Seite r
Montag beti 1 Februar 1931
Nr 21
SteübSattgeftelttett-Tasmtg dev Deutschen Volksvavtei
Berlin, 1. Febr. Unter dem Vorsitz des Landtags- abgeordneten Heidenreich wurde heute die Tagung des Reichsangestellten-Ausjchusses der Deutschen Volkspartei fortgesetzt. Reichstagsabgeordneter Glatzel führte dabei in einer Rede u. a. aus: Die Angestelltenschaft habe eine entscheidende Rolle zu spielen, wenn es sich, entsprechend dem Programm der Deutschen Bolkspartei, darum handele, eine politische Bewegung zu schaffen, die als Sammelpunkt für eine Reichserneuerung dienen solle. Die Tendenz der Nachkriegszeit gehe zweifellos dahin, daß die Arbeitnehmerschaft aller Gruppen mit Recht un Staate größeren Einfluß verlange. In ihrem Ber* hältnis zum Staat werde die Deutsche Volkspartei sich nie zur Trägerin von Experimenten machen können. In Deutschland komme es hauptsächlich darauf an, das richtige Verhältnis zwischen der Autorität des Reichspräsidenten und der Regieruung aus der einen und des Reichstages auf der anderen Seite herzustellen. Fetner sei an die Stelle des Reichsrates eine Erste Kammer zu setzen. Eine durchgreifende Verwaltungsreform sei erforderlich.
Sodann sprach Generalsekretär Fecht- Berlin über das Thema „Arbeitnehmer und nationale Kultur". Bei der Erörterung des Wiederaufbaues werde nur über materielle, wirtschaftliche Fragen ge- jprochen, die tiefen, seelischen Nöte unseres Volles würden aber kaum berührt. Und doch liegt hier der Schlüsiel zum Verständnis vieler Erscheinungen unserer Zeit. Ablehnung und schärfste Bekämpfung aller zersetzenden materialistischen Einflüsse, Förderung und Pflege aller idealistisch-ethischen Werte in der Familie wie im Staatsleben sei deshalb die Aufgabe. Die Mittelschichten seien wieder zur Führung berufen. Wir müssen auf kulturellem Gebiet zum Angriff übergehen, um Stärkung und Erhaltung des deutschen Volkstums auch über die Grenzen des Heu» tigen Reiches hinaus neu durchführen zu können.
' Stresemann - Gedenkstunde
Berlin, 1. Febr. Zugunsten eines Stresemann- Ehrenmals in Mainz veranstaltete der Ehren- und Arbeitsausschuß unter dem Protektorat des Reichskanzlers Dr. Brüning heute im Reichstag eine weihevolle Feierstunde, an der auch die beiden Söhne des Verblichenen sowie die Mitglieder des Ehrenausschusses, Reichsaußenminister Dr. Curtius und Reichsminister a. D Dr. Scholz, ferner die Staatssekretäre Dr. Meißner, Dr. Pünder, d. Bülow, Geib und Dr. Abegg, Ministerialdirektor Köpke, Geheimrat Katzenberger, der frühere Reichskanzler Dr. Marx und ein großer Kreis ausländischer Diplomaten teilnahmen.
Der erste Test des stimmungsvollen Nachmittags fand in der Wandelhalle statt, wobei von bekannten Künstlern verschiedene musikalische Darbietungen zum Bortrag gebracht wurden.
Nach einer kurzen Pause nahm die Erinnerungsfeier im Plenarsaal ihren Fortgang mit einer Gedenkrede des Freiherrn Rochus v. Rheinbaben, in der er Stresemann als Staatsmann und Mensch würdigte. Künstlerische Vorträge schlossen die Feier.
