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Nr. ST

Montag den 9. MSr; 198t

Seite 9

Stadt Sanau Winiev im LNSvz

Es scheint, als ob der Winter in diesem Jahr besonders lange sein Regiment zu führen gedenkt. Zu einer Zeit, da er sonst schon tn den letzten Zü­gen liegt, da der jugendfrohe Frühling ungeduldig auf den Antritt seiner Herrschaft wartet und die Natur sich zu seinem Empfang mit dem ersten frischen Grün schmückt, braust noch ein grimmig kalter Wind durchs Land und läßt bei den Men­schen noch nicht eine Lenzesstimmung aufkommen. Daß diese letzte Kraftanstrengung des rauhen Ge­sellen selbst bei denen, die sonst zu seinen besten Freunden gehören, den Winterportlern, wenig Ge­genliebe findet, hat der gestrige Sonntag gezeigt. An den Februar-Sonntagen waren die Winter­freunde in Massen hinausgezogen. Unsere heimi­schen Gebirge hatten Hochbetrieb und wo nur ir­gend ein geeignetes Plätzchen vorhanden war, trieb man nach Herzenslust Wintersport Gestern war es aber nur ein Bruchteil dieser Massen, der den Lockungen des Winters gefolgt war. Man ist eben des langen Winters müde und sehnt den Frühling herbei, der mit seinen warmen Sonnenstrahlen und seinem Wiedererwecken der Natur neue Lebenslust und neue Hoffnung in des Menschen Brust senkt.

Gwenblewenr

Eine Mahnung an die Ellern

Wir stehen bald vor den Osterversetzungen und in manchen Familien herrscht Sorge über die Frage, ob der Junge versetzt wird. Auch der Schüler selbst ist von gleicher Bangigkeit erfüllt und manche Schülertragödie könnte vermieden werden, wenn das Sitzenbleiben von den Eltern nicht falsch au*» gefaßt würde. Gewiß soll der Schüler fleißig sein und lernen, aber wenn ein Kind trotzdem das Klassenziel nicht erreicht, so ist dies auf keinen Fall eine Schande. Es sind schon Kinder' sitzengeblieben, die nicht nur brauchbare sondern auch tüchtige Men- scheu geworden sind. Das Sitzenbleiben wird aber in den meisten Fällen als eine Härte, ja als eine Schande angesehen. Wäre es nicht zeitgemäß, auch hierin die Anschauung ein wenig zu ändern? Wir wissen es ja aus unserer Schulzeit, daß wir oft ver­sagten, nicht, wett wir nichts gelernt hatten, sondern weil wir in einer bei Jugendlichen nicht seltenen Nervenverfassung waren, die uns den Mund von innen verriegelte. Läßt man den Kindern Zeit, so werden es meistens gute Schüler. Sehen die Eltern, daß ihr Kind nur mit Mühe mitkommt, so höre man auf, es mit Fragen der Versetzung zu beunruhigen. Man nehme ihm die Vorstellung, daß Sitzenbleiben eine Schande sei, und bringe ihm statt Zorn Liebe entgegen Langsam bereite man es auf den Ge­danken vor, daß es die Arbeit des vergangenen Jah­res noch einmal wiederholen müsse, und sage, daß das Sitzenblbeiben kein Unglück noch Unrecht ist. Das Sitzenbleiben in den unteren Klassen verbürgt oft das glatte Vorwärtskommen in den späteren Jah­ren. Wird ein Kind aber durch die Klassen ge­schleppt und werden die Lücken in seinem Wissen immer größer, so tritt der Zeitpunkt ein, wo es keine Möglichkeit hat, die Lücken zu füllen. Versagen oder W Lernhaß sind dann die Folgen. Man nehme also I*- 6 -.öasâlWlige -Sitzenbleiben nicht so lramsch M 1 gehe Mit Ernst den Gründen nach. Dann wird man bei gutem Willen schon Wege zur Hilfe finden.

