Schatten, die töten
Alzze aus Sowjetrußland von Oleg Verting-Riga.
Iwan Petrowitsch Stegajew, der gefürchtete xschekakommissar, ging mit nervösen Schritten in seinem Arbeitszimmer auf und ab.
„Der Teufel soll sie holen, die Nina Pawlowna, tiefe Hexe!" fluchte Stegajew laut vor sich hin. j Noch keine Frau hat es gewagt, mir zu trotzen. Diese aber . . . Na, wir wollen sehen —"
In Ledermütze und Lederjoppe, deren rechte Tasche eine Pistole aufbauschte, eilte der Kommissar Kie Treppe hinunter. Vor der Haustür stand ein elegantes Auto. Neben dem Chauffeur saß ein be- waffneter Tschekasoldat im charakteristischen spitzen Helm dieses Truppenteils, der das bolschewistische ißrbe der zaristischen Gendarmerie angetreten hat. Der Bürgersteig war völlig menschenleer: die Vorübergehenden zogen es vor, die andere Straßenseite zu benutzen, um die Nähe dieses gefährlichen Autos zu meiden. Stegajew bestieg den Wagen. Nach zehn Minuten hielt er vor einem gut instand gehaltenen Einzelbause in einer stillen Straße. Elastilch, mit reiner fast raubtierartigen Bewegung, sprang Ste- gafetn aus dem Wagen und öffnete die Gitter- Pforte des Vorgartens.
Im Widerspruch zur guten russischen Sitte berät Stegasew, ohne abzulegen, in seiner nicht ganz auberen Lederjoppe Nina Pawlownas anheimelnden Salon. Sie saß auf einer Ottomane und emp- fing ihn mit unwillig fragendem Blick. Wie immer trug sie ein dunkles, bis zum Halse geschlossenes Kleid, das sich weich und flüssig um ihren schönen Körper schmiegte. Nina Pawlowna war Sekretärin jef der Militärbehörde und nahm dort eine wichtige Vertrauensstellung ein. Darum konnt« sie sich in Wohnung und Kleidung manchen Luxus erlauben mb durfte es auch wagen, den Kampf gegen den nächtigen Kommissar aufsunehmen. Darüber aller« lings war sie nicht im Zweifel: Früher oder später oürde er den Sieg davon tragen, wenn sich nicht... Ijin anderer Ausweg fand.
Jetzt aber war er wieder einmal der Besiegte. Heiß loderte in seinen Augen die Leidenschaft pmpor, und er verlor vollkommen die freche Ueber» [legenbeit seiner Haltung. Er begrüßte sie mit einer Vorbeugung, die deutlich frühere gesellschaftliche Fchulung verriet, und küßte ihr sogar die Hand.
„Bitte nehmen Sie Platz!" sagte Nina Paw- |tona kühl und wies mit den Augen auf einen Ion ihrer Ottomane ziemlich weit entfernten Sessel. Bann streckte sie die Hand nach ihrem Zigaretten- igtiii aus, das auf einem kleinen Tisch neben der ^Wbmane lag.
HäGlLgajew zögerte. In ihrer Bewegung hatte Was so Graziöses und so Lockendes zugleich ge- Kgeh, das ihm plötzlich das Blut in Feuerströmen Wrch den Körper peitschte. Wie ein Hauch traf ihn er Duft eines eigenartigen schwülen Parfüms und iubte ihm den Rest seiner Selbstbeherrchung. Er ß Nina Vawlowna an sich und suchte mit durstiaen uchten Lippen nach ihrem Munde. Sie stieß ihn irücf, wand sich schlangenhaft aus seinen Armen, r griff nach ihr, faßte ihr Kleid, während sie ihm erabe den Rücken zuwandte. Der dünne Stoff zer- iß und legte ihre Schultern und ihren Nacken loß. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen den -chreibtisch und bedeckte schnell mit der Hand einen leinen, blitzenden Gegenstand.
