Donnerstag den 8 Februar 1931
Sette 1
Nr. 30
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DAS IST AMERIKA
Hinter der Dollarfront / Ein deutsches Schicksal in U. S. A
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24. Fortsetzung
Die Hölle von Newyoik
Abends verkriecht sich das Heer der Erwerbslosen in die „Hotels", verlotterte Logierhäuser mit steilen Treppen aus imitiertem Marmor und glänzenden Messingbeschlägen, wo man für 5 bis 20* Cents ein Bett für die Nacht erhalten kann.
Aber hinter diesen blankgeputzten Fassaden wohnt das Grauen, das fast noch schlimmer ist als die harten, kalten Steine der Straße. In großen, stinkenden, kaum gelüfeteten Räumen stehen die mit schwarzem Wachstuch überzogenen Betten wie Totenbahren dicht nebeneinander Ein Drahtkorb hängt über jedem Bett von der Decke herab, um die Kleidungsstücke und die „Wertsachen" der Gäste aufzunehmen.
Nur abgebrühte Kunden oder todesmatte Men-
scheu vermögen in diesem Inferno eine Art Ruhe zu finden, denn in den schwarzen Wacbstuchbahren wimmelt ein verborgenes, teuflisches Leben. Und wen das Ungeziefer nicht vertreibt, der flieht vor dem wilden Gestöhn, dem verhaltenen Schluchzen und dem wüsten Gelächter, das hier die ganze Nacht gegen die Wände prallt. und zieht es vor, das ™ Morgendämmern auf der Straße oder im Park zu erwarten.
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s Wer aber nicht einmal den Nickel für diese furchtbaren „Hotels" hat, die jede Nacht einem halben hunderttausend Menschen ein grauenhaftes Obdach geben, der steht schon um 5 Uhr abends vor einem ber vielen „Rettungsmissionshäuser" Schlange, um zu den glücklichen ersten hundert Personen zu zäb- .. len, die nach der „Bekehrungsstunde" eine Tasse
? Kaffee, zwei Scheiben Brot und ein sauberes Bett
* ! umsonst erhalten, wenn sie öffentlich ihre „Sünden bekennen . . .
Und was sind das für Sünden, die diese Leute, die vor wenigen Monaten noch gutbezahlte Arbeiter W und Handwerker waren, für den Preis eines dürf-
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Ligen Nachtlogis bekennen?
•J i Ihr Mund stammelt sinnlose Worte in allen -Sprachen der Welt, aber ihr niedergeschlagenes Auge ‘sagt, daß bei manchen die größte Sünde die war, für ™ hohe Löhne gegen das Land ihrer Väter Granaten
gebreht zu haben, um nun in der Fremde, von Freund „ , und Feind verachtet, die Not am eigenen Leibe R spüren zu müssen
Jetzt stehen sie da, die vielen kleinen deutschen Lumven, die — wie recht hatte damals doch „Hum- bug Jim" — ihre Heimat, ihr Vaterland, ihre Ebre sür gleißendes Gold verkauften. fetzt sieben sie hilflos und ehrlos auf der Bowery, um langsam in den M Schlamm zu versinken, der unter dem Pflaster zu gären scheint.
— Alle aber haben jetzt nur den einen Wunsch im herzen, sick herüberznarbeiten, als Trimmer, um= onst, zurück in das Vaterland, das sich drüben in urchtbaren Schmerzen windet, zurück zum Heimat-
and, das sie verraten haben.
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An allen Ecken stieß ich auf diese „Landsleute", jiè sich oft noch als gekränkte Unschuld vorkamen, peil der Waffenstillstand sie aus den Munitionsfabriken vertrieben hatte, die ihr schweres „Geschick" gejammerten, die innerlich und äußerlich zu schmutzig waren, al? daß es möglich war, ihnen die Hand zu geben und mit denen man wenn man ihre hilflosen, Qualvollen Blicke sah, doch ein gewisses Mitleid haben mußte.
Jch hatte aber keinen Vorrat an Mitleid, um ihn anderen zuzuwenden. Ich selber tat mir herzlich leid. Seitdem ich Ro^-tter verlassen hatte, war ich zwei Jahre hier in Newyork gewesen. Zwei schlechte Jahre.
Zuerst ging es noch einigermaßen. Ich fand eine Stelle als Billettabnehmer in der Untergrundbahn — 32 Dollar in der Woche bei 10 Stunden Dienst. Im Grunde genommen eine ganz hübsche Stelle und ein ganz hübsches Einkommen, es reichte zu einem freundlichen Zimmer bei einer netten jüdischen Familie an der 2. Avenue. es gestattete mir, richtig und reichlich zu essen, mein Zeug blieb in Ordnung, am freier Tage konnte ich nach Long Island fahren und sogar einmal die Woche einen in mäßigen Grenzen gehaltenden Broadway-Bummel machen.
