Nr. 7
Stdfag den 9. Januar 1931
Stift 3
Stadt Stanau
was machst du mit der Jett 7
Es ist gewiß wd)t ungerechtfertigt, st o diese ; Frage einmal zu stellen, und sie ist in diesen Tagen besonders zeitgemäß, da das alte Jahr von uns Abschied genommen hat.
Was machst du mit der Zeit? Nützt du sie so k daß sie dir weit mehr gibt, als man ohne weiteres s zugestehen möchte? Es kann aber auch sein, daß du l sie' ungenützt oorübergehen läßt, daß du sie verschleuderst, als wenn sie ein wertloses Ding wäre, i Und dann bist du unzufrieden und klagst das Schicksal an, das nicht wohlwollend mit dir umgeht.
Die Zett und ihre Nutzung ist ein Problem, ist [ «z schon immer gewesen. Sie scheint es heute mehr als früher Aber es ist möglich, daß es auch nur so scheint. Wir Hetzen etwas mehr durch die Welt, wir hetzen uns auch mit den kleinen Nebensächlichkeiten des Alltags ab. Aber im Grunde hat das Mit dem Problem Zeit wenig zu tun. Denn man kann ein sehr betriebsamer, sehr geschäftiger Herr ! sein, gewissermaßen Hans Dampf in allen Gassen, und kann doch die Zeit ungenützt verrinnen lassen, i sie nicht so nutzen, wie es für uns zweckmäßig und b gut wäre. Und man kann umgekehrt ein „ganz langweiliger Bruder" sein, den anderen schläfrig, gleichgültig erscheinen, aber dabei die Werte des Lebens gut ausfchöpfm. Betriebsamkeit ist kein Beweis, und ebensowenig ist es die Eigenschaft, [ „keine Zeit zu haben". Gerade die Uebergeschäfti- s gen müssen sich bei einem Rückblick eingestehen, daß S sie ihre Zeit ziemlich sinnlos vertan haben.
Freilich — bis zu einem gewissen Grade sagt sich wohl jeder, daß er seine Zeit nicht so genutzt hat, wie er sollte. Der eine betrauert seine Jugend, weil er sie in Stille und Zurückgezogenheit ver-
bracht hat, der andere beteuert, daß er seine Ser
’ gcmgenheit in leistet, lauter Unterhaltung vertan I hat. Irgend etwas wird man stets zu bedauern finden Ein Körnchen Wahrheit ist aber auch stets
Larin, denn ferner geht den Weg, der ihn später 'bei besserer Prüfung ganz befriedigt.
Darum ist es aber doch nicht zwecklos, sich die Frage vorzulegen: Was machst du mit der Zeit? Die Beantwortung kann mancherlei wertvolle Fin- gerzeias geben. Erforderlich ist dann nur noch der feste Wille und d^e Kraft, die neugewonnene Erkenntnis in die Tat umzusetzen.
