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Nontag den 16. Aebruar 1931

Satte •

Nr. 39

DAS IST AMERIKA

Hinter der Dollarfront / Ein deutsches Schicksal In U. S. A

29. Fortsetzung.

„House girl wanted-German

pr et er red

„Du überriesengroßer Botokudenpavian, du wandelnde Schmach der maskulinen Menschheits­belange, du Baalspriester am goldenen Kalb des hochdotierten Feminismus, du entsetzlicher Mensch du famoser Kerl. ..."

Mit diesen gewählten Worten begrüßte mich der alte Wentzel, als ich im vollen Kriegsschmuck einer schlicht gekleideten Jungfrau im besten Alter in das Büro eines Sprachmstituts trat und sein häsliches 'Erlaben vom Stuhl mit einer herablassenden Hand­beweguna beantwortete:

„Bleib ruhig sitzen, Wentzel, das bin ich . . ."

Erhörte mit glitzernden Augen meinen Plan an, die Hausse auf dem Newyorker Dienstbotenmarkt in den Dienst meiner Börse zu stellen.

„Darauf muß eine Flasche Mosel stehen", rief er nach Luft schnappend, „als ,Dame' ist dir natürlich die Theke verboten. Aber im Hinterzimmer wollen wir einen schlanken Hals brechen. Komm!"

Er rannte zur Tür.

„Hall, Wentzel, Damen haben den Vortritt."

Der alte Sprachlehrer beleidigte meine neu- . gebackene Frauenehre gröblich durch einen ungalan­ten Knuff und schob mich hinaus. In dem kleinen Lokal bestellte Wentzel seinen Mosel:

„What does the lady want?" fragte der Kellner : höflich '

Die Dame wünschte ein zweites Glas.

Der Kellner wuchs mit den Verhältnissen und stellte lächelnd eine Blumenoase auf unseren Tisch. Lange schwatzten wir. Wentzel betonte immer wieder: Betrachte diese Eskapade nicht nur als Ulk. Halt aus und spar. Verdien ein bißchen und spendier ein bißchen weniger.

Zum Schluß sagte er: „Mensch, Karl, du bist doch }u. beneideruDu findest Gold im Müll, Blumen auf. i dem Dung und Romantik in der Küchenschürze . . ."

Hertha legte den letzten prüfenden Blick an meine Person.

„Alles durchaus waschecht", sagte sie dann nach­denklich, „nur dem Hals fehlen alle Attribute des herkömmlichen weißen Schwanenhalses. Wenn du t sprichst, bewegt sich der Adamsapfel, und bei der Arbeit kannst du keinen hohen Kragen tragen. Wer ; halt, du nimmst hier dieses Tuch und kaufst dir noch - ein paar ähnliche. Damft verhüllst du dieses Weib- Kliche Manko und hast gleichzeitig eine Entschuldi­gung wenn deine Stimme nicht goldig genug klingt. Chronische Erkältung, verstehst du?"

Ich war vor meinem Aufbruch zur Dienst- ^mWchènagèntur. Mein Handkoffer stand gepackt. Weine Toilette war in Ordnung befunden worden pitungerL

„Stell dich noch dümmer, als du schon sowieso Bist. Dummhell hei Dienstboten wird hier als Ehr- Dichkeit hochgeschätzt. Such dir eine Stellung, wo. du 'allein bist. Oft müssen bei mehreren Mädchen zwei in einem Zimmer schlafen. Das mag ja ganz nett sein, wird aber auf die Dauer brenzlich. Wenn du i dich bückst, klapp nicht zusammen wie ein Tckschen- Messer, sondern beuge dich in den Knien, sieh so, Frauen beugen sich niemals mit dem Oberkörper von l der Hüfte abwärts. Sei folgsam, fleißig und nach i Möglichkeit stumm. Mach deiner Lehrmeisterin s Bessy Ehre, und auch deiner Freundin, denn das F bin ich doch, Karl?"