Aber etwas war doch in mir kaputt. Der richtige Trieb fehlte, die Stellung hatte keine Chancen, der Verlust in Rochester saß mir noch im Herzen . . . . Hätte ich vor sechs Jahren bei der U-Bahn angefangen, wer weiß, ob ich nicht die Hindernisse nach oben hätte überspringen können. Aber jetzt als'26jähriger, der schon in freien Stunden an die Vergangenheit denkt, statt an die Zukunft — das Höchstgehalt für Billettäbnehmer oder „subway guards" konnte nach 30jähriger Dienstzeit erreicht werden und betrug 42 Dollar die Woche ....
Obendrein hatte ich mir in den zugiaen Sperren etwas aufgehalst, das in den Muskeln zog und mit einem trockener Husten einherging, wobei der Kopf siedendheiß wurde und die Äugen wie flüssiges Blei brannten.
Immerhin hätte ich wohl ausaehalten, stumvf- sinnig u. haushälterisch, wenn nicht jener denkwürdige Novembertag gekommen wäre, wo eine wahn- finniae Menge heulend und pfeifend durch die Straßen Newnorks zog, wo alle Fabriken die Munitionsarbeiter und Arbeiterinnen mitten am bett-n Tage ousG'"" die noch mit dem Del und Schmutz der Arbeit an Körper und Reibung die Lokale stürmten und ein Gelage eine Orgie von beisvielsloser Gier inszenierten — der Waffenstillstandstag.
In Strömen floß das Geld aus den Taschen der Feiernden an diesem Inn», da Deutschland das Schwert einsteckte und da Hunderttaulende Maschinen und Millionen Hände überflüssig wurden.
Dann ebbten die Scharen der Soldaten zurück.
„Give Work for our Heros" — Arbeit für unsere Helden, so brüllten auf einmal die Blakate, so schrien die Blätter so forderte der Kongreß.
„Alle vorläufig einaejtcHten Anaestellten sind am Freitag, nachmittags 5 Uhr, entlassen." Diese Bekanntmachung der Direktion der U-Bahn bedeutete das Ende meiner ,.subway"-Tätigkeit.
Uebrigens konnte ich den Standpunkt der Direktion sehr wohl verstehen. Das kribbelnde Mih- bebagen in den Knochen war aber damit n'-bt ent- lanen, sie nächste Wochenmiete für.mem
Zjmmer an der 2 Avenue nicht mehr bezahlen konnte und meine wenigen HäbsèLgkeiten packte, hatte ich noch einen ekelhaften Blutsturz, der aber den Druck auf der Brust linderte und mir ein angenehmes leichtes Gefühl verlieh
Ich schlich mich beinahe aus meinem Zimmer; denn der billige Teppich war mit Blut befleckt worden. Wenn das die Wirtin sah, hätte sie mir vielleicht noch als Entschädigung meine letzten beiden Dollar abgesordert....
Als ich wohnungslos und fast mittellos auf die vom Dezemberwind gepeitschte Straße trat, war ich „down and out" ....
Etwas über den Hunger
Was meinen Sie wohl, was leichter ist: Betteln oder Sleyten? Sie jagen Betteln U^ sage Stehlen. Ich behaupte, daß es leichter ist, aus Nor unehrlich zu weroen, als aus Rot mit seinem Mtggejchick hau- jieren zu gehen, üd) behaupte sogar, es ist leichter — uod) genug davon.
Ich have nicht gebetttelt und das einzige Mal, da ich einen Diebstahl beging, war jener unangenehme Moment, als ich einem griechischen Karrenyandler, der sich am Manhatianmarkt mit einer Negerin unterhielt, zwei Bananen von seiner Karre nahm.
Ich tat das damals mehr aus Lüsternheit als aus Hunger, obwohl ich seit zwei Tagen nichts gegessen hatte, denn auch über den Hunger macht sich der Laie ein ganz falsches Bild. Wenn ich jetzt so merkwürdig oft in Deutschland die Phrase höre „Hunger tut weh", so möchte ich immer fragen: Aber woher wissen Sie denn das?
Hunger kann man nicht aus Büchern lernen, wie Algebra und Staatswissenschast. Wer also nur theoretische Kenntnisse vom Hunger hat, kann gar nicht mitreden. Und zweitens:
Tut Hunger wirklich weh?
Nein, die ersten Appetitregungen sind zwar unangenehm. Wenn aber der richtige Hunger einfegt, so ist das Hungergefühl verschwunden. Man muß nur erst mal das seltsame Gefühl der Leere überwunden haben, dann wirkt der Hunger beinahe berauschend. Man geht zwar unsicher und hat diese unangenehmen Fleckchen vor den Augen, aber man fühlt sich leicht. Ja, in diesem Zustand kann einem ein fettiger Bratengeruch, der manchmal- aus den Kellerküchen der Restaurants auf die Straße steigt, und den man in der ersten Zeit des Appetits wollüstig eingesogen hat, zum Brechreiz werden.