* Daten für 10 März. 1776: Königin Luise von Preußen in Hannover geb. 1788: Der Dichter Joseph von Eichendorff in Lubowitz geb. 1852: General der Artilleria Adolf o. Seines im Hanau geboren (gest. 1914 in Wilmersdorf).

* Die Sullurlichtspiele Stadlhalle bringen am Dgnnerstag, 12. März, abends 8.15 Uhr folgende Filme:Land tn Sonne", ein Film von dunklen Mauern und lichten Gärten; dieser Film ist von der Ufa im Auftrage des Reichsverbandes der Klein­gartenvereine Deutschlands hergestellt. Ferner den FilmBlumenwunder" sowie zwei kleine Filme Deutscher Großgärtnereibetrieb und Samenbau" undSchädlingsbekämpfung im Obst- u. Gartenbau.

Iuv Berufswahl (Schluß)

Nevussschule und ÄvbettsloKskett

Min.-Rat Prof. Dr. Ziertmann, Referent im Ministerium für Handel und Gewerbe, sagt:

Die Berufsschule ist feine Berufsvorbereitungs- Schule, sondern sie geht neben der Lehre oder Be­schäftigung her Sie wird von den jungen Leuten zwischen 14 und 17 Jahren besucht, die schon eine Beschäftigung haben. Die Berufsschule vermittelt diejenigen theoretischen Kenntnisse auf dem Gebiet der Fachkund». des Zeichnens, des Fachrechnens, die die Werkstatt selber oder der Beruf den jungen Leuten nicht mehr geben kann. Dazu kommt heute die Vermittlung von praktischen Fähigkeiten, je nach Beruf verschieden. Beim Uhrmacherberuf zum Beispiel kann die Werkstatt dem jungen Menschen nur einen geringen Teil all der Kenntnisse und Fertigkeiten verschaffen, die er unbedingt zur Be­herrschung seines Faches braucht. Da tritt dann die Berufsschule ergänzend ein. Darum legen auch die Meister selbst großen Wert auf den Besuch die­ser Schulen. Das gilt noch ganz besonders bei Be­rufen wie etwa der des Schornsteinfegers. Die Be­rufsschule will und soll aber keineswegs die Merk­stattpraxis ersetzen. Sie soll ergänzen. Und nur das kann sie ja auch bei der geringen Stundenzahl.

Die Berufsschule muß sich also, will sie wirklich ergänzen, den Differenzierungen der Berufe an» passen. Die vier großen Hauptgruppen sind die Be­rufsschulen für kaufmännische, für handwerkliche und industrielle Lehrlinge, für ungelernte Arbeiter und die hauswirtschaftliche Berufsschule. In allen Berufsschulen gibt es über die eigentlichen fach­lichen Kenntnisse hinaus auch staatsbürgerliche und für Mädchen auch hauswirtschaftliche Unterwei­sungen.

Die Berufsschulen, die ja nur die 14 17jâhri» gen erfassen, können es natürlich nicht verhindern, daß diese jungen Menschen arbeitslos werden. Tritt dieser Fall aber ein, so besteht leicht die Ge­fahr, daß die jungen Leute durch die Arbeitslosig­keit in ihrer beruflichen und menschlichen Entwick­lung Schaden nehmen. Sie verbummeln, fallen der Radikalisierung anheim usw. Um das nun zu ver­hindern, und um zu helfen, hat man einen erwei­terten Unterricht eingeführt. Arbeitslose sollen 16 bis 24 Stunden und mehr pro Woche lernen. Diese Beschulung hat dann freliich als Mittelpunkt den Werkstattunterricht, weil sie ja praktische Fertig­keiten vermitteln soll. Die würden dem jungen Men­schen ja später fehlen, weil er oft gerade in dem Augenblick arbeitslos geworden ist. wo seine eigent­liche Ausbildung erst einsetzen sollte.

Soweit die jungen Leute noch feinen Beruf haben, lernen sie wenigstens eine praktische Tätig­keit kennen Ihr Verständnis für einen Beruf ist geweckt, dem sie dann in Zusammenarbeit mit dem Berufsamt sugeführt werden.

Ueber den Rahmen der Pflichtkurse hinaus wer­den an den Berufsschulen noch freiwillige Kurse abgehalten, die auch die Möglichkeit einer späteren Umschulung und Umstellung auf einen anderen, vielleicht mehr zusagenden oder günstigeren Beruf bieten. Wie wichtig eine gute Berufsschulung für das spätere Fortkommen' ist, haben die jungen Leuie selbst meist, schon eingesehen, denn sie kom­men sehr oft freiwillig zu diesen Kursen, die übri­gens auch von den Arbeitsämtern verlangt werden, üm eine Unterbringung Erwerbsloser in anderen Berufen zu ermöglichen In diesem engen Rahmen wirken auch die Berufsschulen mit bei der Lösung des Arbeitslosenproblems. Solange die Menschen eine Schule besuchen, sind sie von der Strafte fort, und nicht der Gefahr ausgesetzt. ihrem Berufe und damit der Gesamtwirtschaft verloren zu gehen."

Soll uusev End die hShsve Schule besuchen?

von einem praktischen Schulmanne

Vor diese Frage sehen sich im letzten Viertel des Schuljahres wieder viele Tausende von Eltern ge­stellt, die ein Kind haben, das nach vier- bzw. drei­

Ende dieses Irrweges. Das stete Gefühl des Nicht­könnens, die tägliche Variante über3d) schaffe es trotzdem nicht", die übermäßige Anstrengung in der Form einer nicht zu bewältigenden Aufgabe können zudem schwerste seelische, geistige und körperliche Schäden für weniger Begabte zur Folge haben. Störungen in der körperlichen Entwicklung und noch weit schwerer wiegende seelische Minderwertigkeits­komplexe und eine schleichende Lebensunlust bilden ich vielfach in den Kindern aus, die gezwungener­maßen die Last eines theoretischen Studiums tragen müssen, ohne dazu begabt zu sein und Erfolg zu haben. Falsche Elternliebe und noch mehr völlig unangebrachter Elternstolz, der sich sagt: Mein Kind muß die höhere Schule besuchen! schaden in diesen Fällen den Kindern mehr, als sie ihnen nützen.

Wie oft aber ist es so, daß der Junge, demdas Lernen so schwer fällt", bei praktischen Betätigungen und Neigungsbeschäftigungen eine erstaunliche Ge­schicklichkeit und einen unermüdlichen Fleiß zeigt. Das Kind, das so seine gute praktische Intelligenz betätigt, ist mit geistigen Fähigkeiten ausgestattet, die unsere wirtschaftlich und technisch eingestellte Zeit braucht. Der Lebensweg solcher Begabungen darf niemals über theoretisches Studium führen; sie drängen zu wirklich-fachlichen, praktisch-technischen Betätigungen, die in ihren Durchschnittsleistungen auch zur geistigen Kraftentfaltung zwingen, in den Spitzenleistungen sogar Genies erfordern. Das Vor­urteil, als ob die sog. Kopfarbeit einvornehmeres, besseres" Tun sei, verliert angesichts der wirtschaft­lichen Notlage der sog. Kopfarbester an Wirksam­keit. .

Mögen deshalb alle Eltern, bei deren Kinder Lehrer und Erzieher Zweifel in die theoretische Be­gabung setzen und sie als nicht zu einem Bildungs­gang in einer höheren Schule geeignet erklären, des­halb sich nicht unnötig sorgen, gar verzweifeln ober ohne Rücksicht auf diesen Sachverhalt die Kinder doch in eine höhere Bildungsanstalt pressen. Das Ende ist ein Mißerfolg. Andererseits wird das gute Pfund, das einem nicht theoretisch, sondern praktisch Begabten mitgegeben ist, dann nicht genützt, und Talente verkümmern oft so. Auch da, wo die Be­gabungsrichtung bei Zehnjährigen mit Sicherheit noch nicht zu erkennen ist oder sonstige Zweifel in intellektueller und gesundheitlicher Beziehung be­stehen, ist die Este, das Kind schnell auf die höhere Schule zu bringen, nicht angebracht. Der Typ der Aufbauschule läßt z. B. das Eintreten in den höheren Bildungsgang mit 13 und 14 Jahren zu. Gerade bei der Entscheidung, Besuch einer höheren Schule oder nicht, ist das Sprichwort zu beachten: Nicht aus jedem Holz läßt sich ein Merkur schnitzen.