M Bevlm
Ein Toter, mehrere verletzte
Berlin, 1. Febr. In der letzten Nacht kam es in Charlottenburg zu schweren Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, in deren verlaus sechs Schüsse abgefeuert wurden. Der 24jährige Arbeiter Otto Grüneberg wurde durch einen Schutz getötet. Schwere Verletzungen erlitten der 25 Jahre alle Arbeiter Erich Riemenschneider durch zwei Messerstiche im Rücken, und der 23 Jahre alte Arbeiter Fritz Liere. Der Tote und die zwei Verletzten "Chören zur Kommunistischen Partei. Als das Ueberfallkommando erschien, war der größte Teil der Beteiligten bereits geflohen, so daß nur noch vier Personen festgenommen werden konnten.
heute, Sonntag früh um 7.30 Uhr war eine Kolonne von Nationalsozialisten damit beschäftigt, die Zeitung „Der Angriff" unter den Passanten in der Gegend des Stettiner Bahnhofs zu vertreiben. Dabei trafen sie auf Kommunisten, die sofort gegen die Zei- kungsverkäussr tätlich vorgingen. Der 21jährige Schleifer Reinhold Ahr wurde durch Messerstiche fchwer verletzt, so daß er nach dem Krankenhause gebracht werden mußte. Ein anderer Ieitungsver- käufer wurde leicht verletzt. Als das Ueberfallkommando erschien, waren die Angreifer bereits geflüchtet.
Dev -Ovvelnev pvozeft seseu die volMeheu KUesev
Breslau, 1. Febr. Am Samstag vormittag be« gann vor dem erweiterten Schöffengericht in Oppeln der Prozeß gegen die am 9. Januar dort notgelandeten polnischen Militärflieger
Angeklagt waren der polnische 34 Jahre alte Feldwebel Hugo Wolff, sowie der 23 Jahre alte Sergeant Marian Jmiela, beide aus Krakau. Sie wurden beschuldigt, die Reichsgrenze unbefugt überschritten zu haben, ohne im Besitz eines notwendigen Ausweises zu fein, sich als Ausländer nicht durch einen Paß oder andere Papiere ausgewiesen und gegen das Luftverkehrsgesetz verstoßen zu haben, wonach ihnen das Ueberflieoen deutschen Hoheitsgebietes ohne besondere Genehmigung der Reichsregierung nicht gestattet war. Nach mehrstündiger Verhandlung und Anhörung des Sach- oerftänbigen und der Zeugen beantragte der Oberstaatsanwalt gegen Wolff zwei Wochen Gefängnis, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten, gegen Jmiela Freispruch. Das Gericht folgte in etwa eittstündiger Beratung den Ausführungen des Oberstaatsanwaltes und verkündete folgendes Ur= teil: „Der Angeklagte Jmiela wird frei« gesprochen, "der Anaeklagte Wolff wegen Vergehens gegen § 1 Ziffer 1 der Paßvorschriften mit zwei Wochen Gefängnis bestraft."
Auch die Begründung des Vorsitzenden lehnte sich tn der Hauptsache den Ausführungen des Oberstaatsanwaltes an. Der Vorsitzende führte aus, daß das Gericht nur zu prüfen gehabt hat. ob strafbare Handlungen vorlägen. Politisch« Erwägungen dürften keinen Einfluß haben, insbesondere auch nicht die große Erregung, die durch wiederholte Grenzverletzungen in der oberschlesischen Bevölke-
i& Aeiths-Landbundtag
Eröffnung d«mb rteichStagSabseordneten Lind
Berlin, 2. Febr. Im Zirkus Busch findet heute der 10. Reichs-Landbundtag statt. Auf der Tagesordnung stehen u. a. Reden der Präsidenten des Reichs-Landbundes, Bürgermeister Lind, Graf v. Kalckreuth und Bauernhotbesitzer Bethge.
Der Präsident des Reichslandbundes, Reichstags-Abgeordneter Lind- Niederissigheim eröffnete die Tagung mit kurzen Begrüßungsworten an die aus allen Gauen Deutschlands Herbeigeestten Vertreter und gedachte der Toten des Jahres. Im An- schluß daran führte er u. a. aus:
Der Kuppelbau des Zirkus Busch ist schon aus den Gründungszeiten des Bundes der Landwirte die Tagungsstätte der deutschen Landwirtschaft, wenn es heißt, mit der Regierung über ihr Verhalten der Landwirtschaft gegenüber in deutlicher Form abzurechnen. Für mich ist der heutige Tag von historischer Bedeutung, denn vor 28 Jahren durfte ich im Februar 1903 hier an der glichen Stelle als süddeutscher Vertreter die Erklärung abgeben: Es gibt in der deutschen Landwirtschaft keinen Westen und keinen Osten, sondern nur einen einheitlichen Berufsstand, der um seine Existenz kämpft. Damals stand der Bund der Landwirte im Kampfe gegen die kaiserliche Regierung wegen der Caprivischen Mißwirtschaft und forgerte entschieden Rückkehr zur Bismarckschen Schutzzollpolitik. Auch damals war der Grund zum Kampfe eine verkehrte Außenhandelspolitik, die der Landwirtschaft schwere Wunden geschlagen hat. Der Erfolg blieb dem Kampfe nicht versagt. Die Landwirtschaft erkämpfte ich bessere Zeiten.
Heute ist der Kampf erheblich schwerer als einst, denn wir haben heute eine Regierung, die dem politischen Einfluß der Parteien untersteht. Der Parlamentarismus verhindert sachliche Arbeit. Auch' heute erkläre ich mit Stolz: Es gibt keinen Osten und keinen Westen, sondern es gibt nur eine im Verzweiflungskampf um ihre Existenz kämpfende Landwirtschaft.
Die 10 Jahre Agrarpolitik, die wir hinter uns haben, sind in ihrer ganzen Entwicklung für die Landwirtschaft unerfreulich und sind schuld an dem
Niedergang unserer gesamten Wirtschaft. Der Reichslandbund hat in den ersten Jahren seines Bestehens unter Führung von Dr. Roesicke mit allen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Fortfüh- der Zwangswirtschaft gekämpft und hat uns
rung nach reit.
eine Man
jahrelangem Kampfe von diesen Fesseln be- Aber auch dann noch blieb die Reichspolitik Preispolitik im Interesse der Konsumenten.
hat der Auslandskonkurrenz Tür und Tor geöffnet und nichts getan, um den deutschen Markt
Zu schützen. Es ist tief bedauerlich, daß die Industrie sich im Kampfe um den heimischen Markt von der Landwirtschaft trennte, und sich einseitig die Jndustriezölle von der Reichsregierung garan- teren ließ, währenddem die Landwirtschaft gänzlich ungeschützt blieb.
Erst im Jahre 1925 hat man sich endlich dazu aufgerafft, der deutschen Landwirtschaft ein Zoll-
Abschluß der Handelsverträge wurde dann den In-
rung erzeugt wurden. Objektiv stehe fest, daß beide Angeklagte gegen die Paßvorschriften verstoßen hätten. Trotzdem müsse dem Angeklagten Jmiela zugute gehalten werden, daß er unter einer gewissen Befehlsgewalt des Angeklagte« Wolff stand. Bei Wolff war das Vergehen dagegen nach anderen Gesichtspunkten zu prüfen. Er hätte mit der Möglichkeit der Ueberfliegung der deutschen Grenze rechnen und daher bereits vorher notlanden müssen. Der Haftbefehl gegen beide Angeklagten wurde ufgehoden und die verhängte Strafe gilt als durch die Untersuchungshaft als verbüßt. Die Angeklagten nahmen das Urteil ohne jede Aeußerung ent- entgegen.
Devseltuns au Geuse?
Warschau, 1. Febr. Es hat den Anschein, als ob man hier entschlossen ist, an dem bei Wollstein niedergegangenen deutschen Sportflieger Gruse für die Festnahme der bei Oppeln gelandeten polnischen Mitlitärflieger Vergeltung zu üben. So behauptet die halbamtliche Nachrichtenagentur Iskra, daß der Flugsportverein Schneidemühl, dem Gruse angehört, „militärisch organisiert" sei. Die genannte Nachrichtenagentur „nimmt an", daß oer deutsche Pilot polnisches Gebiet überflogen hätte, um die Flugstrecke nach Breslau abzukürzen „oder auch, um andere Zwecke zu verfolgen", worauf das Lichtbildgerät Hinweise. In beiden Fällen liege jedenfalls eine „bewußte Grenzverletzung" vor, um so mehr, als die deutsch-polnische Grenze bei Wollstein sehr leicht zu erkennen sei.
Der Krakauer Illustrierte Kurier behauptet, daß Gruse an den Schneidemühler Flugsportverein zeitweilig ab kommandierter Reichswehroffizier sei. (Er hat tatsächlich nie der Reichswehr angehört!) Der Apparat sei ein zweisitziges Militärleichtflugzeug (!). Untersuchungen seien im Gange, ob hier nicht ein Spähereioersuch vorliege.
Das Regierungsblatt Gazeta Polska nennt die Verurteilung des Feldwebels zu zwei Wochen Gefängnis in Oppeln ein „Feigenblatt, womit man die Gefangennahme fremder Flieger, die sich infolge Schneetreiben geirrt hätten, bedecken wolle." Die deutschen Behörden hätten hierdurch ein neues System geschaffen und nötigten die anderen Staaten, von nun an diese Methode gegenüber deutschen Fliegern azuwenden.
Do x in Las Palmas
Las Palmas, 1. Febr. Das Flugschiff Do X hat gestern nachmittag die Kanarischen Inseln erreicht und ist um 16.05 Uhr MEZ. in Las Palmas glatt gewassert Der amerikanische Journalist Karl von Wiegand befindet sich übrigens nicht an Bord.
Paris, 1. Febr. Nach einer Meldung aus Las Palmas hat der portugiesische Admiralstabschef, Admiral Eago Coutinho, der mit dem Do X von Lissabon nach den Kanarischen Inseln geflogen ist, erklärt, daß der Flug ausgezeichnet verlaufen ist.
Las Palmas, 1. Febr. Nach den letzten Meldungen hat das Flugschiff Do X auf seinem Fluge
teressen der Exportindustrie einseitig Rechnung getragen und bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen Tariffestlegungen eingegangen, die für die Landwirtschaft verhängnisvoll waren.
Trotzdem die Reichsregierung durch die neuen Handelsverträge keinen ausreichenden Schutz der deutschen Landwirtschaft geschaffen hat, hat sie unter Hergabe von kurzfristigen Krediten die Landwirtschaft zur Intensivierung und Ertragssteigerung animiert. Die deutsche Landwirtschaft hat auch zu diesen Hilfsmaßnahmen in vaterländischer Ge. finnung gegriffen. Es hat sich aber recht schnell er- geben, daß die (Ertragssteigerungen, die mit Wechselkrediten durchgeführt waren, als vollkommener Fehlschlag auswirken mußten, weil die Reichsregierung nicht den Mut hatte, für die Preisgestaltung entsprechende Maßnahmen gegenüber der Ueber- schwemmung vom Auslande in Anwendung zu bringen. Hier begann die rapid zunehmende Neuverschuldung der Landwirtschaft, denn eine Ertragssteigerung mit Wechselschulden durchgeführt, ohne ausreichenden Schutz des Marktes, führt immer zu Mißerfolg. Schuld an der heutigen trostlosen Lage unsere Wirtschaft ist somit nicht unsere eigene Wirtschaftsführung sondern die unzulängliche und verkehrte Handelspolitik der Reichsregierung.
Auch die Maßnahmen, die vom Jahre 1928 ab unternommen wurden, waren nur Teilmaßnahmen, denen ein durchgreifender Erfolg versagt blieb. Entscheidende Fragen blieben in dèr Schwebe, obwohl sich die Not in ganz Deutschland verstärkt und im Osten bereits zur Katastrophe auswirkte. Insbesondere unsere Milch- und Buttererzèugung und die deutsche Rindvieh- und Schweinezucht, auch Obst- und Weinbau mußten unter dem Einfluß der Auslandskonkurrenz schwere Preisernbußen ertragen. Weit schwerer als dies in den 90er Jahren der Fall umr. Die Auswirkung heute ist größer und verhängnisvoller, weil die Lasten viermal höher sind.