MMonsfest
Epiphanienzeit ist Missionszeit. Auf Epiphanias (6. Januar) kamen die Weisen aus dem Morgenlande, als die ersten Heiden, das Kindlein in der Krippe avzubeten. Ihnen sind seitdem Millionen aus den heidnischen Völkern gefolgt und sind Christen geworden. Aber Millionen warten noch auf das Evangelium, das für al l e Völker bestimmt
ist. Ihrer gedenken wir besonders in der Epiphanienzeit. Darum hat der Landeskirchentag
Jahre 1924 beschlossen, daß in allen hessischen
meinden der Sonntag nach Epiphanias
im Ge- als soll ge-
M i s s l o n s s o n ata g gefeiert werde. Das auch am nächsten Sonntag hier in Hanau „ schehen. Am Vormittag findet der Festgottesdienst in der Johanneskirche für alle Gemeinden statt,
mrt Der hier in Hanau wohlbekannte Misfionspre- teaer ASaul die Festpreüigt halten wird. Um 11 Uhr findet ein gemeinsamer Missionskindergottesdienst in der Marienkirche statt. Am Nachmittag um 5 Uhr wird ein Film in der Marienkirche für Kinder und am Abend um 8 Uhr für Erwachsene gezeigt. Wir werden da nach Borneo, in eines der interessantesten Gebiete der Tropen geführt. Schon
beim Betreten der Insel, in der Hafenstadt jermafin, mit ihrer vorwiegend malaiischen kerung, fällt uns die Eigentümlichkeit dieses
Band- Bevöl- Volks- Wasser zwingt
lebens auf, das sich buchstäblich zwischen und Urwald abspielt. Das sumpfige Land „ die Bevölkerung zu Pfahlbauten — aber der Ma-
laier wohnt am liebsten ganz auf dem Wasser. So sehen wir schwimmende Werkstätten und Kaufläden auf Flößen, an denen die Kunden in schlanken Gondeln anlegen. Dazwischen tummeln sich auf winzigen Einbäumen Hausierer, die all das feilbieten, was ein Malaierherz erfreut. Die Urbevölkerung
Wertest der Hanauer Haus- und GrundbeKtzer
In der am Mittwoch stattgefundenen, gut besuchten ordentlichen Hauptversammlung des Vereins der Hanauer Haus- und Grundbesitzer E. B., Stein- Heimer Straße, wurde nach einem Referat des Herrn Provinziallandtagsabgeordneten K. Erbe folgende Entschließung angenommen:
„Die heute Mittwoch den 7. Januar 1931, in der Centralhalle zu Hanau stark besuchte Versammlung der Hanauer Haus- und Grundbesitzer erhebt schärfsten Protest gegen die Bestimmungen in der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten v. 1. Dezember 1930, laut welcher das Wohnungsmangelgesetz erst am 1. April 1934, das Reichsmietengesetz und da-, Mieterschutzgesetz erst am 1. April 1936 außer Kraft treten sollen.
Diese Verlängerung der Wohnungszwangswirtschaft auf weitere 6 Jahre trägt den tatsächlichen Verhältnissen auf dem Wohnungsmarkt in keiner Weise Rechnung und wird damit erneut bewiesen, daß keinerlei Rücksicht aus die Lebensgesetze der Wirtschaft bei der Lösung des Wohnungsproblems genommen ist.
In H a n a u wie auch in allen Groß- und Mittelstädten stehen Wohn- wie gewerbliche Räume in großer Anzahl schon heute leer und wird diesen Hauseigentümern 'zugemutet die auf leerstehende Wohnungen entfallenden staatlichen wie städtischen Grundvermögenssteuern, Kanal- und Müllgebühren zu bezahlen.
Obwohl Zusammenbrüche angeblich gemeinnütziger Bau- und Siedlungsgesellschasten zu den regelmäßigen Tageserscheinungen gehören, obwohl auf Kosten der Substanz des Althausbesitzes die Altwohnraummieten zugunsten des öffentlichen Woh- nungsneubaues gewaltsam niedrig gehalten werden und trotz alledem die Neubaumieten unerschwinglich hoch sind obwohl nach alledem die öffentliche Bautätigkeit ihr völliges Fwsko einge - stehen muß, sollen auf Jahre hinaus die Grundlagen dieser Mißstände, die Wohnungszwangsgesetze erhalten bleiben; ihre Aufrechterhaltung bis zu den in der Notverordnung vom 1. Dezember 1930 vorgesehenen Terminen ist aber schon deshalb unhaltbar und untragbar, weil die aufs engste mit den Wohnungszwangsgesetzen verknüpften Aufwertungsbestimmungen am 1. Januar 1932 außer Kraft treten.
Ein unter gesetzlichem Zwang niedergedrückter Hausbesitz mu& restlos zugrunde gerichtet werden, wenn er jetzt bei der Umschuldung der Aufwertungshypotheken ein Opfer konjunktur- gewinnlerischer Profitgier wird.
