Nr. 58
Dienstag ben 10. März 1931
Seite 3
Stadt Kauau
Gestützte Bäume
r Ueber die Vorgärtengitter baumeln an kahlen Zweigen die Haselkätzchen. Die ersten Vorboten des Frühlings, und darum viel mehr geliebt, wie all die Frühlingskinder, die später in zu regem Angebot um unsere Gunst werben. Es ist Vorläuferschicksal, daß sie sterben, wenn der Frühling richtig kommt. Wo in den Gärten Obstbäume und auf den Straßen Baumzeilen stehen, kostet der Frühling sogar Blut. Es friert einem fast zuzusehen, wie die Baumgärtner ins Lebendige schneiden, das junge Holz der Iahrestriebe. Drum operieren die Männer behutsain. Hier einen Ast weg, dort ein Aestlein, — nicht mehr als nötig. Wo die Krone ist, arbeiten sie zu zweit; manchmal sogar hilft einer aus dem Publikum, das einige Minuten verweilt, mit; mit Ratschlägen nämlich. Wie die Krone zu runden sei, wo noch etwas wegzunehmen; daß das ganze dann wohlgeschnitten dastehe, daß sich die Tränen lohnen, die der Baum in einem unbegreiflichen Wunder aus den Asphaltböden und aus der Gartenerde gehoU, daß die geheimnisvolle Bauarbeit der Natur durch den harten, ober notwendigen Zugriff der Menschen gefördert werde. Sieh, es braut und rumort in den Zweigen. Wo die langstielige Schere und die scharfe Handsäge den Ast durchfuhr, ist's feucht. In Pumpwerken, die nach Konstruktion und Gesetz die Säugpumpe und Preßpumpe verlachen, in lebendiger Installation und Gottes eigener Technik steigt der Saft. Drängt hin, die Knospen zu schwellen.
Es ist wahr, die lange Zeile sieht aus, wie eine tote Architektur. Und wo, wie im Park und im Walde die Wipfel ihr eigenes Dach sich bauen dürfen, da ist das Bild trotz aller Kahlheit schöner. Da gibt's filigran und Kraft, phantastisches Gewirre, und — wenn irgendwann Farbe des Himmels durchscheint, — geradezu ein Blühen von Linie und Form. Aber warte nur. Die Schnittflächen der Zugestutzten sind rasch vernarbt. Schließlich, alle Schönheit, die menschliche zumal, kostet viel Mühsal und Schmerzen. Bald wird der Knospenansatz deutlicher, bald wird das starre Aussehen des entlaubten Geästs freundlich und froh belebt, — und wartet noch ein Weilchen, dann wölbt sich über die Bänke, auf denen chr sitzt, und den heißen Asphalt, den ihr beschreitet, ein saftiges, übervolles Dach, teure Lust und Freude zu decken.
Es sind auch Frühlingsboten, die krummen Aeste und kahlen Zweige, die da ein armseliges Häuflein, sich auf dem Boden versammeln. Der Frühling kommt, bald mit beladenen Haselkätzchen, bald mit Säge und Schere.
VevSehvsbvÄBe S arrau - GLeinhsim
Wie die Ortsgruppe Hanau der Reichspartei des deutschen Mittelstandes mitteilt, hat der V e r - kehrsausschuß des Preußischen Landtages die von den Abgeordneten Dr. Rhode und Menz in der bekannten Anfrage an die Regierung geforderten Mittel zum Bau der Verkehrsbrücke Hana u—Klein«Steinheim bewilligt.
Es handelt sich hierbei um den Umbau der alten Eisenbahnbrücke über den Main in eine Straßen- verkeh«brücke. der seit längerem gefordert worden ist. Auch die Hiesige Industrie- und Handelskammer hatte den Bau gefordert und erst kürzlich eine erneute Eingabe an den Handelsminister abgehen lassen. Gestern erhielt die genannte Körperschaft von der Reichsbahn die Mitteilung, daß letztere in den Verkauf der alten Eisenbahnbrücke an den preußischen Staat eingewilligt habe. Die Kosten für den Bau werden auf 400 000 RM geschätzt, wovon auf Preußen ungefähr 170 000 RM entfallen.
