Seife 2
Siensfag den 3. März 1931
Nr. 52
M» ■ I I—wi ......■ .1. ■ —.....— tmb die auch gleichzeitig eine große Achtung vor dem tatkräftigen Willen Mussolinis hat, würde eine Entfremdung zwischen Italien und Sowjetruhland begrüßen. Aber selbst die bürgerliche Linke Frankreichs vor eine Wahl zwischen dem italienischen Faschismus und dem rupf en Bolschewismus gestellt, würde keinen Augenblick zögern, freundschaftliche Beziehungen mit Rom vorzuziehen, würde also von den zwei Nebeln das kleinere wählen, ^'ne einhestlicye Abkehrfront gegen Moskau ist so« lc. ge nicht möglich, wie Mein, "nerfchieden- heiten zwit^-n ^-ankreich und Jtali-»n bestehen. Sind aber diese Meinungsverschiedenheiten verschwunden, so würden, jedenfalls in Westeuropa, die Voraussetzungen für den Kampf gegen die bolschewistische Gefahr geschaffen sein.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß die erfolgte Flotteneinigung nur der erste Schritt auf dem Wege zur italienisch-französischen Zusammenarbeit in Europa ist. Die Bestrebungen, diesen nun einmal begangenen Weg erfolgreich fortzusetzen, werden bereits unternommen. Werden sie von Erfolg gekrönt werden?
Dev -Kampf gegen die Äv-ettsloftsLett
Berlin, 2. März. Der Haushaltsausschuß des Reichstages setzte seine Beratungen über den Etat des Reichsarbeitsministers fort. Zunächst führte Abgeordneter Schneider (Staatspartei) aus, von den bewen Schlagworten Lohnsenkung und Preisabbau sei nur das erste Wort Wirklichkeit geworden. Das Problem der Arbeitszeitverkürzung dürfe nicht so zaghaft angepackt werden. Eine gesetzliche ^Regelung fei notwendig. Abgeordneter Schwartzer von der Bayerischen Volks- partei schloß sich im wesentlichen diesen Ausführungen an und verlangte noch besondere Maßnahmen gegen die Doppelverdiener. Für den Christlich-Sozialen Bolksdienst führte Abgeordneter Schmidt-Kassel aus, jede noch so geringe Erleichterung der Arbeitslosigkeit müsse herbei' geführt werden, z. B. durch Zurückdrängung der fremden Arbeiter. Die steiwillige Arbeitsdienstpflicht sei immerhin erwägenswert.
In der weiteren Debatte ergriff Arbeitsminister Dr. Stegerwald das Wort, um zur Frage der Arbeitszeitverkürzung auszuführen, daß er den Ausführungen der Abgeordneten Schneider und Schwartzer grundsätzlich zustimme. Er wiederholte jedoch, daß etwas ganz Entscheidendes von dieser Maßnahme nicht erwartet werden dürfe. Man dürfe nicht vergeßen. daß wir in eine Weltwirtschaftskrise verstrickt seien Stegerwald wandte sich dagegen, daß die Schwere unserer inneren Lage durch die staatliche Lohnpolitik verursacht sei. Bis zum Januar habe sich das staatliche Eingreifen überhaupt noch nicht ausgewirkt, seit Januar habe die Arbeitslosigkeit in geringerem Maße zugenommen. Stärker habe auf d.e innere Krise die Reichstagswahl eingewirkt, durch deren Ergebnis eine Milliarde Kapital dem Jn- landsmarkt entzogen wurde, was eine Zunahme der Arbeitslosigkeit um mindestens 100 000 Mann bedeute Im übrigen führte der Minister aus, daß sich mit den einzelnen Maßnahmen jetzt die Gut- ochtertommission zu besassen habe. Der Minister wolle sich daher Zurückhaltung auferlegen. Er betonte jedoch, daß, wenn keine Preislenkung in größerem Ausmaß erfolge, er diese Tatsache auch bei der Lohnpolitik in Rechnung zu stellen habe. Er fügte hinzu, daß bei einem Vergleich der Haushalt-zahlen vom Jahre 1913 in Beziehung auf den Sozialetat kein Zweifel darüber sein könne, wie sehr sich Deutschland seiner sozialen Aufgaben angenommen habe. Im übrigen gab der Redner dem Glauben Ausdruck, daß wir gegenwärtig den Tiefstand der Krise erreicht haben, und daß wir 1932 mit größeren Erleichterungen rechnen könnten. 1931 sei aber noch ein schweres Jahr.
