tvee re Ai in Lvenden wandern will...
Skizze von II. Llingspor
Tante Malchen hatte als einzige von der Verwandtschaft ihr Vermögen heil und ganz durch die Inflation gerettet. Ihr Geld war in Amerika erworben und angelegt. Kurz nach dem Kriege kehrte sie nach Deutschland zurück, Witwe und kinderlos. Ihrer Schwester und ihrem Schwager war es nicht so gut gegangen Was die Inflation denen gelassen, hatte ein Bankkrach verschlungen. Trotzdem lebten sie in auskömmlichen Verhältnissen, wenn sie sich auch keine großen Sprünge erlauben konnten. Man hatte sich leidlich mit dieser Tatsache abgefunden. Nur der zwanzigjährige Walter, der Student, konnte und wollte sich den veränderten Verhältnissen nicht anpassen und verdarb sich damit selbst die besten und reinsten Jugendfreuden. Er fühlte sich beklagenswert und zurückgesetzt, wenn er nicht alles so mitmachen konnte wie die Söhne aus reichen Häusern, und machte damit sich und seinen eitern das Leben recht schwer. Auch Tante Malchen, die sehr amerikanische Ansichten hatte, ärgerte sich oft über ihren hochmütigen Neffen, obwohl der hübsche Junge im Grunde ihres Herzens ihr Abgott war.
Für die Nachweihnachtstage planten einige junge Studenten, die nur über geringe Mittel verfügten, eine Fußwanderung durch den verschneiten Harz mit anschließender Siloesterfeier auf dem Brocken. Walter war Feuer und Flamme für den Plan, und die Eltern konnten ihm, zu ihrer Freude, geldlich die Teilnahme an der Wanderung ermöglichen.
. Aber alle Freude sank in Nichts zusammen, als eine Verbindung vermögender Studenten ihn auf- sorüerte, an einer wintersportlichen Veranstaltung in Schierke teilzunehmen. Das überstieg natürlich die vorhandenen Mittel erheblich und wurde ihm von den Eltern glatt abgeschlagen.
Walter klagte Tante Malchen in bewegten Worten sein Leid und erhoffte im stillen Hilfe von ihr. Aber die Tante blieb taub, ja, sie redete ihm sogar zu, an der zuerst geplanten Fußwanderung teil«
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zunehmen. Dazu hatte er aber gar keine Lust mehr.
Nur mühsam beherrschte Walter seine Enttäuschung während der Bescherung. Am ersten Feiertage war die Familie beisammen. Ehe Tante Molchen ging, nahm sie den Neffen beiseite und redete ihm nochmals ernsthaft, freundlich zu, mit den jungen Freunden am nächsten Tage frisch und froh in bie herrliche Natur hinaus zu wandern. Zum Schlüsse drückte ihm die alte Dame ein Büchslein in die Hand und tätschelte zärtlich seine Wange. Dann ging sie.
Walter konnte kaum erwarten, daß die Tür sich hinter ihr schloß, um seinen Schatz zu besichtigen.
ium
M vM sich, als er darauf las: Feinster Hirschtalg. Unentbehrlich bei Fußwanderungen.
„Will sich der alte Drachen über mich lustig machen?" rief er despektierlich und lief aufgeregt umher.
Es klopfte. Ein junger Mann trat ein, ohne eine Aufforderung abzuwarten. „Guten Abend, Walter. 'Sie ist es nun, kommst Du morgen mit? Last Du es Dir überlegt? Es wird sicher fein."
„Ich denke nicht daran. Nein, nein. Gib Dir gar keine Mühe. Aber hier", damit nahm er das «uchslein aus der Sofaecke, wohin er es vorhin wütend geschleudert hatte, und gab es dem Freunde, „will ich Euch etwas stiften für die Fußwanderung. Besten Hirschtalg. Damit schmiert Euch meinetwegen von oben bis unten ein."
Verblüfft und durch Walters unverständliches Gebaren verletzt, verabschiedete sich der Student sehr förmlich.
_ Walter blieb am zweiten Feiertage mürrisch im Bett. Und am dritten Feirtage ließ er sich kaum herbei, die Zähne auseinander zu tun.
