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__ Sette 8

- - Samstag den 24. Januar 1931

Nr. 20

DAS IST AMERIKA

Hinter der Dollarfront / Ein deutsches Schicksal in U. S. A

f 20. Fortsetzung.

Ls geht zuende

Sechs Wochen tat ich nun schon meinen Dienst. Draugen tobte die Krwgsbegeyterung durch die Straßen von Eteveland. Dreimal am Tage brachten uns die Blätter Nachricht von der Mobugallon. In Leutnant Stuarts verwestem Körper erwachte das Svtdatenherz.

„Karl. bist du Soldat gewesen?"

Wir sagten schon lange Kârl und Ted.

„Nein."

„Dann kannst du auch nicht verstehen, daß meine Lage mir heute ein Trost ist. Wäre ich gesund, so mußte ich mit und ginge auch ohne Zögern. Aber woyin gingen ich und alle meine Kameraden? In einen Krieg, den wir gemästet und mit Gold in der Tasche gegen die tapferste Nation der Well führen, die nur deshalb verbluten muß, weil man sie nicht im Felde bekämpft, sondern ihre Frauen und Babies »erhungern läßt. Glaubst du, dem tapfersten Feind mit ausgeruhtem Arm den 3wdesstoß zu geben, fei eine Ehre? Die Patentsatzken, die Miliz, mag sowas reizen. Uns Bundessoldaten geht das denn doch gegen den Strich. Ich sage dir das nicht, well du ein Deutscher bist und auch nicht, weil meine Groß­mutter aus Mannheim kam und Schläger hieß. Ich rede als ehrlicher Soldat."

Es ging mit Ted zuende. All mein anfänglicher Etel gegen den Kranken war überwunden. Ich faßte auch jetzt seine mit Geschwüren besäte Hand und jagte:

„Ted, laß den ganzen Kriegskram zwischen uns ruhen Was du eben sagst, ist nach den Zeitungen leider nicht die Ansicht dieser Nation. Männer mit deutschen Namen treten freiwillig an die Spitze der Kriegshetze. Und solche Männer, die zum Frieden predigen, wie der Kongreßmann Bictor Berger aus Milwaukee und der Sozialist Eugen ■ Debs werden ohne Urteil ins Bundeszuchthaus gesperrt. Mich soll es wundern, wie es mir gehen wird, wenn —v

Ich schwieg erschrocken. Meine Befreiung konnte ja nur durch seinen Tüd kommen.

„Sprich nur weiter, Karl, du wolltest es nicht aussprechen, aber du meintest, wenn ich weg bin und du deine Quarantäne hinter dir hast. Das wird nicht mehr lange dauern, es geht zuende. Ich fühle es und bin sehr froh darüber Du wirst dann erst einmal in Rochester meine Mütter besuchen. Sie wird mancherlei wissen wollen. Die alte Dame ist ge­lähmt. Mein Vater wird wohl nach meinem Tode kommen Er soll mich nicht vorher durch das Gitter sehen. Sprechen kann ich auch übers Telephon nicht mit ihm, wenn meine Nerven nicht versagen : wollen.

„Dr. Wood fragte heute noch an, wie es dir ginge ..."

„Sage ihm immer,"gut. Er soll

Rochester depeschieren, bis es soweit ist. Du hast ja, wenn du raus kommst, erst einmal eine Stange Geld. Mein Vater gibt drr vielleicht auch noch etwas, aber das weiß ich nicht genau; denn die Kosten hier sind i ganz enorm Ueber meinen Sold kann ich nicht ver- ! fügen, da ich ibn nicht in die Hände bekomme. Aber i einen Ryt will ich dir geben, und du wirst dich viel- i

leicht wundern, daß ich als Offizier dieselben Worte gebrauche, die einst,- wie du mir erzähltest, der alte deutsche Hausierer dir nach deiner übrigens famosen Pariser Kartenarie zurief. Besser kann man in Amerika gar nicht fahren, als wenn man den Rat genau befolgt: Halte dein Herz rein, die Augen auf und die Ohren stets! Zeige den Frauen deine Achtung und den Männern die Faust! Berdien' ein bißchen und spendier' ein bißchen weniger!

Du siehst, wie gut ich das behalten habe. Laß nun die blaue Blume der Romantik sausen. Deine Sally ist wahrscheinlich schon längst glückliche Mut­ter. Halt dich auf der Erde, laß das Umherziehen. Erwirb dir etwas. Dann hast du überall in der Welt dein Heimatland."