Stegajew taumelte vorwärts. Stieß gegen die Ittomane. Setzte sich mechanisch und vergrub das Gesicht in beide Hände. Plötzlich strafften sich seine )üge. In sein wirres Gehirn begann Klarheit zu ommen. Zuerst schattenhaft, dann immer deutlicher »gen die Bilder vergangener Dinge an ihm vor- iber.
Bürgerkrieg 1919. Ein nächtlicher Kundschafter- N mit drei Genossen. Ein Forsthaus in den Wäl- lern von Orel. Durch die Läden schimmert Licht. M bas Klopfen der Vier öffnet niemand. Die Mr bricht unter Kolbenschlägen zusammen. Durch tu aufgerissenes Fenster springt ein Mann. Die ^gesandten Schüsse verfehlen ihr Ziel. Da knallt 15 Zweimal aus dem Walde — der Abschiedsgruß 165 Fliehenden. Einer der Vier schlägt lautlos nach 'prne über auf den Fußboden. Stegajew selbst d einen brennenden Schmerz im Gesicht, und
Blut strömt ihm warm in den Kragen. Die: Mbe zieht sich heute noch über seine rechte Wange.
Zimmer regt sich etwas — es ist ein ungefähr ^zehnjähriges Mädchen. Auf alle Fragen schweigt »e Kleine trotzig. Die drei schreien sie an, drohen. M Lippen sind zusammengepreßt, ihre Kinder- ®ugen blinken hart wie Stahl. Sie wirft den Kopf lurutf — wie eine Königin — und schweigt. Sie
Ihr das Kleid vom Rücken. Unter schweren ^utenschlägen zerspringt die zarte Haut, aus den ^unben quillt rot das Blut. Die Kleine schreit nicht. Wit nicht einmal. Sinkt lautlos in Ohnmacht. Die '"!^" sie neben dem toten Kameraden liegen w reifen weiter. Am nächsten Tage werden zwei " e Regimenter aus dem Hinterhalt überfallen und “inerifben. Ein Bauer, dem man die Pistole an ? Schläfe drückt, erzählt später. ein kleines Mäd- habe den Feind durchs Moor geführt, auf ./»en, die nur der Förster kennt und — feine **r Marusja.
. wußte Stegasew: die Augen Nina Pow- ™n®s waren Marussas Augen. Ebenso wie Ma- AJJ“ warf sie den Kopf in den Nacken, und als y ’ Kleid zerriß, hatte er — schattenhaft wie im
— lange, schmale Narben gesehen. Darum h wg Nina Pawlowna immer ein hochgeschlosse-
^ Der Kommissar nahm die Hände vom Ihm $n leinen Auaen war angestrengtes, grau» L35 Forschen . . . Nein, er täuschte sich nicht.
” erkannte er sie, wie sie ihn so ansah, mit kal- ; C’ nnhslmrten Augen: Vor ihm stand Marulja, i 6nn « ä^ehen aus dem Forsthause, das den Tod Hunderten seiner Genossen herbeiaeführt Halle.
L'” teuflischem Triumph fand er sich selbst wie- i ' leiser vor namenloser Freude am Bewußtsein i
seiner Macht über diese Frau fragte er: „Nun, wie geht es Marusja?"
Die Frau vor ihm verzog keine Miene. Mit überlegener Ironie lächelt« sie: „Ihr Gedächtnis ist aber sehr langsam."
Stegajew biß sich unbeherrscht aus die Lippen. Dann höhnte er in zweifacher Wut: „Immer noch so stolz wie damtls, Fräulein Marusja? — Heute
aber mußten ihm, wenn auch unwillig, Anerkennung zollen. Seine Kälte und überlegene Sachlichkeit stießen jeden empfindenden Menschen zurück. So konnte man es verstehen, daß die ganze Dozentenschaft zur Zeit der Prüfung gegen den allzu selbstsicheren Kandidaten eine geschlossene Front bildete, die allerdings seinem Wissen und seinen Leistungen bald weichen mußte.