Der Regierung wurden die Forderungen des Reichs-Landbundes rechtzeitiaè unterbreitet. Man hat es unterlassen, unter Rücksichtnahme auf die Parteiwünsche, diese Forderungen in einer der erlassenen Notverordnungen mit hineinzunehmen. Deshalb hat ber 10. Reichslandbund-Tag die Aufgabe, hier mit allem Nachdruck zu fordern: Wir verlangen sofortige Hilfe auf den ungeschützten Gebieten! Deutschland ist durch eine zehnjährige verkehrte Polstik wirtschaftlich zu ®runi>e gerichtet. Durch die Erfüllungspolitik gegen die der Reichs-Landbund immer in schärfster Ablehnung stand, ist unsere gesamte Wirtschaft, einschließlich der Landwirtschaft nicht nur des Betriebskapitals beraubt, sondern schwere Eingriffe in die Substanz haben stattgefunden. Wir sind ein Sklavenvolk ht der Hand unserer Feinde!
Wir Landwirte, die wir gewohnt sind zu kämpfen, wir ergeben uns nicht willenlos dem Untergänge! Unsere Parole heißt: Kampf für die Erhaltung auf freier -schölle!. Kampf für den Wiederaufbau unserer Wirtschaft! Kampf für ein neues ^-mnyland, in dem ein krèlèr' Bauernstand Plötz
von Lissabon nach Las Palmas 1430 Kilometer in 6 Stunden 58 Minuten zurückgelegt. An Bord ist alles wohl. Da die Uebernahme von Benzin durch starke Dünung sehr erschwert wird, ist es noch unbestimmt, wann der Do X weiterfliegen wird.
LMvd Do x verkauft?
Las Palmas, 1. Febr. Admiral Coutinho, der den Flug von Lissabon nach Las Palmas als Fahrgast mitmachte, erklärte gegenüber dem Vertreter der United Preß, daß der Do X ein bemerkenswert stabiles Flugzeug sei. Er hätte die ganze Zeit über das Gefühl gehabt, mit der Eisenbahn zu reifen. Das Wetter während der Fahrt sei nicht gerade schlecht gewesen, immerhin hätte man viel Nebel angetroffen und daher auf das Anfliegen von Madeira verzichten müssen. Admiral Coutinho deutete in ziemlich geheimnisvoller Weise an, daß Do X von dem Amerikaflug nicht mehr zurückkehren würde, da ein gewisser Staat zum Ankauf des Flugschiffs entschlossen sei. Er weigerte sich je- noch, nähere Angaben zu machen.
Gandhi WM wettev Kämpfen
Allahabad, 31. 3an. In einem Interview erklärte Gandhi Pressevertretern, die Kongreß- sührer seien einstimmig der Ansicht, daß die Bewegung des bügerlichen Ungehorsams weder auf- hören nach nachlassen dürfe, es sei denn, e, käme zu einem Waffenstillstand. Eine Massenbewegung wie die zivile Gehorsamsverweigerung könne nicht abgeblasen werden, wenn nicht den Massen die Hoffnung auf eine Lösung der Streitfragen erwüchse. Dies könne jedoch nicht de, Fall sein, solange die Unterdrückung in bösartiger Form fortgesetzt werde.
Dev LNovdvvozsH Älbvlch
Berlin, 31. Jan. In nichtöffentlicher Sitzung wurde heute die Verhandlung gegen die wegen Mordes an dem Uhrmacher Ulbrich angeklagten Benzinger, Stolpe und Luise Neumann fortgesetzt. Als erster Zeuge wurde der Kriminalsekretär «ömettons vernommen, der über die Aussagen, welche die Angeklagte Neumann ihm gegenüber nach der Verhaftung machte, berichtete. Die Luise Neumann widersprach den Bekundungen des Zeugen und verweigerte die Aussage. Sodann schritt das Gericht zur Rekonstruierung der Tat. Da von den anwesenden Wachtmeistern sich keiner bereit erklärte, hierbei die Rolle des Ermordeten zu spielen, wurde diese schließlich von dem als Sachverständigen geladenen Leiter des Sexualwissen- schaftliche'n Instituts Dr. Abraham übernommen.
