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Freitag den 23. Januar 1931

Nr. 19

Seite

DAS IST AMERIKA

Hinter der Dollarfront / Ein deutsches Schicksal in U. S. 4.

19. Fortsetzung.

Von Karl Ey

Copyright 1930 by Prasseverlag Dr. Dämmert.

Ein amerikanischer Offizier

Die Plantstreet, in der Dr. Woods Sanatorium sich befand, lag außerhalb der eigentlichen Stadt­grenze von Cleveland. Es war eine Villenstraße, die sich an den Ufern des Eriesees hinzog. Von der Endstation der Straßenbahn noch ein gutes Stückchen Weges.

Dr.

Ich schritt weiter bis zu dem Sanatorium von Wood.

Der Arzt schaute mich durch seine goldene Brille an: „Sind Sie Krankenpfleger?"

„Nein, Doktor, aber ich werde es leicht lernen." „Ja, was sind Sie denn?"

Was war ich? Journalist, Geschirrwascher, Soldfinder, Kampkoch, Kirchendiener?

„Ich bin ein völlig unabhängiger Mensch, ohne irgendwelchen Anhang, der seit vier Jahren in Ame­rika die verschiedensten Arbeiten verrichtet hat."

„Sie sprechen, als ob Sie eine gewisse Bildung

genossen hätten.

„Ich besuchte in Deutschland bis zum Tode nek Eltern eine Realschule."

„Wie hoch bewerten Sie Ihr Geben?"

„Das kann ich nicht schätzen." .

„Wenn Sie die Stelle nehmen, muß ich nämlich in eine Lebensversicherung einkaufen, verlangt jedenfalls der Patient." '

„Das wäre zwecklos, Doktor, da ich keinen zigen Verwandten auf der Welt habe."

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„Sie werden schon aus dieser Andeutung nommen haben, daß der fragliche Pflegerposten nicht ungefährlich ist. Was denken Sie, wer der

Patient, dessen Privatpfleger Sie sein sollen, ist?"

Ich überlegte. Dann riet ich auf gut Glück:

„Vielleicht ein gefährlicher Geisteskranker?"

„Nein, der Patient wird Ihnen wissentlich nichts zu Leide tun. Er wird nach menschlicher Voraus­sicht kaum noch drei Monate, zu leben haben, wenn man sein Dasein Geben nennen will. Es kann aber fein, daß Sie ihm nach qualvollen Leiden im Tode folgen müssen."

Jetzt fiel mir ein: Auf dem Zettel des Stellen­vermittlers stand ja: „Ansteckungsgefahr".

„Ich weiß", sagte ich, „es besteht die Gefahr der Infektion. Das wird mich nicht abschrecken." Und mir trat das ekelhafte Bild des Palissaden-Hotels vor Augen, das ich vielleicht aufsuchen mußte, wenn ich keine Arbeit fand.

Ich erbebte aber doch, als Dr. Wood mit seiner ruhigen Stimme sagte:

è „Der Patient befindet sich im vorgeschrittenen ktadium der furchtbarsten Krankheit, die es gibt, per Bubonenpest. Jetzt entscheiden Sie sich." f Nach kurzem Zögern sagte ich zu.

„Schön, ich wünsche, Sie werden Ihren Entschluß nie bereuen. Ich will keinen überreden und habe Sie auch nicht überredet. Jetzt hören Sie, was Ihre Pflichten sind:

Im Pestpavillon

„Der Patient, ein junger Offizier unserer Armee, der sich in den Philippinen die tödliche Krankheit zugezogen hat, war bisher noch kräftig genug, um für seine eigene Pflege zu sorgen. Er telephonierte mir, aber vor einigen Tagen aus seinem Jsolier- pavillon, daß er sich schwächer fühle und eines Pflegers bedürfe. Sein Pavillon steht am Seeufer und ist nach den Vorschriften des Quarantänegesetzes mit einem Drahtgitter umgeben, das niemand, der sich nicht selbst einer vierwöchigen Isolierung unterwerfen will, übertreten darf. Ich stehe mit dem Patienten nur durch ein Privattelephon in Ver­bindung, wodurch ich ihm Anweisungen gebe, welche Mittel er aus seinem Medizinschrank in dem Jsolierpavillon benutzen soll.