Dahlke, wählte Dr. Michael Worring zu seinem Assistenten.
Ein Mieder ladit, darunter tief verwahrt. Birgt die geheimnisreiche alte Truhe Ein andres Kleinod ganz erlesner Art: Zeitferner Ahne seidene Hochzeitsschuhe.
Ein Turm sägt zage in der Eichenwand Es klafft in ihrem Rücken eine Spalte. Das Truhenherz ist das jahrhundertalte Gebetbuch, das in eines Ahnen Hand
Zum Erdenanker ward; sanft schlief er ein Im Stuhl, wie ein vergilbtes Blatt es weiß. Darüber weinten sich zwei Augen heiß. — Und Weizenkörner ruhn im Truhenschrein,
allerdings werde ich gegen Deinen Trotz wirksamere Mitte! anwenden als ein bißchen Prügel." Er schlug bedeutungsvoll auf die Pistole* in seiner Tasche. „Uebrigens", fügte er zynisch hinzu, „wirst Du an der Wand, wie immer, keine schlechte Figur machen."
Regungslos stand Marusja und blickte mit grenzenloser Verachtung auf Stegajew. Da packte es ihn wieder. Sich mühsam beherrschend sagte er mit rauher, schwankender stimme und faj, outendem Lauern im Blick: „Aber — ich bin ein Mensch, der mit sich reden läßt. Wenn Du . . wenn Sie, Marusja, Ihren Trotz aufgeben, dann lösche ich die Schatten der Vergangenheit aus Wenn nicht, dann werden diese Schatten — töten!"
Marusja lächelte eigentümlich. Mit auf dem Rücken gefalteten Händen näherte sich sich ihm langsam. Er glaubte, gesiegt zu haben, sprang aus und streckte seine Hände nach ihr aus. „Marusja . . .!" riß es sich aus ihm. Was er weiter sagen wollte, erstickte in leisem Röcheln. Seine verkrampften Finger faßten leere Luft, einen Augenblick noch stand er aufrecht, dann sank er lautlos in sich zusammen und fiel numpf auf den weichen, tiefen Perser vor der Ottomane. Ein zierlicher kaukasischer Dolch war ihm mitten ins Herz gefahren.
Marusja öffnete den altertümlichen Schreibtisch. Ein Geheimfach sprang mit schmalem, dunklem Spalt auf. Ausländische Banknoten und hauchdünnes, mit Plänen und Zahlen bedecktes Seiden- papier raschelten in ihren Händen. Sie steckte alles in ein flaches Säckchen, das sie mit einer dünnen Schnur um den Hals befestigte, wechselte Kleid und Schuhe und verließ in einem schlichten Regenmantel durch eine Nebentür das Haus Leise schlüpfte sie durch den halb verfallenen Zaun des Nachbarhauses und gelangte über einen engen Hof in eine belebte Straße . . . Das Auto des Komiffars wartete geduldig drei Stunden. Dann erst schöpften seine Leute Verdacht.
Zwei Wochen nach dem Verschwinden Marussas flammte w'eder einer der zahlreichen Aufstände gegen die Sowjetgewalt auf . . .
Nur Krainhold ließ sich von den Tatsachen nicht beeinflussen. Er prophezeite seinen Assistenten, daß „dieser Leuchtturm der medizinischen Wissenschaft sich bei ihm als klägliches Lämpchen entpuppen würde", und mit größter Spannung erwarteten alle den Tag der chirurgischen Prüfung. Krainhold hatte diese ganz individuell ausgebaut. Er selbst stand, zwei oder drei Assistenten hinter sich, neben der Kranken.
Michael Worring trat rasch an den Tisch und begann mu _ zielsicheren Bewegungen die Untersuchung. Krainhold sah überlegen lächelnd zu und versuchte durch ironische Zwischenrufe, die er an die Assistenten richtete, den Prüfling unsicher zu machen. Die Kranke war erst am Vorabend eingeliefert worden. Krainhold hatte sie selbst flüchtig untersucht und in seiner diktatorischen Art die Diagnose verkündet.