Am nächsten Morgen war eine lustige Karte aus dem harz für ihn da: „Lieber Walter, edler Spen- her! Hurrah! Haben natürlich geteilt und werden vstvester Punkt zwölf Uhr eine Flasche Sekt auf Dein ganz Spezielles leeren. Wen hast Du denn wo wigeschlagen? Hattest Du denn gar keine persönliche Berwendung für den köstlichen Mammon?"
. Walter las die Karte verständnislos mindestens fünfmal hintereinander, ohne klug daraus zu werden.
„ Am Nachmittag kam Tante Malchen, und da klarte sich alles auf. Die gute Seele hatte zwei Hundertmarkschein, eng gefaltet, in das leere Hirsch- lmgdöschen getan.
, -Z-h wollte Dich zur Einfachheit anhalten, in- ich für die Fußwanderung eintrat", sagte sie „und dir zugleich zeigen, daß es mir nicht auf Geld ankam. Du solltest dir diese Tage so herrsch wie möglich gestalten. In dem Büchslem lag außerdem ein Zettel: „Für acht herrliche Tage in tiottes freier Natur." Sei es Dir ein Lehre für das ^ben, daß andere sich nun auf Deine Kosten die glichen Tage machen. Sorge dafür, daß Dein Alas nicht leer bleibt, während andere Demen âem trinken."
SchMSVZZoie Behandiltms
Skizze von Alois Brunner.
Der Wirt vom „Schwarzen Schwan" war Zeuge, Die beiden Herren einander kennen lernten. Eine ^ländliche Vorstellung erfolgte freilich nicht Dies ?Ü wohl einesteils daran, daß sich das Publikum 's „Schwarzen Schwans" über solche Aeußerlich- .W hinwegsetzte, anderenteils aber am "Ugen- ^^mchsn Zustand des einen. Der hatte nämlich 'l"en Schal um das Gesicht gebunden, hielt sich noch Uu die Backe und saß reichlich trübsinnig vor wem geleerten Schnapsglas.
-Anu, Zahnweh?" fragte der Neuankömmling ,^ setzte sich, ahne sich erst dazu auffordern zu
Er hittte auch sicher umsonst auf die -»Übung gewartet, denn der mit dem umwickelten .Acht schien nicht im geringsten zu Gesprächen "^gelegt zu sein. Sein kranker Zahn nahm ihn
wohl ganz in Anspruch. „Sie müssen noch ein paar Schnäpse hinter die Binde gießen", riet ihm deshalb sein Gegenüber voller Nächstenliebe.
Letzter« wurde leider schlecht belohnt. „Seien Sie ruhig!" brüllte nämlich der Kranke mit erstaunlicher Stimmkraft und hieb die Faust auf den Tisch. „Wenn Sie mir sonst keinen Rat geben können, sollten Sie den Mund halten." Dann ging ein schmerzliches Zucken durch sein zerwühltes Gesicht, und er faßte sich so eindrucksvoll an die Backe, daß der Wirt beruhigt wieder hinter dem Tresen verschwand: „Der schlägt vorläufig keinen Krach!"
Nun hätte man annehmen sollen, der Gesunde wäre angesichts der unhöflichen Behandlung ge°
Die Glocke
Die Glocke dröhnt und stöhnt die Stunden in die Welt.
0, wer sie dieses Zwangs entbände!
Sie ist bis an ihr Ende
Bestellt,
Daß klingend sie ihr Herz ins Nichts verschwende.
Klabund.
I Kurierte nur ab und zu durch schmerzliches Ausspucken unterbrach, eine Viertelstunde weit mit der i Straßenbahn, bevor sie ausstiegen.
Dann sagte der barmherzige Helfer, als er sich : ohne Zeugen sah: „Du Rindvieh! Den letzten hohlen I Zahn hast Du Dir ziehen lassen, anstatt Dich besser zu wehren und vorher wegzulaufen, wie Du es sonst immer gemacht hast! Was fangen wir jetzt an?" — „Ach", schüttelte der andere traurig den Kopf, „ich konnte doch nicht anders. Der Mensch hielt meinen Kopf zu fest. Wir müssen uns eben etwas anderes ausdenken, bis ich wieder einen kranken Zahn habe. Aber nun sich doch nach, was in feiner Brieftasche ist."