Die erschreckende Zunahme der Zwangsverkäufe muß zur Wirtschaftskatastrophe führen, wenn die
Borneos, die sogenannten Dajat, wohnev jetzt hauptsächlich an den großen Strömen und Quellflüssen im Innern der riesigen Insel. Bis in die unwegsamen Gebirgsgegenden bat sich das scheue Volk vor den eindringenden Malaien zurückgezogen, bereit Verschlagenheit ès nicht gewachsen ist. ifcj^i^^^
Motorboot erleichtern es dem Mysionar, das Wort des Lebens auch zu diesen km Urwald verlorenen Heiden zu bringen. Wo die Flüsse so klein werden, daß auch der flache Einbaum nicht mehr durchkommt, führen mühsame Fußreisen bis in die entlegensten Urwalddörfer, deren hohe Pfahlhäufer und seltsame Maskenpfähle uns etwas ■ von den Greueln der früher hier geübten Kopsjagden ahnen lassen. Der Dajak lebt in ständiger Geisterfurcht. Die Natur ist ihm von unzähligen, teils Harmlaien, teils mißgünstigen Geistern belebt. Gegen die Mißgunst der Geister sucht man sich durch allerlei Zaubermittel zu schützen, Krankheit, die immer wieder auf Geistereinfluß zurückgeführt wird, durch Zauberei zu heilen. Da gibt es für den Missionar ein großes Arbeitsfeld. Die Vorführungsdauer des Films beträgt 1% Stunden.
ÄnslSndev find von der Büvsev- fieuev nicht bsfvett
Im Hinblick auf die in der Notverordnung vom 1 Dezember vorgesehene Einfügung, wonach bie* jenigen Personen. Bürgerstsuern ntch^ beLMen, _ das Wahlrecht nicht besitzen, haben auch Ausländer wiederholt geltend gemacht, daß sie von der Bür- gerfteuer befreit seien. Diese Ansicht ist jedoch, nach einem vom Reichsfinanzminister dieser Tage an die Landesfinanzämter ergangenen Rundichrsi- ben unzutreffend. Die durch das mangelnde Wahlrecht vorgesehene Befreiung erstreckt sich nur auf solche Personen, die vom Wahlrecht ausgeschlossen oder rechtlich in der Ausübung des Wahlrechts behindert sind oder bei denen' die Ausübung des Wahlrechts ruht. Zu diesen Personen gehören jedoch die Ausländer nicht, da ihnen ein Wahlrecht von vornherein nicht zusteht. Um dies noch besonders klarzustellm, wurde durch eine neue Verordnung ausdrücklich festgelegt, daß Ausländer zur Bürgersteuer heranzuziehen sind. — Diese Regelung bezieht sich auch auf ausländische Studenten, die an deutschen Hochschulen immatrikuliert^ sind, soweit in den betreffenden Städten die Bürger-
dauernde Erhöhung der staatlichen und kommunalen Lasten, die schon längst eine bescheidene Verzinsung des Eigenkapitals am Hause ausschließt, nicht ein- mal mehr die Deckung der Unkosten durch die Miet- einnahmen gestattet.
Die heute versammellen Haus- und Grundbesitzer erheben deshalb mit allem Nachdruck diesen schärfsten Protest gegen die neuerliche Verzögerung der längst versprochenen Aufhebung der Wohnungszwangswirtschaft und verlangen von Reich, Ländern und Kommunen auf Grund der Reichsver- fasfung die Förderung und den Schutz gegen Ueber- lastung und Aufsaugung, den Artikel 164 einem jeden Vertreter des Mittelstandes also auch dem Hauseigentümer verbürgt hat.
Insbesondere fordert der Hausbesitz:
1. Sofortige Aufhebung der Wohnungszwangsgesetze mit Uebergangsbestimmungen bis zum 1. Januar 1932.
2. Verlängerung der in § 6 der Aufwertungsschlußnovelle ‘ vorgesehenen Dreimonatsfrist zur Anrufung der Aufwertungsstelle auf mindestens sechs Monate.