Sie legte ihre Hände auf meine Schultern und sah mich mit feuchten Augen an.. Es war fast so

rührend wie eine Abschiedsszene. Ich sah Neigung m ihren blauen Augen zittern. Mochte sie mir den âud nicht bieten, weil ein Schwarzer ihn geküßt

Behutsam hob ich ihr Kinn und drückte ihr einen festen Kuß auf den Mund.

„Karl", rief sie atemlos, ein jähes leuchtendes Zucken in den Augen, „Karl, ich danke dir."

Ihr weicher großer Körper preßte sich eng an meinen. Langsam machte ich mich frei.

„Liebe Hertha", sagte ich, „liebe Schwester Hercha."

Auch die schwarze Bessy bekam einen Kuß.

Als ich mit meinem kleinen Koffer in Mädchen- tracht aus dem Hause ging, standen die blonde Hertha und die alle treue schwarze Bessy am Fenster und winkten

Das Eldorado der Dienstmädchen

Die unbestrittenen Kriegsgewinnler von New­york.sind die Dienstboten, die sich auch heute noch einer Sonderstellung auf dem Arbeitsmarkt er­freuen, die keine Flauten kennt und in absehbarer Zeit auch nicht kennen lernen wird, denn die dienst­baren Geister der Neuen Welt haben keine ein­heimische Konkurrenz zu befürchten. Die junge Amerikanerin, die in der Kriegszeit nicht nur an hohe Löhne, sondern auch an die denkbar größte persönliche Freiheit gewöhnt war, hat zwar heute auf die hohen Löhne verzichten muffen, aber dennoch an ihrer persönlichen Freiheit festgehalten.

Sie geht heute lieber für einen wahren Hunger­lohn in Seidenstrümpfen und billigen Pelzen in eine Fabrik oder ein Büro, als daß sie, wie sie sich so drastisch auszudrücken beliebt, „den Dreck weg­räumt, den andere gemacht haben." Der Arbeits- markt für weibliche Hausangestellte wird also fast ausschließlich von Einwanderinnen beherrscht, wobei man den deutschen Mädchen immer den Vorzug gibt. Auf vier angebotene Diestmädchenstellen kommen in Newyork nur zwei Bewerberinnen.

Dieses Mißverhältnis hat natürlich viel dazu bei­getragen, daß die Mädchenlöhne in Newyork zwi­schen 60 und 120 Dollar im Monat bei freier Woh­nung lind Verpflegung schwanken.

Aber das reizt die jungen Amerikanerinnen nicht. Für fremde Mädchen aber, die sich nicht zu persön­lichen Dienstleistungen verpflichten mögen, ist Amerika auch kein Eldorado mehr. Dann warten nur schlechtbezahlte Stellungen in den Schwitzkästen der großen Schneiderwerkstätten auf der Ostselle auf die Einwanderin, und teure, aber dumpfe Zimmer- chen in einem düsteren „Boardinghouse", schlecht be­reitetes Essen an der gemeinsamen Tafel und in den einsamen Freistunden auf dem trüben Zimmer das graue Gespenst des Heimwehs . .

Und Mädchen verällll.- lich aüf das Dienstmädchen herab Sie sind stolz auf ihr bißchen „persönliche Freiheit", ein lächerlicher und doch ein braver Stolz . . .

Für Mädchen, die einmal der Newyorker Men­talität verfallen sind, ist die Dienstmädchenschürze un­denkbar.

Lieber noch werfen sie.sich in einem Anfall der Verzweiflung und des bitteren Heimwehs in die trä­gen Waffer des trüben Hudsonflusses, oder aber ge­schminkt und gepudert und mit fieberhaft glänzen­den Augen in den giftig-schillernden Strom, der sich allabendlich unter dèn strahlenden Lichtern des Broadway ergießt...

Herzlich wilkommen

Unter der Einwirkung eines leichten Lampen­fiebers, das mir ein Gefühl verlieh, als wenn man

im Fahrstuhl zu eilig nach unten fährt, und das mei- i nem Gesicht zweifellos eine interessante Blässe gab, stieg ich die eine Treppe hinaus, die zu der „First Newyork Employment Agency for Houseworkers" führte.