Der brummige Helfer zückte die Beute, schlug die Tasche auf, zog einen Packen Papiere heraus, durchblätterte fin und fluchte: „Der Teufel soll diesen Zahnarzt holen! Ein Zehnmarkschein und sonst nur unbezahlte Rechnungen! Verstehst Du das? Von einem Zahnarzt. Bei dem Honorar!" — „Nein", ließ der andere den Kopf hängen. „Wegen der zehn Mark hätten wir die ganze Komödie nicht zu spielen brauchen " Und dann verzog sich sein Gesicht schmerzlich, denn jetzt kam es ihm vor, als ob sein ausgezogener hohler Zahn fürchterlich weh tat.
„Ja", sagte der Wirt vom „Schwarzen Schwan", „haben Sie schon so etwas gehört? Treffen sich hier zwei Unbekannte, und bann gehen sie zusammen zum Zahnarzt, weil der eine dem anderen den Kopf halten muß!"
kränkt gewesen. Nichts von dem! Er legte nur den Kopf bedauernd auf die eine Schulter und sah sein stöhnendes Gegenüber mitleidig an: „Kann Ihnen denn niemand helfen?" Ein chinesischer Straßen- räuber hätte durch den Tonfall der wenigen Worte besänftigt werden müssen. So widerstand ihm auch der Mann mit dem kranken Zahn nicht länger. „Doch", wimmerte er, „der Zahnarzt! Aber ich habe ja solche Angst" — „Warum denn nur?" beruhigte ihn der Gesunde. „Heute wird man doch schmerzlos behandelt" — „Ja", stöhnte der Kranke, „das ist alles schön und gut, aber ich bin ja so bange. Wenn mir wenigstens einer den Kopf dabei halten wollte, damit ich nicht weglaufe."
Da huschte ein Schimmer selbstloser Nächstenliebe über das Gesicht des Geduldigen: „Wenn das alles ist, gehe ich mit Ihnen und halte Ihnen den Kopf. Einverstanden?" Natürlich war der» Kranke damit einverstanden. „Wissen Sie benn einen Zahnarzt?" fragte der Hilfsbereite. Der Mann mit dem Schal zog einen Zettel aus der Tasche: „Hier . . . au! . . . da habe ich einen in der Zeitung gefunden. Da steht's geschrieben: .Schmerzlose Behandlung garantiert.' Au . . " Er wimmerte, daß sich dem Wirt das Herz im Leibe zufammenkvampfte. »Au . . . er wohnt hier gleich in der Nähe."
„Komischer Kauz", dachte der Budicker, als der Kranke, vom Gesunden ein wenig gestützt, sein Lokal verließ. Und dann freute er sich, daß er für die Unterhaltung mit seinen nächsten Kunden einen etwas interessanteren Gesprächsstoff gefunden hatte als die üblichen Bemerkungen über das Wetter.
Der Zahnarzt Dr. Schöps war ein wenig erstaunt, als auf fein „Der Nächste, bitte" hin zwei Männer aufftanben, der eine von ihnen freilich ein wenig zögernd und mit schlotternden Knien. „Wer war zuerst hier?" fragte er deshalb. Da zeigte der eine der Mävnec auf den anderen, der außer dem Schal auch noch di« Hand zum Schutz gegen die Backe preßte: „Wir gehören zusammen. Allein traut er sich nicht zu Ihnen. Ich soll Ihm den Kopf halten."
Der Arzt lächelte: Ein putziger Patient. Er lächelte noch, als der Kranke sich stöhnend in den Drehsessel setzte: „Ditte, halten Sie mir ja den Kopf fest, Herr Nachbar, wenn der Doktor mit der Spritze kommen sollte!" Dann wickelte der Aengstliche den Schal ab und sperrte zögernd den Mund auf.