Diese lange Rede war nun gar nicht nach Art des Kranken. Ich sah, daß seine Augen beinahe fieberhaft leuchteten.

„Willst du eine Spritze Morphium, Ted?"

„Nein, gibt mir meine Brieftasche und laß mich bis morgen früh allem. Das Licht soll aber brennen bleiben."

der

Das waren die letzten Worte, die ich von Leut­nant Stuart hörte.

Allein in Quarantäne

Am anderen Morgen fand ich den Offizier tot auf feiner Matratze liegen. Auf feinem Nachttisch brannte noch das Licht. Unter der Lampe stand das Bild einer jungen Dame — wohl seiner treulosen Braut . . .

Ich will es mir und den Lesern ersparen zu schil­dern, welche grauenhafte Veränderung sich mit dem Körper in den wenigen Stunden des Todes zuge­tragen hatte. Ted, der gestern abend noch merkwür­dig munter gewesen war, glich einer Leiche, die drei Wochen im Grabe gelegen hatte. Nur der Wille schien bislang das verfaulte Fleisch an den Knochen gehalten zu haben.

Ich rief sofort Dr. Wood an.

„Bester für ihn und für uns", war die Ent­gegnung, „wie war der Tod?"

„Oberleutnant Stuart ist während der Nacht verschieden. Er war allein."

„Ich werde Ihnen in einer Stunde den Zinn- arg schicken. Sehen Sie zu, wie Sie damit fertig verden. Nur keine falsche Pietät gegenüber der Leiche. Sie haben genug für ihn getan während er lebte Das hat er mir oft genug gesagt."

Gegen Mittag brachten sie den Metallsarg.

Es war ein schweres Stück Arbeit, ihn ohne Hilfe bis zur Tür des Pavillons zu schaffen. Ich bettete den Toten ein, legte den schweren Deckel auf und lötete ihn mit den vorhandenen Instrumenten zu Dr. Wood stand am Gitter mit zwei anderen Herren:

der Coroner 'unk, beamte", rief er mir hinüber, „wir müssen zusehen, wie der Sarg abgefengt wird."

Ich zündete die Stichflamme an und fuhr damit über die Außenseiten des Metallsarges, so daß kein Krankheitskeim am Leben bleiben konnte, dann goß ich einen halben Eimer Lysol über den Sarg aus.

den Sarg fortholen.

ich, wie vier Männer im

„Fassen Sie jetzt den Sarg nicht mehr an und gehen Sie in den Pavillon", rief mir der Doktor herüber, „wir lassen jetzt i ~

Duch das Fenster sah

Gesangenenkittel unter Führung zweier Polizisten den schweren Sarg mit behandschuhten Händen auf­hoben und forttrugen . . .

Nun war ich allein .

Ich verbrannte alle Tücher, Laken, Wäsche und Anzüge, die der Kranke angehabt oder berührt hatte, schloß dann das Sterbezimmer zu und richtete mich in meinem Raum so gemütlich ein, wie es ging. Den elektrischen Ofen, auf dem wir uns die fast immer erkalteten Speisen erwärmt hatten, nahm ich mit. Alle Schmucksachen, die der Tote besessen haben mochte, schienen sich bei seinen Ellern oder im Büro des Sanatoriums zu befinden.

Dr. Wood und feine Wirtschafterin vernachlässig­ten mich während meiner Quarantänezell nicht, wenn auch das Essen einfacher wurde und die Zi­garettenpackungen nicht mehr in Hundcrtgräße kamen.

Jede Furcht, daß ich angesteckt worden sein könnte, war nun verschwunden. In den ersten Ta­gen allerdings hatte mich ost eine fliegende Angst gepackt, wenn ich glaubte, meine Mandeln seien ein wenig geschwollen, oder ein Zahn wacklig geworden. Der Doktor rief täglich einmal an, und immer konnte ich ihm „Alles in Oordnung" antworten.

Dieses Freisein von jeder Unruhe hatte aber auch einen kleinen NachteU. Die Zeit ging viel langsamer dahin, als wenn ich die ärztliche Untersuchung zu fürchten gehabt hätte.

Einige Tage vor Ablauf der Quarantänezeit rief ich den Doktor an und fragte, ob der Pavillon nicht mit Schwefel ausgeräuschert werden müsse.

