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Nr. 19

Arellag den 23. Januar 1931

Sette S

Die Kosten für einen Brief mit Zustellungs­urkunde setzen sich zusammen aus der Zustellungs­gebühr von 30 Rpf., der Briefgebühr für den Brief und der Briefgebühr für die Rücksendung der Ur­kunde. so daß ein solcher Brief im Ortsverkehr bis zu einem Gewicht von 20 Gr. 46 Rpf. kostet. Wert­angabe, Einschreibung, Eilzustellung, Nachnahme, der Vermerk „postlagernd" sowie die Versendung ins Ausland sind allerdings bei derartigen Briefen nicht zulässig. Andererseits kann aber verlangt werden, daß eine Ersatzzustellung z. B. an die Ehefrau des Empfängers oder den Prokuristen N. nicht erfolgen darf und daß in der Zustellungsurkunde die Zeit oer Zustellung anzugeben ist. Die Briefe mit Zustellungs­urkunde müssen verschlossen sein und müssen genaue Absender- und Empfängerangaben tragen, eine Zu­stellungsurkunde — bei gewöhnlicher Zustellung auch die Abschrift — ist haltbar am Briefumschlag zu befestigen. Auf die gewünschte Sonderbehandlung des Briefes sind die Postbeamten durch den augenfälligen Bermerk „Hierbei ein Vordruck zur Zustellungs­urkunde nebst Abschrift", oder „Hierbei ein Vordruck zur Zustellungsurkunde. Vereinfachte Zustellung" auf der Vorderseite des Briefumschlags hinzuweisen.

Die Formblätter zu den Zustellungsurkunden kosten 1 Rpf. das Stück und werden an den Post­schallern verkauft, wo auch noch weitere Auskünfte eingeholt werden können.

«Schlaflose «Mit

Wie wohltätig und heilsam der Schlaf ist, das weiß am besten, wer an Schlaflosigkeit leidet. Viele schlafen deswegen nicht, weil sie sich am Tage zu wenig bewegt haben, so daß sie gar nicht müde wer­den konnten. Sie haben den Tag herumgesessen, zwischendurch auch etwas geschlafen und es fehlt ihnen daher der Hauptanrelz zum Schlafen in der Nacht: die richtige Müdigkeit. Wer den Tag über nur sitzende Beschäftigung hat, der sollte nicht ver­säumen, sich wenigstens für eine kurze Zell im Freien zu ergehen und während des Tages öfter einige Male Leibesübungen vorzunehmen. Die schlimmsten Feinde des ruhigen Schlafes sind aber Kummer und Sorge, und der Kaufmann, der sich nicht in gewagte Spekulationen einlassen will, hat recht, wenn er es damll begründet, daß er mehr Wert darauf legt, gut zu schlafen, als gut zu essen. Leider ist gerade bei großem Kummer der Schlaf, „der Balsam kranker Seelen", besonders schwer zu erzielen, ebenso wie bèi körperlichen Schmerzen und bei Fieber. Hier wird am besten dèr Arzt helfen und in den meisten Fällen zu einem passenden Schlafmittel greifen müssen. Wichtig zu wissen ist es auch, daß man bei Neigung zu Schlaflosigkeit we­der starken Kaffee noch starken Tee vor der Schla­fenszeit trinken soll. Die sogenannten nervösen Men­schen sind auch in der Nacht nervös und häufig schlaflos. Sind sie endlich eingeschlafen, dann stört sie das geringste Geräusch wieder aus dem Schlaf. Hören sie eine , benachbarte Turmuhr schlagen, dann stört sie nicht nur das Geräusch an sich, sondern es entsteht auch schon die Angst vor dem nächsten Schla­gen, die sogenannte „Erwartungs-Neurose". Im allgemeinen wird man daran festhalten müssen, daß das Abhalten aller Sinnesreizungen den Eintritt des Schlafes und fein gutes Fortbestehen begünstigt. Da- immer ausreichend verdunkelt wird. Bei vielen graten ist nach dein Zubettgehen das Spiel der'Ge­danken noch sehr erregt und es fallen ihnen immer neue Gesichtspunkte für ihre Unternehmungen der nächsten Zeit ein. Es verschafft dann eine große Erleichterung, wenn man ein sogenanntes Nacht­notizbuch leicht erreichbar neben dem Bett liegen hat,. in welches man die neuen Gedanken kurz ein­schreibt. Es. fällt dann die Angst weg, sie schnell wieder zu vergessen. Daß man stets im Interesse eines ungestörten Schlafes einen scharfen Kampf ge­gen epentuelle Insekten führen muß, ist selbstver­ständlich. Auch ganz große, schwere Oberbetten kön­nen durch Wärmestauung, Schweißerzeugung und mangelnde Häutabdunstung zu Schlafstörern werden.