Der inzwischen erfolgte Beschluß des Verkehrsausschusses dürfte allgemein begrüßt werden.
* Daten für 11. März. 1544: Der italienische Dichter Torquato Tasso in Sorrent geb. 1923: Der deutsche Seeoffizier Karl v. Müller, Führer der „Einden" in Braunschweig gestorben.
BersGävßung der BerKcherungs-AuMchi Zugleich Beaufsichtigung der Bausvavkasseu
Dem Reichstag ist eine außerordentlich wichtige Vorlage zur Aenderung des Gesetzes über die privaten Versicherungsunternehmungen vom 12. Mai 1901 zugegangen. Den Anstoß zu diesem Gesetz gab der Frankfurter Versicherungsfall, der ja heute noch wirtschaftlich ungewöhnlich schwere Auswirkungen zeigt. Es hat sich gerade auch bei der Durchprüfung der Vorgeschichte dieses Falles die Notwendigkeit herausgestellt, gesetzliche Grundlagen für eine Verschärfung der staatlichen Aufsicht zu schaffen. Die Hauptursache für den Zusammenbruch des Frankfurter Versicherungskonzerns lag ja in der Tatsache begründet, daß dieses Versicherungsunternehmen sich an anderen, und zwar völlig versicherungsfremden Unternehmen beteiligt hatte. Die Gefahren, die sich aus solchen Engagements ergeben, haben sich ja sehr drastisch im Zusammenbruch mancher großer Existenzen, aber hauptsächlich für die Versicherungsnehmer selbst gezeigt.
So sieht das neue Gesetz im wesentlichen folgendes vor:
1. eine Klarstellung, daß die Aufsichtsbehörde allein und mit bindender Wirkung auch für andere Behörden und Gerichte zu entscheiden hat, ob eine Unternehmung nach dem Gesetz aussichtspflichtig ist:
2. eine jährliche Pflichtprüfung der größeren Versicherungsunternehmungen ;
3. den Ausbau des gegenwärtigen Rechtes der Aufsichtsbehörde, Prüfungen vorzunehmen, zu einer Pflicht:
4. die Schaffung eines besonderen Treuhänders für die Anlegung und Aufbewahrung des Prämienreservefonds;
5 eine Verschärfung der Bestimmungen, welche die Art der Anlegung des Prämienreservefonds regeln, und zwar in der Richtung einer Fernhal
Maßnahmen fite die Volksschule
Stundenkürzungen. — Freiwilliges S. Schuljahr.
Im Zentralblatt für die preußische Unterrichtsverwaltung werden zwei neue Erlasse des preußischen Unterrichtsministers über eine Stundenkürzung in der Volksschule und über ein freiwilliges 9. Volksschuljahr veröffentlicht. Der erste Erlaß ermächtigt die Regierungen und Provinzialschulkollegien, einer Herabsetzung der Stundenzahl um höchstens zwei Wochenstunden in jeder der vier Oberklassen der Volksschule für das Schuljahr 1931 zuzustimmen, sobald die Gewähr dafür gegeben erscheint, daß die unterrichtlichen und erzieherischen Ergebnisse nicht beeinträchtigt werden. Es soll nicht
Schone preiswerte
Gesangbücher
kauft man in der
Waisenhaus-Suchhandlung
tung der Unternehmungen von spekulativen Anlagen;
6 zur Vermeidung von Zweifeln die Schaffung eines Rechts der Aufsichtsbehörde, den Versicherungsunternehmungen die gefährdende Beteiligung an versicherungsfremden Unternehmungen zu untersagen oder nur unter Bedingungen zu gestatten;
7. die Schaffung eines gewissen Vorzugsrechts der Schadensversicherten im Konkursfall.
Es werden sehr genaue und teilweise recht weitgehende, ja direkt scharfe Bestimmungen festgelegt, die nach menschlichem Ermessen geeignet erscheinen, jeden Mißbrauch auszuschließen und die Versicherungsunternehmen aus das ihnen zukommende Arbeitsgebiet zu beschränken.