„Ja", meinte der Arzt nach kurzer Prüfung, „da ist freilich nichts mehr zu retten. Der muß heraus. Ist aber nicht schlimm. Ruhe, Ruhe! Ziehen wir schmerzlos. Stillgehalten! Von der Nadel spüren Sie gar nichts, Stillhalten! Na also. Das war doch nicht schlimm Bitte, draußen warten! Ich rufe Sie wieder herein." — „Aaach!" Der Kranke erhob sich wimmernd und wankte am Arm des freiwilligen Helfers aus dem Zimmer.
Als er eine Viertelstunde später wieder herein gebeten wurde, stand ihm der Angstschweiß auf der Stirn. Er war käsebleich und setzte sich in den Drehsessel wie ein Todeskandidat auf den elektrischen Stuhl. „Bitte, den Mund öffnen." Zögernd trennten sich die Kiefer, das Kinn wackelt«, die Augen wurden stier. „Donnerwetter!" war der Zahnarzt ein wenig gekränkt. „Wenn auch kein Mensch aus lauter Vergnügen am Zahnziehen zu uns kommt, so brauchen Sie doch nicht solche Angst zu haben." Dann packte er die Zange und zielte nach dem hohlen Zahn. „Cccch", jammerte der Aengstliche und fuhr mit dem Kopf in die Höhe, daß die Zange auf den gesunden Zähnen klirrte.
Der Arzt ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Sie müssen ihm den Kopf noch fester halten", mahnte er den freiwilligen Assistenten und zielte von neuem „Klirr", sagte die Zange und glitt wieder ab, weil der Kranke den Kopf schaudernd zur Seite riß. „So geht das nicht", entschied der Arzt. „Halten Sie ihm die Hände, das übrige besorge ich."
Der Aengstliche wollte sich wehren, dem Helfer lag sichtlich ein Wort des Widerspruchs auf der Zunge Doch schon im nächsten Augenblick umschlang der linke Arm des Arztes den Kopf des Kranken, preßte ihn gegen feine Brust, und die Zange suchte ihr Opfer, packte es. Im Kiefer krachte es, dem Armen traten die Augen aus den Höhlen.
Die Gewalt der Masken
Skizze von E. Venjamin-Wien
Der Schweizer Privatdetektiv Vogel hatte zweimal die Chance seines Lebens in der Hand, als er zweimal in der Lage war, den berüchtigsten Hochstapler und Hoteldieb seiner Zeit, George Manolescu, zu verhaften.
Die erste Begegnung der beiden ging unter seltsamen Umständen in Genf vor sich. Der Hochstapler war unter dem Namen des Grafen Cavalcanti in einem dortigen Hotel abgestiegen und saß eines Nachmittags in der Lesehalle. Vogel, der alles in Erfahrung gebracht hatte, trat unvermittelt auf ihn zu: „Manolescu, Sie sind verhaftet". Nach dieser Einleitung entwickelte sich aber die Szene, die Vogel ewig unbegreiflich bleiben sollte. Der Hochstapler hob unaussprechlich gelassen die Augen: „Wie bitte?" Dann begann der Graf Cavalcanti belustigt zu lachen und die Umsitzenden auf das Abenteuer, in das er da verwickelt werde, aufmerksam zu machen. Vogel verbat sich mit rotem Kopfe die Komödie, die nutzlos sei. Da schwoll auch dem Grafen Cavalcanti die Zornesader, und er erboste sich über die Belästigung in einer Weise, daß mit der halben Hotelbesatzung auch alle Agendenführer und Direktoren zusammen liefen, die ihn mit ihrem lebhaften Bedauern unterstützen. Und gegenüber dieser Einhelligkeit versagten Vogel die Nerven. Er entschuldigte sich. Zwei Stunden später hatte sich Manolescu mit einem Koffer voll fremder Wertsachen aus dem Staube gemacht.
