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Samstag, den 3. Januar 1931
Nr. r
Das Wetter der nächsten Woche
Mitteleuropa zwischen Arost und Tauwetter.
Die letzte Woche des Jahres brachte Mitteleuropa zwei von einander durchaus verschiedene Witterungstypen. Während in den meisten Gebieten das Wetter bei westlicher Luftzufuhr mild, trübe und regnerisch war, dauerte im deutschen Osten und Nordosten sowie in den mittleren Donauländern die winterliche Witterung mit zum Teil strenger Kälte bei trockener Ostströmung fort, und in Ostpreußen fand die aufeinanderfolgende Zahl von Eistagen überhaupt keine Unterbrechung, wogegen in Schlesien tagüber immerhin der Gefrierpunkt um 2—3 Grad überschritten wurde.
Das nordostdeutsche Kältegebiet stellte den äußersten westlichen Ausläufer der tiefwinterlichen Witterungszone da, deren Schwergewicht über Ost- Polen und dem Baltikum sowie über der westlichen Hälfte Rußlands lag. Von hier floß aber die eisige Luft auch nach der Küste des Schwarzen Meeres und nach dem südöstlichen Rußland ab, wo Orenburg 37 Grad Kälte meldete. In der Kosakensteppe sollen aber nach Zeitungsmeldungen Temperaturen bis zu 41 Grad unter Null vorgekommen sein, was auch für den Osten Rußlands ungemein kalt ist. Temperaturen unter —40 Grad bleiben für gewöhnlich auf Sibirien beschränkt, aus dessen kältesten Ge- bieten, der Gegend um Jakutsk, in diesem Winter die Funkmeldungen ständig ausbleiben. Sehr niedrige Temperaturen bette zum Beginn der Woche auch Karelien und das Gebiet südlich vom Weißen Meer, wo das Quecksilber bis auf —35 Grad C sank. 25—30 Grad Kälte herrschen aber auch dauernd in Weißrußland und der Ukraine sowie im zentralen Groß-Rußland. Es versteht sich von selbst, daß diese außerordentlich kalte Luft wie Blei über der sarmatischen Landmasse lagert und dem Vordringen der warmen Westluft unüberwindlichen Widerstand entgegensetzt. Aus diesem Grunde sind die verschiedenen atlantischen Sturmwirbel nicht nach Osteuropa durchgedrungen, sondern mit «ihren Kerngebieten im Westen des Erdteils geblieben. Die Warmluft auf ihrer Vorderseite kam üder die Weichsel niemals hinaus; hier wurde sie immer wieder nordwestwärts abgelenkt, überschritt die Ostsee und trug zur Erwärmung Skandinaviens bei, wo bis zum 60. Breitengrad die Witterung fast ebenso mild war wie im mittleren Norddeutschland.
Am intensivsten wirkte sich die subtropische Warmluft der letzten Sturmwirbel über dem Südwesten Europas aus. Temperaturen von 14—17 Grad Wärme herrschten nicht nur an der portu- chesischen und südspanischen Küste, sondern auch im Südwesten Frankreichs. Von der südwestlichen Strömung bis an den Rhein getragen, ließ die Warmluft auch hier die Temperaturen bis zu 12 Grad C, in Deutschland westlich der Elbe auf 8—10 Grad Wärme steigen. Der Warmluftvorrat des letzten Tiefs, das sich über der südlichen Nordsee jetzt aufzufüllen begonnen hat, ist aber nun erschöpft und von einer kälteren böigen Rückseiten- strömung bereits vom Boden abgehoben. Ein Teil- tief über die Normandie scheint fi* südostwärts in der Richtung nach dem westlichen Mittelmeer zu entwickeln; kurz: es bereitet sich wieder eine mehr winterliche Wetterlage vor, nachdem sich die Energie der westeuropäischen