3. Einen unverzüglichen Erlaß von Ausführungsbestimmungen zur Auswertungsschlußnovelle, welche den Hypothekenbanken und Versicherungsinstituten die grundsätzliche Prolongation der Aufwertungshypotheken ohne Provision und Damnum zu dem von der Reichsregierung festgesetzten Zinsfuß zur Pflicht machen.
4. Sonderschutzbestimmungen für die Eigentümer bei Kapitalneubeschaffung in Fällen nachzuweisender Unmöglichkeit, neues Leihgeld zu erhalten.
5. Anweisung der Reichsregierung an die Länder, eine sofortige ausreichende Ermäßigung der Hauszinssteuer zwecks angemessener Abgeltung des Hypothekenmehrzinses vorzunehmen.
6. Den weiteren Abbau der Hquszinssteuer mit dem Ziele der gänzlichen Aufhebung dieser ungerechtesten aller Steuern in die Wege zu leiten.
7. Strikteste Anweisungen der Aufsichtsbehörden an die Kommunen; jeder Art weiterer Belastung des Haus- und Grundbesitzes durch Erhöhung der Steuerzuschläae und der Abgaben zu verhindern, und statt dessen eine fühlbare Senkung der den Haus- und Grundbesitz schwer belastenden untragbar hohen Werktarife, zumal gerade im Zeichen des Preisabbaues diese Betriebe der öffentlichen Hand der Privatwirtschaft als Vorbild dienen sollten."
Ueber den Verlauf der Hauptversammlung ! werden wir morgen berichten.
steuer für 1930 «ingeführt wurde. Diese Steuer- pflicht betrifft jedoch nur Studenten, die das 20. ßebensjatjr vollendet haben. — Für die vom 1. April 1931 geltende Bürgersteuer sind Studenten ohne eigenes Einkommen von der Steuerpflicht jedoch ausgenommen.
* Daten für 10. Januar. 1797: Die Dichterin Annette v. Droste-Hülshoff bei Münster (Wests.) geb. 1858: Der Zeichner Heinrich Zille in Radeberg i. Sa. geb. 1920: Inkrafttreten des Versailler Vertrages.
* Ihren 85. Geburtstag feiert heute in geistiger und körperlicher Frische Frau Marie Steiner Wwe., Leimenstraße 15.
* Beflaggung zur Reichsgründungsfeier am 18. Januar 1931. Auf Beschluß des Preußischen Staats- Ministeriums sind am 18. Januar 1931 aus Anlaß der Reichsgründungsfeier die staatlichen und kommunalen Dienstgebäude, die Gebäude der Körperschaften des öffentlichen Rechts sowie die Gebäude der öffentlichen Schulen nach den Bestimmungen der Verordnung vom 29, Juni 1929 zu beflaggen.
• Fest der Deutschen Schule. Am Sonntag, 11. Januar, nachmittags 3% Uhr, findet in der Stadthalle eine Wiederholung des so überaus beifällig aufgenommenen Festes der Deutschen Schule statt. Näheres siehe Inserat.
• Hermann Löns-Abend. Im gutbesetzten Saale der „Centralhalle" veranstaltete gestern abend die ca. 30 Mann starke Spielschar Frankfurt des Kampfbundes für deutsche Kultur einen recht gelungenen Hermann Löns-Abend, der begeisterte Auf- nähme fand. Einleitend wies der Führer der Spielschar, Herr Dr. G e i s o w»Mainkur auf Zweck und Ziel des Kampfbundes hin, der sich im Ringen um den Gedanken der deutschen Seele in die vorderste Reihe stellen wolle. Dem eröffnenden Schargesang folgten einige erläuternde Worte des hiesigen Bezirksleiters der N. S. D. A. P. Herr W o w e r i e s über das Schaffen und die Persönlichkeit des schon kurz nach dem Beginn des Weltkrieges für fein Volk und Vaterland auf dem Felde der Ehre gebliebenen Heidedichters, der nicht nur der Romantiker, sondern auch ein Sonnen- und Streitmensch in bestem Sinne des Wortes gewesen sei. Schargesänge und Lieder zur Laute, Gedichtvor- träge und Volkstänze füllten den weiteren Abend aus. Stürmischer Beifall dankte der wackeren Schar, die mit Lust und Liebe zum Interpreten der herrlichen und unvergeßlichen Dichtkunst eines Hermann Löns wurde.