Von großer Bedeutung ist ferner in dem vorgelegten Gesetzentwurf die Einbeziehung von Bestimmungen über die Beaufsichtigung der Bausparkassen. Es war anfangs vorgesehen, diesen Fragenkreis bei der Neuregelung des Depot- und Depositengesetzes zu verarbeiten. Da diese Neuregelung aber für die gesetzgeberische Beratung noch nicht vollkommen reif ist, hat man sich entschlossen, in den Rahmen der Neuordnung der Versicherungsausstcht auch die Bausparkassen einzubeziehen.
Als Bausparkassen gilt der Zusammenschluß von Sparern, die alle den gleichen Zweck verfolgen, aus den von ihnen in ihrer Gesamtheit aufgebrachten Beträgen ein Darlehen für die Beschaffung oder Verbesserung von Wohnungen oder Siedlungen oder zur Ablösung hierzu eingegangener Verpflichtungen zu erhalten. Diese Bausparkassen werden nunmehr der Aufsichtspflicht durch das Reichsaufsichtsamt für Privatversicherung unterstellt, auch wenn ihr Geschäftsbetrieb auf das Gebiet eines Landes beschränkt ist.
einzelnen Fächern die eine Stunde genommen werden, sondern Fächergruppen, in denen derselbe Lehrer unterrichtet.
Der zweite Erlaß, der die Einführung eines freiwilligen 9. Volksschuljahres zu Ostern 1931 grundsätzlich genehmigt, will den Gesuchen von Eltern und Vormündern entgegenkommen, die Vierzehnjährigen wegen der Ueberfüllung des Arbeitsmarktes noch ein Jahr auf der Schule zu lassen, soweit dem Staat dadurch keine Kosten entstehen. Der Erlaß gibt auch Richtlinien für den Unterrichtsplan des 9. Volkr- schuljahres. Es sind wöchentlich zwei bis vier Stunden Religion und Lebenskunde, 15 bis 17 Stunden Achölts- und Staatsbürgerkunde mit fchrift-
lichen Uebungen und vier bis sechs Stunden Leibes« Übungen als Pflichtunterricht vorgesehen. Dazu kommt, wahlfreier Unterricht, für den möglichst ein Wochentag freizuhaUen ist. Es ist weder eine Fortführung des schulischen Volksunterrichts noch eine spezielle theoretische oder praktische Berufsausbildung vorgesehen. In den Pflichtfächern soll bei den schriftlichen Uebungen unter anderem die Abfassung von Briefen, Gesuchen, Angeboten, Ausfüllung von Formularen und ähnliches geübt werden. Der wahlfreie Unterricht soll den Neigungen und künftigen Bedürfnissen der Schüler Rechnung tragen. Als Beispiel führt der Erlaß an: Zeichnen, Kurzschrift, Maschinenschreiben, kaufmännisches Rechnen, Gartenbau, eine praktische wichtige Fremdsprache usw. Der Nachmittag soll vom Pflichtunterricht ganz, von Wahlfächern nach Möglichkeit freibleiben. Außerdem sollen (eine pflichtmäßigen Hausaufgaben gestellt werden. Die theoretischen Unterweisungen in Arbeitsberufen und Staatskunde sollen durch Besichtigungen ergänzt werden.
* Passionsaudacht. Heute abend 8 Uhr findet in der Johanneskirche gemeinsame Passionsandacht der Marien-, Johannes- und Christusgemeinde durch Pfarrer Knell statt.
* Reifeprüfung der hohen Landesschule. Am 3. und 4. März fand die Reifeprüfung unter dem Vorsitz des Direktors statt. 15 Prüflinge bestanden das Examen, darunter 4 Damen: Bernhard Blumenthal, Else Böttger, Heinz von Czarnecki, Ernst Döring, Arndt Graf, Hilde Horn, Heinrich Knöfel, Heinz Kraft, Gerhard Lorsch, Otto Lux, Georg Meyersberg, Robert Schmidt, Werner Schulze, Brigitte Theune, Elisabeth Zehner.
* hohes Aller. Seinen 80. Geburtstag begeht morgen in voller geistiger Frische Herr Stellwerksmeister i. R. Peter Lapp. Lamboystraße 24.
* Das Fest der silbernen Hochzeit feiern heute Emil Thomas und Frau Klara geb. Mertz. Mühlstraße 12.
* h Die Osterferien. Im Regierungsbezirk Kassel sind für alle höheren, mittleren und Volksschulen, ausgenommen die israelitischen Volksschulen, die Osterferien wie folgt festgesetzt worden: Schluß des Unterrichts Dienstag, 31. März; Wiederbeginn des Unterrichts Mittwoch, 15. April (14 Tage). Der Schluß des Unterrichts hat am letzten Schultage vor den Ferien nach Beendigung der 3. Schulstunde stattzufinden.
* Elternabend der Bezirksschule II. Elternbeirat und Lehrkörper der Bezirksschule II veranstalten am Mittwoch, den 11. März, abends 8 Uhr, in der Aula der Schule einen Elternabend, zu dem die Elternschaft und alle für Erziehungsfragen interessierten Männer und Frauen eingeladen sind. Die Herren Stadtarzt Dr. Lade und Pfarrer Scheig werden von verschiedenen Gesichtspunkten aus über das Thema „Aufklärung und Sittlichkeit" sprechen. Eine Aussprache mit den Eltern über diese, bei der gegenwärtigen Not unserer Heranwachsenden Jugend doppelt bedeutsamen Frage ist sehr erwünscht.
* Ein Zusammenstoß zwischen einem von einer Dame gesteuerten Kraftwagen und einem Motorrad mit Beiwagen ereignete sich gestern mittag gegen 5 Uhr an der Ecke Markt- und Schirnstraße. Die noch glimpflich ab gelaufene Karambolage soll auf falsches Einbiegen des Motorradfahrers zurück, zuführen sein. Beide Fahrzeuge wurden nur unef. Heblich beschädigt.
* Iltis einer schweren Schußverlehung aufge- funden wurde gestern nachmittag ein 20jähriger Ausläufer in den Toilettenräumen seiner Arbeitsstätte. Der junge Mann hatte sich aus ungeklärten Motiven heraus einen Revolverschuß in die Brust beigebracht und mußte in schwerverletztem Zustand in das Krankenhaus verbracht werden. Es handelt sich um einen sogenannten Steckschuß, der unweit des Herzens sitzt und eine operative Entfernung der Kugel außerordentlich erschwert.
* Preuß. klassenlolkerie. Am 25. Ziehungstage wurden u. a. folgende Nummern gezogen (ohne Gewehr): 36 190, 74 592, 105 882, 118137, 118144, 143 027, 164 542, 164 879, 169 559, 188 234 188 250, 234 991, 284 369, 295 311, 307 242, 346 350, 396 393.
Eine Lebensgeschichte aus dem Wald«.
Von Felix Salten
Copyright by Paul Zsolnay Verlag, Berlln-Wien-Leipzig-
(21. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gobo hob wiederum schwach in drehenden Bewegungen den Hals, schlug zuckend mit den Läufen und blieb liegen.
Prasselnd/ knackend und rauschend teilten sich die Büsche und Er trat heran.
Marena sah Ihn ganz nahe. Langsam wich sie zurück, entschwand hinter dem nächsten Gestrüpp, eilte zu Bambi und Faline.
Einmal noch wandte sie sich um, da sah sie, wie Er sich über den Gestürzten hinbeugte und nach ihm griff.
Dann hörten sie Gobos klagenden Todesschrei.
Bambi war allein. Er ging an das Wasser, Ms still zwischen Schilf und Uferweiden hinfloß.
Oft und öfter kam er nun hierher, seit er sich allein hielt. Hier gab es wenig Straßen und hier traf er fast niemals jemanden von den Seinigen. Gerade das aber wollte er. Denn ihm war nun °er Sinn ernst geworden und das Gemüt schwer. Was in ihm vorging, wußte er nicht, dachte auch Bar nicht darüber nach. Er grübelte nur planlos verworren vor sich hin und ihm war, als sei das ganze Leben dunkler geworden.