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ES gibt kein schöneres Leben als das Soldatenleben t"

Eine englische waschlnengewehrabteilnng wirbt neue Rekruten

indem sie auf der Straße,an der Waffe unentgeltlich praktischen Anschauungsunterricht erteilen läßt. Die mitgeführten Werbeplakate haben den Te^: „Als Soldat der königlich britischen Armee wirft Du Dich bald viel besser fühlen."

Mewrskette« aus dem Oevirhtsiaal

Eine bewegte Nacht

Es waren gerade keine unbeschriebenen Blätter mehr, die in der Nacht zum 1. November v. 3. wieder einmal bis übers Knie im Alkohol standen und in diesem Zustand beträchtlichen Unfug an­richteten. Etwa 7 Mann stark versuchte man zu­nächst vergeblich Eintritt in eine an der Ecke Römerstraße—Heumarkt belegene Wirtschaft zu er­zwingen. Der Wirt hielt indes nicht allzuviel von den späten Gästen, vermutete vielmehr politische Reibereien und bangte um die Einrichtung seines Lokales. Aus diesem Gxund erbat er sich auch poli­zeiliche Hilfe, die bald in Gestalt eines Schupo- beamten zur Stelle war. Der Beamte hatte gegen­über der trunkenen Schar, die partout in die Gast­wirtschaft wollte, aber keinen leichten Stand und mußte schließlich erst notgedrungen von dem Poli­zeiknüppel Gebrauch machen, ehe die ungebetenen Gäste von ihrem Versuch abliehen. Ein Krakehler mutzte üaüec vorübergehend mit zur Wache kom- men und ein zweiter folgte wenig später unfrei» willig seinem Zechkumpanen. Bereits gegen 2 Uhr befanden sich die beiden Angetrunkenen wieder in Freiheit und gesellten sich bald zu ihren Freun­den, um laut randalierend in Richtung Steinheim von dannen zu ziehen. In der Steinheimer Land­straße und am Pedro Jung-Park überkam die nächUichèn Ruhestörer dann jäh die Zerstörungs­wut. Einige Platten von der Einfassung des Par- kes wurden, heruntergestürzt, das Gitter beschädigt und eine ganze Anzahl von Blumentöpfen von den Gesimsen benachbarter Anwesen gerissen und am Boden zertrümmert. Noch in der gleichen Nacht wurden die Täter ermitelt, um. gestern ihrer ver­dienten Strafe zugeführt zu werden. Drei der Bur­schen erhielten wegen Sachbeschädigung 2 Wochen Gefängnis, sämtliche 5 Angeklagte wegen ruhe­störenden Lärmes je 5 Tage Haft.

eine Stelle ein ausgesprochenes Glücksspiel nach Roulettesystem getreten. Mittels eines Bolzenschutz­apparates wurde der glückliche Gewinner ermittelt, die von dem Bolzen getroffen« Zahl auf einer ro­tierenden Scheibe zeigte die Gewinnummer an, die den fünffachen Betrag des Einsatzes ausbezahlt er- hielt. Einige in der Bude aufgebauten Gegenstöße wie Zigaretten-, Schokolade- und Pralinenpackun­gen waren nur zur Vorspiegelung falscher Tat- Zachen bestimmt, denn in Wirklichkeit wurde lustig um Geld darauflosgespielt, bis der Oberlandjäger dem einträglichen Geschäft — in knapp einer Drei­viertelstunde waren nachgewießenermaßen 5.40 Mk, Barverdienst in der Kasse — einen Riegel vorschob. Der Häntüer wurde wegen verbotenen Glücksspieles in eine Geldstrafe von 50 Mark, sein Gehilfe in eine solche von 20 Mark genommen, während der Appa­rat und das vereinnahmte Geld der Beschlagnahme verfiel. Auf den Einspruch der beiden Angeklagten hin setzte der Einzelrichter die Strafe bei dem Händler auf 30 Mark herab und ließ den Gehilfen mit einem blauen Auge in Gestatt eines Freispru­ches davonkommen, da er angeblich nicht gewußt hatte, daß ein derartiges Spiel verboten ist. Die Beschlagnahme des Apparates und der Einnahme blieb aufrechterhalten.