Plötzlich, mitten in eine der ironischen Bemerkungen hinein, schnellte ein Ausrus Worrings. Krainhold fuhr hoch, zitternd vor Wut, aber bevor er den Mund öffnen konnte, erklang von neuem Worrings Stimme: »Hier scheint man die grundlegenden Kenntnisse der Chirurgie noch nicht zu beherrschen!"
Die Worte fielen scharf und klingend unter die erschreckt Aufhorchenden
Krainhold rang nach Lust. ,Herr, sind Sie verrückt geworden —"
Er kam nicht weiter. Eine Geste Worrings ritz ihm das Wort vom Munde. „Die Frau mutz sofort operiert werden. Dr. Steinmann!" er wandte sich an einen der Assistenten. „Wie lautet die offizielle Diagnose?"
Der junge Arzt sah nur die befehlenden Augen des Fragenden, und er beugte sich dem Zwange. „Bauchfellentzündung", antwortete er halblaut. Muß wahrscheinlich in den nächsten Tagen operiert werden."
, To!" Nur das Wort rief Worring, dann reckt« er sich hoch. Seine Augen flogen über die Aerzte und Schwestern, rissen sie zu ihm. Und plötzlich fielen seine Befehle. In dem Durcheinander der Vorbereitungen stand immer noch Krainhold, jetzt hilflos, zusammengesunken.
Was dann folgte, ging alles schnell vor sich, daß
Das Vermächtnis der Vorgängerin
Skizze von Georg Wagener
Als das Testament der Frau Hedwig Berghusen eröffnet wurde, meinten ein paar Freundinnen der Verstorbenen, die mit je 10 000 Mark und einigen persönlichen Andenken bedacht worden waren, Tränen der Rührung. Man wußte, das Verhältnis zwischen Frau Hedwig und ihrem Manne war nicht das beste gewesen. Denn ab und zu hatte Gerhard Berghusen versucht, sich gegen die Vormundschaft aufzulehnen, die seine Frau kraft des von ihr mitgebrachten Vermögens über ihn ausüben zu können glaubte. Freilich waren feine Bemühungen fruchtlos geblieben, aber der bloße Versuch der Emvörung hatte genügt, um Gerhard Berghusen in den Augen seiner Frau zum Unwürdigen zu stempeln.
Während deren Krankheit war im Verhältnis zwischen beiden Gatten eine merkliche Wandlung eingetreten. Frau Hedwig schien sich im Angesicht des Todes besten bewußt zu werden, daß sie ihrem Gatten durch ihre betonte Ueberlegenheit das Leben verbittert hatte, und es war wohl etwas wie eine Abbitte ihrerseits gewesen, als sie ihm sagte: „Gerhard, ich möchte, daß Du mich in gutem Angedenken behältst."
Doch das, war das Testament nun enthüllte, hatte niemand erwartet: Mein ganzes Vermögen nach Abzug der Legate vermache ich meinem Manne zum Beweise meiner Liebe. Ich knüpfe keinerlei Bedingungen hieran. Ich verlange nicht, daß er Witwer bleibt. Ich hoffe im Gegenteil, daß er bald einen guten Weggefährten fürs Leben findet. Und damit die Frau feiner Wahl weiß, daß ich ihr in dem Bestreben, Gerhards Dasein zu verschönen, im Geiste stets zur Seite stehen werde, bitte ich sie, den Goldring mit meinem Namen zu tragen, der in meinem Schmuckkasten liegt."
Konnte die Selbstlosigkeit größer sein? Die Verstorbene gab der Ehe zwischen ihrem Manne und ihrer Nachfolgerin den Segen! Neugierige Blicke flogen zu Gerhard Berghusen hinüber, prüften feine Mienen Und der Mann fühlte angesichts dieses Beweises von Hochherzigkeit die Verpflichtung, ein wenig zerknirscht auszusehen.