* Hanau als Tagungsort. Wie in der Hauptversammlung des Vereins der Hanauer Haus- und Grundbesitzer e. V., Steinheimerstraße, bekanntgegeben wurde, wird der Bezirksoerband der Haus-
und Grundbesitzer seinen diesjährigen verbandstag in Hanau abhalten, minister a. D. Prof. Dr. Bredt hat Referat übernommen.
* Oeffenlliche Versammlung. Auf
Frühjahrs- Reichsjustiz- bereits ein
. _ die heute
abend 8 Uhr in der Centralhalle stattfindende, von der Staatspartei und dem Reichsbaner einberufene
öffentliche Versammlung sei nochmals Hingewiefexu
• Lavnev. ZreUagsgefeüfchafi. Aul vor am Sonntag in der Centralhalle stattfindende große Damensitzung sei nochmals hingewiesen. Der Prinz hat sein Erscheinen zugesagt und trifft gegen 2.30 Uhr am Westbahnhof ein. Das Programm wird möglichst schnell abgewickelt werden, sodaß die Tanzlustigen voll auf ihr« Rechnung kommen.
Schmerzloses Rasieren durch vorheriges Einraben mit :
«W ^MV ^wf«*^
Von Belloc Lowndes
Copyright by Ernst Oldenburg, Verlag, Leipzig C 1.
26. Fortsetzung
(Nachdruck verboten)
Er bekam einen weichen Ausdruck, als er in ihre Augen sah. Es zog wie Mitleid über fein feines, trauriges Gesicht. War sie nun eine geschickte Schauspielerin oder gehörte sie zu denjenigen glücklichen Menschen, die die erstaunliche Gabe der Selbsttäuschung besitzen?
»Sie finden also tatsächlich Gefallen an der- ?rtigen Dingen," flüsterte er, denn sie waren noch lmmer allein. „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie fade mir das alles vorkommt! Manchmal würde ich am liebsten meine Einsätze wieder zurückziehen und mich stillschweigend entfernen. Und so wird es uhnen eines Tages auch gehen, Mrs. Graham, Wbft wenn „sie“ es für angebracht halten, einigermaßen anständig Ihnen gegenüber zu sein."
Eines Tâges? Angela ging es schon heute so. Sie hatte ihren Posten als Gesellschafterin bei Prinzessin Lola bereits über, war aber zu stolz, um es sich, geschweige anderen einzugestehen. Sie Mar enttäuscht, und sonderbarerweise besonders deshalb, weil sie soviel von dem Gelde der Prinzessin verloren hatte. Es war kindisch, aber die Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie antwortete: „Ich habe nicht viel Uebung in „derartigen Dingen", uue Sie es bezeichnen, Mr. Sussex, denn es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich verdienen muß. Ich werde mich schon noch daran gewöhnen, ^ch bin ja auch erst seit einer Woche in Bel- tatre."
»Trotz Ihrer, — ja, wie soll ich nur sagen, — Allkühnheit, scheint Ihnen diese Art Spiel tatsach- M neu zu sein," sagte er mit unterdrückter Stimme, „und ich habe mich mehr als einmal ge- 'r?gt, auf welche Weise Sie denn in Berührung . Er brach kurz ab, denn der Prinz kam eilig auf zu und sagte: „Es wird kalt und Lola hat ihren Mantel vergessen. Ich kann doch nicht an alles wnlen." Das klang verlegen und ärgerlich. „Was
haben wir davon, Luke, wenn sie wieder so krank wird wie voriges Jahr!"
„Ich wollte, sie wäre damals gestorben," murmelte Luke Sussex boshaft.
Am folgenden Morgen wachte Angela gegen vier Uhr von einem unheimlichen Geräusch auf. Ihr erster Gedanke war, daß man in der Villa eingebrochen hatte.