Am Ufer pflegte er lange zu stehen. Der Wasserlauf, der hier in sanfter Krümmung vor- beifloß, bot einen weiten Blick. Der kühle Atem der Wellen brachte erfrischend bittere, ungewohnte Gerüche mit herauf, deren Witterung Sorglosigkeit vnd Zutrauen weckte. Bambi stand da und sah den Guten zu, die hier gesellig beisammen waren, etc treten unablässig miteinander, freundlich, ernst vnd klug. Es waren ein paar Mütter, und lebe patte eine ganze Kinderschar um sich her, die be- siandig unterrichtet wurde und unermüdlich lernte. Manchmal gab die eine oder die anderen von den Cuttern ein Warnungszeichen. Dann stoben die jungen Enten nach allen Seiten davon, ohne Jägern, wie ausgestreut glitten sie auseinander, vollkommen lautlos. Bambi sah einen Moment, die Kleinen, die noch nicht fliegen konnten, im
dichten Schilf dahinzogen, behutsam, ohne ein Rohr zu streifen, damit es nicht verräterisch ins Schänken gerate. Da und dort sah er in den Binsen die dunkeln, kleinen Körper langsam verhuschen. Dann sah er gar nichts mehr. Ein kurzer Ruf der Mutter, und im Nu wirbelten sie alle wieder herbei. Im Nu war ihr Geschwader wieder versammelt und sie begannen, wie vorher, bedächtig zu kreuzen. Bambi bewunderte das immer von neuem. Es war wie ein Kunststück.
Nach einem solchen Alarm fragte er einmal eine von den Müttern: „Was hat's denn vorhin gegeben? Ich habe genau aufgepaßt, aber nichts bemerkt."
„Es war auch nichts," anwortete die Ente.
Ein anderes Mal hatte von den Kindern eines das Warnungssignal gegeben, hatte sich blitzschnell gewendet, steuerte durchs Rohr gerade zu der Uferstelle, wo Bambi stand, und kam herauf.
Bambi fragte das Kleine: „Was war denn jetzt? Ich habe nichts bemerkt."
„Es war auch nichts," gab das Junge zur Antwort, schüttelte altklug die Steißfedern, legte die Spitzen der Schwingen sorglich darüber zurecht und steuerte wieder ins Wasser.
Trotzdem verließ sich Bambi auf die Enten. Er begriff, daß sie wachsamer waren als er, daß sie schärfer hörten und besser sahen. Wenn er hier stand, gab die stete Spannung, die ihn sonst erfüllte, ein wenig nach.
Er sprach auch gerne mit den Enten. Sie redeten nicht das Zeug, das er nun von den übrigen so oft schon gehört hatte. Sie erzählten von der weiten Luft, vom Winde und von fernen Feldern, auf denen man in köstlichen Leckerbissen schwelgte.
Manchmal sah Bambi etwas Kleines durch die Luft an sich vorüberzucken, dicht am Ufer entlang wie einen feuerfarbigen Blitz. „Srrr-ih!" schrie der Eisvogel leise für sich und zuckte vorbei. Ein klei- ner, schwirrender Punkt. Er glühte in Blau und Grün, funkelte rot, leuchtete auf und war weg. Bambi staunte begeistert, wünschte sich, den seltsamen Fremden aus der Nähe zu besehen, und rief ihn an.
„Geben Sie sich keine Mühe," sagte das Rohrhuhn aus dem dichten Schilf zu ihm herauf. „Geben Sie sich nur keine Mühe, der antwortet Ihnen ja doch nicht."
_ „Wo sind Sie?" fragte Bambi und spähte im Schilf umher.
Aber an einer ganz anderen Seite lachte das Rohrhuhn hell auf. „Hier bin ich! Der mürrische Kerl, den Sie vorhin angesprochen haben, redet mit niemanden. Es ist ganz umsonst, ifm zu rufen."
„Er ist so schön!" sagte Bambi.
„Aber schlecht!" gab das Rohrhuhn, wieder von einer anderen Stelle her, zurück.
„Warum glauben Sie das?" erkundigte sich Bambi.
Von einer ganz anderen Seite her antwortete das Nohrhuhn: „Er kümmert sich um niemanden und um nichts. Da kann geschehen, was will. Er grüßt nie und hat noch nie für einen Gruß gedankt. Er gibt niemanden ein Zeichen, wenn Gefahr in der Nähe ist. Er hat noch nie mit irgend jemandem ein Wort gesprochen."
„Der Arme . . ." sagte Bambi.