jährigem Besuch der Grundschule in die höheren Schulen eintreten könnte. Bekanntlich hat sich der Zug zur höheren Schule in der Zeit nach dem Kriege im Zusammenhang mit den von allen Be­rufen und Behörden gestellten größeren Vorbil­dungsansprüchen gewaltig verstärkt. Die Eltern­meinung, daß einem Kind das Berechtigungszeug­nis einer höheren Schule den Lebensweg zum er- 'olgreichen und mühelosen Wandel glätte, hat sich inzwischen im Zusammenhang mit der rüaiäufigen Konjunktur und tiefgehender Strukturveränderung der Wirtschaft als ein gefährlicher Glaube, als ein Trugschluß erwiesen. Das zeigt besonders die Zu­nahme der Zahl stellenloser Akademiker, die auch in Zukunft sich noch erhöhen wird. Nach der neue­sten Uebersicht des Statistischen Rei^samts über die deutschen Hochschulen und ihre Studenten er­gibt sich, daß die Zahl der Studenten, die im Win­tersemester 1911/12 73 166 betrug, 1928/29 auf 113 042 und, wie von maßgebender Seite verlau­tet, im letzten Semester auf nahezu 150 000 ange­wachsen ist. Kann die deutsche Volkswirtschaft je­mals diesen 150 000 Akademikern ihrer Vorbildung und vor allem den Kosten ihrer Ausbildung ent­sprechende Stellungen und Betätigungen geben? Dazu kommt, daß der Ueberschuß an akademisch Gebildeten oftmals in Stellenwettbewerb mit den Absolventen höherer Schulen tritt, die nicht studie­ren, sondern nach dem Verlassen der Bildungs­anstalt in das Berufsleben eintreten, so daß ein Ueberangebot von Anwärtern für die mittleren und höheren Stellen in allen Zweigen der Wirt­schaft und der Verwaltung besteht, wie Warnungs­rufe aus allen diesen Laufbahnen beweisen. Das io von Jahr zu Jahr anwachsende sog. Stehkragen­proletariat, das, nebenbei bemerkt, zu einer sozialen Gefahr werden kann, wird noch vergrößert durch die jungen Menschen, die mit nicht abgeschlossener Bildung ins Leben treten, die vorzeitig aus Man­gel an entsprechenden Leistungen die höheren Schu­len »erlassen, und nun oftmals, mit falschen Maß­stäben das Leben messend, nicht mehr den Anschluß zu einem werktätigen Leben finden. Wie groß die Zahl der Sitzengebttebnen ist acht u. a. daraus hervor, daß nach amtlicher Starmik fast 50 Prozent der Schüler höherer Bildungsanftalien zum Durch­laufen der drei unteren Klassen mehr als drei Jahre gebraucht haben. Andererseits fehlen in Wirtschafts­gruppen tüchtige Facharbeiter bzw. macht sich dort ein Mangel an entsprechenden Lehrlingen bemerk­bar. Dieser ungesunde Zustand führte z. D. dazu, daß auf einer Tagung von Schul- und Arbeitsver- waltungcn, Kommunalverbänden und Wirtschafts­vertretungen in Berlin das 1. geschäftsführende Mit­glied des deutschen Industrie- und Handelstages er­klärte, eine gute abgeschlossene Volksschulbildung sei für die Wirtschaft brauchbarer als die abgebrochene Bildung einer höheren Schule. Mit allen Mitteln sind die Werkschulen des Dinta (Deutsches Institut für technische Arbeitsschulung) bestrebt, den Typ des wendigen Fach- und Qualitätsarbeiters zu schaffen.

