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Nr. 2

Samstag, den 3. Januar 1931

Sette 13

DAS IST AMERIKA

Hintes der Dollar front / Ein deutsches Schicksal In U. S. A. von Kati Ey

13. Fortsetzung

Humbug Jim hält Wort

„What J've said, J've said", brummelte er, I , alles, was Ihr findet, gehört Euch, nur die Platin­drähte sind mein Aber diesen Beutel behaltet Ihr nicht. Den kaufe ich Euch in hübschen raschelnden Dollarnoten ab."

Damit steckte er meinen Fund ein.

„Wo steckte der Beutel?"

„Im Rattenloch."

I „Nun hört, Freunde", sagte der alte Humbug dann, „dieser Beutel oder doch sein Geldeswert ist > Euer. Von jetzt an aber sind wir Partner in der

I Goldgrüberei. Verstanden?"

Die halbe Nacht brachten wir drei damit zu, den I Bretterboden in unserer Behausung aufzureißen und i den Müll nach Goldbeuteln zu durchwühlen. Schlafen hätten wir doch nicht können. Selbst Io beachtete s kaum die quietschenden Ratten, die ärgerlich das Feld räumten Seine Wangen glühten und Humbugs I . grauer Bart wackelte vor Aufregung. Mir ging die Frage immer wieder durch den Sinne: Was ist der Beutel wert? Wird mich Humbug Jim nicht be- ' trügen? Man sieht, der unheilvolle Einfluß des glei­ßend:« Metalls wirkt schnell. Ich mißtraute bereits dem allen Jim, der uns nur Gutes erwiesen hatte. Wer weiß, ob nicht unter seinem grauen Schädel ähnliche Gedanken wirbelten: Warum soll ich ihm dafür Geld geben? Hat er Um nicht in meinem Dienst gefunden?

Nur, wenn ich an Jo dachte, war es mir klar, daß ich mit chm teilen mußte. Erstens hatte er mir i durch seine lächerliche Rattenfurcht zu dem Fund verhalfen und zweitens — wenn man vier Monate beim Essen und Arbeiten immer dasselbe Gesicht sieht und dann noch nicht mit Grausen heimlich davonge­laufen ist, so ist das ein sicheres Zeichen, daß man für sein Vis-a-vis eine gewisse Sympathie aufbringt. Gegen Morgen blies Humbug Jim ab.

„Nix mehr zu holen", sagte er, „nothing dotng. Irgendein Glücksspieler hat den Beutel hier versteckt < und dann bei einem Spielargument ins Gras ge­bissen. Zufall, purer Zufall, wir können die Fuß- s böden der ganzen verdammten Stadt aufreißen und finden keinen einzigen Goldkorn mehr. Platin ist ^è reeller."

Damit schob Hunibug nach' seinem „Last Chance I Saloon" ab und nahm den Beutel mit.

Jo und ich warfen uns auf unser Lager. Der Kleine schien jetzt jede Lust. hf» ver­lassen. tisrioi'tii zu haben.

Morgen früh fang ich an zu suchen. Und wenn ich was finde, teilen wir. Old Humbug soll meinet­halben auch seinen Teil haben."

Erst gegen Mittag wachten wir auf. Das heißt, Humbug weckte uns.

„Also vernehmt", sagte er in seiner alten gewähl­ten Weife, „ich habe Euren Fund gewogen und für vollgewichtig gefunden. Ich offeriere Euch einen Preis

von 700 Dollar dafür und hoffe, keinen Korb zu er­halten. Sprecht."

Ich schlug ein, und Jim zog seine verwetterte Geld­tasche, der er sieben Hundertdollarnoten entnahm. „Euch steht fernerhin ein ausgedungenes Gehalt von je 250 Dollar für treu geleistete Dienste zu. Ich nehme an, daß Ihr mit diesem schönen Vermögen dieser schönen Stadt und dem alten Humbug Jim Valet zu sagen gedenkt. Tut mir aber den Gefallen und hal­tet noch zwei Wochen aus. Dann werde ich mich in Eurer und der Begleitung des strammen „Pete" und des hübschen „Browsers" gleichfalls nach Denver begeben und kann Euch dort eventuell noch von gewissen Diensten fein."