Im weiteren Verlauf des Prozesses wurden über das Vorleben des Uhrmacher Ulbrich in nichtöffentlicher Sitzung zwei Zeugen gehört. Die 24jährige Arbeiterin, die die Neumann zu dem Uhrmacher gebracht haben soll, bestritt zuerst, daß
sie die Angeklagte Neumann überhaupt kenne. Ax genaueste Fragen gab sie die Möglichkeit zu, da die Angaben der Neumann stimmen könnten, hx nächste Zeuge war ein Freund des ermordeten Uh, machers, der Maschinenschlosser B- Er wußte, bei Ulbrich Mädchen photographierte und sie dafür b, zahlte. Er sammelte die Bilder nur für sich. ^ Februar lernte der Zeuge die Leumann kenne» vor der er seinen Freund warnte. Später erzählt er ihm auch, daß sie ihn bestohlen hätte und das zwei Freunde von ihr ihn um 70 bis 80 RM er preßt hätten.
Nach einer kurzen Pause wurde dann gegy Mittag die Öffentlichkeit wiederhergestâ. $ wurden die auswärtigen Zeugen vernommen. Eh Landwirt aus Redel stellte Stolpe ein gutes Zeug nis aus. Die Gendarmen aus Redel und Schiene! bein, die die beiden Jungen verhaftet hatten, h stritten, daß irgendwelche Mißhandlungen Borge kommen seien.
Nach der Mittagspause wurde die Lehren Pulver vernommen, die über den Charakter d« Angeklagten Neumann aussagte. In ihrer Au» sage fiel auf, daß sie behauptete, nie etwas doi Grausamkeit oder Lieblosigkeit bei der Neumeai beobachtet zu haben. Sie habe vielmehr den Ei» druck großer Naivität, fast Infantilität bei i« Neumann gehabt, welcher Eindruck sich auch bc einem Besuch bei der Neumann im Gefängnis er neuert habe. Der Vorsitzende hielt ihr darauf tz von Ulbrich angefertigten Photographien vor un fragte, ob die Zeugin immer noch sagen wolle, Liechen Neumann sei das naive Kind. Da die Zeug!» mit der Antwort zögerte, erklärte der Vorsitzes er unterbreche ihre Vernehmung, damit sie sich im Antwort in Ruhe überlegen könne. Die Mutter d« Angeklagten, Frau Anna Neumann, die nun oer nommen wurde, schilderte ihre Tochter als fe zonig und ein bißchen dickköpfig, aber dann auf wieder als gut. Auf Fragen erklärte die Zeugiz ihre Tochter Anna, die Schwester Lieschens, je einmal auf ihren Geisteszustand untersucht worLo, weil sie ausgerückt sei und erzählt habe, sie bah ein Kind. Nach weiteren unerheblichen Aussage dieser Zeugin wurde nochmals die Lehrerin Bufe vorgerusen und gefragt, ob sie nach diesen Zeuge, aussagen ihr Urteil über ihre Schülerin nicht & dern müsse. Sie erklärte jedoch, sie könne nach je Unterlagen, die sie in der Verhandlung kenm gelernt habe, noch kein anderes Urteil abgeben.