Abgeordneter Dr. Brauns (Zentrum) erklärte, es fei nicht zu rechtfertigen, wenn angesichts der 5 Millionen Arbeitslosen die Frauen von Beamten auch noch Arbeitsplätze in Anspruch nehmen.
Nach einer weiteren Debatte, in der wesentlich neue Gesichtspunkte nicht vorgebracht wurden, vertagte der Ausschuß seine Beratungen auf Dienstag.
Sevfahve« essen die Stahl-eSmfühvev
Der Generalstaatsanwalt in Berlin hat gegen die Bundesführer des Stahlhelm S e l d t e und D u e st e r b e r g auf Grund des § 5, Abs. 1 des Re. publikschutzgesetzes in Verbindung mit § 20 des Reichspressegesetzes wegen des Aufrufes in der Stahlhelmzeitung Nr. 2 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der am 18. Januar erschienene Aufruf war die Einladung zum Volksbegehren, der dort unter der Ueberschrift „Kampf dem Zwischenreich" veröffentlicht worden war. Welche Wendungen dieses Äufruses im Einzelnen als eine „Bedrohung der Republik" angesehen werden, ist noch nicht bekannt.
Solksdrenft füv Volksbegehren
Berlin, 2. März. Der Reichsvorstand des Christlich-Sozialen Volksdienstes hat, der „Tagt. Rundschau" zufolge beschlossen, das Volksbegehren für Auflösung des preußischen Landtages zu unterstützen. Die Volksdienstbewegung wrd sich an der Büdung von Propagandaausschüssen mit anderen Parteien und Bünden nicht beteiligen, sondern die Werbearbeit völlig selbständig betreiben. Nach der amtlichen Verkündung der Ausiegungssristen wird die Volksdienstsührung mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit treten.
Auf Vorschlag der bisherigen Reichsleitung hat der Reichsvorstand die Erweiterung der Reichs- leitung von 6 auf 11 Mitglieder beschlossen; an deren Spitze und damit an der Spitze der Dolks- dienstbewegung steht die dreiköpfige Reichssührer- ichaft. Als erster Vorsitzender wurde Abg. Simp- sendSrser-Kornthal-Stuttgart, zum 2. Vorsitzenden Arbe'tersekretâr G. Hülser-Spandau, zum 3. Vorsitzenden Abg. P. Schmidt-Kussel gewählt.
Ruhige Snnendebatte im Reichstag
Gegen bett rnitzbvauch bee Politik
Berlin, 2. März. Auf der Tagesordnung des Reichstages stand heute die zweite Beratung des Haushalts des R e i ch s i n n e n m i n i - sters in Verbindung mit der ersten Lesung des Gesetzes gegen den Waffenmißbrauch.
Der Ausschuß empfiehlt hier die Annahme einer großen Reihe von Entschließungen, die hauptsächlich das Beamtenrecht und das Schulwesen betreffen. U. a. soll die Regierung ein Gesetz vorlegen, das die allgemeine Schulpflicht um ein Jahr verlängert. Für das neue Schuljahr sollen vom Reiche Grundsätze im Sinne einer Berufsvorbereitung aufgestellt werden.
Als erster Redner sprach Abg. Dr. Schreiber (Ztr.) Es ist die Aufgabe der Regierung, so sagte er, angesichts der Krise der Staatsgesinnung, dafür zu sorgen, daß unser Polk nicht russischen und chinesischen Revolutionszuständen preisgegeben wird. Wir können weder an einer bolschewistischen Revolution, noch an einer nationalsozialistischen Insurrektion gesunden. Wir brauchen vielmehr eine Einheitsfront der Verantwortungsbewußten. — Zum Gesetz über den Waffenmißbrauch führte der Redner aus: Wer die Freiheit mißbraucht, darf sich nicht wundern, wenn er die Freiheft verliert. Der Opposition sagte er, man fei nicht national, wenn man fluchtartig das Feld verlasse. Wer in der Innenpolitik desertiert, kann auch in der Außenpolitik nicht als Aktivist angesprochen werden. Die Kundgebungen Hugenbergs lassen nicht er« kennen, daß er von der Kulturkampf-Agitation abrückt. Der Redner verlangte Abwehr der russischen kulturbolschewistischen Propaganda. Die Weimarer Verfassung könne in Einzelheiten reformiert werden, um eine größere Stabilität der Regierungs- gewalt zu erreichen.
Nachdem der Abg. Schreck (Soz.) eine größere Aktivität in den Bestrebungen der Reichsreform verlangt und sich gegen das Verbot des Remarquefilms gewandt hatte, ergriff der Abgordnete v. K a r d o r f f (D. Vpt.) das Wort, um sich scharf gegen den „Schwindel" der Nationalsozialisten und Deutschnationalen zu wenden. Es sei nicht richtig, daß sie mundtot gemacht worden seien. Löbe habe sie vielmehr mit weitestgehender Nachsicht behandelt, er sei nun einmal ein kinderliebender Herr (Große Heiterkeit), aber wir werden uns überlegen müssen, ob wir
nicht, falls die Herren zurückkehren sollten, gegen Beschimpfungen mit der Strenge vorgehen sollten, die im alten Reichstag üblich war. Der Redner hält ehe Verfassungsresorm für dringend notwen- „ ... _____________ dig und entwickelte das schon bekannte Programm frierfleischfrage.
Die Verteilung der Mandate
Braunschweig, munalwahlen ho
Vraunschweig, 2. März. Die gestrigen Kommunalwahlen haben für die Stadtverordnetenversammlungen der Städte und die Kreistage der sechs Verwaltungsbezirke infolge der Entwicklung der letzten drei Jahre — die letzten Kommunalwahlen waren im Februar 1928 — beträchtliche Verschiebungen in den Mandaten erbracht. Die Stadtverordnetenversammlungen einschließlich der Hauptstadt zählen 208 Sitze. Davon entfallen auf die Nationalsozialisten 47 Sitze, vorher 2, außerdem sind 6 „Stahlhelm-Mandate" vorhanden. Auf die verschiedenen Listen bürgerlichen Gepräges, Einheitsliste, Mittelstand, Landbund, Beamte usw. entfallen 62 Sitze, vorher 105, auf die Sozialdemokraten 72, vorher 94, auf die Kommunisten 21, vorher 4. Die Nationalsozialisten gewannen somit 45 Mandate, wozu noch die 6 Stahlhelm-Mandate
gerechnet werden dürfen. Die Kommunisten gewannen 17 Sitze. Die bürgerlichen Listen verloren 44 und gewannen einen Sitz. Die Sozialdemokraten verloren 23 Sitze und gewannen 1 Sitz. Schließlich gingen noch drei demokratische Mandate verloren. Die Kreistage haben insgesamt 102 Sitze. Davon erhielten die NatdonalsoziMften 32 (vorher 2), verschiedene bürgerliche Listen (Mittelstands Beamte usw.) 21 (vorher 46), die Sozialdemokraten 42 (vorher 53), die Kommunisten 7 (vorher 1). Die Nationalsozialisten gewannen also 30 Sitze, die Kommunisten 6; die Sozialdemokraten verloren 11 Sitze, während die Bürgerlichen 25 Sitze abgeben mußten.
Braunschweig, 2. März. Von den 13 braunschweigischen Landstädten haben eine nationalsozia- listiche Mehrheit erhalten 9 Städte und zwar Bad Harzburg, Blankenburg, Gandersheim, Helmstedt, Holzminden, Königslutter, Schöppenstedt, Seesen und Wolfenbüttel. In Stadtoldendorf ist das Verhältnis gleich zu gleich. In Schöningen stehen sieben Bürgerlichen acht Sozialdemokraten und Kommunisten gegenüber und in Eschershausen und Hasselfelde ist das Verhältnis fünf Linke zu vier Rechten. Von den sechs Kreistagen haben drei eine bürgerliche Mehrheit erhalten und zwar Braunschwegi, Helmstedt und Wolfenbüttel, eine Linksmehrhsi ergibt sich in den Kreistagen von Blankenburg, Gandersheim und Holzminden. Die Wahlbeteiligung im ganzen betrug etwa 84 Prozent gegen 89,29 Prozent bei den Landtagswahlen im September o. Js.
Die Mablen im Spiegel der Berliner Presse
Berlin. 2. März. Die Abendblätter berichten ausführlich in großer Aufmachung über das Ergebnis der Braunschweiger Kommunalwahlen und beschäftigen sich in ihren Kommentaren mit der poli« tischen Auswertung dieses Ergebnisses. Während die Presse der Mittelparteien in den Vordergrund ihrer Betrachtungen die Ansicht stellt, daß die „nationalsozialistische Welle" zum Stillstand ge- komm« nssi, bewerten die Blätter der Rechten den Ausgang der Wahlen als eine Niederlage nicht nur der Sozialdemokratie, sondern auch der die Regierung Brüning stützenden Parteien.
seiner Partei, welches sich besonders auf die Heraufsetzung des Wahlalters, die Stärkung des Reichs- Präsidenten, der gleichzeitig preußischer Staatspräsident sein soll, bezieht. Das Verbot des Films „Im Westen nichts Neues" hält der Redner für gerechtfertigt. In einer Zeit der politischen Hochspannung müsse alles verboten werden, was die Spannung verstärke.
Die Sozialdemokraten haben inzwischen eine Entschließung eingebracht, die verlangt, daß alle Beamten, die zur Ausübung ihrer Tä- tigkeit als Reichstagsmitglieder beurlaubt sind, zum Dienst herangezogen werden, sofern sie ihre Obliegenheiten als Abgeordnete nicht erfüllen.
Abg. Petzold (Wirtschaftsp.) bedauerte, daß ein Reichsschulgesetz zurzeit nicht geschaffen werden könne, ein neues Schuljahr erscheine seiner Partei nicht erwünscht, eine Wahlreform für sie unannehmbar, wenn diese nicht die Erhöhung des Wahlalters bringe. Der Redner verlangte Erhöhung der Mittel für das Kunsthandwerk.
Abg. Mumm (Christlich sozial) verlangte, daß im Innenministerium der Staatsgedanke lebendig bleibe. Erste Aufgabe des Staates fei es, feinen Gliedern „Schutz gegen Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit" zu geben. Der unbekannte Schutzmann der im Straßenaufruhr fein Leben lasse, sei der gleichen Ehre wert wie der unbekannte Soldat. Unehre sei es aber, im Aufruhr zu fallen. Christliche Eltern müßten ihre Kinder christlich erziehen lassen dürfen. Die Christlichsozialen beantragten dafür einen Gesetzentwurf und bäten, ihn dem Bildungsausschuß zu überweisen. Gegen ein Uebergreifen der bolschewistischen Unkultur müssen alle zusammen
stehen, die christlich und deutsch empfinden.
Abg. Dr. Külz (Staatspartei) forderte, daß die Staatsautorität sich gegenüber der zunehmenden Radikalisierung der Politik durchsetzt, ebenso die Autorität des Parlamentes gegen Sabotageversuche. Zu einer Reichsreform gehört auch eine Wählreform, bei der die Einzelpersönlichkeft wieder zur Geltung kommt und bei der durch kleinere Wahlkreise eine persönliche Vertrauensbeziehung zwischen Abgeordneten und Wählern wieder möglich wird. Unser Schulwesen bedarf einer Entwicklung in die Tiefe und nicht, wie bisher in die Breite. Das Verbot des Remarquefilmes erscheint uns nicht berechtigt, da der Film nicht als eine Verunglimpfung der deutschen Armee aufgefaßt werden muß.
Um 7 Uhr wurde die Weiterberatung auf Dienstag 3 Uhr vertagt. Auf der Tagesordnung der Dienstagssitzung stehen auch die Abstimmungen zum Reichsernähvungsetat mit dem Antrag zur Ge-
Der „A b e n d", der keinen besonderen Kommentar enthält, überschreibt seine Braunschweiger Berichte: „Kein Umschwung im Kräfteverhältnis", „Bürgerliche Hoffnungen enttäuscht". — Die „G e r- mania" spricht von einem ersten Menetekel für die Rechtsopposition. Es sei ihr nicht einmal ge= langen die Linksmehrheit in der Stadt Braunschweig zu brechen. So wie die Rechtskreise es für gut befunden hätten, betreibe man kein« Opposition mit Erfolg. Noch einige solcher „Siege" der nationalen Opposition, und der schöne Traum vom Dritten Reich sei ausgeträumt. — Das „B. T." ist der Meinung, daß die Nationalsozialisten von dem erzielten Stimmgewinn nicht übermäßig befriedigt sein dürften. — Nach Ansicht des „Acht-Uhr-Abend- blattes" ist der Wahlatusgang nicht überraschend für diejenigen, die ohne sentimentale Hoffnungen und Befürchtungen die Situation erwogen haben. Wenn es den Nationalsozialisten nicht gelungen sei, nennenswerte Fortschritte zu erzielen, so dürfe man daraus den Schluß ziehen, daß im übrigen Deutschland unter den jetzigen Perhältnissen ein Rückschlag ihrer Bewegung eingetreten sei. — Die „Voss. Ztg." unterstreicht, daß die „marxistische Front" nicht allzu stark abgenommen habe und daß nur eine Perschiebung innerhalb dieser angeblichen Front zugunsten des radikaleren Teiles eingetreten sei. Die Zeche hätten die Bürgerlichen zu zahlen gehabt. — Das „Tempo" schreibt, daß die Wahlen vom Standpunkt der staatserhaltenden Parteien aus gesehen nicht günstig ausgefallen seien. Aber sie hätten den Beweis erbracht, daß die Grenze des Radikalismus erreicht fei und die Zeit der Wiederkehr der politischen Bernunft beginne. — Der „Deutsche" bezeichnet das Wahlergebnis ebenfalls als nicht überraschend. Allgemein jedoch scheine man das Anwachsen der Radikalen Parteien nicht als sonderlich gefährlich anzusehen. Die „Tägl. Rundschau" spricht von einem Pyrrhussieg des Rechts- und des Linksradikalismus. In der Mitte klaffe eine gähnende Leere. Dieser Ausgang sei das Ergebnis einer seit dem Jahre 1924 grundlegend ver- fehlten Politik. Die bürgerlichen Parteien hatten bie Mahnung zu einer überragenden Mehrheitsbildung auf mittlerer Linie damals ausgeschlagen. — Der „Jungdeutsche" zieht aus dem Wahlergebnis, bei dem sich die Prophezeiungen der nationalsozialistischen Führer als trügerisch erwiesen hätten, die Schlußfolgerung, daß das Parteisystem nicht die richtige Grundlage für die politische Willensbilduna sei. Die „Deutsche Tageszeitung" ist der Ansicht, daß ein Halt im Zustrom zum Nationalismus nicht einge« treten sei. Man müsse im Gegenteil seststellen, daß selbst in den Ländern, wo die Nationalsozialisten zur praktischen Regierungsarbeit gelangt seien, die Wählerschaft noch immer im Rausche der nationalsozialistischen Verheißungen lebe. — Der „Lokalanzeiger" unterstreicht die Niederlage der Sozialdemokraten und der „Brüning-Parteien". Die Niederlage, die schon der Ausgang der Reichstagswahlen für das amtierende Reichskabinett bedeutete, habe sich verstärkt. — Auch die „Kreuzzeitung" ist der Ansicht, daß die Basis der Parteien, die dem Kurs der Reichsregierung folgten, immer schmaler werde und die Opposition gegen das im Reich tonangebende System in ständigem Wachsen begriffen sei. — Die „Deutsche Zeitung" bezeichnet es als be- sonders bemerkenswert, daß die Staatspartei, die als einzige Partei der Mitte selbständig aufgetreten
sei, überhaupt kein Mandat erzielt habe. Der „Angriff" überschreibt seinen Kommentar: „Die Flut steigt weiter". Das Ergebnis der Wahlen zeige deutlich, daß die Hoffnung der Gegner, dem Nationalsozialismus eine Schlappe zuzufügen, zu schänden geworden sei. Die sozialdemorkatische Bundes- genossenschaft für den Reichskanzler werde wohl in den nächsten Tagen noch fragwürdiger werden. Wenn die SPD. nicht gerade Selbstmordabsichten habe, werde sie weder dem Wehretat noch der Agrarvorlage in den vorliegenden Fassungen zustimmen können. — Die kommunistische „Welt am Abend" stellt fest, daß der Sieg der Kommunistischen Partei die wachsende Radikalisierung der Arbeiterklasse beweise. Die Sozialdemokraten ernteten, was sie gesät. Was die Nazis betreffe, so beginne die Ernüchterung.
Abreise des Reichsanßen minssters nach Wien
Begrüßungskundgebung Dr. Curtius' an Oesterreich
Berlin, 2. März. Reichsminister Dr. Curtius, Staatssekretär Dr. Pünder und der österreichische Gesandte Dr. Frank traten am Montag mit dem fahrplanmäßigen Nachtzug die Reise nach Wien an. Die Gattin des Gesandten, die Herren der österreichischen Gesandtschaft und Staatssekretär von Bülow hatten sich zum Abschied auf dem Bahnhof eingefunden.
Kurz vor seiner Abreise nach Wien hat der Reichsminister des Auswärtigen Dr. Curtius dem Berliner Vertreter der Amtlichen Nachrichtenstelle in Wien u. a. folgende Aeußerungen zur Verfügung gestellt:
In den bevorstehenden Verhandlungen haben wir bei der gleichberechtigten Politik Oesterreichs und des Deutschen Reiches nicht etwa Gegensätze zu beseitigen oder Gegenmeinungen zu bekehren. Sie gelten vielmehr vor allem der Sorge, wie die furchtbare Not, die gerade auf unserem Volke lastet, am wirksamsten zu bekämpfen ist. Wir gehen dabei von der Ansicht aus, daß angesichts des allgemeinen Charakters die Wirtschaftskrise nur eine noch engere und vertrauensvollere Zusammenarbeit der Völker imstande ist, dieses für . die Existenz der Menschen augenblicklich wichtigste Problem einer glücklichen Lösung entgegenzuführen. Die ungeheure Arbeitslosigkeit ist heute eine Geißel der Menschheit. Aber besonders schwer sucht sie das deutsche Polk heim. Deshalb fühlen sich auch gerade die deutschen Staatsmänner berufen, Mittel und Wege zu suchen, wie diese entsetzliche Krankheit geheilt werden kann. Ich hoffe zuversichtlich, daß die Besprechungen in Wien geeignet sein werden, den Bottn für eine noch fruchtbarere Zusammenarbeit unserer Länder als bisher und für ein vertrauensvolles Zusammenwirken aller derjenigen Staaten zu bereiten, die dazu ge
mißt sind.
Es liegt auf der Hand, daß ich mit den öfter« rèichischen Staatsmännern während meines Besuches außer den wirtschaftlichen Fragen auch die uns gemeinsam angehenden politischen Fragen besprechen werde. Bei der grundsätzlichen Parallelität der politischen Ziele Oesterreichs und Deutschlands bin ich mir schon im voraus dessen bewußt, daß unsere Stellungnahme zu den großen Problemen der Politik völlig übereinstimmen wird: denn Oesterreich und Deutschland wollen beide nur dem deutschen Volke und der Menschheit einen gerechten
Frieden sichern.
So gebe ich mich der zuversichtlichen Hoffnuna hin, daß mein Wiener Besuch nicht nur i ......,
die schönsten Eindrücke vermittelt, sondern auch dazu beitragen wird, die enge Verbundenheit zwischen dem deutschen Volke m Oesterreich und im Reiche noch mehr zu festigen und seinen gemeinsamen Interessen zu dienen.
Hoffnung persönlich
Deutschlands Repavatiottsverpslßchiuttsen
Erklärungen Dr. Schachts in Stockholm. — Deutschland wird keinen Bankerott erklären.
Stockholm, 2. s^ärz. Der frühere Reichsbank- prästdent Dr. Schacht ist heute hier eingetroffen. Im Gespräch mit Pressevertretern machte er Ausführungen über die gegenwärtige Lage. Der „Rya Dagligt Allehanda" zufolge sprach Dr. Schacht die Ansicht aus, daß Deutschland seine Schulden bezahlen könne, wenn man ihm das Recht gebe, zu arbeiten. Wenn Deutschland die Möglichkeit habe, Geld zu verdienen, könne und werde es auch zahlen. An eine Herabsetzung der Kriegsschulden dächten im Augenblick
nur Idealisten, deren Einfluß nicht groß sei. Auf die Frage des Journalisten, was geschehen werde,
nicht bezahlen
wenn Deutschland
könne, zum hoffe, würde, lassen.
erklärte Dr. Schacht, es werde Bankrott gezwungen daß. das Ausland
dann
sein, aber er Bedenken tragen
es zu dieser Eventualität kommen zu
Et glaube, daß Deutschland niemals von sich aus eine Bankrotterklärung abgeben werde. Dr. Schacht sprach auch über die deutsch-franzö
sischen Beziehungen und erklärte, daß an einen Revanchskrieg kein vernünftiger Mensch in Deutschland denkt. In Deutschland vollzieht sich eine „posi • tive Regeneration" in allen Klassen, sowohl in geistig-sittlicher als materieller Hinsicht. Die bisherige materielle Grundlage sei untergraben, und dadurch sei eine ethische Reaktion entstanden, die für die Zukunft viel hoffen lasse. Deutschland, so erklärte Dr. Schacht, lebt zu 20 Prozent von Salz und Brot und zu 80 Prozent von Hoffnungen.
Aekchsbannev und Äv-eßis-efchaf-utts
Leipzig, 2. März. Auf einem republikanischen Abend, den das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold aus Anlaß der Messe veranstaltete, betonte der Bundesführer Hörsing in einer Rede mit Nachdruck, daß das Reichsbanner den Bürgerkrieg nicht wünsche. Es stehe zwar gerüstet da, aber defensiv.
Das Reichsbanner werde nunmehr als zweite große Aufgabe den Kampf um die Beschaffung von Arbeit aufnehmen. Man müsse den Regierenden und den Kreisen, die die Regierung stützen, zurufen: Hört endlich auf mit Eurer Steuermacherei, fangt an, statt Steuern, an denen das Volk zerbricht, Arbeit zu suchen. Wenn das Reichsbanner die Agitation für die Arbeitsbeschaffung jetzt mit aller Energie aufnehme, so schloß Hörsing, dann werde es dereinst in der Geschichte heißen: Das Reichsbanner hat das deutsche Volk politisch gerettet, es hat auch den Anstoß zu seiner wirtschaftlichen Errettung gegeben.
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