Gerhard Berghusen bemühte sich, den letzten Wunsch der Verstorbenen rasch zu erfüllen. Dank des beträchtlichen Vermögens, das er nun besaß, fiel ihm die Wahl nicht schwer. Er fand ein junges Mädchen von großer Schönheit, das aber zu mittet« los war, um wählerisch sein zu können. Hilde Kemper glaubte außerdem, ein Witwer biete ihr die Gewähr für den ruhigen Verlauf der Ehe, well er sich die Hörner schon abgestoßen habe. So gab sie ihm das Jawort. /
Sie hatte freilich Frau Hedwig Berghusen nicht gekannt, und vom letzten Wunsch ihrer Vorgängerin erfuhr sie erst, als ihre Verlobungsanzeige in allen Zeitungen stand, als es nicht mehr möglich war, die Verbindung zu lösen, ohne den Klatschzungen Unter« haltungsstosf zu liefern .
Doch in dem Augenblick, da Gerhard Berghusen ihr den Ring mit dem Namen der Vorgängerin an den Finger stecken wollte, und ihr mit andachtsvoller Freude erzählte, welche Genugtuung er emp« finde, weil es ihm möglich geworden fei, den letzt-n Wunsch der Verstorbenen zu erfüllen, da schrak sie beinahe zurück. Schon lag es ihr auf der Zunge, zu sagen: „Ich will den Segen dieser Toten. Wenn Deine Siebe nicht stark genug ist, um unsere Ehe aus eigener Kraft durch alle Fährniste des Lebens hindurch zu führen, dann verzichte ich auf sie." Aber sie besann sich rasch eines anderen und bat nur: „Willst Du mir nicht einen Ring geben, der von Dir allein kommt?" — „Nein", wies er sie mit einem zarten Vorwurf zurück, „nein, liebe Hilde. Ich ach'e das Andenken der Verstorbenen zu hoch, um mich über ihren letzten Wunsch hinmegsetzen zu können. Bedenke bitte, daß wir nicht zum mindesten ihr unser G'ück verdanken." Da ließ sich Hilde den Ring über den Finger streifen, und die Tränen, die ihr unwillkürlich in die Augen traten, hielt Gerbard Bergbusen für den Beweis ihrer dankbaren Er-
Die Opevailon
Bon Hans-Joachim Flechtner
Die Geschichte der Amtsenthebung des gefürchteten Leiters der chirurgischen Klinik der Universität in J — der Name bleibt besser ungenannt — würde heute sicherlich eine sensationelle Auswertung erfahren haben. Vor zwanzig Jahren, als sie sich er» eignete, gelang es, sie in Fachkreisen festzuhalten, jo daß die Oeffentlichkeit nie etwas erfahren hat. Aber der Tod Michael Worrings, der aus einer unerhört glanzvollen Laufbahn, etwas über vierzig Jahre alt, an den Folgen einer schweren Operation gestorben ist, lenkt den Blick, der sein Leben in der Erinnerung zurück verfolgt, auch auf dieses Ereignis.
Man konnte sich kaum stärkere Gegensätze vorstellen als Professor Krainhold und seinen Schüler Michael Worring. Der Professor, eine Schoven- Hauergestalt — den „Giftzwerg" nannten ihn Studenten und Assistenten — war voll ewiger Geschwätzigkeit. welche,bie untergebene Stellung der ihn Umgebenden zum Anlaß für seinen verletzenden Holm nahm Er hatte sich, bei guten technischen Leistungen, so vollkommen hinter einem Wall von Größenwahn und gestenreicher Ignoranz verschanzt, daß er jeden wissenschaftlichen Fortschritt als persönlichen Angriff ansah und wertete. Michael Wor- rinq dagegen war wortkarg, von unerhörter Willenskraft, alles N--ue gierig aullauaend, ein Student, der nur der Arbeit lebte. Die Kommilitonen lehnten ihn mit Achselzucken ab, die Professoren
die Mitwirkenden gar nicht zur Besinnung kamen. Als Professor Krainhold endlich aus seiner Erstar- ,achte, sah er Michael Worring bei der I, Assistenten und Schwestern an seiner
rung erroai
Operation. ... ,
Seite. Er wollte einschreiten, versuchte, vergeblich
das Dorgehende zu begreifen. Aber niemand beachtete ihn. Und dann sah er seinen Irrtum, erkannte mit Schrecken die Fehldiagnose, vor denen ihn das energische Eingreifen des anderen bewahrt. Er ließ den Kopf müde sinken und verließ langsam, unsicher den Raum. —
Die Operation war beendet, die Kranke gerettet. Die Schwestern rollten sie hinaus, die Aerzte standen schweigend da, noch immer unter dem Druck des Ereignisses. Michael Worring zog sich um, dann, mit einer leichten Verbeugung gegen die Aerzte, sagte er laut: „Ich danke Ihnen, meine Herren!"