Eine unverständliche Anzeige

In der Nacht zum 17. November kam es auf dem Platz der Republik zwischen einem Hiesigen Autobesitzer und einer zweiten Person, die sich in verdächtiger Weise an dem Wagen des Kraftfahrers zu schaffen gemacht hatte und einen Anruf des Be­sitzers mit unverblümten Drohungen beantwortete, zu einer tätlichen Auseinandersetzung. Ein PoliZei- beamter suchte unter Anwendung von Gewalt Ruhe zu stiften, bei welcher Gelegenheit er sich aber nach übereinstimmenden Zeugenaussagen lediglich gegen den Autobesitzer wandte und im übrigen wenig um die Ursachen der Schlägerei kümmerte. Hinterher erstattete der Beamte noch Strafanzeige gegen einen Begleiter des Auiomobilbesitzèrs wegen ruhe- störenden Lärmes. Die Anzeige hatte einen Straf­befehl über 4 Mark zu Folge, gegen den der Be­schuldigte Einspruch erhob und einen glatten Frei­spruch erzielte, da nach Aussagen der Zeugen von einer Ruhestörung absolut nicht die Rede sein konnte. Der ganze peinliche Vorfall wäre bei eini­ger Besonnenheit bestimmt zu vermeiden gewesen.

Die verbotene Parleiuniform

Am 9. November waren zwei SA.-Mannen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, darunter ein knapp 18jähriger, von einem Polizei­beamten in ihrer Parteiuniform betroffen worden, deren Tragen laut Polizeiverordnung des Herrn Regierungspräsidenten in Kassel vom 5. Juli 1930 verboten ist. Im Vorgarten eines Restaurants im Auheimer Weg wurden unmittelbar darauf noch einige weitere SA.-Leute in der verbotenen Uni­form gestellt und zur Wache mitgenommen, wo die Beschlagnahme der verbotenen Uniformstücke er» folgte. Auf dem Weg zur Polizeiwache legten sämt­liche Sistierten ostentativ ihre Mäntel ab, damit die verbotene Uniform ja sämtlichen Straßenpafsanten in die Augen stechen sollte. Ein Strafbefehl von 25 Mark war die Folge, gegen den beide SA.-Leute Einspruch erhoben, da nach der Ansicht ihrer Par­tei die Polizeiverordnung gegen den ß 9 der Reichsverfassung verstoße. Der Einzelrichter ge­langte nach über einstündiger Beratung zu der ge­genteiligen Ansicht, setzte aber die im Strafbefehl ausgeWWenen Gârâ. a«M ^ergm Ler Ichahrlge SA.-Mann kam mit 5 Mark, der einige Jahre altere Kampfgenosse mit 10 Mark davon, da letzterer das Pech hatte, wegen Eigentumsvergehen und anderer Delikte ganz erheblich vorbestraft zu sein.

Verbotenes Glücksspiel auf der Auheimer Kirchweihe

Am Kirchweihmittwoch, 30. Juli, setzte der zu­ständige Oberlandjäger in Großauheim einem gut florierenden Glücksspiel ein jähes Ende. Ein Händ­ler aus Hanau hatte neben zwei Glücksradbuden und einem Berkaufsstand noch ein weiteres Ge­schäft betrieben, das sich aber am ersten Kirchweih- tag nicht sonderlich einträglich gestaltete. Es han­delte sich hierbei um eine Ringwerfbude, bei der es immerhin noch etwas nach Geschicklichkeit der Wer­fenden aussehen konnte. Am Kirchweihmittwoch war dann das Ringwurfspiel verschwunden und an

* Daten für 24. Januar. 1712: Friedrich der Große in Berlin geb. 1776: Der Dichter E. Ty. H. Hoffmann in Königsberg geb.