„Never mind", erwiderte der Arzt, „ich weiß da einen anderen Weg. Doch davon später.

Gesund geschrieben

Endlich waren die vier Wochen verflossen. Dr. Wood rief mich an:

„Heute nachmittag kommt der Stadtarzt, um Sie zu untersuchen. Sie dürfen nur vor ihn tre­ten, wenn Sie keinerlei Geschwüre, Ausschlag oder sonstige Anzeichen der Pest haben."

„Ich bin völlig gesund, Doktorl"

„Schön. Nun noch eins. Ich rufe jetzt nicht wie­der an und schließe hier die Zelle, in der sich dieses Haustelephon befindet, zu. Wir werden Sie durch Rufen aufmerksam machen, wenn der Stadtarzt Sie zu sehen wünscht. Sie werden auf.Ihrem heutigen Mittagessenpaket eine kleine elektrische Batterie fin­den. Verbinden Sie dieselbe so mit dem Läutewerk des Telephons, daß beim Bewegen.^ "

„Jawohl, Doktor, aber —"

„Das „aber" wird Ihnen schon noch klar werden.

Jetzt holen Sie sich sofort Ihr Essen vom Gitter. Sie werden die Batterie dort finden. Ich warte so-

lange hier am Telephon."

Ich eilte ans Gitter, wo ich den üblichen Papp karton mit meinem Essen und eine kleine Taschen-

Copy right 1930 by Presseverlag Dr Dämmert. lampenbatterie vorfand. Dann ging ich wieder Wz Telephon:

„Ich habe die Batterie, Doktor."

„Schön, verbinden Sie sie mit dem Läutewerk, wie ich es Ihnen erklärt habe. Dann rufen Sie mich wieder an. Ich warte hier."

Schnell ging ich ans Werk. Die Batterie wurde dem Hammer der Telephonklingel so nahe gebracht, daß dieser die beiden Metallplatten berühren und verbinden muhte, sobald die Glocke in Bewegung trat. r

.Alles fertig

-Schön, pch

ig", rief ich dem Doktor zurück.

iffen Sie jetzt auf, ob Funken fliegen, Ich werde lauten."

Schrriill . . . ging die Klingel, wobei ununtm brochen kleine elektrische Funken von der Batterie sprangen.

„Es funktioniert ausgezeichnet, Doktor", rief ich in den Apparat.

„Gut. Jetzt nehmen Sie die Benzinkanne, d» große, die in der Toilette des Leutnants stand. Setzen Sie sie unmittelbar unter die Batterie, so daß sie explodieren muß, wenn das Telephon läutet Haben Sie keine Furcht, Ihnen wird nichts g« schehen. Machen Sie sich keine Gedanken. $ie[. leicht erkläre ich Ihnen alles. Ich verschließe je# die Telephonzelle. Sie können sich fertigmachen, bir Stadtarzt wird gleich kommen."

Ich gehorchte, wenn auch mit einem gewisse, Zaudern. Nachdem ich die Benzinkanne aber h Position gebracht hatte, zog ich es doch vor, mich außerhalb des Pavillons aufzuhalten. Man sonnte doch nicht wissen ...

Kaum hatte ich im Freien mein Essen verzehrt, als eine Schwester mich rief: ,

„Der Stadtarzt ist da "

Sie warf mir eine Art weißen Schlächterkiür! zu und sagte:

„Sie müssen alle Kleider dalassen. Ziehen Sie nur diesen Kittel an."

Dann verschwand sie schleunigst hinter den Bâu> men.

3

!

Ich kleidete mich völlig aus und legte den KD an, worauf die Schwester wieder auftauchte uni mich vor den Stadtarzt führte, der im Sprechzimm« i Dr. Woods wartete.

Die Untersuchung ging schnell.

„Vollkommen gesund", sagte der Stadtatz „Glück gehabt. Blutprobe unnötig. Würden ab«

einen famosen Soldaten abgeben, he?"

Er füllte ein amtliches Formular aus, das mich

der menschlichen Gesellschaft wiedergab. Dam wandte er sich an Dr. Wood: »

„Der Jsolierpavillon muß natürlich noch halbes Jahr abgesperrt bleiben. Sw kennen ja ^

nähert. Wird wohl für ie ein teurer Spa den. Aber der Fall hat Ihnen ja auch ein hübsch/ Honorar eingebracht, he."

(Sortierung folgt.)

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Ortsgruppe Grob-Kanau.