Die Tür klappte, die Aerzte waren allein. Die weitere Prüfung fiel natürlich aus. Die Assistenten saßen noch lange zusammen, verfangen in der Rätselhaftigkeit des Erlebten. „Ich begreife nicht, wie das möglich war", sagte einer von ihnen. „Warum haben Sie denn nicht operiert, Steinmann?"
Der hob die Schultern. „Wir mußten uns feinem Willen unterwerfen", antwortete er. „Er hatte die Kraft, uns zu zwingen. Und" — er atmete tief — „ich glaube, daß es so gut war. Krainhold wird seine Tätigkeit hier beschließen müssen, und ich bin überzeugt, daß in einigen Jahren Michael Wor- ring an Krainholds Stelle stehen wird, als recht- mäkiqer Herr."---
Professor Krainhold wurde nach kurzem Verfahren abberufen. Sein Nachfolger, Professor
kenntnis
Die . ja nicht konnten genehm
flochtest fand bald darauf statt. Cs gab viel voruibereiten, und Hildes Bekannte ihr gegenüber nicht genug preisen, wie an« es doch sein müsse, sich ins warme Nest
setzen zu dürfen. Hilde mußte bald feststellen, daß sie in dieser Ehe nur eine untergeordnete Rolle spielte, während das Andenken der Verstorbenen In verklärtem Lichte über allem schwebte . Sie g'oubte und hoffte aber, daß sie, die Lebende, die Tote verdrängen würde.
Deshalb wollte sie ihren Mann auch seelisch er« obern, nachdem sie bisher anscheinend nur sein Auge gewonnen hatte. Das ganze Haus sollte ihr Wrlen ausströmen, damit die erstickende Atmosphäre der Vergangenheit langsam dem blühenden Leben wich. Sie versuchte den ersten Schritte auf diesem Wege dadurch zu erreichen, das sie ein Bild, das ihr nicht gefiel, durch ein anderes ersetzte. Doch sie stieß sofort auf den Widerstand ihres Mannes: „Nein, es soll hier im Hause alles so bleiben, wie sie es hatte, denn bedenke doch bitte, daß wir alles nur ihr verdanken." Dabei ergriff er mit salbungsvoller Bewegung ihre Hand und wies auf den Ring der Vorgängerin. Und Hilds haßte dieses Zeichen der Unterwerfung unter den Willen einer Toten.
Sie versvürte ein körperliches Unbehagen, wenn sie diesen Ring fühlte. Sie wollte
und konnte es doch nicht. Vieleicht an dem gepriesenen Wohlleben, das storbenen verdankte, dach glaubte sie Rache ihrer Vorgängerin. Sie wußte
ihn abreißen lag dies nur sie der Ver- fest an eine nichts davon
daß sie für eine Nervenanstalt reif geworden war.
Ein unglücklicher Zufall legte ihr ein Buch in die Hand, das von den Umtrieben und Geheimnisten eines italienischen W"'bsteufels aus der Renaissance berichtete. Ein Ring spielte darin eine große Rolle. Das Weib schickte ihn einer Nebenbuhlerin: