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Montag, den 29. Dezember 1930

Nr. 303

DAS IST AMERIKA

Hinter der Dollarfront / Ein deutsches Schicksal in U. S. A. von Karl Ey

12. Fortsetzung

Copyright 1930 by Presseverlag Dr. Dämmert

Colorado

Müilverwertungs G. m. b. H.

Der alte Herr, der uns in seinen Dienst genom­men hatte, hielt sein Wort. Nach der ersten Mahl­zeit in seiner Behausung gab er uns jedem zwei Garnituren warmer Unterwäsche, Mancheesterhosen, hohe Schnürstiefel und einen wolligen Ueberock. Zugleich teilte er uns einen reichlich bemessenen Wochenoorrat an den üblichen Nahrungsmitteln aus, unter dem sich sogar Kartoffeln befanden. Jo und ich hatten nach langem Suchen eine wetterfeste Bleibe gefunden, die früher eine Glückspielhalle war und den Namen „Eldorado" führte. Aus der Menge der Hausstandssachen, welche die Bewohner Ler ver­lassenen Hütten nicht mitgenommen hatten, richteten wir uns ein wohnliches Unterkommen ein. Der übliche eiserne Kanonenofen mit dem drei Meter langen Rohr wärmte den Raum in wenigen Mi­nuten, nachdem das Feuer, angemacht war. Ein requirierter Herd leistete ihm Gesellschaft. Es war ein molliges Logis, in dem man einen Winter schon bestehen konnte.

Unsere Arbeit, die wir für den alten Herrn, der sich Humbug Jim" nannte, verrichten mußten, hatte insofern Aehnlichkeit mit der Gold-gräberei, als wir in den Bergwerksanlagen und Förderwerken zwi­schen den Trümmern des Schutts und den zer­fallenen und über und über mit Rost bedeckten Ma­schinenteilen nach Platindrähten zu suchen hatten. Man hatte jenerzeit. als die Gruben maschinell be­trieben wurden und einen enormen Gewinn ab» warfen, nicht gespart. Ueberall, wo Drähte großer Hitze ausgesetzt waren und dadurch leicht durch- sc^nelzen konnten, hatte man Platindraht verwen­det, den man bei der Stillegung der Gruben ebenso leicht vergaß, wie man ihn vorher angeschafft hatte.

Wir betrieben also eine Art Müllverwertungs­gesellschaft auf ein Edelmetall, das weit kostbarer ist als Gold, wenn uns auch unsere Arbeit weit weniger romantlisch dünkte als die Goldgräberei.

Dièse Tätigkeit war übrigens durchaus legal, denn durch die Nichtzahlung der Staatssteuern nach dem Verlassen der Stadt hatten die ehemaligen Eigentümer jedes Recht auf ihren früheren Besitz verloren.

„Humbug Jim" aber nutzte diese Gelegenheit aus, so gut er konnte. Er war bereits ein volles Jahr in der toten Stadt und schien mit seinen regel­mäßigen Maultierexpeditionen nach Denver höchst zufrieden zu sein.

Wir schleppten alles, was nicht wie gewöhnlicher Draht aussah, aus den Werken und Gruben heraus und lieferten es in der Wohnung des Alten ab, worauf dieser hinter geschlossenen Türen Len Platin- draht heraussuchte. Es war eine leichte Arbeit und „Humbug Jim" ließ uns gemäbren, rote rmHwolltsn.

Jo schien von dieser Tätigkeit allerdings nicht restlos befriedigt. Er bat den Alten, auch die Schächte nach Golderz durchsuchen zu dürfen:

„Go to it", meckerte „Humbug Jim", „alles, was Ihr findet, gehört Echu. Nur Lie Drähte sind mein."

< Jo wird Goldgräber

Es bedurfte nur dieser Erlaubnis um aus dem kleinen $o einen der eifrigsten Goldgräber zu machen, Les der souveräne Staat Colorado jemals

besessen hat. Allerdings entsprach die Ausbeute nicht seinem Eifer, denn wenn er in seinen freien Stunden eine kleine Lowry voll schimmernden Erzes aus der toten Grube zusammengeklaubt hatte und von Humbug Jim ein fachmännisches Urteil über den Börsenwert des Fundes erheischte, so war die Antwort immer die gleiche:

„Wenn du, verehrter Jüngling Jo, diesen Haufen Erz für 30 Dollar in die Schmelze von Denver brin­gen läßt und dort noch einmal für das Schmelzen den gleichen Preis entrichtest, so sollte es mich nicht wundern, wenn ein Quantum Reingold im unge­fähren Werte von 94 Cents daraus zu erzielen wäre."