♦ werft keine Abfälle auf die Straße. Dom „Zentraloerband deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegshinterbliebener* e. V. (Sitz Berlin) Landes­verband „Nassau" wird uns geschrieben: Die leidige Unsitte, daß irgendwelche Abfälle, nämlich Obstreste und Bananenschalen achtlos auf die Straße ge­worfen werden, hat schon manches Unheil verschul­det. Für Beinbeschädigte, namentlich für die große Anzahl der Beinbeschädigten aus den Kreisen der Kriegsopfer, bilden solche achtlos hingeworfene Gegenstände eine große Gefahr. Aber nicht allein bilden solche Gegenstände eine Gefahr, sondern auch im Interesse des Ansehens und der Saubèr» tejl her Straßen muß immer wieder aus die leidige Unsitte hingewiesen werden. Unter Umständen kann eine Unachtsamkeit in dieser Beziehung für den' Verursacher noch unangenehme Folgen haben, da im Falle eines Unglückes bei einem Schaden die Haftpflicht aufgeworfen wird. Wir bitten deshalb die gesamte Bürgerschaft, im Interesse der vielen

Gegen spröde Haus

NIVEA

CREME

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Skizze von L. Struppe.

Zwischen der Ankunft des Zuges und der Ab­fahrt des Postautsr lagen mehr als zwei Stunden. Man hatte in der Bahnhofsr irtfchaft gespeist, in einigen Zeitungen geblättert und immer wieder auf die Uhr gesehen, ob denn die Wartezeit noch nicht bald um sei.

„Ich freue mich sehr auf die Fahrt über das Stilsfer Joch", sagte die junge Frau und schaute zum tiefblauen Himmel hinauf, an dem sich die letz­ten weißen Wolken westwärts verzogen. „Der Herr Ober hat recht prophezeit: Ziehen die Wolken nach Martell, wird das Wetter warm und hell." „Wir werden eine schöne Fahrt haben", entgegnete der Mann.

„Ganz unbändig freu' ich mich", fing die Frau wieder an. Und indem sie aufstand: „Ich will doch sthen, ob man noch nicht bald einsteigen kann." Der Mann blickte ihr lächelnd nach, als sie leicht und ge­schmeidig den Speisesaal durchschritt.

, Wie kindlich sie noch ist, dachte er, wie aufge- Ichlossen uüd ungeschminkt. Nur langsam nimmt sie das Gehabe einer Dame an.

Nun schickte sich auch der Mann zum Gehen an und kam durch ein kleines Schreibzimmer, das an den Speisesaal grenzte. Da es ihm angenehmer schien, sm Kühlen zu warten als draußen in der Hitze zu stehen, setzte er sich in einen bequemen Klubsessel und blätterte in einer der zerlesenen illustrierten Zett- chriften, die auf dem Tisch zerstreut lagen. Er fand immer dasselbe: Sport, Schönheitsköniginnen, ein Apiosionsunglück und den Besuch eines Ministers, ^sus der vorletzten Seite war ein Gruppenbild aus filier Theaterausführung: doch schien es 'hm belang- l°H und er sah kaum hin. Aber sein Blick blieb an wem der fünf Namen hängen, die unter dem Buoe Landen: Gerdi Pilar ... _ ...

, In unwillkürlicher Reflexbewegung schlossen sich stftzschlaglang seine Augen. Sein erstes Gefühl war ^u süße, neugierige, fast knabenhafte Freude, âenn ich jetzt ' hinschaue", dachte er, „sehe ich sie , Zwölf Jahre sind vergangen, seit sie schicksalhaft ”1 sein Leben eingriff, sie, die bekannte Schauspiele- M in bas Leben' des armen Arztes. Ihm schien es damals nicht unmöglich, sie zu gewinnen. Doch Da MN gerade ihr Vertrag mit dem Burgtbeater zum Abschluß, und sie hatte strahlend vor Gluck zu ihm

gesagt: „Ich werde eine Ministergage haben." Und er, unbeschwert von Fachkenntnissen: „Werden Sie nun immer dort bleiben?" Sie hatte ihn belustigt und mitleidig angesehen: „Aber natürlich! An die „Burg" zu kommen, ist doch der Traum eines jeden Schau­spielers."