Zyklonen im wesentlichen erschöpft hat. Das geht auch daraus hervor, daß sich dies Wirbel im Norden der Britischen Inseln schon fast ööllig aufgefüllt haben, veranlaßt durch einen energischen Polarlufteinbruch aus dem Ostgrön.and- meer. An der grönländischen Ostküste herrschten Mittwoch unter 73 Grad nördlicher Breite 28 Grad Kälte, und die Kaltluft war schon Mittwoch abend bis in die Gewässer nordwestlich von Irland obgeflossen. Auch über Skandinavien steigt wie über dem ganzen Nordmeer der Luftdruck, und es i^eint zu einer Verbindung zwischen dem russischen mit dem Grönlandhoch zu kommen. Eine neue at^emetne Kälteperiode ist somit nicht von der Hand zu weisen; sie dürfte sich bei uns durch erneuten Abfluß von Kaltluft aus Polen und über Skandinavien ausbilden. Wie weit die Kälte dabei nach dem Westen und Süden Mitteleuropas vordringt, bleibt abzuwarten. Abzuwarten bleibt auch die noch nicht zu übersehende Auswirkung einer neuen tiefen Sturmzyklone, die vom mittleren Atlantik heranzieht, und
Liniere Leier beklagen sich.. ♦*)
Der Weg zum Zollschuppen
Wer öfters beruflich den Weg zum Eisenbahngüter- bzw. Zollschuppen gehen muß, empfindet es bitter, daß dieser Weg (Bürgersteig) hauptsächlich bei Regenwetter sehr schlecht ist. Schon von der Ehrensäule ab, ist die Straße sehr weich und hat auch tiefe Löcher, aber ab Korn-Haus ist sie gänzlich unpassierbar. Ob die hiesige Stadtverwaltung oder die Reichsbahn diesen Weg zu unterhalten hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Heute, wo wir leider einen Ueberfluß an Arbeitslosen haben, wäre es vielleicht möglich, mit geringen Mitteln diesen Weg einigermaßen in Ordnung zu bringen. K. K.
Eine Mahnung an Alle
Die sich mehrenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und hierdurch bedingte allgemeine Unsicherheit haben eine Atmosphäre geschaffen, die, aus Gereiztheit und Verbitterung bestehend, zu einer Gefahr für unser Volksleben zu werden droht.
Ein jeder glaubt das Recht zu haben, feine Verärgerung seinen Mitmenschen fühlen lassen zu dürfen und so ist in unser Gesellschaftsleben eine Schärfe hineingetragen worden, die der Allgemeinheit nur schadet und dem Einzelnen doch keine Genugtuung gibt.
Wie lieblos und rücksichtslos sind wir doch oft in unseren Ansprüchen, während wir selbst zu keinerlei Opfer bereit sind. Gerade jetzt, seien jene, welche, wie bisher, ihr sicheres Einkommen hatten, gebeten, die ganz ungesunde Zurückhaltung im Einkauf aufzugeben. Seien aber auch herzlich gebeten, den Geschäftsmann und das Personal noch als Menschen zu behandeln. Ist es nicht herzlos, wenn zum Beispiel eine Frau ein Veilchensträußchen für 20 Psg.
•) Einsendungen, die unter Dielet Rubrik oetofjent âcht werden sollen, müssen Ms Freitag mittag in bei Händen der Redaktion sein. Die Verantwortung süi sie Eingänge trägt der Einsender. Die Redaktion.
deren Warmlustsektor um die Mitte der Wach: die Azoren erreicht hatte. Die weitere Entwicklung des Witterungsbildes ist infolgedessen im /ugenbütf noch undurchsichtig; während im.Süden und Westen Mitteluropas Aussicht auf vorwiegend müdes und regnerisches Wetter besteht, dürste im Osten der Frost fortdauern.
Gènd bei AtzmeldtStts eines ^vattiaherenss Gebühren rn enieichten?
Die Juristische Zentrale des ADAC. teilt mit: Die Frage „Lind bei Abmeldung eines Kraftfahrzeuges Gebühren zu entrichten?: gibt immer wieder zu Zweifeln Anlaß. Es ist festzuftMen, daß die Gebührenordnung für behördliche Maßnahmen im Kraftfahr zeugverkehv vom Ich 3. 1928 (RMinBl. S. 155) in Art. LA Ziff. 9 eine Gebühr nur für den sfau feWßt,' daß der Kraftfahrer es versäumt, Kennzeichenschilder der Polizeibehörde bei Ler Anmeldung des Fahrzeuges zur Vernichtung des Dienststempels vorzuführen. Es ist zwar an sich auch gestattet, daß der Kraftfahrer die Vernichtung des Stempels selbst vornimmt, es ist jedoch damit nichts gewonnen, weil die Behörde Gelegenheit haben muß sich von der erfolgten Vernichtung des Dienststempels zu überzeugen. Wird also die Vorführung versäumt, so muß zu diesem Zweck ein Polizeibeamter den Kraftfahrer aufsuchen. Sozusagen für diesen Gang des Beamten ist dann die reichsrechtlich festgelegte Gebühr von 3 RM bei Krafträdern und 5 RM bei Kraftwagen fällig. Diese Gebühr kann, wie gesagt, unschwer durch rechtzeitige Vorführung der Kennzeichen bei der Abmeldungsbehörde gespart werden.
kauft und dann noch verlangt, daß es durch Boten ins Krankenhaus gebracht werden foll. Muß sich da ein Geschäftsmann nicht als Kuli vorkommen? Jst's gebildet, wenn aus reiner Nörgelsucht jede Ware kritisiert wird und Ansprüche hinsichtlich Ausstattung und Preis gestellt werden, die jeden Verdienst von vornherein ausschließen? Dabei soll die Bedienung noch freundlich und zuvorkommend sein!
Ist es sittlich, wenn in den Büros in Ausnützung der großen Arbeitslosigkeit ein Ton herrscht, der brutal genannt werden muß, wenn aus kleinen Fehlern eine Staatsauktion gemacht und mit dem Abbaugedanken freventlich gespielt wird; wenn aus Sorge über eine zu erwartende Verkürzung des immerhin noch ausreichenden Gewinnes- Familienväter rücksichtslos der Not preisgegeben werden? Sind sich diese „Gewaltigen" innerlich klar, welche Verbitterung und Sorge sie damit in viele Familien hineintragen? Ist es notwendig, daß Stadt und Staat in diesen ernsten Zeiten den Amtsschimmel mit besonderer Bravour reiten, den Sorgen der Steuerzahler die kalte Schulter zeigen, wegen einiger Tage Zahlungsverspätung Gas und Telephon abstellen, rücksichtslos pfänden, als ob es nur am mangelnden guten Willen der Schuldner läge?
So könnten diese Fragen noch endlos vermehrt werden, ein Zeichen dafür, wie bitter not ein endliches Besinnen auf unsere Pflichten den Mitmenschen gegenüber tut. Nicht nur die praktische, auch die seelische Notaemeinschaft-ist hier dringend am Platze und ein jeder möge sich an das Sprüchlein erinnern, das er einst als A-B-C-Schütze lernte:
„Was Du nicht willst, das man Dir tu',
Das füg' auch keinem andern zu".
Mehr Liebe, mehr Verstehen, mehr Herzenstakt, dann wird auch die schwerste Last leichter zu tragen, sein urtb wir selbst den schönsten Lohn in uns tragen, weil wir unserer tiefsten Menschenpflicht, "ber Nächstenliebe, gerecht wurden. F. D.
Gesunde âüche im .Sammt
Die Zusammensetzung einer für den Körper gesunden Kost macht der Hausfrau im Januar ganz besonders große Schwierigkeiten, zumal jetzt frisches Gemüse kaum mehr zu haben ist und heimisches,, billiges Obst fast gänzlich fehlt. Viele Hausfrauen machen es sich daher bequem und bevorzugen im Januar den Fleischgenuß. Das Fleisch der Schlachttiere ist der Haupteiweißträger unserer Nahrung und als solches daher nicht zu entbehren, allein im Uebermaß genossen, belastet es den Stoffwechsel mit überschüssiger Säure und führt so zu vermehr- ter Schlackenbildung, zur Ablagerung von Harnsäuren, Salzen u. a. m. Dadurch wird der Entstehung von.Krankheiten, wie z. B. der Gicht, der Blutgefäßoerkalkung, ja wohl auch der Nervosität unserer Zeit mindestens Vorschub geleistet. Weißes oder schwarzes Fleisch sind dabei ziemlich gleichwertig. Der Rat des Arztes an die Hausfrauen geht also dahin, maßzuhalten. Mit dem erwählten, Borbobost ist' heb' Mnuß von FiMn fr empfehlen, die sich wie' z. B. Schellfisch, Kabeljau, Hering, Bückling u., a., durch ihre Preiswürdigkeit aus- zeichnen.
Zu Fleisch und Fisch gehört unbedingt die Kar-, toffel, die an sich sehr nahrhaft ist und geeignet, den durch den Fleischgenuß heroorgerufenen Säureüberschuß auszugleichen.
Jm gleichen Sinne wirkt die Milch, die deshalb mit Vorteil nicht nur getrunken, sondern auch zur Speisenzubereitung benutzt werden sollte. Sie eignet sich z. B. ganz besonders zur Herstellung von Milchreis. Ueberhaupt stellt der Reis ein Nahrungsmittel dar, das auf Grund seines hohen Gehaltes an Mehlstoffen und der ungemein großen Mannigfaltigkeit Weiner Darreichungsform im Küchenzettel der Hausfrauen eine viel größere Wertschätzung verdiente. Sehr schmackhaft und, den Säureüberschuß ausgleichend ist die Verabreichung von Reis mit
grüßten oder Fruchtsäften. Von Früchten d« aison kann im Januar mit Vorteil von Winter, äpfeln, aber ganz besonders von Mandarinen, Apfelsinen und Zitronen Gebrauch gemacht wer. den. Aepfel, Mandarinen, Apfelsinen unb ‘ Sitroc nen führen uns nämlich auch die jetzt in der Naht rung nur spärlich enthaltenen Vitamine zu, aiy wenn auch Ler Bedeutung der Vitamine vielfach übertriebener Wert zugemessen wird, so wird man doch auf ihre geflissentliche Zufuhr besonders bei der Ernährung des Kindes nicht verzichten dürfen.
* Weihnachks-Aeier des Gesangvereins Sumset, Im gut besetzten Saale der „Centralhalle" veranstal, tete der Gesangverein „Sumser" am 1. Weihnacht;, feiertags seine traditionelle Weihnachtsfeier. Musik. Vorträge der Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr unter persönlicher Leitung ihres Dirigenten Herrn Otto Lohrey und einige Chöre des Gesangvereins Sumser füllten den ersten Teil des Abends aus. Ja zweiten Teil der sehr reichhaltigen Darbietungen marschierte die große Sum-Sum-Revue, nach einer Idee des Herrn Willi Schäfer unb unter der Regir des Herrn August Ihm auf, die die allerbeste Sufr nähme bei den Zuhörern fand. In der Revue wurde nach einem sehr geschickt aufgebautem Text eint Hochzeitsfeier gezeigt. Das glückliche Paar (Franz! Gregorius und Willi Schäfer) durften sich für einige i Lieder von Mitgliedern des Jugendbundes Sumser,s darunter auch einige Solo-Vorträge (K. Neuber unM I. Splithoff) bedanken. Herr August Ihm wartet! mit bekannten „Delikatessen" auf, während Fräulein: Sigrune Altvater allerliebst tanzte. Frau Gregorius die Herren A. Ihm und W Schäfer interpretierten; sich später noch in einem Auftritt aus der Operette „Der fidele Bauer", sie hatten auch hier die Zuhörer auf ihrer Seite und mußten den sehr starken Beifalls mit einer Wiederholung beantworten. Verlosung und Tanz schlossen den Abend.
* Erste Hanauer Earnevalgesellschaft 1893. 8s sei an dieser Stelle noch einmal auf die am Sonn, tag, 4. Januar, in der Stadthalle stattfindende Große Damensitzung hingewiesen. Das Programm- für diesen Abend ist reichhaltig und vielseitig, so daß es die Erwartungen, die man von jeher an, eine Große Damensitzung der Alten Carnevalistenk stellt, in jeder Beziehung voll und ganz erfüllen), wird. Siehe heutiges Inserat.
* üarneo. Areilags-Gesettschaft Hanau. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, wird, wie all. jährlich, die Freitagsgesellschaft ihre große Damen, sitzung am Sonntag, 11. Januar, im großen Saal dèr Centralhalle veranstalten. Unsere bekannten Büttenredner werden wie üblich für einen schönen Abend Sorge tragen.
* Aahrraddiebstahl. Am 2. Januar gegen 16^ Uhr würde im Hofe eines hiesigen Warenhauses eins Herrenfahrrad, Marke „Miele", schwarzer Rahmens bau mit gelben Streifen, gelbe Felgen, rote Berei- suna. me!mi^pij<4pnntanqe, Boschlamve mit Dy. Mnw und GepäcktragK' Jjini»™ m ^stahlen. s Personen, die irgendwelche Mitteilungen (auch trauliche) machen können, werden gebeten, sich bei' dem hiesigen Kriminal-Kommissariat, Zimmer 248c, zu melden.
* Das Hahnenkamm- und Buchberghaus ist nur noch Sonntags geöffnet, st
Arenvlllige SanifäfsfoTotine vom Roten Kreuz Telephonaükuf Nr. 2020 > — Arbeiter-Samariter- kolonne Telephonanruf 9fr. 4030.
wettevbevicht
Der schwache Hochdruckrücken hat vorübergehend Abschwächung der Luftbewegung und Bewölkung;- abnahme gebracht. Da jedoch im Westen der Luft-- druck wieder stark fällt, werden wir wieder unter den Einfluß stärkerer maritimer Luftzufuhr kommen, wo-I bei die Temperaturen vorübergehend etwas anstei-, gen, Dabei ist es wieder überwiegend bedeckt mit stel-' lsnweise auch ziemlich kräftigem Landregen. — Vor-! hersäqe bis Samstag abend: Meist bedeckt, rinsetzen- der Landregen, etwas milder, südliche Winde. —, Witterungsaussichten für Sonntag: Fortbestand des - regnerischen Wetters.
Das Dovf dev Blinden
Ein deutscher Arzt in Mexiko löst ein wissenschaftliches Rätsel
o In einer öden, sonnenverbrannten Gegend Mittelmexikos, die so gut wie keine Vegetation zeigt, liegt ein kleines Dorf, das seit Jahr und Tag die Aufmerksamkeit der Aerzte und Gelehrten in Anspruch nimmt. Es handelt sich um das Dörfchen Tll- tepec in der Provinz Oaxaca, das ganze 44 Hütten zählt. Da keine Verkehrsstraßen bestehen, ist es so gut wie ganz von der Welt abgeschnitten. Das Dörfchen Tiltepec verdient trotzdem einen Stern im Reisehandbuch, denn seine sämtlichen Einwohner sind blind. Sie wurden entweder blind geboren, oder haben das Augenlicht im ersten Lebensjahr verloren. Der spanische Arzt Ramon Pardo war der erste, der die medizinische Akademie in Madrid aus diese Erscheinung aufmerksam machte. Seitdem wurden verschiedene Expeditionen nach dem weltverlorenen Dorf entsandt. Es wurden auch die verschiedensten Hypothesen aufgestellt, die aber samt und sonders aufgegeben werden mußten, weil sie sich als Trugschlüsse erwiesen. Neyerdings wurde eine Expedition von dem in Mexiko City wohnenden deutschen Arzt Dr. Max Weimann ausgerüstet. Dr. Weimann konnte feststellen, daß in dem Bezirk, in dem Tiltepec liegt, noch andere Dörfer vorhanden sind, die einen großen Prozentsatz von Blinden ausweisen. Die Wefler- führung der Untersuchungen führte dann zur Entdeckung, daß in den Ortschaften Tiltepec und Jusaa die gleiche Art von Mücken gefunden wird, die in Guatemala als Verbreiterinnen von Augenkrankheiten angesehen werden. Auf den Kopf der Personen, die von eines solchen Mücke gestochen werden, bilden sich große Beulen, die oft den Umfang eines Hühnereis erreichen, und in deren Innern ein fadenförmiger Wurm gefunden wird, der augenscheinlich durch das Ausscheiden einer giftigen Flüssigkeit mittelbar die Erblindung der gestoßenen Personen herbeiführt. Diese Annahme wird durch die Tatsache bestätigt, daß, wenn durch einen operativen Eingriff die Beule entfernt wird, oft schon nach mehreren Stunden das verlorene Sehvermögen wiederhergestellt wird. Bisher ist es aber noch nicht gelungen, den Weg auszuklären, auf dem die Uebertragung des zur Erblindung führenden Keims geschieht. Man ist gegenwärtig mit weiteren Versuchen beschäftigt, die darauf abzielen, darüber Aufklärung zu schaffen,
ob etwa, wie manche versichern, der ebenso geheimnisvolle wie furchtbare Vorgang in irgendeiner Beziehung zu den Scharen von Fledermäusen steht, die in diesen Bezirken in ungeheurer Zahl auftreten und zu Hunderten auf den Dächern der Häuser nisten.
Kobel geht die Welt zugrunde
o Frau Kommerzienrat Krawutschke, steinreich, Brillanten an allen ausdenkbaren Stellen lhrer übervollschlanken Figur, kommt rauschend in einen Tuchladen und fordert mit nach rückwärts geworfenem Kopf, Zw -ter auf der Nase und Basilisken- Blick rotes Tuch! Der ganze Laden ist in Aufruhr; der zuerst zur Bedienung sich vordrängende Stift wird von dem Nächsthöheren, dem Prokuristen, in einen Winkel gedrängt und muß rote Tuchkollen stößeweis herbeischleppen. Nichts gefällt der Frau Kommerzienrat: Das Rot der Farbe entspricht nicht, der eine Stoff ist zu dick, der. andere zu dünn. Der Prokurist, der Stift und einige Ladenmädchen schleppen neue Ware hcrbei — die Stoffe passen alle nicht zu dem Zweck, namentlich das Rot ist nicht das Geeignete. Dem Prokuristen beginnen bereits bic Haare zu schwitzen, aber er gibt es noch nicht auf und hofft, im Lager noch das Geeignete zu finden. Das gesamte Personal saust ins Lager und schleppt bte Reste in Bergen' herbei,
Die Frau Kommerzienrat Krawutschke kann immer noch nicht das Richtige finden, bis der Direktor zu Hilfe gerufen wird, der die Frau Kommerzienrat mit einem verbindlichen Lächeln befragt: „Bitte, gnädige. Frau, zu was benötigen Sie denn diesen Stoff, damit wir einen Anhaltspunkt haben, wie wir Ihren Wunsch erfüllen können."
Die Frau Kommerzienrat wirft ihren Kopf noch etwas weiter ins Genick und blickt den Direktor verständnisinnig über den Zwicker an, indem sie herablassend sagt: „Sa, wissen Sie, ich habe da zu Hause ein Andenkest — ein Teufelchen als Tintenwischer, und dem hat man Schoßhündchen heute vormittag das Züngelchen herausgerissen. Das will ich erneuern."
Lhinesische Schrift in lakelnischen Buchstaben
Die Akademie zu Leningrad hat eine besondere Kommission mit der Aufgabe betraut, das lateinische Alphabet in den Dienst der chinesischen Schriftsprache zu stellen. Der Studienkommission gehören die. hervbrragendsten Vertreter der orientalischen Sprachwissenschaft an. Es ist der Akademie bereits gelungen, für das Persische, Tatarische und andere orientalische.Sprachen die lateinischen Schriftzeichen einzuführen.
o Konzert der Kammermusikvereinigung. Die Herren Direktor Heinrich Appunn, Willy Vissing, Ernst Winter und Richard Stenger veranstalten am Montag, 12. Januar ihren ersten Kammermusikabend im Kammermusiksaale der Stadthalle. Der Abend ist Beethoven uno Brahms gewidmet; von L. v. Beethoven gelangt das Streich-Trio op. 8 (Serepade) zur Aufführung, während Brahms durch das Klavier- Trio op. 101 und das Klavier-Quartett op. 26 vertreten ist. Genannte drei Werke find wahrhaft echte Perlen der Kammermusik-Literatur, so daß man dem Abend allseits mit Jnteresie entgegensieht. Eintrittskarten sind im Pianohaus Ed. Schaaf, Marktplatz 15, sowie durch die im Umlauf befindliche Liste zu haben. (Siehe auch heutiges Inserat.)
o 2. Kammermusikabend Liny Slübing. Liny Stübing, die sich mit ersten Frankfurter Künstlern zu laufender hiesiger Einrichtung von Kammermusikabenden zusammengeschlossen hat, dürfte nach dem ton Publikum und Presse begeistert aufgenommenen 1. Konzertabend im vergangenen November oen Schluß gezogen haben, daß ihre Absicht, der Kammermusik in Hanau pflegsamste Förderung angedeihen zu lassen, in weitesten musika- bichen Kreisen Verständnis gefunden hat. Das diesmalige Programm verzeichnet, außer dem packenden sehr schwierigen Dumky Trio Dvoraks, Solo- vorträge des Geigenvirtuosen Prof. Hans Basier- mann, Weimar, eines Künsters, den die gesamte Sn, und Auslandspreise in enthusiastischster Weise feiert. Basserman spielt u. a. die Teufelstrillersonate von Tartini und Paganinis großzügiges O-ckur-Konzert. — Karten bei Ed. Schaaf und im Mozart-Konservatorium.
o Skadttheaier. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben: Für die 14. Vorstellung im Freitag- Abonnement gelangt abends 7.30 Uhr der ' große Lehar-Erfolg „Der Zarewiffch", Operette in 3 Akten von Franz Lehar zur Aufführung. Lehars Zarewitsch ist eine Opexette, die in Text und Musik deutlich ein Streben nach Höherem verrät und auch im Gesamtwerk Lehars enen Ehrenplatz einnehmen darf. Lehar hat hier , in einer Fülle eingänglicher Melodien den rechten Ton gefunden. — Morgen Sonntag, abends 7.30 Uhr geht der beliebte unb erfolgreiche Operettenschlager „Das Musikantenmädel", Operette in 3 Akten von Georg Jarno in Szene. Diese Operette ist ein wirklicher Schlager, der vom Publikum immer mit Begeisterung ausgenommen wird, wie der große Erfolg bei der Erstaufführung am Weihnachtsseiertag hier in Hanan und Aschaffenburg bewies. - •
o 3m Wiesbadener Skaakskheaker machte Intendant Paul Bekker den Versuch, Rossinis „Tell" der Bühne zurückzugewinnen. (Toscanini machte in Italien kürzlich den gleichen Versuch, um dem Tenor Lauro-Volzi Gelegenheit zur Stimmen-Bravour in der hohen Partie des Arnoldo zu geben.) Es erwies sich, daß das Publikum, begierig nach Melodie und Wohlklang nach den Pfeudo-Opern-Novitäten der letzten Zeit, trotz des umnöglichen Textbuches, dieser „Großen Oper alten Stils" dankbarst applaudierte! Die Aufführung unter Paul Bekkers Regie und Ernst Zulaufs musikalischer Leitung war sorgsamst, völlig im Stil der früheren „Großen Oper" einstudiert. Die Verkörperen der Hauptrollen: Adolf Habich (Tell), Eyvind Laholm (Arnold), Frau Müller-Rudolph (Matilde), schwelgten in Cantilene, Orchester, Chöre, waren einwandfrei, die Bühnenbilder von Friedrich Schleim von suggestiver Schönheit. Lebhafter Beifall, sogar auf offener Szene, dankte allen Mitwirkenden.
o Hochschulpersonalien. In Halle a. S. verstarb als einer der ältesten deutschen Rechtslehrer im 88. Lebensjahre der emeritierte ord. Professor für bürgerliches und Handelsrecht Geh. Justizrat Dr. G. Lästig.