Wir sagten gerne zu und schüttelten auf diese Abmachung die Hand.

Jo wird geheimnisvoll

Sieben Hundertdollarnoten ehrlich zu teilen, läßt sich nur dadurch bewerkstelligen, daß man eine durch­reißt oder einwechseln läßt. Jo, der sich anfangs wohl nur der Form wegen ein bißchen gegen die Hal­bierung des Geldes sträubte, fand schließlich aber noch eine andere Lösung

„Jeder kriegt drei Scheine", sagte er, „und den vierten verputzen wir gemeinsam in Denver. Und dann geht jeder seinen Weg."

Dabei schaute er mich halb pfiffig, halb melancho­lisch an und lies dann aus unserer einstigen Spiel­hölle wie ein Wiesel heraus, wahrscheinlich, um in einem der achthundert leerstehenden Hütten und Häuser der Stadt unter bte Fußbodenbretter nach prallen Beuteln mit Goldstaub auszuspähen.

Mit Jo war in der letzten Zeit eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Der Bengel war schon immer schamhaft gewesen, wie man es von einem kleinen Strolch erwarten sollte. Er hatte sich sogar in unserem „Eldorado" eine veritable spanische Wand aus alten Bastmatten errichtet, hinter der er seine Privatwaschgarnitur, die allerdings nur aus einem Eimer und einer großen hölzernen Wanne bestand, aufschlug.

Er schien des Zusammenlebens überdrüssig zu werden, und ich glaubte damals, daß ihn nur seine fast krankhafte nächtliche Ratten- und Schlangenfurcht daran hinderte, ein völliges Privatdomizil zu be­ziehen.

Diesem Drang zum Einsiedlertum gesellte sich noch eine andere Eigenart zu: Jo neigte zum träume­rischen Grübeln, aus dem er mit den merkwürdigsten Fragen zu erwachen pflegte:

„Du, Charlie," meinte er, „wenn man in einem knappen Jahr fast 600 Dollar verdient und so gut wie nichts ausgegeben hat, das ist doch allerhand?"

„Ja, Io, besonders das Letztere. Ich kannte mal einen alten Deutschen in New Jersey, der sagte: Verdien' ein bißchen und spendier' ein bißchen weniger Darin liegt das ganze Geheimnis des soge­nannten "Grünen Zweiges". Dein Verdienst ist ja

nicht gerade überwältigend, aber deine Ersparnisse können sich sehen lassen. Damit kannst du direkt prahlen, wenn du nicht jedem aus die Nase bindest, daß es in diesem Nest keine einzige Gelegenheit gab, das Geld loszuwerden."

„Wenn man nun", grübelte Jo weiter noch Eltern hätte, wenigstens noch einen Vater und könnte nun plötzlich mit 600 Dollar wieder nach Hause kommen, so müßte der sich doch freuen, was?"

„Jo, ich will dir etwas sagen. Ein kleiner Vogel hat es mir verraten. Du bist weiter nichts als ein kleiner Ausreißer, dem es zu Hause zu gut ging. Und jetzt hast du Heimweh. Ich habe dich wohl durch­schaut, du kleiner Schwindelhuber, du."

Jo wurde über und über rot.

„Erstens gibt es hier gar keine Vögel als nur diese großen Geier", stammelte er „,und zweitens . . zweitens . . wenn wir uns in Denver Good bye sagen, dann will ich dir alles erzählen."

Ein Schlangenbiß

Ich brauchte nicht bis zum Abschied in Denver zu warten, bis ich Jos Geheimnis erfuhr. Ein Zu­fall, der leicht alle Hoffnungen meines kleinen Ge­fährten zerstören konnte, klärte mich schon früher über die wahre Persönlichkeit meines Kameraden auf. Als ich hierüber aber Klarheit hatte, schlug ich mich vor den Kops und sagte: Wo hast du nur deine Augen gehabt? Aber schließlich was es ja mit meiner Menschenkenntnis noch nicht weit her. Ich hatte zwar in amerikanischen Redaktionen gearbeitet, tn Poli­zeigefängnissen gelegen, vermutliche Gräfinnen ver­mutlich tot in Hotelzimmern angetroffen, aber um einen Menschen auf den ersten Blick abzuschätzen, da­zu schien doch noch mehr zu gehören. Und selbst der alte verwetterte Humbug Jim hatte ja auch keine blasse Ahnung gehabt ....