Jahre hindurch hatte ihn das Verlangen nach ihr beunruhigt. Er hoffte, chr weiteres Schicksal und ihre Erfolge aus Zeitungsnotizen zu erfahren — denn seine Briefe blieben unbeantwortet —, aber er las nie etwas über sie. Lange stand die Er­innerung an ihren Liebreiz in unverblaßten Farben vor seiner Seele. Da kam eines Tages das kleine Bürofräulein Renette als Patientin zu ihm. Er empfing sie sogleich mit einem glückhaften Lächeln, well sie die geliebten Züge der Gerdi Pilar trug. Sie hatte dasselbe ruhige, etwas breite Gesicht mit den zarten Farben, das gleiche sandfarbene Haar, die­selben grauen Augen mit den aufwärts gebogenen langen Wimpern und — das Beglückendste — gleich der fernen Geliebten den von einem Monalisa­lächeln umblühten, apart geschnittenen Mund.

Die kleine Renette war seine Frau geworden. Daß er eine andere in ihr liebte, sagte er ihr nie. Im Lauf der Jahre waren Schein und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart zu beglückender Ein­heit zusammengeschmolzen. Auch die bewußte Er­innerung an Gerdie Pilar schmerzte nicht mehr. Nur eine kleine, fast beseligende Unruhe war mit dem Ge­danken an sie verbunden.

Nun hatte er sie nach zwölf Jahren zum ersten­mal hier im Bilde gefunden. Er versenkte sich in dessen Anblick. Aber — wie denn? Gerdie war ja nicht dabei! Da sah er drei Herren und zwei Damen, eine sehr junge und eine alte. Schnell las er nochmal die Namen unter dem Bilde. Es stimmte schon: Die aufgeputzte komische Alte war Gerdie Pilar . . ° Er bohrte seine Blicke in das breite Gesicht mit dem Doppelkinn und dem grobgeschminkten Mund und suchte nach Spüren jener Linien, die er einstmals über alles geliebt. Die Nase, ehedem hübsch und proportioniert, verlor sich fast zwischen den wuch­tigen Wangen. m .

„Rolle, Schminke", dachte er. Nein, das konnte nicht alles Schminke fein: die fleischigen Arme, die aus dem tiefausgeschnittenen Gesellschaftskleide her­vorquollen, der plumpe Körper. Und daß sie -Diese lächerlich-groteske Rolle in dem albernen Stuck überhaupt spielen mochte! Und das war auch gar nicht das Burgtheater, sondern irgend eine Vorstadt­

bühne, die den kassenfüllenden Schlager „Fipsel" spielte. Also hatte sie den Vertrag mit der „Burg" nicht erneuert bekommen.

Er starrte immer wieder auf das Bild der Frau, die er einmal am meisten geliebt hatte von allen Menschen auf der ganzen Wett. Gewiß, Gerdie war nicht mehr jung, aber die Frau kann in jedem Alter schön sein, wenn sie ihre Jahre in stilvoller Würde zu tragen versteht. Nur — das tat Gerdie Pilar nicht. .

„Wir können einsteigen, Reinhard", meldete ihm seine Frau. „Warum ziehst Du Dich denn ins Damen­zimmer zurück? Ei, schau, Theaterdamen sieht er an! Die Junge da gefällt Dir wohl sehr?"

Er wehrte lachend ab. Sie aber sagte eifrig: „Kann ich mir denken, daß Du Dich an der Komischen Altenergötzt hast, lieber Sünder. So siehst Du aus! Marsch, einsteigen!"