Das Rohrhuhn fuhr fort und feine munter piepende Stimme klang jetzt wieder von einer anderen Seite her: „Er glaubt wahrscheinlich, daß man ihn um feine paar Farben beneidet, und will nicht einmal, daß man ihn genauer anschaut." _
„Sie lassen sich ja auch nicht blicken," meinte Bambi.
Sofort stand das Rohrhuhn vor ihm. „An mir ist nichts zu sehen," sagte es einfach. Schmal, glänzend vom Wasser stand es da in einem schlichten Kleid, mit seiner zierlichen Gestaü, unruhig, beweglich, vergnügt. Und im Husch war es auch schon wieder weg.
„Ich verstehe nicht, wie man so lange auf einem Fleck bleiben kann", rief es aus dem Wasser. Und wieder von einer anderen Seite her fügte es hinzu: „Das ist langweilig und gefährlich, so lange auf einem Flecke zu bleiben." Abermals von einer an« dderen Seite her jauchzte es ein paarmal hell auf. „Man muß sich bewegen!" rief es fröhlich herüber. „Wenn man sicher leben und satt werden will, muß man sich bewegen!" . , m ,.
Ein leises Knistern der Grashalme ließ Bambl ausschrecken. Er sah sich um. Dort, an der Böschung schimmerte es rötlich und verschwand im »schuf. Zugleich kam eine warme, scharfe Witterung in seinem Atem. Dort schlich der Fuchs. Bambi wollte rufen und warnend den Boden stampfen, da rauschte das jäh im Sprunge geteilte Röhricht, das Wasser platschte und verzweifelt schrie eine Ente. Bambi hörte das Knattern ihrer Schwingen,
sah ihren weißen Leib im Grünen aufschimmern und sah jetzt, wie ihre Flügel mit lautem Klatschen dem Fuchs die Wangen peitschten. Dann wurde es still.
Gleich darauf kam der Fuchs die Böschung herauf und hielt die Ente im Maul. Ihr Hals hing schlaff herab, ihre Schwingen bewegten sich noch ein wenig, der Fuchs achtete es nicht. Er sah mit spöttisch stechenden Augen Bambi von der Seite an und zog langsam ins Dickicht.
Bambi stand bewegungslos.
Knatternd waren ein paar von den alten Enten aufgestiegen und flogen in fassungslosem Schreck baDon._ Das Rohrhuhn gellte Warnungsrufe nach allen Seiten. Die Meisen im Gebüsch zwitscherten erregt, die jungen Enten stoben im Schilf umher und klagten, verwaist, mit leisen Tönen.
Der Eisvogel zuckte das Ufer entlang.
„Bitte!" riefen die jungen Enten, „bitte, haben Sie unsere Mutter gesehen?"
„Srrr-ih!" schrillte der Eisvogel und zuckt« funkelnd vorüber. „Was geht ihr mich an!"
Bambi wandte sich ab und ging. Er wanderte durch eine dichte Wildnis von Goldruten, zog durch einen Plan hoher Buchen, durchquerte alles Haselgebüsch, bis er an den Rand des großen Grabens gelangte. Hier strich er irr umher, in der Hoffnung, dem Alten zu begegnen. Er hatte ihn lange, hatte ihn feit Gobos Ende nicht gesehen.
Jetzt erblickte er ihn schon von weitem und lief ihm entgegen.
Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander her. Dann fragte der Alte: „Nun . . . reden sie noch viel von ihm?"
Bambi verstand, daß Gobo gemeint sei, und erwiderte: „Ich weiß es nicht . . . ich bin jetzt aft immer allein . . ." Er zögerte: „. . . aber . . , ch muß sehr viel an ihn denken."
„So!" sprach der Alte, „bist du jetzt allein?"
„Ja," sagte Bambi erwartungsvoll, aber der Alte schwieg.
Sie gingen weiter. Plötzlich blieb der Alle 'tefjen. „Hörst du nichts?"
Bambi lauschte. Nein, er hörte nichts.
„Komm!" rief der Alte und eilte voraus. Bambi olgte ihm.
Wieder blieb der Alte stehen. „Hörst du noch immer nichts?"
(Fortsetzung folgt)