Sie sprang aus dem Bett, öffnete ihre Tür und lauschte angestrengt. Zu. ihrer Verwunderung glaubte sie in einiger Entfernung Katty Raevskis Stimme und die tiefere eines Mannes zu hören. Waren sie unten in der Halle oder auf demselben Stockwerk? Sie wurde sich nicht klar darüber. Der Stimme nach konnte der Mann niemand anders als Nicholas Draganov sein. Abscheu, Erstaunen und — Enttäuschung erfüllten Angelas Herz.
Mit einemmal hörte sie ganz dicht vor ihrer Tür Katty auf englisch sagen: „Auf Wiedersehen, mein Liebling." Und in der Stimme der kleinen Russin lag eine Hingabe, deren Angela sie nicht für sähig gehalten hätte.
Was ihr an Katty immer so seltsam erschienen war, konnte sie sich jetzt erklären. Kein Wunder, daß sie ihr, Angela, gegenüber zeitweise ein bitteres Gefühl hatte. Und doch war sie am ersten Morgen, als sie leicht Grund zur Eifersucht gehabt hätte, so erfreut über ihre Ankunft gewesen!
Wie war sie doch töricht gewesen, den mancherlei Anzeichen der Verehrung seitens ihres Reisegefährten Glauben zu schenken! Angela war betrübt und gekränkt über diese Entdeckung.
Am nächsten Tag war sie wiederum zu diesem unnatürlichen, einsamen Leben in ihrem Schlafzimmer verdammt, das ihr als Mitwisserin dieses unliebsamen Geheimnisses besonders dunkel erschien.
Ein Wochenverdienst von fünf Pfund für nichts und wieder nichts? Viele Frauen würden sie zwar darum beneiden, für sie war ein derartiges Leben jedoch unerträglich. Sie war sich klar, daß sie sich sehr bald ein Herz fassen und mit der Prinzessin darüber sprechen mußte. Sie fuhr mit ihrem Better jetzt häufig nach Monte Carlo oder auch noch weiter und blieb einen ganzen Tag lang aus.
Angela beobachtete ihre Abfahrt von ihrem Fenster aus mit um so größerem Neid, als sie dadurch nicht eine Spur von Freiheit mehr hatte. Am zweiten Tag ihrer Anwesenheit in Belcaire hatte Katty Raevski sie vor dem Ausgehen gewarnt, da es leicht möglich sei, daß die Prinzessin
telephoniere. Seit dieser gutgemeinten Warnung war es ein paarmal vorgekommen, daß Clarisse, die sie im allgemeinen selten sah und gegen die sie immer noch die gleiche Abneigung hatte, sie ans Telephon holte, weil „Ihre Hoheit sie zu sprechen wünschte. Jedesmal hatte Angela das sichere Gefühl, daß Prinzessin Lola nur angerufen hatte, um festzustellen, ob sie zu Haus war. Warum sollte sie eigentlich nicht dann und wann des Nachmittags ausgehen? Es würde eine Abwechslung in der Einförmigkeit des Tages gewesen sein. Aber als sie Katty von ihrem Vorhaben, um Erlaubnis zu fragen, erzählte, schüttelte die Russin nur mit dem Kopf und meinte seelenruhig: „Da müßten Sie ja verrückt sein!"
Wahrscheinlich würde Angela ihr jetziges Leben besser ertragen haben, wenn sie sich nicht so nach Cherwell gebangt hätte. Er ließ nichts von sich hören. Es war klar, daß sie ihn ernstlich erzürnt
hatte.
Ab und zu erfüllte sie eine wilde Hoffnung, daß an irgend einem strahlenden Morgen plötzlich
er an irgend einem strahlenden Morgen plötzlich in Belcaire auftauchen könnte. Aber zu den vielen Eigenheiten dieses Mannes, in die sie sich fügen gelernt hatte, weil sie ihn liebte, gehörte auch die, daß er im Gegensatz zu seinen vielen Freunden und Bekannten niemals ins Ausland reifte, selbst nicht für einen kurzen Aufenthalt. Als er einmal nach dem Beweggrund hierfür gefragt wurde, gab er zur Antwort, daß die vier Jahre Flandern und Frankreich, die er zu einer Zeit seines Lebens dort zugebracht hatte, sein Verlangen nach dem Ausland vollkommen befriedigt hätten.