Wir hatten schon alle Vorbereitungen zu un- erem Marsch nach Denver getroffen, der am näch­ten Morgen begonnen werden sollte. Jo hatte hinter einer spanischen Wand in warmem Wasser herum- zeplantscht. Humbug striegelte sein Maultier und ch versuchte, etwas Ordnung in meine seit einem halben Jahre von keiner Schere berührten Haar­tolle zu bringen.

Jo, sein nasses Haar unter der Mütze versteckt, kam sauber wie der junge Morgen hinter seiner Wand hervor, um die fette Ziege „Lissy" zu rufen und sie zu melken. Er trug seine dünnen Overalls.

Ich beschäftigte mich indessen mit meinen Stie­feln, von denen ich mit einem Messer die Schmutz­kruste abkratzte, und warf gleichzeitig ein Auge auf den Kejsel, in dem unsere letzte Mittagsmahlzeit in der toten Stadt langsam und appetitlichen Duft aus= strömend brodelte.

Denver, die große Stadt, von der Humbug Jim, batünls der „Perle der Union", bald als dem „Babel des Felsengebirges" sprach, lag mir im Sinn. Den-

Copyright 1930 by Presseverlag Dr. Dämmert ver, das knapp hundert Kilometer entfernt leuch­tete und lockte.

„Charlie —"

Mit totenbleichem Antlitz wankte Jo durch die Tür, die Augen in tödlicher Angst geweitet. In seiner klei­nen Hand hielt er krampfhaft den Milchtopf.

„Um Gotteswillen, Jo, was ist passiert?"

„Charlie alles ist aus. Eine Schlange hat mich gebissen."

„Wo, Jo, schnell, schnell . . ."

Die kleine Hand rieb matt die Hüfte.

„Hier, Charlie, als ich auf dem Stein saß, um „Lissy" zu melken."

„Schnell die Hose runter. Der Biß muß ausge­sogen werden."

Ohne sich zu rühren, stand Io da. Dann liefen dicke, blanke Tränen aus seinen Wangen herunter.

„Charlie, es geht nicht. Ich bin — ein Mädchen . . . ."

Um die tödliche Wirkung des Bisses der Colorado- Otter zu bannen, muß die Bißwunde entweder aus­gesogen oder ausgebrannt werden. Wenn das so­fort geschieht, so ist der Gebissene nach einigen Stun­den Mattigkeit völlig wiederhergestellt.

Io ein Mädchen — Jo in Lebensgefahr. Wie wild jagten diese Gedanken durch meinen Kopf.

„Hier, trink, soviel du kannst", rief ich und hielt Io die Whiskyflasche hin. Dreimal schluckte er, dann schien es ihm in der Kehle zu würgen.

„Jetzt Halts Maul", sagte ich, „was fein muß, muß fein "

Dann hob ich den leichten Körper hoch, legte ihn auf das Lager und schnitt an dem Teil der Hüfte­gegend, wo der tückische Giftzahn eingeschlagen hatte, die Hose auf.

Es zeigten sich zwei blaßrote Pünktchen auf der weißen Haut, aber eine giftigviolette Schwellung ließ erkennen, daß das Gift schon in die nächsten Blut­gefäße eingetreten war. Instinktiv lief meine Zunge in meinem Mund herum. Keine wunde Stelle war zu fühlen. Aber wenn ich wirklich eine kleine Wunde im Mund gehabt hätte, ich glaube, ich hätte es den­noch gewagt, ehe ich ein glühendes Eisen an den zarten Körper gelegt oder mit einem Messer das Fleisch fortgeschnitten hätte . . .

(Sortierung folgt.)

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