Die stattliche Managerin dieser Bermittlungs- agentur für Dienstboten, begrüßte mich herzlich, strahlte, als sie hörte, ich sei „eine Deutsche" und noch nicht lange im Lande.

Sie überhob mich jeder möglichen Verlegenheit dadurch, daß sie mich gar nicht zu Worte kommen ließ, sondern im besten Deutschamerikaitlsch und leicht nasaler Klangfärbung eine lange Reihe von „good jobs", guten Stellungen, herunterschnurrte.

„Unsere Mädeles kriegen alle gute Jobs. In zwei, drei Jährche habbe se alle ä scheens Stickler Geld, heirate den Grocer, den Krämer von der Ecken, oder den Butcher, den Slächter. Nur gute Herrschafte komme bei mir — first claß Clientel only — reiche Leut, die wo was schpende for die Mädche und wo dies gutt habbe Judd und Christ, American und Forre-gn, take your choice, wähle Se. Miß."

,^4 möchte gern die Dame, in deren Dienst ich trete, vorher sehen, wenn es geht. Ich kenn mich in Newyork noch nicht so richtig aus."

„Allright, das kann geschehe . . . Take a seak, girlie, warten Se hier, bis ä Costumer, ä Kundin kommt. Lang wärds net hauere . . ."

Und es dauerte wirklich nicht lange. Fast un­unterbrochen kamen. Damen, die ein Mädchen such­ten, German preferred, Deutsche vorgezogen. Diese Damen wurden lange nicht so herzlich empfangen, wie die wenigen Mädchen, die um Stellungen nach­fragten.

Ich sprach mit drei verschiedenen amerikanischen Hausfrauen und bestand die Feuerprobe mit wehen­den Fahnen. Die eine, eine grauhaarige Dame mit goldenem Zwicker, meinte bewundernd:

„Dou feem to bea strong girl, Sie scheinen ein kräftiges Mädchen zu sein", und schilderte mir in verlockenden Farben ihren bequemen Haushalt in Brooklyn.

„Wir sind nur zwei Personen, mein Mann und ich, und beide wenig im Hause. Ich zahle Ihnen 90 Dollar im Monat. Kychen brauchen Sie nicht."

„Sie haben auch eine Köchin, Madame?"

„Ja, eine Köchin und ein Stubenmädchen. Sie sollen die grobe Arbeit tun."

„Dann tut es mir sehr leid, Madame, aber ich suche eine Stellung, wo ich allein bin."

„Was sagge Sie?" fiel mir die Managerin der Agentur ins Wort, „Sie wolle alleine diene? Wer by golly, das ist ja wunderscheen. Alle die andere Mädeles suche Jobs, wo se Kolleginne habe, mit die sie schwätze könne. Für Siechab ich a Job, der Sei gefalle wird! Warte Se, ich werd tèlèphdniere." '

Angebot machen wollten:

^ „Ladies, es tut mir leid, dieses Mädchen ist schon

Engagiert

Nach einer halben Stunde kam eine etwa 35jäh- rige sehr einfach aber elegant gekleidete Dame in das Büro und fragte die Managerin in dem leise singenden Tonfall an, dem man sofort die kultivierte Amerikanerin erkennt:

„Also, Mrs. Bauer, Sie haben das Kunststück, fertig gebracht und mir ein Mädchen gefunden."

„Hier sitzt sie" — sie wies auf mich — „das Mäd­chen ist schon älter, eine Deutsche, noch nicht lange im Lande. Sie zieht es vor, als Alleinmädchen zu dienen. Sie fordert aber 100 Dollar Lohn im Mo­

Von Kofi Ey

Copyright 1980 by Presseverlag Dr. Dämmert

nat und ein eigenes Zimmer. Auch wünscht sie ein­mal die Woche Ausgang von 4 Uhr nachmittags bis zum anderen Morgen. Sie hat Verwandte hier."

Ich war baff vor Staunen, als die Managerin meine Bedingungen stellte, ohne daß ich überhaupt nur ein Wort darüber gesprochen hatte, Ich war aber mit den Bedingungen durchaus zufrieden und nickte ihr, chre Worte bestätigend, zu.