Uebrigens kann man auch sehr leicht seinem Magen etwas vorschwindeln, indem man so viel Wasser trinkt wie man schlucken kann, und dazu eignen sich besonders gut die kleinen Trinkfontänen, die man in fast allen öffentlichen Bedürfnisanstalten New- yorks findet. Und dann sagt man noch, das Land habe kein soziales Gewissen ...
Aber mit dem Hunger hat es auch noch eine zweite Seite. Viele Freunde, die den Weltkrieg mitmachten und die Notzeit im Vaterland erlebten, erzählen mir vom Hunger Ja, aber haben sie allein gehungert in einem Schlarafsenlande, deren Lockungen nur durch eine dünne Spiegelglasscheibe von ihnen getrennt war? Nein, wenn sie nichts hatten, hatte keiner was. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.
Wenn ich Richter wäre und man führte mir einen unverschuldet in Not geratenen, hungrigen Menschen
Trüffelwurst und Gänsebrust protzte, mit einem Backstein zertrümmerte, nicht vielleicht nur deshalb, um sich an den Delikatessen gütlich zu tun, sondern aus einem dumpfen Protest heraus, so würde ich den Mann zu einer Mastkur verurteilen, dem einzigen Weg, um ihm den Irrtum feiner Tat zu Gemüte zu führen
In Amerika und anderen zivilisierten Ländern pflegt man aber in solchen Fällen drei Monate Arbeitshaus zu verhängen . . .
■ Von Karl Ey
Copyright 1930 by Pretievertag Dr. Dämmert.
Bei Mutier Grün
Viel unangenehmer als der Hunger ist das Entbehren des Schlafes. Man braucht nur einmal zu versuchen, zwei volle Tage und Nächte lang ohne Schlaf aber in steter Bewegung zu sein, um das Ver- driek-'iche dieses Zustandes voll zu verstehen.
Am Tage gibt es zwar noch Gelegenheiten, etwas Ruhe und Wärme zu schnorren. Da ist die Newyork Library, die öffentliche Bibliothek, in der man sich ungestört stundenlang auf einem bequemen Holzsitz aufhalten kann, wenn man erst einmal den Trick heraus hat, mit offenen Augen zu schlafen und dabei hin und wieder mechanisch die Seite eines Buches umzudrehen.
Sackt einem aber wirklich der Kopf auf das Buch, so wird man energisch auf gerüttelt und vor das prunkvolle Marmorportal eskortiert. Die Bahnhofshallen als Tagesaufenthalt sind schon gefährlicher. Man könnte dort leicht von dem Polizisten als „verdächtig" aufgegriffen und arretiert werden. Ruhe findet man manchmal auch in den Toiletten der Bahnhöfe, sofern sich die Türen von innen verriegeln lassen.
Schlimmer ist es schon nachts Da sind zwar die Bänke im Zentral-Park Aber die Dezemberkälte macht nur kleine Nickerchen möolich, auch haben hier die Polizisten die unangenehme Angewohnheit, den Schläfer mit einem Gummiknüppelhieb unW die durchlöcherten Schuhsohlen unzart aufzuwecken.
Allerdings nicht alle Einmal ruhte ich bei starker Kälte auf einer Parkbank. Ich hörte zwei Polizisten kommen, war aber zu gleichgültig, mich fortzutrollen. Laß sie kommen . . So, nun war die Zeit für dèn Gummiknüppel da . Nanu, rührt sich denn nichts? Schließlich sagte der eine Police- man im reinsten Platt:
„Lot man Schorsch, lot em man schlopen *
Dann merkte ich. wie er im nahen Absallkorb herumkrappelte und einige der riesigen Newyorker Zeitungen über mich ausbreitete.
Wenn dieser Policeman auch die größten Schandtaten verübt hat. diese Tat muß mit dem Himmel belohnt werden, dachte ich . .
Die „down and outs" können zu reißenden Tieren werden, sind aber auch die dankbarsten Menschen der Welt.
Wenn man allerdings schon längere Zeit ohne Obdach ist, so lernt man allerlei Künste. Auch im Winter zum Beispiel läßt sich mit Hilse einiger Zeitungen, die man sich unter Rock und Weste schiebt, eine gewisse Wärme erzielen Wenn man erst mit dem Zentralpark vertrauter ist, wird man auch nicht die Bank mehr wählen, sondern einen der Musikpavillons, wo man doch immer einen kleinen Schutz hat, wenn das schwere Plapp-plapp der ersten Tropfen einen der Newyorker Frühregen ankündigt
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Romadenleben a/s Hungerkünstler und Zentralpaft- zigeuner nicht kränker geworden. Der immer befürchtete und erhoffte zweite Blutsturz (er hätte oiel-
leicht ein Hospital bedeutet mit weißen Betten, einem Bad und warmem Essen) stellte sich nicht ein. und zehn Jahre später erklärte mir ein bekannter Arzr in Deutschland, die Hungerzeit habe wahrscheinlich aus einen Abzeß heilend gewirkt, der sich in meinem rechten Lungenflügel gebildet hatte . . .
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