Endlich kam der ersehnte Tag, an dem Angela und die Prinzessin Lola zum Lunch in die Villa Soleil eingeladen waren. Wenn irgend jemand in London Angela Graham prophezeit hätte, daß sie ein Zusammensein mit Lady Mangel einmal als ein Glück betrachten würde, hätte sie diese Voraussage als grotesk zurückgewiesen. Und jetzt hatte eine Woche Rivieraaufenthalt genügt, um sie wahr werden zu lassen.
Es war für Angela eine Enttäuschung, daß Prinzessin Lola plötzlich gar nicht mehr den Wunsch zu haben schien, die in Belcaire anwesenden Engländer kennen zu lernen. Sie hatte jedoch Lady Mangels Einladung gnädig angenommen und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, wie sie offen zugab, weil sie die Dame für enorm reich hielt.
Die Villa Soleil stammte aus der Zeit des
zweiten Kaiserreiches und glich tatsächlich mehr einem Schloß denn einer Villa. Wäre Angela in einer anderen Gemütsverfassung gewesen, hätte sie die Ausstattung des großen Salons, in den man sie führte, als überladen empfunden. Heute genügte ihr der Anblick eines großen Tisches, auf dem eng- lische illustrierte Zeitschriften und Tageszeitungen sowie eine Menge moderne englische Romane in buntem Durcheinander lagen, um ihr das Gefühl des „Zuhauseseins" zu geben.
Gleich darauf erschien Lady Mangel. Sie war vielleicht ein wenig zu überströmend höflich zu der Prinzessin und ein wenig zu gönnerhaft gegen die „reizende kleine Mrs. Graham, jetzt Gesellschafterin", wie sie verschiedentlich im Kreise ihrer Bekannten erwähnt hatte. Obgleich sie von Natur gutmütig war, hatte sie es doch in dem Augenblick, als Angela sie über ihre wahre Lage aufgeklärt hatte, als störend empfunden, daß es einmal eine Zeit gegeben hatte, wo sie stolz darauf gewesen war, Angela Graham zu kennen. Damals hatte Angela durch irgend einen unerklärlichen Zufall jenen Gesellschaftskreisen angehört, in die sie, die einfluß- reiche und liebenswürdige Hilda Mangel keinen Zutritt erhalten konnte. Aber hier war Angela ja nichts weiter als eine arbeitende Frau, Angestellte einer merkwürdig aussehenden ausländischen Prinzessin, die noch dazu in einem wenig eleganten Viertel von Belcaire wohnte!
Nach und nach kamen noch mehr Gäste, die entweder bei den Mangels zu Besuch oder ebenfalls zunr Lunch aufgefordert waren. Obgleich Angela niemand von ihnen kannte, gefielen sie ihr alle. Es waren fröhliche, von Sorgen unbeschwerte Engländer und Engländerinnen, — also alles Landsleute, — ein Stück Heimat für sie.
„Wir sind sehr stolz auf unsere Aussicht! Sie ist die schönste von ganz Belcaire," protzte Lady Mangel.
Und die Prinzessin antwortete in dem Angela gut bekannten Gesellfchaftston, sanft und rücksichtsvoll, daß der Blick von der Villa Soleil wirklich wunderbar sei.
Man begab sich mit einigem Zeremoniell in den riesigen,' zu reich eingerichteten Speisesaal. Obgleich Angela in einiger Entfernung von Sir John Mangel war, hörte sie doch, wie er zu der Prinzessin, die rechts von ihr saß, sagte: „Dieser Raum ist die getreue Kopie eines Saales in einem berühmten Schloß an der Loire." (Forts, folgt)