„Für Eich Kreete muß mer sorgen", rief sie mir, ohne sich um die Dame zu kümmern, in ihrem Kau­derwelsch zu und lächelte, ,Lhr meecht ja net das Maul aufmache und laßt Eich sonst einwickele."

Die Dame betrachtete mich und schien Gefällen an mir zu finden.

„Sie .verstehen wohl Englisch genug, um die Be­dingungen zu verstehen, die mir Mrs^ Bauer ge­stellt hat. Ich nehme sie an und will Ihnen noch eine baldige Zulage in Aussicht stellen, wenn Sie das halten, was ich mir von Ihnen verspreche. Mein Mann und ich sind den ganzen Tag in der City ge­schäftlich tätig und möchten, wenn wir abends heim­kommen, eine gemütliche, ordentliche Wohnung vor­finden, in der uns ein warmes Mahl und ein freund­liches Gesicht erwartet. Ich verlange von Ihnen peinlichste Sauberkeit, absolute Ehrlichkeit und Willigkeit, denn Sie werden noch lernen müssen, daß zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Haushalt doch ein großer Unterschied ist. Sie haben in Ihrer Heimat doch auch gedient?"

Stumm nickend log ich: Ja.

„Schön. Die Stellung ist ganz selbständig. Sie sind tagsüber, in der Wohnung allein. Rechtfertigen Sie mein Vertrauen, und Sie sollen es gut haben. Sie haben wohl, fuhr sie bahn mit einer -seltsam milder Stimme, die ganz im Gegensatz zu ihren ersten geschäftsmäßig abgegebenen Erklärungen stand, „im Kriege drüben viel gelitten?"

Herr, steh mir bei —

„Ich leider Mademe, die Frauen, Kinder und Wen hatten viel zu leiden —". Das war keine Lüge.

„Das war nicht der Wunsch Amerikas. Doch ge­nug davon, Sie sehen, daß Onkel Sam auch den früheren Feinden die Tür wiedergeöffnet hat und alle Deutschen, die mit friedlichen Absichten komrnen, bewillkommt."

In den ersten "Jahren nach dem Kriege bestand das Ouotengesetz, das heute die 'Einwanderung so erschwert, noch nicht.

„Sie sprechen ein recht gutes Englisch", sagte die Dame weiter.

' Sollte ich ihr verraten, daß ich schon so lang? im i Lande war? Nein, ich wollte sie bei dem Glauben, es mit einer kürzlich Eingewanderten zu- tun zu

„In Deutschland wird auch in den Mädchen­schulen Englisch gelehrt."

„Nun nehmen Sie Ihren Koffer. Mein Auto steht draußen. Ich fahre Sie nach unserer Wohnung. Auf Wiedersehen, Mrs. Bauer, und vielen Dank. Die Rechnung schicken Sie wohl nach meinem Geschäft."

In wenigen Minuten hatte sich das Auto, das meine neue Lady selbst lenkte, aus dèm Verkehrs- mirrwarr der 3. Avenue herausgewunden und fuhr die stillere 8. Avenue hinauf, bis es auch diese ver­ließ, einige Parkanlagen durchkreuzte und dann in der, Prachtstraße Newyorks, der Riverside Drive einbog, wo es vor einem großen Apartmenchäuse zum Halten kam.

Wir waren angelangt ...

(Fortsetzung folgt.)

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Das Narrenkomitee,

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Fastnacht - Dienstag ab 3*/» Uhr

Konzert

Lentrat-Theater

Ab heute bis einschl. Mittwoch den 18. Februar in stummer Fassung mit Orchesterbegleitung:

99

(die falsche Zarentochter)

ein deutscher Millionenfilm mit Rudolf Klein-Rogge, Olaf Fyord, Edith Jehanne, Paula Andral i. d. Hauptrollen

Beifilm:

„Der Kampf um die Goldfelder

Ein spannendes Abenteuer aus Californien

Ab Donnerstag: Wilhelm Dieterle, der große deutsche, Filmschauspieler in seinem ersten Sprech- und Tonfilm

Der Tanz geht weiter