Vogels Respekt vor der Glätte Manolescus ver- tieffte sich ins Bodenlose: aber gerade darum wurde es ihm zur fixen Idee, diesen Mann zu fassen. Und tatsächlich führten ihn seine bedeutenden und glücklichen Anstrengungen hinter dem Meisterdiebe her, über Paris und Brüssel bis nach Amsterdam. Hier aber verlor sich jede Spur. Es wurde zwar dem Diamantenhändler Snyders eine Kollektion blauer Steine entwendet, und die einfachen Umstände dabei deuteten auf Manolescu, aber es war Vogel trotz feiner Streifzüge durch alle Hotels, Klubs und Hehlerwinkel nicht möglich, einen Anhaltspunkt zu finden. Da stieß er eines Abends im gesellschaftlichen Teil einer Zeitung auf die Notiz, der amerikanische Unternehmer und bekannte Philanthrop C. Swab würde während seines hiesigen Aufenthaltes auch Gast des exotischen Prinzen Rais Tuphar sein, der bekanntlich vor einigen Tagen die alte Eremi- tage Arbelbosch gemietet hätte. Nun wußte Vogel,
Aerzt, Patient und Helfer bildeten einen Augenblick ein kämpfendes Knäuel. Und dann war der hohle Zahn dal
„Endlich!" seufzt« der Arzt erleichtert auf, brachte seinen etwas durcheinander geratenen Kittel wieder in Ordnung, steckte den Taler Honorar in die Hosentasche, muniberte sich, daß der Kurierte ihn fast haßerfüllt ansah, ließ die beiden ab treten und schenkte sich zur Erholung einen Schnaps ein, bevor er, noch sichtlich ermattet, die Tür zum Warteraum öffnete: „Der Nächte, bitte."
Merkwürdigerweise trennten sich bie beiden Männer nicht auf der Straße. Sie fuhren vielmehr gemeinsam und in verkniffenem Schweigen, das der
daß C. Swab bei den zuständigen Stellen im Geruch stand, ein Edelsteinnarr zu sein, der zuwellen bedenkliche Wege wählte. Und dieser exotische Prinz? Vogel war im Bilde.
Eine halbe Stunde später pirschte er sich an die Villa heran. Aber was ihn abhielt, sofort zu handeln, war nicht der Betrieb, den er vorfand: Garten und Erdgeschoß strahlten in voller Beleuchtung, Rais Tuphar, recte Manolescu, befand sich also augenscheinlich mit seinem Gast im Garten. Was den Detektiv abhielt, war noch mehr die entsetzliche Unsicherheit, die ihn befiel. Nicht daß er an seiner Kombination zweifelte, allein das Genfer Abenteuer hatte ihn außerordentlich eingeschüchtert. Da faßte er einen ganz ausgefallenen Plan. Er gedachte bei Manolescu, von dem bekannt war, daß er „belastende Dinge" nie bei sich trug, einzubrechen, um sich ebenfalls Material gegen den Prinzen, Rais Tuphar zu beschaffen. Sodann sollte die Verhaftung versucht werden. Ging das Unternehmen jedoch schief, war vielleicht wenigstens kostbares Gut gerettet. Vogel stieg rückwärts über die Mauer, band eine Maske vor sein Gesicht und gelangte mit Browning und Knipslaterne über eine Traufe in das dunkle Obergeschoß.
Und er hatte wunderbar glücklich kalkuliert. Nur daß er eine halbe Minute zu spät kam. Zur selben Zeit nämlich holte Manolescu die Kollektion blauer Steine, die er C. Swab verhandeln wollte, ebenfalls aus einem Gemach des Obergeschosses, das allerdings gegen den Garten lag. Und Manolescu bemerkte, als er den Raum verdunkelt hatte, durch die Flucht offener Türen den näherkommenden Schein von Vogels Laterne. Er sprang grübelnd gegen die Wand. Für alle Fälle drückte er ein Puderbällchen, das er von einem Rasiertisch in der Nähe herlangte, gegen sein Haar aus. Da. er sich den Bart, den er noch in Brüssel trug, genommen hatte, glich er nun einem stattlichen, glatrasierten älteren Herrn. Gleich darauf sah er aber — dem Fremden im fahlen Licht, das von unten herauffiel, gegenüberstehend —, daß er es nur mit einem Einbrecher zu tun hatte. Allein während Vogel mit angeschlagenem Revolver „Hände hoch!" verlangte, durchwogte ein seltsames Genußgefühl Manolescu: Bei ihm wurde eingebrochen! Dies war die sicherste Minute seines gehetzten Daseins. Nun gehörte er selbst dieser Gesellschaft an, die er sein Leben lang beräubert hatte und die ihm nichts schuldig zu bleiben gedachte. Nun war er selbst einmal Herr, wie er es mit allen Fürsten und Grafentiteln nie gewesen. Und Manolescu stammelte, kindlich verliebt in diese Szene: „Um Himmels Willen, tun Sie mir nichts." Und von der gleichen Phantasie geleitet, die ihn auf die schiefe Bahnc geführt hatte, räumte er seine Tasche aus. Er war großmütig und wollte für diesen intimsten Genuß, der ihm je zuteil wurde, gern bezahlen. Er übergab dem Eindrngling auch die blauen Steine.