Nachdem der Obduktionsbefund von Medizin^ rat Dyrenfurth und Professor Fränkel erört« worden war, wurden noch Leumundszeuge« ft die Angeklagten gehört. Die früheren Arbeitgek Erich Benzingers stellten ihm das Zeugnis aus M er ein ordentlicher, williger und fleißiger Gèsch gewesen sei. Auch die Nachbarn schilderten B« Singer als ruhigen und verträglichen Mensch« Ueber Richard Stolpes Veranlagung und Famili« Verhältnisse wurden seine ältere Schwester und « Mann vernommen. Sein Schwager sagte aus, bei über ihn bis zum vergangenen Jahre sein Klage geführt werden konnte. Aber ft dieser Zeit sei er wie umgewer dell; denn er hätte vollständig im Dann te Lieschen Neumann gestanden. Nach seiner AM hätte Lieschen unbedingt einen schlechten Charaklr gehabt. Anschließend hieran wurde erörtert, bö sich Richard anscheinend vom Tode seiner Mâ an vollständig gewandelt hätte, da er sich mit br Vater nicht habe vercraaen .können. Auf „die Fr« der schlechte Einfluß Lieschen Neumanns Stolpe bestanden hätte, meinte der Zeuge, jeder bt: beiden habe getan, was der andere wollte. Dani: war die Zeugenvernehmung beendet. Die Verhanè lung wurde auf Montag vertagt. Das Urteil ii eventuell am Dienstag nachmittag zu erwarten.
Anschlag auf einen D-Zug
Ölen, 31. Jan. Wie der Generaldirektion bei Oesterreichischen Bundesbahnen mitgeteilt wird, haben unbekannte Täter auf der Westbahnstrelt- zwischen Rekawinkl und Neulengbach eine alte Eise»' bahnschiene an der linken Fahrschiene befestigt, M durch die Laufachse der Lokomotive eines D-ZM entgleiste. Es wurde niemand verletzt; auch muri* kein Sachschaden angerichtet.
Wien, 31. Jan. In der Angelegenheit des Dahr- frevels, der gestern Nacht den Passauer Schnells in ernste Gefahr brachte, ist festgestellt worden, das das über die Gleise befestigte schwere Schienenstit sowie die am Tatort gefundenen großen Schraub stücke mit einem kleinen rot angestrichenen Lastaute dorthingebracht worden waren. Von den zweifellos sachkundigen Tätern fehlt noch jede Spur.
Professor Mausbach f.
Berlin, 31. Jan. In Ahrweller ist der 7Hährizr katholische Gelehrte Josef Mausbach, päpftW Hausprälat und ordentlicher Professor der Ttod' theologie und Apologetik an der Universität Mü«' ster, heute gestorben. Im rheinischen Wipperfèl' geboren, war er viele Jahre in der Seelsorge tW 1892 wurde er nach Münster berufen. Er hat ei«- Reihe bedeutender Schriften verfaßt, darunter „Christentum und Weltmoral", „Kernfragen tfjrfi' kicher Welt- und Lebensanschauung", „Die Eid- des heiligen Augustins" und anderes mehr. 3' der verfassunggebenden Nationalversammlung Weimar vertrat er den katholischen Standpunlr besonders in den Schulfragen.
Letzte Telesramms.
Mndenbuvg ans dev 6» Gvünen Woche
Berlin, 2. Febr. fipufe morgen 9 Uhr stalleic Reichspräsident v. Hindenburg der 6. Grüne« Woche einen Besuch ab. Zu seiner Begrünung halten sich Reichsminister Schiele, Bürgermeister Scholz, der Leiter der Grünen Woche v. hake, der Präsident des Reichsjagdbundes Prinz von 3(h*' burg sowie eine Leihe von Vertretern von landwirtschaftlichen Körperschaften eingefunben. Nach eingehender Besichtigung der Jaadausstellung verweilte der Reichspräsident besonders in dem laao- wirtschaftlichen Teil der Ausstellung, dessen Jnhon sein großes Interesse fand.
KaubübevsaU ht Kvanksuvt a. W.
Frankfurt«. M., 2. Febr. Ja den frühen Morgenstunden wurde in der Trierlschen Gasse d" Frau des Metzgers Lggeth überfallen. Der Täter entriß ihr die Handtasche, die 10 000 RM enthielt und ging bann flüchtig.