Das Essen wird dem Patienten auf Papp­geschirr bis zum Drahtgitter gebracht, worauf er es sich bislang selbst wegholen konnte. Die Pappteller werden natürlich innerhalb der Drahtgitters vom Patienten verbrannt. Sie werden finden, daß der Pavillon mit allen sanitären Bequemlichkeiten aus- gestattet ist und können jederzeit durch das Telephon alles verlangen, was Ihr Patient oder Sie selbst brauchen. Halten Sie peinlich daraus, alle benutzte Bett- und Leibwäsche, auch Ihre eigene, sofort zu verbrennen. Wie gesagt, es steht Ihnen alles zur Verfügung. Alles darf in den Jsolierpavillon her­ein, aber nichts, auch gar nichts heraus."

„Weiß der Patient von der Hoffnungslosigkeit feines Leidens?"

„Er weiß genau Bescheid. Drei Monate hat er höchstens noch zu leben. Ich engagiere Sie also auf drei Monate mit 100 Dollar Monatsgehalt. Sollte der Patient früher sterben, so erhalten Sie dennoch die ganze Summe. Der Mann hat sehr reiche Eltern in Rochester wohnen, die sich zweifel­los auch noch dankbar erweisen werden."

„Und nachher —*

„Ach so, ja", sagte Dr. Wood, „nach dem Ab­leben des Patienten werden Sie ihn in einen Me­tallsarg' legen, den Sie zulöten und mit einer Stich­flamme abbrennen müssen, um alle Keime zu töten. Das Material wird Ihnen ans Gitter gebracht werden. Wenn wir den Sarg fortgslchafft haben, ^MMvMMWWMWM^jMMM Wochen allein im Jsolierpavillon wohnen zu lassen. Stellt sich dann heraus, daß Sie völlig gesund sind, so steht es Ihnen frei, zu gehen, wohin Sie wollen."

„Und falls ich —"

„Falls Sie infiziert werden, so kann ich Ihnen nur die Hoffnung machen, daß wir alles für Sie tun werden, bis sich der Verlauf der Krankheit entschieden hat."

„Und dieser Verlauf?"

„Ist in 97 Prozent aller Fälle tödlich. Jetzt machen Sie bitte eine Liste aller Sachen, die Sie mit in den Pavillon nehmen wollen. Dann lassen Sie sich Mittagessen geben. Die ärztlichen Instruk­tionen erteile ich Ihnen später."

Am Nachmittag verabschiedete sich der Arzt an dem Drahtgitter von mir.

„Ich hoffe zuversichtlich, daß ich Ihnen wieder die Hand reichen kann, wenn —" Die letzten Worte gingen in ein Murmeln über.

Langsam ging ich auf das Pesthaus zu, an dessen Tür jetzt eine Gestalt in gelber Kakhijacke auftauchte, die sich ein Taschentuch vor das Gesicht hielt und mich mit klaren, ernsten Augen abschätzend anblickte.

Oberleutnant Stuart, U.S.A.

Ohne ein Wort zu sagen, lud er mich mit einer Handbewegung ein, in den Pavillon zu treten. Stumm deutete er auf eine Whiskyflasche und Gläser.

„Dieses Glas mit dem Goldrand habe ich nie­mals benutzt", sagte er dann mit einer merkwürdig hohlen Stimme, „daraus können Sie ruhig trinken. Sie werden eine gute Unterlage brauchen, ehe Sie sich hier eingewöhnen."

Der Pestkranke ließ sich auf einen Rohrsessel nieder.

„Die Bude ist verdreckt, nicht wahr? Es wird Ihnen Arbeit kosten, Ordnung zu schaffen. Ich war aber in den letzten Tagen merkwürdig schwach. — Hat Dr. Wood Sie über mein Leiden aufgeklärt?"