Vogel, der sich die Situation dahin erklärte, daß er in dem Aengstlichen C. Swab vor sich habe, der die Steine also eben eingehandelt hatte, nahm das Dargebotene an sich. Darauf gebot er dem alten Herrn, unter allen Umständen zehn Minuten im Raume zu bleiben. Er selbst eilte hinab, Manolescu von der Gartentafel hinweg zu verhaften.
Unten entwickelte sich ein Auftritt, der dem ganz im Hotel in Genf ähnelte. Denn der Mann, dem Vogel mit der Verhaftung kam, wollte unbedingt C. Swab sein. Aber der Detektiv ließ sich diesmal nicht beirren. Während er die Verhaftung vornahm, fuhr draußen ein Wagen ab.
Gviinsv NaKasst
Skizze von Harry Wien
Als die Studentin Else Schöller das Parterrezimmer, das sie bei den Verwandten bewohnte, betrat, saß auf dem einfachen Tisch, den sie sich zum Schreibtisch hergerichtet hatte, thronend auf einem Bücherstapel ein kleiner, grüner Papagei.
Die Studentin dachte, er würde durch das offene Fenster, durch das er unzweifelhaft herein getom= men, wieder davon fliegen, wenn sie sich ihm näherte. Aber dies geschah nicht. Er ließ sich ruhig von ihr streicheln, legte den Kopf schief, sah sie mit schwarzen Augen an und schnarrte: „Wo bleibt Tom?"
Else Schöller ging in das Nebenzimmer, in dem ihre Kusine Emma Plate, die sich zur Pianistin ausbilden wollte, Klavier übte. „Ein Papagei ist uns Zugeflogen", sagte sie. „Was fangen wir mit ihm au?"
Emma warf einen kurzen Blick auf den Bücherstapel, den sich der grüne Vogel als Sitz erkoren. ^Warten, bis sich der Eigentümer meldet oder der Polizei ausliefern", sprach sie gleichmütig, wandte sich um und griff wieder in die Tasten.
Die Studentin fütterte den Vogel. Er pickte am Ucker, drehte den Kopf zu ihr und rief: „Sei munter! Sei munter!"
Während sie das Brot zerpflückte und zusah, wie er ihr die Brocken aus der Hand pickte, empfand sie bereits, daß sie dieses beschwingte Wesen, das aus einer ihr unbekannten Ferne den Wg zu ihr gefunden hatte, innig lieben werde. Sie war ent* 'chlossen, es niemals der Polizei auszuliefern. Dem Eigentümer allerdings würde sie den Vogel zurückgeben müssen. Aber der optimistische Glaube, daß dieser sich nicht einstellen würde, erfüllte sie ganz
Der Bücherstapel auf ihren: Arbeitsti ch blieb der bevorzugte Platz des Vogels. Während sie las ober schrieb, sah er aufmerksam zu ihr hinab, Dieses grüne Geschöpf, dessen Herz sie unter dem weichen Federkleid pochen fühlte, wenn sie es in die Hand nahm, besaß die Kraft, ihr die Einsamkeit des Zimmers — denn einsam war sie trotz der Nähe der Verwandten, mit denen sie keine Wesensqemein- schaft verband — freundlich zu beleben.
Es war mehrer« Monate nach dem Erscheinen des grünen Papageis, als der junge Dr. Hollander beim Durchschreiten einer ihm unbekannten Straße aus einem offenen Parterrefenster plötzlich den Ruf ver- naym: „Wo bleibt Tom?"
Er stutzte, blieb stehen, laufd)te und begab sich