Aus der Tatsache der Ueberfüllung der höheren Schulen und Universitäten mit der Folge eines un­gesunden Ueberangebots theoretisch geschulter Kräfte und der Nachfrage in der Wirtschaft nach wendigen Facharbeitern gilt es für die Eltern die Lehre zu ziehen, daß nur hochbegabte Kinder in den höheren Schulen eintreten dürfen. Von der Psychologie ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß von 100 Kindern nur 4 oder 5 hoch begabt, d. h. theoretisch begabt und also zu einem eigentlichen wissenschaftlichen Studium befähigt sind. Vielleicht sind außer diesen Hochbe­gabten noch 10 im Streugebiet der guten Begabung liegende Intelligenzen unter 100 Kindern vorhan­den. Vergleicht man hiermit, daß z. B. in manchen Berliner Bezirken 5080 aller Grundschulkinder in die höheren Schulen eintreten, so ergibt sich ohne weiteres, daß alle diese Kinder unmöglich ausrei­chend dazu begabt sein können, um auf der höheren Schule vorwärtszukommen. Bei diesen nicht aus­reichend Begabten ist der Weg durch die höheren Schulen ein Dornenweg ohne Ziel, ohne lohnenden Erfolg. Sorgenkinder und Sorgeneltern stehen am

* Eine unangenehme Ueberraschung wurde einem von auswärts zugezogenen jungen Ehepaar zuteil, das vorübergehend eine Mansardenwohnung in der Limesstraße bezogen hatte und nach Ein­treffen seiner Möbel in die Freigerichtstraße über­siedeln wollte. Als am Samstag die langersehnten Möbel glücklich eintrafen und die junge Frau ihre Aufstellung im neuen Heim überwachte, benutzte ein Langfinger die günstige Gelegenheit, in die Man­sarde am Limesweg einzudringen und die Erspar- nisse des jungen Paares in Höhe von 2000 RM. aus einem Koffer zu entwenden. Es muß sich bei dem Dieb um eine Person gehandelt haben, die zweifel­los näher mit den Verhältnissen des Ehepaares ver­traut war. Die polizeilichen Ermittlungen sh® im Gange. Zweckdienliche Mitteilungen, auch ver­traulicher Art erbittet das Krim.-Kommisiariat.

Gegen spröde Haut

Regen,Wind u. Schnee

Eine Lebensgeichichte aus dem Wald«.

Von $elij Salten

C®Pyr!gM by Paul Zsolnay Verlag. BerUn-Wien-Leipzig.

20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Warum . ." Bambi nahm seinen Mut zu­sammen,warum haben Sie das von Gobo ge­sagt . . .?"

Meinst du, daß ich Unrecht habe?"

Nein," rief Bambi leidenschaftlich,nein! Ich fühle, daß es wahr ist!"

Der Alte nickte kaum merklich und seine Augen sahen Bambi an, so gütig, wie nie vorher.

Bambi sagte in diese Augen:Aber . . . warum? . . .Ich kann es nicht begreifen!"

.Es genügt, daß du es fühlst. Du wirst es später begreifen. Lebwohl."

Alle merkten bald, daß Gobo eine Lebensge­wohnheit hatte, die ihnen seltsam und bedenklich schien. Er schlief bei Nacht, wenn die anderen wachten und umhergingen. Des Tages aber, wäh­rend die anderen ihre Verstecke suchten, um zu schlafen, war er munter und ging spazieren. Ja, er trat, wenn er wollte, ohne Zögern, aus dem Dickicht und stand im hellen Sonnenlicht seelen­ruhig mitten auf der Wiese.

Bambi konnte nicht länger dazu schweigen. »Denkst du denn gar nicht an die Gefahr?" fragte er.

Nein" antwortete Gobo einfach,für mich gibt es keine."

Du vergißt, mein lieber Bambi," mengte sich Gobos Mutter ein,du vergißt, daß Er sein Freund ist. Gobo darf sich mehr erlauben als du »der wir anderen." Und sie war sehr stolz.

Bambi sagte nichts mehr.

Eines Tages bemerkte Gobo zu ihm: »WeM du, mitunter kommt es mir seltsam vor, daß ich hier so esse, wann ich will und wo ich will." , Bambi verstand nichtWarum soll das seit sein? Das tun wir doch alle."

. »Ja . . . ihr!" meinte Gobo überlegen,aber wii mir ist das etwas anderes. Ich bin gewohnt, daß man mir mein Essen bringt und mich ruft, wenn es bereit ist."

Bambi sah Gobo mitleidig an, sah Tante Ena

an, Faline und Marena. Aber sie lächelten nur und bewunderten Gobo.

Ich glaube," begann Faline,du wirst dich schwer an den Winter gewöhnen, Gobo. Bei uns hier draußen gibt es im Winter kein Heu, keine Rüben und keine Kartoffeln."

Das ist wahr," antwortete Gobo nachdenklich, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie das ist. Es muß schrecklich sein."

Bambi sagte ruhig:Es ist nicht schrecklich. Es ist nur schwer."

Nun," erklärte Gobo großartig,wenn es mir zu schwer wird, gehe ich einfach wieder zu Ihm. Warum soll ich denn hungern? Das hab' ich wirklich nicht nötig."

Bambi wandte sich ohne ein Wort ab und ging fort.

Als Gobo dann wieder mit Marena allein war, begann er über Bambi zu reden.Er versteht mich nicht," sagte er,der gute Bambi glaubt, ich bin immer noch der dumme, kleine Gobo, den ich früher einmal war. Er kann sich noch immer nicht damit abfinden, daß ich was Besonderes gewor­den bin. Die Gefahr! Was hat er nur mit der Ge­fahr? Er meint es ja gewiß recht gut mit mir, aber die Gefahr, das ist etwas für ihn und seines­gleichen, nicht für mich!"

Marena stimmte ihm bei. Sie liebte ihn und Gobo liebte sie und sie waren beide sehr glücklich.

Siehst du," sprach er zu ihr,niemand ver- ja nicht beklagen Män achtet und ehrt mich allge­steht mich so gut wie du! Allerdings, ich kann mich mein. Aber du verstehst mich am besten. Die an­deren . . . wenn ich ihnen noch so oft erzähle, wie gut Er ist, sie hören mich an, sie denken gewiß nicht, daß ich lüge, doch sie bleiben dabei, daß Er furchtbar sein muß!"

Ich habe immer an Ihn geglaubt," sagte Marena schwärmerisch.

So?" erwiderte Gobo leichthin.

Erinnerst du dich," fuhr Marena fort, .an jenen Tag, an welchem du im Schnee liegen bliebst? An jenem Tage sagte ich, Er werde zwei­mal zu uns in den Wald kommen und mit uns spielen . . ."

Nein," erwiderte Gobo gedehnt,daran kann ich mich nicht erinnern."

Ein paar Wochen verstrichen und ein Morgen dämmerte, da fanden sich Bambi und Faline, Gobo

und Marena in der alten, heimatlichen Hasel­dickung zusammen. Bambi und Faline kamen eben von ihrer Wanderung heim, waren an der Eiche vorbeigegangen und wollten ihr Lager aufsuchen, als sie Gobo und Marena begegneten. Gobo war im Begriff, auf die Wiese hinauszugehen.

Bleib doch bei uns," sagte Bambi,die Sonne wird gleich herauf sein, jetzt geht niemand mehr hinaus ins Freie."

Lächerlich," spottete Gobo,wenn niemand geht ... ich gehe."

Er schritt weiter, Marena folgte ihm.

Bambi und Faline waren stehengeblieben. Komm!" sagte Bambi voll Aerger zu Faline. Komm! Er soll machen, was er will."

Sie wollten weiter.

Da schrillte draußen, auf der anderen Seite der Wiese, der Häher, laut und warnend.

Mit einem Ruck kehrte Bambi um und rannte Gobo nach. Knapp vor der Eiche holle er ihn und Marena ein.

Hörst du?" rief er ihn an.

Was denn?" fragte Gobo verdutzt.

Wieder schrillte der Häher vom anderen Rande der Wiese herüber.

Hörst du nicht?" wiederholte Bambi.

Nein," sagte Gobo ruhig.

Es ist Gefahr!" drängte Bambi.

Jetzt schäkerte eine Elster hell auf, gleich nach­her wieder eine und augenblicklich hinterdrein eine dritte. Dazwischen kreischte der Häher noch ein­mal, und hoch aus den Lüften gaben die Krähen Signale.

Faline begann setzt zu bitten:Geh nicht hin­aus, Gobo! Es ist Gefahr!"

Selbst Marena bat:Bleib hier! Mir zuliebe, bleib heute hier... es ist Gefahr!"

Gobo stand da und lächelte überlegen.Gefahr! Gefahr! Was kümmert das mich?"

Bambi hatte einen Gedanken, den die Not des Augenblicks ihm eingab:Laß wenigstens Marena zuerst hinaus, damit wir wissen . . ."

Er hatte noch nicht vollendet, da war Marena schon hinausgeschlüpft.

Sie standen alle drei und schauten ihr nach. Bambi und Faline atemlos, Gobo mit offenkun­diger Geduld, als wollte er den anderen ihren närrischen Willen lassen.

Sie sahen, wie Marena Schritt vor Schritt in die Wiese trat, langsam, das Haupt erhoben, mit

zögernden Beinen. Sie spähte und witterte nach allen Seiten.

Plötzlich eine blitzschnelle Wendung, ein hoher Sprung, und wie vom Sturm gefegt, stob sie in die Dickung zurück.Er ... Er ist da!" flüsterte sie mit einer vor Entsetzen erstickten Stimme. Sie bebte am ganzen Leibe.Ich . . . ich . . . habe . . . Ihn gesehen . . . Er ... ist da . . ." stammelte sie, dort drüben ... bei den Erlen steht Er. . ."

Fort!" rief Bambi,auf der Stelle fort!"

Komm!" flehte Faline. Und Marena, die fast nicht mehr sprechen konnte, flüsterte:Ich bitte dich, Gobo, komm jetzt ... ich bitte dich . . ."

Aber Gobo blieb ruhig.Lauft doch, so viel ihr laufen könnt," sagte er,ich hindere euch ja nicht. Wenn Er da ist, will ich Ihn begrüßen."

Gobo war nicht zu halten.

Sie blieben und sahen, wie er hinausging. Sie blieben, denn seine große Zuversicht übte einen Zwang auf sie und zugleich hieü die ungeheure Angst um ihn sie fest. Sie konnten sich nicht von der Stelle rühren.

Gobo stand frei auf der Wiese, sah umher und suchte die Erlen. Jetzt schien er sie gefunden, jetzt schien er Ihn erblickt zu haben. Da krachte der Donnerschlag.

Gobo wurde von dem Knall in die Höhe ge­rissen, machte jählings kehrt und flog in geschleu­derten Sätzen zurück ins Dickicht.

Sie standen noch, vom Schreck gelähmt, als er herankam. Sie hörten seinen Atem pfeifen, wandten sich mit ihm, der nicht innehielt, sondern in be­sinnungslosen Sätzen weiterstürmte, nahmen ihn in ihre Mitte und ergaben sich der vollen Flucht.

Gleich darauf aber brach Gobo zusammen.

Marena stand sofort still, ganz nahe bei ihm. Bambi und Faline etwas weiter weg, fluchtbereit.

Gobo lag mit aufgerissener Flanke und blutig herausgegollenen Eingeweiden. Er hob das Haupt in drehender, matter Bewegung.

Marena . . ", sagte er mühsam,Marena . ... Er hat mich nicht erkannt . . Die Stimme zer- brach ihm. i

Es rauschte ungestüm und rücksichtslos im Ge- büsch von der Wiese her.

Marena senkte ihr Haupt zu Gobo.Er kommt!" flüsterte sie drängend.Gobo ... Er kommt! Kannst du nicht auf und mit mir . . .?"

(Fortsetzung folgt) ,