Huinbug Jim konnte gar keine bessere Erklärung für das Schließen der großen Gruben abgeben, aber das alles vermochte nicht den Feuereifer des kleinen Jo zu lähmen. Er wühlte in den Gruben herum und schien jedes Interesse für die wirkliche Golügräberei, die Rettung der Platindrähte verloren zu haben, aber schließlich brachte uns diese Arbeit ja auch nur 50 Dollar im Monat und den nötigen Proviant ein.

Humbug Jim war bereits dreimal mit feiner Ausbeute ân Platindraht mit seinem treuen Maul­esel „Pete" und seinem geradezu abschreckend häß­lichen Köter „Bowser" nach Denver gewesen. Er kehrte dann nach einer knappen Woche mit Lebens­mitteln beladen zurück und schien von dem Ge­schäftsgang der „Colorado Müllverwertungsgefell­schaft" noch befriedigt.

Diese Zufriedenheit, die vielleicht noch durch eine starkprozentige Flasche als Wegbegleiter erhöht wurde, machte sich in erster Linie dadurch bemerk­bar, daß er still lächelnd vor sich hinschaute, mehr M sich selbst als zu uns von den Schönheiten und Scheußlichkeiten dieser Goldgräberstadt erzählte, als sie sich noch im bengalischen Licht ihrer vollen Be­deutung blähte, die gefälligen Grenzlermädchen namentlich und nach ihren Eigenheiten erwähnte, wobei der kleine Jo vor purer Verlegenheit blutrot wurde und sich seitwärts schlug, und dann mit seiner Meckerftimme sehnsüchtig in den Abend hinein die alten verschollenen Lieder der Goldgräber sang:

„O, Buffalo girls, will you come out to-night. Come out to-night, come out to-night,, And dance in the light oft the moon . ." Seltsam, daß dieses Gemecker, das „Humbug Jim" wie ein alter verliebter Kater zu dem riesen­großen Mond hinaufsang, der die Schneelandschaft mit Perlen besäte, in mir ein jähes Heimweh her­vorrief, nicht ein Heimweh nach dem fernen in Waffen starrenden Vaterland, sondern nach dem alten Westen in den Grenzlertagen, den ich doch nie gekannt hatte . . .

Auch Jo schien von diesen Klageliedern, deren Inhalt meistens die _ Reize Ler „Buffalo girls" so

spuckte dieser aus. Dann zündete er sich umständlich seine Maiskolbenpfeife an und sagte:

„Verehrte Mitbürger von Koenigsbergh, Colo- rado, ich sehe zu meinem Befremden, daß die jün­gere Generation dieser aufblühenden Stadt der krassesten Goldlust verfallen ist. Wenn ich sage, daß mich dieses überaus schmerzlich berührt, so will ich damit nicht zu verstehen geben, daß ich unserem lie­ben Jo nicht einen guten Fund gönne. Im Gegen­teil, alles Gold, was Ihr nur bringen könnt, werde ich Euch zu den Denver Börsenpreisen in der gang­baren Münze dieser Republik bezahlen und oben- drsin noch „Schönen Dank" sagen."

„9lid)t unterdrücken möchte ich aber die Bemer­kung, Laß das GolL nur solange ein sauberes Metall ist, als es da ruht, wo es unser Herrgott in seiner Weisheit hingetan hat, nämlich in den Bergen. Ist es aber erst einmal gegraben und gemünzt, so übt es auch schon seinen unheilvollen Einfluß aus. Männer verkaufen für das gelbe Metall ihre Ehre und Frauen ihr Herz, ganze Nationen schießen um das gleißende Metall und Blüte ihrer jungen Männer tot. Morde werden um Gold vollbracht, Meineide geleistet und das Heiligste geschändet.

Well, und was ist denn eigentlich das Gold? Hier mein treuer Hund „Bowser", der so häßlich ist, daß in Denver Lie Straßenbahnen vor Schreck aus den Schienen springen, wenn sie ihn sehen, und daß furchtlose Leute ihn für ein Alpdrücken halten, das irgendwo hingeht, um geträumt zu werden, selbst dieser geringste der Hunde hat Verstand genug, das Gold zu verschmähen. Sehet her."

„Humbug Jim" nahm ein Zehn-Dollargoldstück aus der Tasche, rief „Come on, Bowser" und warf dem Hund die Münze vor, der sie, wie zu erwarten, interesselos beschnüffelte und liegen ließ. — „Mit Platin", meinte der Alte dann überlegend, „well, mit Paltin ist das schon eine andere Sache. Erstens werden daraus keine Münzen gemacht und dann ist es fünfmal so wertvoll. Da lohnt es sich schon, seine reine Seele ein wenig zu gefährden . . ."