Ich nickte nur. Ein Kloß saß mir in der Kehle. Mitleidig mit diesem jungen Mann, unbestimmte Furcht und ein würgender Ekel hatten mich gepackt. Drüben sah man die Wolkenkratzer von Cleveland, vom Eiesee tönte das Tuten der Dampfer, rund um uns pulsierte das Leben, und hier, abgeschlosse­ner als auf einer Insel, saß ich mit dem lebenden Tod . ..

„Trinken Sie nur, und dann erzählen Sie mir, wer Sie sind und weshalb Sie sich in diese Gefahr begeben. Ich habe seit vier Monaten kaum anders als durch das Haustelephon mit Menschen ge= sprachen."

Ich machte ihn mit meinem bisherigen Leben bekannt.

. «WWMM auH wljjeo. wer ich tunC, Jagte der Offizier. „Meinen Namen kennen Sie wohl, ich bin Oberleutnant Stuart von der Bundesarmee. Diesen elenden Knax habe ich mir auf den Philip­pinen aufgesackt. Wie das möglich war, ist mir

heute noch ein Rätsel. Vielleicht ein Philippino­weib, wer weiß. Genug, ich wurde abkommandiert nach West Point, der Kadettenanstall, wie Sie wissen. Bald schwollen mir die Drüsen an. Erst noch gar nicht besonders. Meine Braut aus Ro­chester war damals mit ihren Eltern in West Point zu Besuch. Ich weiß noch, wie sie eines Abends zu mir sagte: „Ted, in vier Wochen sind wir ge­traut . . ." Sie war in meinem Zimmer. W i e sie diese Worte sagte ... ich hätte damals alles von dem Mädel haben können, alles ... Die Or­donnanz klopfte an ... O, diese Wut, damals . . , heute möchte ich den Kerk in Gold fassen . . . Sie verstehen, wären wir schwach geworden, so wäre noch ein blühendes Fleisch verloren . . . nein, schlimmer . . . lebendig — verwest. . . . Die Dame hat übrigens inzwischen geheiratet, einen Bank, beamten, glaub ich, in Cincinnati . . . ich nehms ihr nicht krumm . . . aber die paar Monate hätte sie schließlich auch noch warten können, man hätte doch einen besseren Glauben mitgenommen nach . . . dahinten, in die ewigen Jagdgründe, verstehen Sie mich?"

Das Läuten des Telephons unterbrach ihn.

„Nicht diesen Hörer," sagte Stuart, „’ben benutze ich. Dort hinten hängt noch ein zweiter."

Die Wirtschafterin des Sanatoriums war am Apparat. Das Abendessen werde an das Gitter gebracht. Ob wir noch besondere Wünsche hätten?

„Ich wünsche hundert Zigaretten, Marke Murad, Whisky fehlt uns. Bestellen Sie, was Sie sonst noch wünschen. Es soll nichts fehlen."

Ich gab die Bestellung durch.

„Nun noch eins“, meinte der Offizier dann, „so­lange ich es irgendwie kann, bediene ich mich selbst. Noch kann ich essen und diese elenden Einreibungen selbst machen. Ich benutze diese Toilette hier. Sie finden hinter Ihrem Zimmer eine andere. Wenn Sie mich anfassen oder Sachen berühren, die ich berührt habe, was sich ja kaum vermeiden lassen wird, so waschen Sie sich immer mit Lysollösung, wovon hier irgendwo ganze Kannen stehen müssen. Vorsicht Ist besser, wenn auch manche Menschen, und ich hoffe auch Sie, gegen die Pest immun sind."

Ich holte das Essen herbei, das in dem Papp­karton schon völlig abgekühlt war. Als ich mich dem kleinen bedeckten Stand am Gitter näherte, stand eine junge Schwester, die das Essen gebracht hatte, noch an der Drahttür. Sie hatte einen Packen Zeitungen und Magazine in der Hand, die sie jetzt auf den Karton legte:

„Reading matter", rief sie, indem sie sich schnell entfernte, „it looks lite war. Es sieht nach Krieg aus. Da hcu der Doktor auch ein Blatt für Sie beh den „Wächter & Anzeiger". Good lud.“

Sie sprach den Namen der deutschen Zeitung in Cleveland wie „Wackter and Ahnseiger" aus . , (Fortsetzung folgt.)-

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