnehmern. Die Polizeibeamten wurden bei ihrem Bestreben, einen sich bildenden Zug zu zerstreuen, mit Steinen bewor­fen und so bedrängt, daß sie von ihrer Schußwaffe Gebrauch machen mußten. Dabei wurde eine Zivil­person durch einen Kopfschuß verletzt. Der Verletzte verstarb auf dem Transport in ein Krankenhaus. Ein Polizeibeametr erhielt einen Stich in den Rücken und wurde in ein Krankenhaus überführt.

Hierzu wird von Augenzeugen noch berichtet, daß durch die von der Polizei abgegebene Salve außer dem auf dem Transport in ein Krankenhaus Verstorbenen auch noch mehrere andere Demon­stranten verletzt worden seien, die von den Kommu­nisten weggeschafft wurden. Ein Gefangenentrans­portauto der Polizei, das den Schauplatz passierte, wurde von der wütenden Menge angegriffen. Die Fensterscheiben am Führersitz wurden eingeschlagen und dem Augenzeugenbericht zufolge mehrere Begleitmannschaften verletzt. Ein Versuch der Kom­munisten, die schwach besetzte Polizeiwache ant Markt zu stürmen, wurde durch ein stärkeres Ueber» fallkommando, das zum Entsatz der Wache herbei­eilte, vereitelt. In den späteren Abendstunden er­neuerten sich die Zusammenrottungen, so daß die Polizei mehrfach gezwungen war, mit dem Gummi­knüppel vorzugehen. Die Polizei, die zahlreiche Sistierungen vornahm, blieb auch während der gan­zen Na'cht hindurch in erhöhter Alarmbereitschaft.

Dev Gchoitlanderevveß enisleM

London, 22. Rlärz. Der Schottlandexpreß ent­gleiste heute in der Nähe von Leighton Buzzard. Man nimmt an, daß 6 Tote zu beklagen sind, unter ihnen der Lokomotivführer und der Heizer. Zwölf Wagen sprangen aus den Schienen.

Zur Zeit arbeiten Aexte und Acetylenschnsi. der fieberhaft, um die unter den Wagentrümmern liegenden Personen zu befreien. Mehreren Schwer­verletzten, die man nicht sofort freimachen konnte, wurde Sauerstoff verabreicht. In einzelnen Fällen schritt man an Ort und Stelle zu behelfsmäßigen Operationen. In einem Falle wurde der Fuß einer Frau, die eingeklemmt war, amputiert. Da die Linie noch immer völlig blockiert ist, gingen heute abend vom Euston-Bahnhof in London keine Züge ab.