In plötzlich aufquellender Freude an der holden Wirklichkeit seines Besitzes zog er Renette an sich, als fei sie erst in dieser Stunde sein köstliches Eigentum geworden.

o Stadttheater. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben: Als 18. Vorstellung im Freitag- Abonnement wird heute abend 8 Uhr zum letzten Male der durchschlagende Lacherfolg „Das Konto X", ein Stück von Liebe und anderen unmodernen Dingen in 3 Akten von Bernauer und Oesterreicher wiederholt. — Morgen Samstag, abends 8 Uhr, findet das schon angekündigte einmalige Gastspiel des berühmten Bühnen- und Filmschauspielers Paul Wegener mit feinem eigenen Ensemble statt. Zur Aufführung bringt Herr Wegener „Maria Magdalene", Trauerspiel in 4. Akten von Friedrich Hebbel. Nur einmal ist Gelegenheit geboten, diesen phänomenalen Künstler auf unserer hiesigen Bühne zu sehen, deshalb können wir auf den Besuch dieses Gastspiels nicht empfehlend genug Hinweisen. Jn- frlge der großer Nachfrage noch Eintrittskarten bittet man die vorbestellten Karten heute noch an der Tehaterkasse abzuholen. Am Sonntag, abends 7^ Uhr, gelangt zum ersten Male der große Er­folg aller Großstadtbühnen „Sturm im Wasser­glas", Komödie in 3 Akten von Bruno Frank zur Aufführung. Eine vergnügte Sache, wie sie die bas Publikum gern hat. Geschicktes Theater, bas unter­hält. Die Dialogführung hat manche feine Pointe und fließt angenehm, geistreich, unterhaltend dahin.

Gut gesehen sind auch die Figuren. Es herrscht Lachlust im Hause vom ersten Dialogwitz an.

o 50. Geburtstag des Dichters Alfons paquet Am Montag, 26. d. M., feiert der Dichter Alfons Paquet, der durch seine feinsinnigen Romane und Erzählungen bekannt geworden ist, feinen 50. Ge­burtstag. Alfons Paquet ist gebürtiger Wiesbadener, hat aber seinen Wohnsitz seit vielen Jahren in Frank­furt a. M. Paquet steht auch führend in der Be­wegung der rheinischen Dichter.

o Zuckmayer, „Hauptmann von Köpenick" ist nun endgültig von Reinhardt zur alleiniges Urauf­führung im Deutschen Theater angenommen. Es ge­langt im Anschluß an „Elisabeth von England" mit Werner Krauß in der Titelrolle zur Auffüh­rung. Regie führt Max Reinhardt.

o Gießener Stadttheater. (Intendant Dr. Rolf Prasch.) Von den in letzter Zeit herausgebrachten Neueinstudierungen und Erstaufführungen hinter­ließ das von Peter. Faffott im. Kammerspielstil in­szenierte Schauspiel „Der Mann, den sein Gewissen trieb" von Maurice Rostand einen tiefen, nach­hallenden Eindruck: in den Hauptrollen machten sich Hilde Schwend, Maria Koch, Wesener und Fassott besonders verdient. — Eine fröhliche Auf­erstehung feierte die Posse „Robert und Bertram", die unter Hubs Regie mit Hub und Linkmann in den Titelrollen dem Publikum viel Vergnügen be­reitete. — Einen amüsanten und anregenden Theaterabend erlebte man mit der von Bäuerle sehr verständnisvoll besorgten, witzigen Inszenie­rung, des „Kaiser von Amerika": Bäuerle selbst bot in der Rolle des Königs Magnus eine ausgezeich­nete Leistung: vom Ensemble wären noch Bolcks Premierminister uyd die Orinthia der jungen Beatrice Doering hervorzuheben. — Wie ein vor­weggenommener Faschingsscherz wirkte die be­schwingte, farbenfrohe Aufführung „Der Wider­spenstigen Zähmung", das in einer dramaturgisch geschickten Bearbeitung unter Fassotts Regie ge­geben wurde: in den Hauptrollen mit Tempera­ment und Humor: Hilde Schwend (Katharina) und Jochen Hauer (Petruchio).

Die Zahl der Hochzeiten in Europa alljährlich sind auf rund 4 Millionen berechnet worden.