Zwei verblüffende Ent­deckungen

Der Winter war in den Vorfrühling überge­gangen, der die klare Bergluft berauschend wie Champagner machte, die weinerliche Stimmung Jos maßlos erhöhte und in mir ein Unruhegefühl er­weckte, aus Lem eine schnelle Kündigung am „Hum­bug Jim" entsprungen wäre, wenn nicht zwei Ent­deckungen die Monotonie der verlassene -Stadt plötz­lich behoben hätten.

An beiden Entdeckungen waren wenig ange­nehme Tiere schuld. Einmal eine Ratte und einmal eine der unappetitlichen erdgrauen kurzen Schlan-

knisterte. Ich las die „Rocky Mountains New", die mir Humbug Jim von seiner letzten Expedition nach Denver mitgebracht hatte, und So duselte so vor sich hin.

„Charlie."

„Na, Jo?"

„Wir haben doch eigentlich jetzt allerhand Gest." „Rund gerechnet pro Nase 250 Dollar." „Eigentlich habe ich schon genug von hier.

„Ich eigentlich auch." . „

„Nach Denver sind es nur zwei Tagesreisen.^

„Ja, Hm-bug nimmt uns wohl mit, wenn er seine Tour macht."

„Help . . Help . . see that rat over there . .

Jo hatte auf einmal seine Abreisebetrachtungen abgebrochen und sich mit einem markerschütternden Angstschrei an mich angeklammert.

„Die Ratte, die Ratte, flüsterte er entsetzt.

Wirklich verschwand mit einem heiseren Schrei eine unglaublich fette Ratte mit langem ekelhisten Schwanz in einem Loch des lockeren Bretterfuß­bodens. Appetitlich sind diese Tiere ja nicht, aber ich muß gestehen, Jos Furcht kam mir denn,doch ein bißchen wie Anstellerei vor. Der gebräunte und kräftige Junge, der allein im Güterzug jumpt und schon Zeichen von Furchtlosigkeit abgelegt hatte, wenn wir in den Grubenschächten arbeiteten, bangte vor einer flüchtigen Ratte. —

„Stell dich nicht so an. Jo. Mr werden dar Aas schon kriegen.

Während Jo seinen Kopf unter die Felle der Lagers steckte, goß ich erst einmal Petroleum in das Loch, in dem die Ratte verschwunden war. Dann nahm ich ein Beil und Hieb die Bretter locker und dann--

Dann sah ich in -dein Rattenloch zwar kein Nage­tier, wohl aber einen prallen Lederbeutel. Ich öffnete ihn und rief nun meinerseits aus allen Leibeskräften:

$o."

6b Jo den Kopf sofort aus der Decke hervor­streckte, weiß ich nicht, denn ich hatte keine Zeit, mich nach ihm umzuwenden. Ich mußte nur schauen unb schauen, mir dann die Augen reiben und wieder schauen. Dann brauchte ich diese optische Arbeit nicht mehr allein zu verrichten, denn mein kleiner Ge­fährte war nun doch, neugierig und die Ratten­angst überwindend, herboigekommen.

Und bald kündete ein fragendes Gemecker an, daß auch Humbug Jim oder die fette Ziege „Lissy", die sich an Neugier nicht nachgaben, unsere wchreie gehört hatten und nachsehen wollten, wo es brennt Es war nicht die Ziege, es war Humbug in -eigener Person, der in unsere Behausung trat und mim als Dritter im Bunde half, in den prallen LederlMül zu starren

.denn vor

letzten Zeit überhaupt reichlich locker.

Vielleicht war das auch seine Enttäuschung Goldgräber...

„Humbug Jim1* und die

Goldlust

als

Als der kleine Jo einige Tage später midier einen Schubkarren voll schillernden Erzes unserem Boß zur fachmännischen Prüfung überbrachte,

Wunde spritzen, das tätlich wirken kann, wenn die Wunde nicht schleunigst ausgesogen oder ausge­brannt wird.

Die Ratte verhalf mir zu einem kleinen Gold­schatz, die Schlange hatte mir zu einem anderen Schatz verhelfen können, wenn dieser nicht . . . Doch alles der Reihe nach.

„An einem schönen Februarabend lagen wir aus unserem Lager in dem requirierten Spiellokal aus wilderen Tagen, „Eldorado" genannt. Eine Pe­troleumlampe brannte beschaulich, der Kanonenofen

: iren L»ÄM . femenKorncheunKW. wallnußgroßen Stückchen. Humbug Jim bereies, daß es auch in der Stellungnahme zum moralischen Wert des Goldes Theorie und Praxis gab. Mit zitternden Händen ergriff er den Lederbeütel, feine gewählte Sprache verließ ihn gänzlich, mit beben­den Lippen stieß er Fluchworte hervor, die wir nicht wiedergeben können, da Papier feuergefähr­lich ist. Er wog den Beutel in der alten, knochigen Hand. Dann rieb er sich die Augen und schien sich zu besinnen.

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